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Filmstill aus dem Film "Oray" von Mehmet Akif Büyükatalay

1.7.2020 | Von:
Marguerite Seidel

Filmbesprechung

Im Streit spricht der junge Moslem Oray die islamische Scheidungsformel "talaq" aus. Für drei Monate muss er sich nun von seiner Frau Burcu trennen und zieht nach Köln. Dort findet er in einer muslimischen Gemeinde eine neue Heimat. Am Beispiel von Orays Entwicklung beleuchtet der erste Spielfilm von Mehmet Akif Büyükatalay Dynamiken in Männergruppen und zeichnet ein vielschichtiges Bild junger Muslim*innen in Deutschland.

Okay Filmbesprechung. (© filmfaust/Christian Kochmann)

Oray und seine Ehefrau Burcu sind noch nicht lange verheiratet. Zusammen leben sie in einer kleinen Wohnung in Hagen, ihrer Heimatstadt. Sie sind jung, sie lieben, necken und zanken sich. Eines Abends kippt ein harmloser Flirt in einen lautstarken Streit um. Am nächsten Tag blockt Bruch die Entschuldigungsversuche von Oray ab. "Talaq, talaq, talaq!", brüllt er wütend auf ihre Mailbox, die islamische Scheidungsformel. Sogleich läuft er zu ihr, damit sie alles löscht. Doch Burcu hört die Nachricht ab. Beim Imam seiner Gemeinde informiert sich Oray über die Folgen: Er muss sich drei Monate lang von Burcu trennen. Erst dann können sie wieder zusammenkommen.

Suche zwischen Idealen und der Wirklichkeit

Burcu ist entgeistert. Talaq, das sei nur ein Wort! Ihre Probleme könnten sie schließlich am besten direkt und miteinander lösen. Oray entscheidet sich dennoch für die Beziehungspause und zieht nach Köln. So widersprüchlich die Gründe für die Trennung scheinen – für Burcu etwa sind sie nicht nachvollziehbar –, so wechselhaft geht es auch Oray, dem titelgebenden Protagonisten in Mehmet Akif Büyükatalays Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln. Im weiteren Verlauf inszeniert der Regisseur ihn als Suchenden, herumirrend zwischen verschiedenen Koordinatensystemen: auf der einen Seite der Glauben an die Liebe, an Gott und die Werte des Islams, auf der anderen Seite die weitaus facettenreichere Realität mit all ihren Schattierungen, Herausforderungen und Verwirrungen. An die Beziehungspause wird sich der impulsive Oray nicht konsequent halten – zu groß ist die Sehnsucht nach Burcu, zu unterschiedlich die möglichen Auslegungen des Korans durch verschiedene Imame. Symptomatisch für dieses verzwickte Gemenge von Wünschen, Idealen und gelebter Wirklichkeit ist auch Orays "Bindestrich-Herkunft": deutsch-türkisch-mazedonisch.

Die Gemeinde als neue Heimat

Angekommen in Köln ist Oray ein Außenseiter. Für ein paar Tage kommt er bei einem Freund im Studentenwohnheim unter und muss sich auf dem Balkon verstecken, als dieser mit einer Kommilitonin schläft. Bei der Wohnungssuche ist er nur einer von vielen. Als Gegenpol zu diesen Szenen des Unsichtbarmachens und Unsichtbarwerdens folgt der erste Besuch in einer Moschee. Wie viele der muslimischen Gebetsräume oder sogenannten "Hinterhofmoscheen"[1] in Deutschland nimmt sie lediglich ein paar karge Räume in einem unscheinbaren Hinterhaus ein. Unter dem jungen Imam Bilal bleibt eine kleine Gruppe junger Männer unter sich. Doch hier fühlt Oray sich gesehen. Mithilfe der Gemeinde findet er ein Zimmer, Arbeit auf einem Trödelmarkt und Anerkennung. Bald darf Oray predigen und erntet Bewunderung wie Neid für seine Eloquenz, sein Engagement und seinen Humor.

Wider den Klischees

Dabei werden geläufige Medienbilder von muslimischen jungen Männern und Vorurteile der deutschen Mehrheitsgesellschaft zwar evoziert, aber systematisch unterlaufen. Seine kriminelle Vergangenheit etwa hat Oray mithilfe des Glaubens überwunden. Wie er sein jugendliches Alter Ego, einen Roma namens Ebu Bekir, der wie er früher klaut und Drogen dealt, mit hohem persönlichen Einsatz von der Straße weg in den Schutzraum der Moschee holt, verweist auf die eigene Entwicklung.

Ebenso ist das online zirkulierende Video von Orays kraftvoller Predigt nicht "radikal". Durchaus streitbar, aber nicht zu Hass oder Gewalt aufrufend, stellt es den Islam am eigenen Beispiel als Mittel zur Bändigung männlicher "Wildheit" dar. Religion dient hier als Gegenmittel für die aus sozialer Benachteiligung erwachsenden Probleme junger Menschen mit Migrationshintergrund.

Auch ein Paintballspiel, das freilich an Krieg und Gewalt erinnert, mündet im friedlichen Miteinander und kündigt eben nicht realen Terror an. Schließlich sind die Frauen im Film, Burcu voran, alles andere als Männern bzw. patriarchalischen Strukturen unterworfen, sondern mündige, selbstbewusste Frauen, die eigene Entscheidungen treffen. Das medial zum Symbol für muslimische Frauen gewordene Kopftuch tragen sie gleichfalls nicht.

Realismus gegen Vereinfachungen

Klischees und Vorurteile gegenüber dem Islam als solche zu entlarven, ist dem Regisseur Mehmet Akif Büyükataly ein persönliches Anliegen. Er leidet häufig selbst als türkischstämmiger Deutscher unter Vereinfachungen, Erwartungshaltungen und Vorverurteilungen durch die Mehrheitsgesellschaft (vgl. Interview). Die Weltreligion Islam wird jedoch zu vielfältig ausgelegt und gelebt, als dass sie sich über einen Kamm scheren ließe.

Die Pole, Widersprüche und auch die wankelmütige Flexibilität, mit der sich Oray im Leben wie im Glauben konfrontiert sieht, unterstreicht Büyükatalay durch eine Inszenierung, die sich diese mehrdimensionale Wirklichkeit zum Vorbild nimmt. Reale Schauplätze, Darsteller*innen mit (post-)migrantischem Hintergrund und emotionalen Anknüpfungspunkten an die Figuren, Freunde und Verwandte als Komparsen sowie mehrsprachige, aus dem Leben gegriffene Dialoge schaffen einen filmischen Raum, der durch Nuancenreichtum authentisch wirkt. Wenn Tee in Weißbiergläsern serviert wird, unverbindlicher Sex stattfindet oder ein Joint auf dem BGB gerollt wird, durchzieht darüber hinaus ein Symbolismus den Film, der die Vielheit und Ambivalenzen des wirklichen Lebens als Kontrapunkt zu einem reduktionistischen Entweder-Oder explizit betont. Durch diese Genauigkeit gelingt es Büyükatalay realistisch zu erzählen, obwohl – oder gerade weil – "Oray" sich auf nur wenige Figuren konzentriert, die in einem kammerspielartig geschlossenen Milieu agieren.

Identitätsbildung und Männergruppen

Angesichts der überschaubaren Figurenkonstellation und des eng gesteckten Handlungsraums liegt der Gedanke an den umstrittenen Begriff der "Parallelgesellschaft"[2] nahe. Mit ihm wird genauso Abschottung von Minderheiten kritisiert wie die Schwierigkeiten der Mehrheitsgesellschaft, Integration überhaupt zu ermöglichen. "Oray" deutet die Debatten und Implikationen um den Begriff indes durch seine Machart lediglich an. Wie meist in Kammerspielen liegt der Fokus auf psychologischen Prozessen: Was verunsichert Oray und die anderen Figuren? Was gibt ihnen Sicherheit, einen Rahmen für ihre Identitätsbildung?

Als Moslem mit Migrationshintergrund sowieso einer Minderheit zugehörig, ist er als Arbeitsloser mit krimineller Vergangenheit doppelt stigmatisiert. Eine Position, die anders als Burcus ist, und die sie als Auszubildende mit Aussicht auf Festanstellung womöglich nur bedingt nachvollziehen kann. Orientierung und Anerkennung findet Oray nicht unbedingt in seiner Ehe oder anderswo. Sein Rückzug in eine kleine Männergruppe kann als Rückzug eines geschwächten Mitglieds aus einem System gelesen werden, das ihm keinen ausreichenden Halt und beschränkte Perspektiven bietet. Mit Religion hat das begrenzt zu tun, eher mit angeknackstem Selbstbewusstsein, konservativen Rollenbildern und toxischer Männlichkeit. Innerhalb eines überschaubaren Kreises mit klaren Regeln und Werten findet Okay unter Seinesgleichen die Zugehörigkeit und Solidarität, die ihm außerhalb fehlt – zumindest für den Moment.

Fußnoten

1.
Die sogenannten "Hinterhofmoschee" entstanden und entstehen in Deutschland quasi als Notlösung in umfunktionierten Räumen, um Gebetsorte für Muslim*innen zu schaffen, und weniger aus Segregationsbestrebungen. Da der Islam in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht als Religionsgemeinschaft mit Körperschaftsstatus anerkannt ist, gibt es keine Einnahmen aus Steuergeldern. Somit ist der Bau von repräsentativen Gebetshäusern ohne Förderungen aus dem Ausland kaum möglich. Der Begriff der "Hinterhofmoschee" wird von vielen Muslim*innen allerdings als despektierlich empfunden, weil er oft mit Verstecktheit, Intransparenz und sozialer Abwertung assoziiert wird. Mehr zum Thema u. a. auf www.zeit.de/zeit-geschichte/2012/02/Moscheebau-in-Deutschland
2.
vgl. www.bpb.de/apuz/30002/parallelgesellschaften

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