30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren


Gewerkschaften in Europa

G. können allgemein als Vereinigung von abhängig Beschäftigten mit dem Ziel einer ver­bes­ser­ten In­te­ressendurchsetzung gegenüber Arbeitgebern und Politik verstanden werden. Durch den Zu­sam­­menschluss werden die individuellen Machtressourcen, die jedem Ar­beit­neh­mer zur Ver­fü­gung stehen, erheblich erweitert. Historisch konzentrierten sich G. zu­nächst auf die bi­laterale Verhandlung von Lohn- und Arbeitsbedingungen; im Laufe des 20. Jahrhunderts streb­ten die G. zudem eine Verrecht­li­chung verbesserter Sozial- und Arbeitsbe­din­gungen an. Je nach Adressat werden unterschiedliche Stra­te­gien angewendet: 1. Arbeits­kampf­maß­nah­men wie Streik, Dienst nach Vorschrift, Sabotage, Fest­set­zung, Betriebs­ver­samm­lungen u. a.; 2. Demonstrationen, Referenden, Unterschriftenaktionen etc.

Die europ. Gewerkschaftslandschaft weist eine enorme Heterogenität auf. Zum einen existieren nen­nens­wer­te Unterschiede in der Kompetenzverteilung zwischen Dachverband und Branchen­g. Zum anderen un­ter­scheiden sich die europ. Organisationen hinsichtlich ihrer politischen Ausrichtung. Ins­be­son­de­re in Zentral- und Nordeuropa dominiert das Modell der Einheitsg., welche den Anspruch hat, Arbeit­nehmer aller politischen Couleur zu vertreten. Die Ein­heitsgewerkschaften entstanden zumeist nach dem 2. Weltkrieg als Konsequenz aus den Erfahrungen der un­­genügenden Wehrhaftigkeit der zer­split­ter­ten Gewerkschaftslandschaft gegenüber dem NS-Regime. Die parteipo­litische Neutralität der Einheitsg. ermöglichte fortan eine effizientere Beteiligung an der na­tio­nalen Po­li­tik­ge­staltung (Fordistischer Klassenkompromiss). In vielen Län­dern sind/wa­ren Einheitsgewerkschaften durch kor­poratistisch bzw. tripartistisch arbeitende Gremien direkt am po­litischen Prozess be­teiligt. Ihre Vereinbarungen wurden/werden oft in Sozialverträgen fest­gehalten. Vor allem in West- und Südeuropa be­geg­net man dem Modell der Richtungsgewerkschaften, die ihr Handeln entsprechend einer politischen Leitidee aus­rich­ten. Dabei kon­kurrieren in den meis­ten Fällen christliche, sozialistische und kommunistische G. um die Mit­glied­schaft der ab­hängig Beschäftigten. Noch komplexer stellt sich die Situation in den mittel- und (süd-)ost­eu­ro­päischen Transformationsländern dar, denn zu einem Nebeneinander von Einheits- und Rich­tungsgewerkschaften gesellen sich liberale bzw. »gelbe« G., die in der Regel von der Ar­beit­geberseite ge­gründet werden, um die Durchsetzungsfähigkeit der Interessen der ab­hängig Beschäftigten zu schwä­chen.

Die G. in Europa pflegen im globalen Vergleich umfangreiche und enge regionale Koope­ra­tions­struk­turen, die sich parallel zum Europäischen Integrationsprozess vertieften und er­weiter­ten. Das vor­dringliche Ziel der G. auf europ. Ebene war und ist es, Einfluss auf die Po­li­tik­gestaltung der EU zu neh­men, d. h. im Sinne der Interessen der abhängig Beschäftigten in Europa sowohl auf bestehende politische Vor­haben in der EU und die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu reagieren als auch die Agenda der Euro­pä­i­schen Institutionen mitzugestalten. Als einer der größten Er­folge der G. ist hier die Richtlinie über Eu­ro­pä­i­sche Betriebsräte (1994) zu nennen. Bereits seit den An­­fängen der Europäischen Integration in den 1950er-Jahren sind die G. als relevante ge­sell­schaft­li­che Akteure beratend einbezogen (z. B. im Rahmen des stän­digen und tripartit besetzten Aus­schus­ses für Beschäftigungsfragen). Im Zuge der Realisierung des Binnenmarktprojektes und der Währungsunion, die die nationalen Lohnpolitiken zunehmend unter Druck setzen und die Kon­kurrenz zwischen den Beschäftigten in der EU deutlich erhöhen, haben die europ. G. ihr Kooperationsaktivitäten erweitert. Die G. reagierten mit der Ent­wicklung der Tarif­ko­or­di­nierungsregel, die mit Hilfe der Festlegung einer national spezifi­zier­ten Min­dest­abschluss­hö­he für Tarifvereinbarungen dazu beitragen soll, den Wettbewerb um die niedrigsten Lö­hne in Eu­ropa zu entkräften. Die intensivsten Kooperationsstrukturen in die­sem Bereich bestehen zwi­schen den eu­ro­p. Metallgewerkschaften, die mit der Ein­rich­tung eines tarifpolitischen Aus­schusses 1993 schon früh auf die Intensivierung der europä­i­schen Wirt­schafts- und Wäh­rungs­politik Bezug nahmen. Wei­tere wichtige Koordi­nie­rungs­pro­jekte sind die Sommer­schule, die dem tarifpolitischen Austausch von Gewerkschaftern dient, das Europäische Tarif­netz­werk, das den G. Daten über die nationalen Tarifentwicklungen zur Verfügung stellt und die grenzüberschreitenden Tarif­part­ner­schaf­ten, die vor allem von der IG Metall-Be­zirken und ihren angrenzenden Nachbarg. genutzt und aus­gebaut werden.

Literatur

  • R. Hyman: Understanding European Trade Unionism – Between Market, Class & Society, London u. a. 2001.
  • H.-W. Platzer/ T. Müller: Die globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände. Handbuch und Analysen zur transnationalen Gewerkschaftspolitik, Berlin 2009.
  • C. Thamm: Der Kampf um Transnationalisierung. Gewerkschaftliche Krisenpolitik in Deutschland, Österreich und Slowenien, Wiesbaden 2019.

Siehe auch:
Binnenmarkt
Europäische Betriebsräte
Europäischer Gerichtshof (EuGH)
Europäischer Gewerkschaftsbund (EGB)
Wirtschafts- und Währungsunion (WWU)

aus: Große Hüttmann / Wehling, Das Europalexikon (3.Auflage), Bonn 2020, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH. Autor des Artikels: C. Thamm



Lexika-Suche

Dossier

Die Europäische Union

Für viele ist die EU ein fremdes Gebilde. Dabei wird sie immer wichtiger. Das Dossier bietet einen lexikalischen Überblick: Warum gibt es die Union der 28? Wer macht was in der EU? Und wie sieht die Zukunft aus?

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

APuZ 12/2014: Europawahl 2014

Europawahl 2014

Ende Mai 2014 sind die EU-Bürger aufgerufen, ein neues Europäisches Parlament zu wählen. Das Votu...

Europas Grenzen APuZ 47/2013

Europas Grenzen

Binnen- und Fluchtmigration prägen seit Jahrhunderten die Geschichte Europas. In der Diskussion, ab...

Coverbild fluter Europa

Europa

Europa ist mehr als nur ein Kontinent. Es ist ein schillernder Begriff, für Millionen Menschen allt...

Zum Shop

Dossier

Europawahl 2014

Vom 22. bis 25. Mai 2014 wählen die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union zum achten Mal das Europäische Parlament. Auf dieser Seite informiert die bpb unter anderem über die Hintergründe der Wahl, die zur Wahl stehenden Parteien und das Wahlverfahren.

Mehr lesen