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28.5.2003 | Von:
Gerda Holz

Kinderarmut verschärft Bildungsmisere

Das dreigliedrige deutsche Schulsystem ist nicht in der Lage, soziale Ungleichheit zu kompensieren. Eine Erhöhung der finanziellen Aufwendungen des Staates ist unumgänglich.

Einleitung

"Armut oder gar Kinderarmut gibt es in Deutschland nicht." Dieser bis Ende der neunziger Jahre geltende Mythos, gepaart mit geringem öffentlichen Interesse an Armutsthemen, war dazu angetan, bundesdeutsche Realitäten zu übersehen. Allein der Blick auf die Sozialhilfezahlen der vergangenen Jahrzehnte hätte jedoch genügt, den Widerspruch zu offenbaren. Kinder - und unter diesen vor allem die jüngsten Altersgruppen (Kinder unter 10 Jahren) - zählen seit 20 Jahren zu den armutsgefährdetsten Bevölkerungsgruppen. Gegenwärtig lebt jedes siebte Kind (rd. zwei Millionen) in einem Haushalt, der als relativ arm einzustufen ist, jedes 14. Kind (rd. eine Million) ist auf Sozialhilfe angewiesen. In großstädtischen Quartieren (z.B. in Berlin, Duisburg oder München), aber auch in ländlichen Gemeinden Nord- und Ostdeutschlands sind Sozialhilfequoten von 20 bis25 Prozent die Regel, jedes vierte bis fünfte Kind ist hier arm. Deutschland befindet sich im oberen Mittelfeld jener europäischen Staaten, die den höchsten Anteil an Kinderarmut aufweisen.






Zeitgleich und verschärfend verweisen die Ergebnisse der Schülerleistungsstudie PISA 2000 auf das gesellschaftliche Versagen bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen: Das Bildungsniveau von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern ist in Deutschland im internationalen Vergleich eher im unteren Mittelfeld angesiedelt; das deutsche Schulsystem ist nicht in der Lage, soziale Ungleichheit auszugleichen. Es besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Bildungsbenachteiligung; die soziale Herkunft hat massive Auswirkungen auf die Bildungskompetenz der Kinder.[1] Beides - Schichtzugehörigkeit und soziale Herkunft - wird einerseits durch gesellschaftliche Merkmale wie Einkommen, Wohnung, schulische und berufliche Qualifikation, sozialer Status oder auch Staatsangehörigkeit bestimmt, andererseits durch die materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen respektive Kompetenzen der Familie, durch die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation und besonders durch den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen (z.B. Kita, Schule) des Einzelnen gespeist. Armut im Sinne von Einkommensarmut ist in einer modernen Gesellschaft geprägt durch die o.g. Merkmale und stellt eine Lebenslage dar.[2]

Kinder wurden bis ins letzte Jahrzehnt nicht als eigenständige Gruppe betrachtet, sondern galten allenfalls als Ursache von Familienarmut und als ein Armutsrisiko für Erwachsene.[3] Kindheit galt als die unbelastete und problemlose Zeit zur Vorbereitung auf das Erwachsenenalter, nicht aber als eigene Lebensphase mit vielfältigen Entwicklungs- und Anpassungsleistungen. Kinder wurden eher als Objekt und weniger als handelndes Subjekt wahrgenommen.[4] Die kindliche Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus, und das vor allem für Kinder, die in familiärer Armut leben und so von Beginn an Benachteiligungen erfahren. Kinder in Deutschland erfahren und bewältigen einen Alltag, der sowohl "kindliches Wohlergehen trotz Armut" als auch "multiple Deprivation[5] trotz Wohlstand" bedeuten kann.

Armut ist eine mehrdimensionale Lebenslage und muss aus der Sicht des Kindes definiert werden. Weiterhin ist der familiäre Zusammenhang und damit die Gesamtsituation des Familienhaushaltes zu berücksichtigen.[6] Schließlich sind die Lebenswelt des Kindes und seine Entwicklungs- bzw. Teilhabechancen zu erfassen. Innerhalb der EU gilt die relative 50-Prozent-Armutsgrenze: Ein Haushalt bzw. die darin lebenden Personen sind arm, wenn ihnen monatlich weniger als die Hälfte des gewichteten durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung steht. Die Armutsdefinition um die Kindperspektive erweitert führt zur entscheidenden Frage: "Was kommt beim Kind tatsächlich an?"

Als Ursachen für Armut werden in Deutschland vor allem Arbeitslosigkeit, allein erziehend, Kinderreichtum und Migration genannt. Das Armutsrisiko für Erwachsene steigt mit der Geburt von Kindern. Ursächlich ist die zu geringe gesellschaftliche Absicherung der Existenz des Kindes. Dieses kostet seine Eltern weitaus mehr Geld, als der Staat kompensatorisch zur Verfügung stellt bzw. zu stellen bereit ist. Folglich sinkt mit der Geburt eines jeden Kindes der Lebensstandard oder Wohlstand der betreffenden Familie. Ungleichheit wird so gesellschaftlich produziert. Eine existenzsichernde Grundsicherung für Kinder sowie umfassende Förder- und Betreuungsangebote wären erste Schritte zur Vermeidung kindlicher Armut.

Die Entwicklung und die Zukunftschancen von armen im Vergleich zu nichtarmen Kindern lassen sich anhand der vier zentralen Lebenslagebereiche eines Kindes empirisch vergleichen und bewerten: die materielle Versorgung bzw. Grundversorgung des Kindes (Wohnen, Nahrung, Kleidung, Partizipationsmöglichkeiten); die Versorgung im kulturellen Bereich (z.B. kognitive Entwicklung, sprachliche und kulturelle Kompetenzen, Bildung); die Situation im sozialen Bereich (z.B. soziale Kontakte, soziale Kompetenzen) und die Situation im psychischen und physischen Bereich (z.B. Gesundheitszustand, körperliche Entwicklung).

Eine Studie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Frankfurt am Main zu Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland belegt Entwicklungsdefizite im Vorschulalter infolge Armut:[7] "Nur" 14 Prozent der nichtarmen, aber 36 Prozent der armen Kinder sind multipel depriviert. Umgekehrt wachsen 24 Prozent der armen und 46 Prozent der nicht-armen Kinder in Wohlergehen auf, das heißt, sie zeigten keine Auffälligkeiten.

Beide Gruppen unterscheiden sich auch in den einzelnen Lebenslagedimensionen signifikant. Ar-mut hinterlässt bereits bei Sechsjährigen deutliche Spuren, belastet die Kinder permanent und führt meist zu Kumulationen, womit der Teufelskreis von Benachteiligung und Ausgrenzung einsetzt. Besonders deprivationsgefährdet sind in diesem Alter Kinder aus nichtdeutschen Familien,[8] aus Familien mit arbeitslosen Vätern, aus Familien mit mehr als drei Kindern sowie aus Ein-Eltern-Familien.

Mit Blick auf die kulturelle Lebenslage von armen und nichtarmen Kindern zeigen die Detailanalysen, dass die Sechsjährigen aus armen Familien erheblich mehr und häufiger Defizite im Sprach-, Spiel- und Arbeitsverhalten aufweisen. Sie sind überwiegend komplexen Belastungssituationen in der Familie und im nahen Umfeld ausgesetzt. Sie erfahren wenig und nicht selten unzureichende Förderung durch öffentliche Institutionen. So besuchen sie weniger und/oder erst sehr spät eine Kindertageseinrichtung, erhalten außer der Kita kaum zusätzliche Förderung beispielsweise in Form von Ergotherapie, Logopädie usw. Sie erleben vielfach ein angespanntes Familienklima sowie einen wenig kindzentrierten Familienalltag. Gleichzeitig unternehmen ihre Eltern vielfältige, wenn auch wenig erfolgreiche Anstrengungen, das Familieneinkommen zu sichern. Dadurch sind sie zunehmend weniger in der Lage, ihre Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsaufgaben positiv auszufüllen. Unterstützung ist oftmals weit und breit nicht zu finden. So verwundert es nicht, dass in der o.g. Untersuchung nur 69 Prozent der armen Kinder - gegenüber 88 Prozent der nichtarmen - regulär eingeschult wurden. Kinder beider Gruppen sind schon vor der Einschulung höchst unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt und beginnen die Schulausbildung unter wenig vergleichbaren Bedingungen. Ist die Schule darauf überhaupt eingestellt? Bietet das System dafür adäquate Kompensationsansätze und vielschichtige Förder- und Unterstützungsangebote?

Die Vertiefungsstudie "Armut im frühen Grundschulalter" liefert - jetzt bezogen auf die Situation der Kinder als Achtjährige - weitere, bisher einmalige Erkenntnisse: Es besteht die Tendenz, dass gerade diejenigen Kinder aus armen Familien, die bereits im Vorschulalter als multipel depriviert eingestuft werden mussten, im Grundschulalter weiterhin die gravierendsten Benachteiligungen erleiden. Diese Kinder und ihre Familien können nur auf sehr geringe Ressourcen zurückgreifen. Die Eltern haben häufig keine sozialen Kontakte mehr außerhalb der Familie, die Wohnverhältnisse sind weiterhin beengt, die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung der Kinder sehr reduziert. So ist beispielsweise ihr Erlebnis- und Erfahrungsraum auf das Wohngebiet beschränkt, Freizeitaktivitäten stellen eine Besonderheit dar, Einladungen zu Kindergeburtstagen können nicht angenommen werden, da das Geld für Geschenke fehlt, oder zum eigenen Geburtstag kann nicht eingeladen werden, da die Wohnsituation es nicht zulässt und die Kinder aus Scham und Angst vor Hänseleien ihre Situation verbergen.

Die hohe Belastung der Eltern - insbesondere der Mütter -, welche die Situation nach Kräften (z.B. durch Ämtergänge, Versuche, Arbeit zu finden, Nebenjobs gleich welcher Art anzunehmen oder die Wohnsituation zu verbessern) aufzufangen versuchen, wirkt sich auf den Umgang mit dem Kind aus und stellt eine zusätzliche Belastung dar. Die Folgen sind Kraftlosigkeit, Überforderung und Resignation der Mütter. Die Väter dieser am stärksten belasteten Gruppe von Kindern beteiligen sich so gut wie gar nicht. Ein Grund für Armut bei Kindern ist somit auch der Ausfall der Väter als Ernährer und/oder Erzieher.

Entscheidend dafür, ob die Kinder versorgt aufwachsen, scheint das Gefühl der Eltern zu sein, die Situation trotz Belastung weitgehend unter Kontrolle zu haben. Wächst ihnen die Belastung über den Kopf, kommt es zu Vernachlässigungen der Kinder. Sie erhalten dann nur noch wenig Aufmerksamkeit, keine Anregungen oder schulische Unterstützung, es finden nur noch selten gemeinsame familiäre Aktivitäten statt. Gleichwohl ist auch bei diesen Familien ein wichtiges Ziel, dass es die Kinder einmal besser haben sollen. Bei der Umsetzung dieser Zukunftsperspektive sind die Kinder aber weitgehend auf sich selbst gestellt. Besonders bei den dauerhaft armen und multipel deprivierten Kindern sind die Eltern im kindlichen Tagesablauf nicht mehr präsent. Sie werden morgens nicht geweckt und müssen sich selbst um ihr Frühstück kümmern. Die größeren Geschwister sorgen für die kleineren. Auffällig ist der hohe Fernsehkonsum meist schon vor Schulbeginn.

Arme Kinder beginnen verspätet mit der Schulausbildung, und die zusätzlich mehrfach belasteten Kinder schaffen die Anpassung an den Schulalltag nicht. Zwar fühlen sich die achtjährigen Kinder, gleich ob arm oder nichtarm, noch wohl in der Schule. Sie schätzen ihre schulischen Leistungen noch ähnlich ein. Davon weichen vor allem die Kinder aus der Gruppe "dauerhaft arm und multipel depriviert" klar ab. Sie sind die bisherigen und künftigen Verlierer. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass Benachteiligungen bereits in den ersten beiden Schuljahren durch die Schule nicht ausgeglichen, sondern verschärft werden.

Zudem beginnt in diesem Alter eine weitere kindliche Entwicklungsphase, der im schulischen Alltag und im deutschen Schulsystem scheinbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: die soziale Integration und damit verbunden die eigenständige Herausbildung sozialer Kompetenzen der Kinder. Besonders hinsichtlich der sozialen Kontakte - inner- und außerhalb der Schule - unterscheiden sich nun die armen von den nichtarmen Kindern, ganz im Gegensatz zu den Untersuchungsergebnissen aus der Vorschulzeit. Weil sie bei den normalen kindlichen Aktivitäten (z.B. gegenseitiger Besuch zu Hause zum gemeinsamen Spielen, Geburtstag feiern, Besuch von Kino oder Schwimmbad) nicht mithalten können, haben sie keine oder weniger Freunde in der Schule. Die soziale Integration bildet neben der finanziellen Absicherung der Familie und dem positiven Familienklima den dritten Faktor zur Sicherung einer Kindheit mit Zukunftsperspektive.

Nun bestimmen die Schule und deren Anforderungen den gesamten kindlichen Alltag, und das elterliche Engagement konzentriert sich auf die Beschäftigung mit der Schule, die Hausaufgaben und die Unterstützung des Kindes bei der Gestaltung sozialer Kontakte inner- und außerhalb der Schule. Typisch für das Erobern außerfamiliärer Erlebnis- und Entfaltungsräume in diesem Alter ist, dass arme Kinder verstärkt einen Hort besuchen, dort aber selten Freunde finden, und nicht-arme Kinder in Vereine gehen - häufiger sogar in mehrere. Armut zeigt sich ganz offenkundig auch durch Ausgrenzung und damit durch eine nicht gelingende soziale Integration.

Soziale Selektion oder Exklusion ist also auch Teil des Schulalltags und setzt sich im Weiteren ungebrochen fort. So verwundert die Erkenntnis nicht, dass arme Kinder mehrheitlich die Hauptschule besuchen und nicht das Gymnasium. Arme Jungen erreichen maximal einen Hauptschulabschluss, oftmals noch nicht mal diesen, und arme Mädchen schaffen höchstens den Realschulabschluss.[9]

Maßnahmen zur Förderung der sozialen Integration aller Kinder werden schon in der Grundschule nicht ausreichend realisiert. Verschärfend kommt hinzu, dass es kaum öffentliche Unterstützung in Gestalt von Betreuungs- und Förderangeboten gibt. Es scheint so, als seien die Kinder im frühen Grundschulalter die vergessenen Kinder der Kinder- und Jugendhilfe.

PISA 2000 hat für die 15-Jährigen aufgezeigt, was bereits bei Vorschulkindern sichtbar und mit Schulbeginn durch die Schule manifest wird. Aufwachsen in Armut hat lebenslange Folgen, die ohne Erhöhung der finanziellen Aufwendungen des Staates nicht aufgefangen werden. Es müssen die elterlichen Ressourcen gestärkt, die institutionellen Rahmenbedingungen verbessert und das Bewusstsein aller, für das Aufwachsen von Kindern mitverantwortlich zu sein, gefördert werden. Dazu hat die Schule zusammen mit der Kinder- und Jugendhilfe den wesentlichen Beitrag zu leisten.


Fußnoten

1.
Vgl. Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001; Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000. Die Länder der Bundesrepublik im Vergleich, Opladen 2002.
2.
Vgl. Pierre Bordieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheit, Soziale Welt, Sonderband 2 (1983), S. 183 - 198.
3.
Dieses Verständnis wurde durch die seit 1997 beim Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik laufenden Untersuchungen nachhaltig widerlegt. Vgl. Beate Hock/Gerda Holz/Werner Wüstendörfer, Frühe Folgen - Langfristige Konsequenzen. Armut und Benachteiligung im Vorschulalter, Frankfurt/M. 2000; Beate Hock/Gerda Holz/Renate Simmedinger/Werner Wüstendörfer, Gute Kindheit - Schlechte Kindheit? Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Frankfurt/M. 2000; Gerda Holz/Susanne Skoluda, Armut im frühen Grundschulalter, Frankfurt/M. 2003.
4.
Vgl. Michael-Sebastian Honig/Andreas Lange/Hans-Rudolf Leu (Hrsg.), Aus der Perspektive von Kindern? Zur Methodologie der Kindheitsforschung. München 1999.
5.
Damit ist der Entzug von existentiellen kindlichen Entwicklungsbedingungen (z. B. Zuwendung, Versorgung, Förderung) gemeint, der zu Mehrfachbenachteiligungen führt.
6.
Im Weiteren wird auf Ergebnisse der ISS-Studien Bezug genommen (Anm. 3).
7.
Vgl. B. Hock/G. Holz/R. Simmedinger/W. Wüstendörfer (Anm. 3).
8.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu den Beitrag von Cornelia Kristen in dieser Ausgabe.
9.
Vgl. Wolfgang Lauterbach/Andreas Lange, Aufwachsen in materieller Armut und sorgenbelastetem Familienklima. Konsequenzen für den Schulerfolg von Kindern am Beispiel des Übergangs in die Sekundarstufe 1, in: Jürgen Mansel/Georg Neubauer (Hrsg.), Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern, Opladen 1998, S. 106 - 128