APUZ Dossier Bild

14.11.2005 | Von:
Henning Hoff

Deutsche und Briten seit 1990

Die jüngste Geschichte des deutsch-britischen Verhältnisses gleicht einer Serie falscher Aufbrüche. Daran wird sich wenig ändern, solange sich die europapolitischen Vorstellungen in beiden Ländern nicht annähern.

Einleitung

Ginge es allein nach den öffentlichen Verlautbarungen, dann stünde es um das deutsch-britische Verhältnis glänzend. "Unsere Beziehungen waren nie besser als heute", erklärte Premierminister Tony Blair am 9. Mai 2005 in der "Bild"-Zeitung anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes in Europa. Prädikate wie "as excellent as any bilateral relations can be" konnte man von Blair schon fünf Jahre zuvor auf der Königswinter-Konferenz hören, als er gemeinsam mit Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem alljährlichen deutsch-britischen Forum sprach. Der deutsche Regierungschef stand dem nicht nach: Die Beziehungen seien noch nie so gut gewesen, "the best ever".[1]



Doch im Tagesgeschäft stellt sich das bilaterale Verhältnis seit der deutschen Vereinigung häufig anders dar. Trotz wiederholter Anläufe scheint es bis heute nicht ganz zu gelingen, die für die Nachkriegsjahrzehnte so oft angeführte "Beklommenheit" (unease) abzulegen.[2] Das hat sich beispielsweise auf deutscher Seite in der Sorge vor der Persistenz negativer Stereotypen im britischen Deutschlandbild ausgedrückt, insbesondere in Rückgriff auf die NS-Zeit. Anstöße, hier gegenzusteuern, die in den vergangenen Jahren sowohl die Deutsche Botschaft in London als auch das Goethe-Institut unternommen haben, waren nicht immer von Erfolg gekrönt.

Der deutsche Botschafter, Thomas Matussek, hatte zum Jahrestag des Kriegsendes Gelegenheit, den Rat seines britischen Kollegen in Berlin, Sir Peter Torry ("Die Deutschen sollten nicht so empfindlich reagieren"[3]) zu beherzigen. Der konservative "Sunday Telegraph" empfand es offenbar als absatzsteigernd, ein nachdenkliches Interview mit dem Botschafter im Innern des Blattes mit der provokanten Schlagzeile "German Ambassador: Get Over It" anzukündigen - ganz so, als habe der Botschafter nichts anderes im Sinn, als den Briten ihre Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu verleiden. Tatsächlich hatte sich Matussek besorgt darüber gezeigt, dass man in Großbritannien zu wenig über das zeitgenössische Deutschland wisse und die Gefahr bestehe, dass die jüngere Generation beider Länder auseinander driften könnte.[4] Auch aus britischer Sicht sind die Vergangenheit und der Umgang mit ihr immer wieder Irritationspunkte. Auf Befremden stießen zuletzt die Debatte über den britischen Luftkrieg gegen deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg[5] und die Forderung nach einer Entschuldigung, die zeitgleich zum Staatsbesuch von Königin Elisabeth II. im Oktober 2004 aufkam.[6]

In einer groß angelegten Umfrage unter Jugendlichen zur wechselseitigen Wahrnehmung, deren Ergebnisse das Goethe-Institut und der British Council 2004 vorstellten, hieß es zum Deutschlandbild junger Briten: "Überraschenderweise sind der 2. Weltkrieg und die deutsche Nazi-Vergangenheit sogar für die junge Generation der Briten immer noch präsent." Während junge Deutsche viel über Großbritannien wüssten, es als "erfolgreiche multikulturelle Gesellschaft" beschrieben, die modern und zukunftsorientiert sei, sei der Kenntnisstand junger Briten über Deutschland eher gering: "Mit dieser Wissenslücke haben die jungen Briten eine etwas negativere Wahrnehmung Deutschlands."[7] Dies wurde in den letzten Jahren auch durch die gegenläufige wirtschaftliche Entwicklung - dynamisches Wachstum und geringe Arbeitslosigkeit in Großbritannien, Stagnation und hohe Arbeitslosenquote in Deutschland - unterfüttert. Aus dem Foreign Office hört man, dass Deutschland zunehmend als "altes" Land wahrgenommen werde, von dem es im Moment wenig zu lernen gebe.

Aber die Fortsetzung des unease erklärt sich nicht nur aus der Vergangenheit und der unterschiedlichen konjunkturellen Lage. Auch politische Entwicklungen insbesondere auf europäischer Ebene berechtigen zu Zweifeln an Blairs Einschätzung der Qualität der deutsch-britischen Beziehungen. Nur sechs Wochen nach seinem Interview gerieten Blair und Schröder auf dem Brüsseler Gipfel der Europäischen Union (EU) aneinander. Dort sollte es um die finanzielle Zukunft der Gemeinschaft gehen, doch nach den gescheiterten Referenden über den Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden stand auch die politische Zukunft Europas auf der Tagesordnung. Am Ende ließ Blair das Treffen mit seiner Weigerung scheitern, den von seiner Vorvorgängerin Margaret Thatcher erstrittenen "Britenrabatt" als Ausgleich für die geringeren Zuwendungen Großbritanniens aus dem Agrarfonds aufzugeben. Es wurde deutlich, dass zwischen beiden Regierungen erhebliche Differenzen über die weitere Entwicklung der EU bestehen.

Der deutsch-britische Meinungsstreit spielte auch im Bundestagswahlkampf eine Rolle. "Großbritannien ist für ein soziales Europa, aber es muss ein soziales Europa sein, das in unsere heutige Welt passt", schrieb Blair mit einem wenig verklausulierten Seitenhieb auf seinen deutschen Amtskollegen nach dem gescheiterten EU-Gipfel Mitte Juni 2005 in der "Bild"-Zeitung. "Wir müssen herausfinden, warum manche Volkswirtschaften Europas Arbeitsplätze schaffen und andere nicht."[8] Schröder antwortete: "Wollen wir ein einiges, handlungsfähiges Europa, also eine wirkliche politische Europäische Union (...)? Oder wollen wir uns auf eine große Freihandelszone beschränken? (...) Ich will das nicht." Nationale Alleingänge würden nicht weiterhelfen; für ihn bleibe "die Sicherung des Sozialen und die Gewährleistung von Gerechtigkeit eine Hauptaufgabe".[9] Wenngleich sich der vorgebliche Antagonismus zwischen "angelsächsischem" und "kontinentalem" (oder deutsch-französischem) Modell, zwischen "(neo)liberalem" und "sozialem Europa" eher für den politischen Schlagabtausch denn als Realitätsbeschreibung eignet[10] - hier deutete sich ein neuer Antagonismus an, der gewissermaßen symptomatisch für das deutsch-britische Verhältnis seit dem Mauerfall ist, das einer seiner besten Kenner einmal - halb provozierend, halb resignierend - als "hoffnungslosen Fall" apostrophiert hat.[11]

Zwar trifft es zu, dass die "guten Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien (...) inzwischen selbstverständlich geworden" sind.[12] Echte Konfliktpunkte gibt es kaum. Die bereits Ende der achtziger Jahre als "stille Allianz"[13] bezeichnete enge Kooperation funktioniert in vielen Bereichen völlig reibungslos. Trotz aller aktuellen deutschen Sorgen vor als "anglo-amerikanische Heuschrecken" titulierten Investoren können die Wirtschaftsbeziehungen als exzellent gelten. Aber es besteht ein Defizit fort, das Anthony Nicholls zuletzt auf die Formel "Always Good Neighbours - Never Good Friends?" brachte.[14] So stellen sich die deutsch-britischen Beziehungen seit dem Fall der Berliner Mauer in mancher Hinsicht als Kette falscher Aufbrüche dar. Entgegen vielerlei Hoffnungen haben die Beziehungen keinen Qualitätssprung gemacht. Vielmehr haben sie sich in den vergangenen 15 Jahren, bei weitgehender Parallelität der politischen Vorzeichen in beiden Ländern,[15] nach immer gleichem Muster vollzogen: Stets ist die Anfangseuphorie nach dem Wechsel personell-politischer Konstellationen (1990, 1997/98) der Ernüchterung gewichen, wie sich zuletzt am gestörten Verhältnis zwischen den einst engen Partnern Schröder und Blair ablesen ließ[16] - "déja-vu all over again", lautet dazu die scherzhafte britische Formel.


Fußnoten

1.
"Aus Feinden wurden Freunde" (Interview mit Tony Blair), in: Bild vom 9.5. 2005; www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/05/09/gedenken_kriegsende_blair/krieg_ende_gedenken_blair.html. Die Äußerungen von Blair und Schröder von 2000 laut einer Presseerklärung der Deutschen Botschaft London vom 27.3. 2000, zit. nach Anthony J. Nicholls, Fifty Years of Anglo-German Relations. The 2000 Bithell Memorial Lecture, Institute for Germanic Studies (University of London School of Advanced Studies), London 2000, S. 1.
2.
Vgl. Sabine Lee, An Uneasy Partnership. British-German Relations between 1955 and 1961, Bochum 1996; Klaus Larres (Hrsg.), Uneasy Allies. British-German Relations and European Integration since 1945, Oxford 2000.
3.
"Die Deutschen sollten nicht so empfindlich reagieren" (Interview mit Sir Peter Torry), in: Spiegel Online vom 10.5. 2005; englischsprachige Fassung unter http://service.spiegel.de/cache/international/0,1518,355598,00.html.
4.
"German Ambassador: Get Over It", "The British are obsessed with Germany - and not always in a funny way", in: The Sunday Telegraph vom 8.5. 2005.
5.
Vgl. Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940 - 45, Berlin 2003. Blair warnte davor, "einen Opferkult zu pflegen. Verantwortlich für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war Deutschland. Wir alle müssen mit seinen Folgen leben." (Anm. 1).
6.
Lanciert wurde die - aus der Luft gegriffene - Meldung, "die Deutschen" erwarteten von der Queen Worte des Bedauerns, von der Boulevardzeitung "Daily Express".
7.
Mutual Perception Research Deutschland 2003/2004, durchgeführt von der GfK für das Goethe-Institut und den British Council; www.britishcouncil.de/d/about/pr_survey_0704.htm.
8.
Tony Blair, "EU-Geld für Arbeitsplätze, nicht für Kühe!", in: Bild vom 22.6. 2005; www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/06/22/blair_interview/blair_ interview.html.
9.
Gerhard Schröder, "Wir werden die Krise Europas lösen", in: Bild vom 23.6. 2005; www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/06/23/interview__schroeder/schroeder__interview.html.
10.
Vgl. Margaret Blundon, "Anglo-Saxon model` wears French clothes", in: The International Herald Tribune vom 8.6. 2005; www.iht.com/articles/2005/06/07/news/edblunden.php. Der britische Sozialstaat steht Kontinentaleuropa ungleich näher als den USA, die Rede vom "angelsächsischen Modell" ist daher irreführend.
11.
Vgl. Anthony J. Nicholls, Die deutsch-britischen Beziehungen: Ein hoffnungsloser Fall?, Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) Bonn, Discussion Paper C16/1998.
12.
Dieses Urteil stammt von Botschafter Sir Peter Torry (Anm. 3).
13.
Karl Kaiser/John Roper (Hrsg.), Die stille Allianz. Deutsch-britische Sicherheitskooperation, Bonn 1987.
14.
So der Titel seiner Annual Lecture 2004 am Deutschen Historischen Institut (DHI) London.
15.
Bemerkenswerterweise überlappen sich die Phasen von CDU- und konservativ beziehungsweise SPD- und Labour-geführten Regierungen über weite Strecken der Nachkriegszeit.
16.
Als Schröder am 12. Oktober 2005 in einer Rede vor dem Gewerkschaftskongress der IG BCE seinen Verzicht auf das Bundeskanzleramt erklärte, sprach er von Blair nur noch ironisch als "mein britischer Freund", der andere Freunde habe. Gemeint war US-Präsident George W. Bush. Die deutsch-französische Zusammenarbeit werde weiter gebraucht, so Schröder, um die soziale Zukunft Europas sicherzustellen, das "angelsächsische Modell" werde "keine Chance" haben. Vgl. "Schröder Bows Out with Swipe at Blair", The Guardian vom 13.10. 2005; www.guardian.co.uk/germany/article/0,2763,1590987,00.html.