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17.6.2019 | Von:
Wolfram Hilpert

Einfach für Alle! Politische Bildung und Inklusion

Zum Konzept inklusiver Materialien der politischen Bildung. Das Beispiel der multimedialen bpb-Reihe "einfach POLITIK:"

Welche fachdidaktischen und inklusionspädagogischen Erkenntnisse können helfen, mediale Angebote der politischen Bildung mit inklusivem Anspruch erfolgreich zu entwickeln und zu nutzen? Der folgende Beitrag nutzt die fachwissenschaftliche Diskussion der inklusiven politischen Bildung und greift auf Erfahrungen zurück, die bei der Konzeptentwicklung des multimedialen Angebotes "einfach POLITIK:" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb gemacht wurden.

Politik für alle! (© bpb 2018)

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"einfach POLITIK:" ist ein Angebot der bpb, das sich an Menschen wendet, die klassische Angebote der politischen Bildung und der medialen politischen Berichterstattung nicht ansprechen. Die Produktwelt besteht aus Heften, Plakaten, CDs und Webseiten mit Dossiers, Artikel, einem Lexikon und Hörbüchern. Gemeinsam ist den Angeboten, dass sie in einfacher Sprache Politisches beschreiben und erklären.

Was sind die zentralen Fragen für die Gestaltung von Bildungsmaterialien?
Klassische Materialien zur politischen Bildung können für Menschen, denen es aus unterschiedlichen Gründen schwer fällt, Texte zu lesen, unverständlich sein. Andererseits können Materialien, die sprachlich einfach geschrieben sind, nur wenige Informationen enthalten, die oftmals komplexe, politische Prozesse verstehbar machen und Teilhabe erleichtern. Die Informationen können aber auch, da sie möglicherweise zu stark vereinfachen, missverständlich oder falsch sein. Es stellt sich also die Frage: Wie können Bildungsmaterialien sowohl gut als auch verständlich gestaltet werden?

Allerdings können auch Materialen, die verständlich und inhaltlich korrekt sind, Menschen ausschließen. Gründe dafür können sein: Bildungsmedien kosten zu viel Geld oder ihr Erwerb ist logistisch zu aufwendig. Ihre Texte sind für einige Menschen zu klein geschrieben, für andere sind ihre Seiten zu verschachtelt gestaltet. Die Bebilderung eines Textes kann von einigen als zu kindlich empfunden werden oder nicht dem persönlichen Geschmack entsprechen. Der Text einer Audio CD ist für manche Menschen schwer verständlich, wenn er zu schnell gesprochen wird. Bei einem Film wäre eine Audiotranskription für manche Menschen hilfreich. Wie also können Lernmaterialien gestaltet werden, damit sie möglichst vielen bisher exkludierten Menschen Zugang zur politischen Bildung eröffnen? Wie sind Medien zu gestalten, die zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten, Selbstbestimmung und Informationsbeschaffung zu erleichtern?

1. Politische Bildung und Inklusion

Im Mai 2019 ist das Grundgesetz 70 Jahre alt geworden: Ein guter Grund zum Feiern. Das Grundgesetz hat sich als ein tragfähiges gesetzliches Fundament der staatlichen Institutionen erwiesen. Und vor allem: Der durch das Grundgesetz konstituierte Staat ist als Demokratie in der Bevölkerung verankert. Diese Verankerung ist die wesentliche Grundlage und Bedingung seines Funktionierens. Denn der demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, die er als Staat allein nicht garantieren kann. Er ist darauf angewiesen, dass Bürgerinnen und Bürger aus eigener Überzeugung freiwillig im Sinne der Demokratie handeln.

Eine funktionierende Demokratie ist also keine Selbstverständlichkeit. Dies zeigen die letzten Jahre deutlich. Die Demokratie des Grundgesetzes ist nicht zu unterschätzenden Herausforderungen ausgesetzt: Rechtspopulismus, Fake News, Hass im Netz oder eine gleichgültige Haltung gegenüber den Errungenschaften der Demokratie sind nur einige Stichworte, die dies veranschaulichen. Demokratie muss daher immer wieder erkämpft, legitimiert und erklärt werden.
Politische Bildung initiiert und unterstützt dieses Lernen. Sie hat deshalb eine für unsere Demokratie unverzichtbare Aufgabe.

Politische Bildung ist vor allem dort gefordert, wo Demokratie schwer zu verstehen ist. Aufgabe der Politischen Bildung ist es, politische Prozesse verständlich zu machen: durch Angebote, die gelesen, gehört, gesehen werden können, durch Gespräche und praktisches Tun. Das in politischen Bildungsprozessen Erlernte soll ermöglichen, sich in den demokratischen Diskurs oder in demokratisches Handeln einzumischen und auch Mut dazu machen. "Politische Bildung versteht sich nicht als Elitenprojekt. Sie ist nicht auf die Ausbildung zukünftiger politischer Leistungsträgerinnen und Leistungsträger gerichtet, sondern hat das Ziel, die Ausbildung politischer Urteils- und Handlungskompetenzen aller Bürgerinnen und Bürger – und mehr als das: aller Menschen – zu unterstützen" (Besand/Jugel [2]: 2015,100).

Manche Menschen bekommen in der Alltagspraxis keine Chance, Interesse an politischen Vorgängen zu entwickeln oder sich selbst als politisch handelnde Menschen zu erleben. Andere haben keinen Weg gefunden oder keine Angebote bekommen, die zentralen demokratischen Prozesse zu verstehen. Dieses Nicht-Verstehen dessen, was in der Politik geschieht, ist eine Barriere, die zu Exklusion aus dem politischen Prozess führen kann. Da Demokratie darauf angewiesen ist, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger aus eigener Überzeugung freiwillig im Sinne der Demokratie handeln, schadet diese Exklusion der Demokratie. Inklusion, als das Bemühen verstanden, Exklusion zu vermeiden oder zu überwinden, ist ein für eine funktionierende Demokratie konstitutives Anliegen.

Nach der Verankerung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in deutsches Recht ist Inklusion in der behindertenpädagogischen, aber auch der politischen Diskussion ein Leitbegriff für die gesellschaftliche Aufgabe der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung geworden (vgl. Ackermann: 2014 und 2015, S. 31). Mit dem Leitbegriff "Inklusion" wird der normative Anspruch formuliert, dass Menschen mit Behinderung als gleichwertig anerkannt werden (ebenda).
Kronauer [2015, S. 20] weist darauf hin, dass, Inklusion, wenn sie ein Menschenrecht darstellt, nicht auf Menschen mit Behinderungen begrenzt werden kann. "Denn das, was für die »Inklusion« von Menschen mit Behinderungen gelten sollte, nämlich dass sie bei Anerkennung ihrer besonderen Bedarfe ihre Lebensziele gleichberechtigt mit allen anderen Menschen verfolgen können, muss für eben jene anderen Menschen mit ihren besonderen Bedarfen gleichermaßen gelten". Die menschenrechtliche Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen kann per definitionem nicht nur auf eine gesellschaftliche Gruppe bezogen werden.

Inklusion ist vielmehr – wie Besand und Jugel es formulieren – "ein in allen gesellschaftlichen Teilbereichen vernetzt verlaufender Wandlungsprozess, der darauf abzielt, jedem Menschen in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen auf Grundlage seiner individuellen Bedarfe Zugang, Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen" (2015 [1], 53).

Besand und Jugel konkretisieren die Bedeutung des Begriffes "Inklusion" für die Politische Bildung: Ein Politischer Bildner, der seine Aufgabe unter einer inklusiven Perspektive betrachtet, beschäftigt "sich intensiv und aufrichtig mit den folgenden Fragen […]: Welche Bildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer können aus welchem Grund mit konkreten Bildungsangeboten erreicht oder nicht erreicht werden? Welche Exklusionsmechanismen werden – wenn auch häufig unbeabsichtigt – im Rahmen von Bildungsangeboten wirksam und wie könnten diese (schrittweise) überwunden werden?" (2015 [2], S. 102).


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