Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion am 03.08.2015

Gemeinsam arbeiten – gemeinsam mehr wissen?

Kollaboratives Arbeiten in der historisch-politischen Bildungspraxis

Die Werkstatt der bpb testet nicht nur Bildungsmaterial. Sie erprobt auch neue Veranstaltungsformate und Methoden des kollaborativen Arbeitens. Welche Erfahrungen haben wir dabei gesammelt? Was unterscheidet Kooperation von Kollaboration? Und wie lässt sich kollaboratives Arbeiten im Bildungsbereich umsetzen? Eine Zusammenfassung.


Gemeinsam arbeiten - gemeinsam mehr Wissen?Gemeinsam arbeiten - gemeinsam mehr Wissen? Lizenz: cc by/2.0/de (opensource.com/ Flickr/ bearbeitet )

Arbeitsteilung ist etwas zutiefst Menschliches. Nur Menschen können Perspektiven und Intentionen teilen und auf dieser Basis an gemeinsamen Aktivitäten und Zielen arbeiten, so der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello. Arbeitsteilung wird meist kooperativ organisiert: durch gemeinsame, formelle und informelle Vereinbarungen und die Zusammenarbeit in hierarchisch organisierten Teams.

Kooperation und Kollaboration

Von der Kooperation zur Kollaboration ist es nur ein Schritt. Wichtig beim kollaborativen Arbeiten ist die Ablösung von hierarchischen Arbeitsstrukturen. Inhalte und Ziele eines Arbeitsprozesses werden in diesem Fall von allen Beteiligten gemeinsam und transparent ausgehandelt, Rollen und Aufgaben ergeben sich dynamisch und – das ist das Besondere – entsprechend den individuellen Fähigkeiten aller Beteiligten. Alle tragen mit ihren jeweiligen Erfahrungen und Kompetenzen zur Lösung einer Gesamtaufgabe bei.

Wesentliche Voraussetzung für das Gelingen eines Kollaborationsprozesses ist die Überzeugung, dass diese Form der Zusammenarbeit für bestimmte Prozesse effektiver und (mittelfristig) effizienter sein kann. Auch wenn kollaboratives Arbeiten oft eine – kurzfristig arbeitsintensive – Umstellung in der Arbeitsorganisation bedeutet: Die Beziehungen der Beteiligten gestalten sich intensiver, die Motivation kann durch selbstgewähltes Aufgaben- und Ressourcenmanagement langfristig höher ausfallen, die Identifikation mit dem Arbeitsprozess und -produkt steigt, komplexere Probleme und Aufgaben können gelöst werden. Soweit die Theorie.

Veränderungen, die auch unsere Bildungsprozesse verändern

Kollaborativ zusammen zu arbeiten bedeutet auch, Differenzen nicht als Problem, sondern als Chance zu begreifen – und das ist eine gute Basis für gelingende Bildungsprozesse in einer Gesellschaft, die sich zunehmend als heterogen begreift und Lernen inklusiv gestalten möchte. Wie der Lehrer und Dozent der Medienpädagogik Johannes Klas bereits für den Bereich der Medienpädagogik formuliert hat, braucht und stärkt kollaboratives Arbeiten kompetenzorientiertes Lernen: Die Polarität vom defizitären Lernenden und allwissenden Lehrenden kann durch kollaboratives Arbeiten und Lernen aufgelöst werden; der Lehrende müsste den Lernprozess nicht mehr isoliert und allein planen. Jede(r) kann seine Kompetenzen einbringen und darauf aufbauend sich im Verlauf eines Projektes neue aneignen.

Doch wie kann kollaboratives Arbeiten im Bereich der historisch-politischen Bildung konkret umgesetzt und mithilfe digitaler Strukturen und Tools unterstützt werden? Die Werkstatt hat in den vergangenen Monaten einige Erfahrungen dazu gemacht (für mehr Informationen klappen Sie die Kästen auf):

Open Educational Development: Gemeinsam Entwickeln

Offene Bildungsmaterialien (OER) sollen gemeinsam genutzt werden. Warum sie nicht also auch kollaborativ erstellen und zudem alle Interessierten daran teilhaben lassen? So passiert beim OED-Prozess von werkstatt.bpb.de.

Kaum ein Thema eignet sich so sehr für die Erprobung und Etablierung kollaborativer Arbeits- und Lernprozesse wie OER („Open Educational Resources“ bzw. „offene Bildungsmaterialien“). Obwohl in Deutschland seit 2011, seit dem so genannten “Schultrojaner”, zunehmend intensiv über offene Lizenzen und OER geredet wird, steckt die Entwicklung und Verbreitung konkreter Materialien noch immer in den Kinderschuhen. Das öffnet Räume für Experimente wie den OED-Prozess (OED = Open Educational Development) von werkstatt.bpb.de. 2013 wurden dafür in zwei Veranstaltungsreihen mit jeweils drei Workshops, Bildungsmaterialien in einem offenen, kollaborativen Prozess entwickelt. Teilnehmen und 
-geben konnten alle Interessierten: so gelang es der Werkstatt Personen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen (u.a. Grafiker, Filmemacherinnen, Projektmanager, IT-Experten, Didaktikerinnen) an einen Tisch zu bringen. Gearbeitet wurde sowohl analog vor Ort als auch im digitalen Raum. So wurden die Vor-Ort-Workshops „virtuell verlängert“ bzw. für ein interessiertes Publikum geöffnet und waren auch zwischen den eigentlichen Treffen benutzbar: durch Live-Streaming und Bereitstellung von Videoaufzeichnungen sowie frei zugänglichen Online-Dokumenten (u.a. Public Pads mit heterarchisch organisierten Zugriffsrechten), in denen Brainstormings, Arbeitsaufträge und -ergebnisse festgehalten wurden.

Gesetzt waren lediglich die thematischen Bezugspunkte „Rechtsextremismus“ und „100 Jahre Erster Weltkrieg“. Der Ablauf, die Rollen der Beteiligten und die Endprodukte wurden gemeinsam im Prozess diskutiert und erarbeitet. Die Organisation, Moderation und transparente Dokumentation der Veranstaltungsreihen wurde zentral durch das Team der Werkstatt durchgeführt. Als größte Herausforderung bestätigte sich die in ähnlichen Arbeitsprozessen beobachtete Beteiligungskurve: Viele übernehmen kleine Arbeitspakete (Mitdiskutieren, Dokumentation, kleinere Rechercheaufträge), Wenige übernehmen größere Arbeitspakete (größere Rechercheaufträge, Verfassen längerer Texte o.ä.). Alle Projektergebnisse waren und sind hier öffentlich einsehbar. 



Kollaborative Sprints: Gemeinsam schnell umsetzen

Unter Zeitdruck und in kleinen Teams auf neue Ideen kommen und sie gleich noch realisieren - das sind Ziele sogenannter „Sprints“. Digitale Tools können den Arbeitsprozess dabei unterstützen. Große Herausforderung: die knapp bemessene Zeit.


Die Idee Bildungsmaterialien offenen und kollaborativ zu entwickeln, verfolgte die Kooperative Berlin im Jahr 2014 u.a. mit zwei „Sprints“: Gemeinsam mit Wikimedia Deutschland e.V. zum Thema „Digitale Gesellschaft“ und gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zur DDR-Geschichte. In beiden Fällen standen den Teilnehmenden jeweils nur wenige Stunden für Themenfindung und -ausarbeitung der Materialien zur Verfügung. Hier wurde der Entwicklungsprozess u.a. durch Vorstellung konkreter digitaler Instrumente (z.B. CC-Lizenzmanager, freie Videoschnittsoftware), Quellen-Datenbanken (z.B. europeana1989, Wikimedia Commons) und Veröffentlichungsplattformen (z.B. ZUM-Wiki, segu-online) verkürzt und durch zusätzliche Inputs stärker vorstrukturiert; die Teilnehmenden arbeiteten zudem in kleineren Teams (2 bis 3 Teammitglieder). Die Ergebnisse des OER-Sprints zum Thema „Digitale Gesellschaft“ wurden sofort im Anschluss – im Rahmen der re:publica 2014 – der Öffentlichkeit präsentiert und können dauerhaft hier abgerufen werden.


HistoryCampus 2014: Gemeinsam multiperspektivisch produzieren

Innovative „Geschichtsprodukte“ sollen vor allem junge Leute an längst vergangene Ereignisse heranführen. Der HistoryCampus 2014 bot das passende kollaborative Umfeld.

Im Rahmen des HistoryCampus 2014 der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin konzipierten und realisierte die Kooperative Berlin u.a. in Kooperation mit Mediale Pfade Workshops zum Thema „100 Jahre Erster Weltkrieg“. Heterogene, internationale Teams sollten innerhalb von knapp drei Tagen jeweils ein „Geschichtsprodukt“ erstellen. Ausgangspunkt und Aufgabe waren:
  • Haus des Friedens: Konzeption eines internationalen Hauses (Museum/Gedenkstätte) der Geschichte
  • Feldpost im Duett: Entwicklung einer Audiocollage auf Basis von Feldpostbriefen (Erster Weltkrieg) und aktueller Nachrichten/Posts/Tweets in den sozialen Medien (Syrienkrieg, Arabische Revolutionen)
  • HistoryHackathon: Die Teilnehmenden entwickeln auf Basis von vorliegenden Daten Konzepte für digitale Produkte bzw. Bildungsangebote (z.B. eine App) zum Thema “Erster Weltkrieg” und programmieren diese im Anschluss gemeinsam als Prototyp


Es zeigte sich in allen beschriebenen Beispielen, dass kollaborative Arbeitsprozesse von kurzen, weitgehend „unterbrechungsfreien“ Settings mit kleinen heterogenen Teilgruppen profitieren. Solche kollaborativen Workshops sind für alle Teilnehmenden intensive Lern- und Arbeitserfahrungen. Sie bedingen und fördern die Aushandlung von Rollen, die Diskussion von Perspektiven und Wahrnehmungen und die bewusste Verortung der eigenen Fähigkeiten und Positionen. Auch die wertschätzende Einbindung der individuellen Sprach- und Vermittlungskompetenzen, sowie biographischen und beruflichen Erfahrungshintergründe wurden von allen Beteiligten als persönlich sehr gewinnbringend angesehen.

Kollaboratives Arbeiten (auch) in der Schule?!

Auch wenn die oben genannten Beispiele und Experimente außerhalb von schulischen Strukturen stattfanden, ist die Übertragung in die Schule durchaus möglich. Jedoch kann eine Kultur des kollaborativen Arbeitens und Lernens nicht ohne die Akzeptanz und den Wunsch der Lehrenden gelingen.

Für den Anfang empfiehlt es sich, ein zeitlich, inhaltlich und formal möglichst überschaubar skaliertes Projekt anzugehen:
  • die kollaborative Dokumentation einer Unterrichtsstunde oder eines Teamtreffens mithilfe eines beschränkt öffentlichen Online-Editors (z.B. Public Pad);
  • ein kollaboratives Brainstorming mithilfe einer Online-Mindmap (z.B. Mindmeister)
  • die kollaborative Entwicklung eines Textes für die Schul-Homepage

Eine gute Übersicht über mögliche Tools bietet z.B. die Publikation Werkzeugkasten Kollaboratives Lernen im Internet (FSM / FSF / Google 2013). In einem zweiten Schritt bieten sich etwas umfangreichere Projekte an wie die Entwicklung eines Projekt-Wiki oder die (Weiter-) Entwicklung von offenen Bildungsmaterialien (OER).

Auf einer übergeordneten Ebene könnte zukünftig die Implementierung kollaborativer Arbeitsprozesse in die Schulentwicklung einbezogen werden, d.h. dass die Schulleitung gegenüber den Lehrenden und Lernenden die Möglichkeiten und Grenzen einer Kultur der Arbeitsteilung bzw. Zusammenarbeit kommunizieren und fördernde Rahmenbedingungen schaffen kann. Die Verbesserung der räumlich-technischen Ausstattung und die Unterstützung bei Koordination und Anerkennung der Lehrer- und Schülerleistungen aus kollaborativen Arbeitsprozessen sind dabei besonders wichtig.

In letzter Konsequenz liegt es jedoch an den Lehrenden selbst, ob diese in Teams und Netzwerken denken und arbeiten wollen. Wie jede Veränderung bedeutet auch das kollaborative Arbeiten zunächst mehr Aufwand. Die Öffnung hin zu einer kollaborativen und offenen Lernkultur verlangt dabei vor allem den klaren Abschied vom (Selbst-)Bild des „Gatekeepers“ und „Monopolisten“ von Wissen. Wie in den aufgezeigten Beispielen zu sehen, können sie aber auch ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

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Frage 1 / 5
 
Teilen muss man lernen. Oder doch nicht? Welche These vertritt der Verhaltensforscher Michael Tomasello?







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