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1.10.2008 | Von:
Wolfgang Bergmann

Theater im Fernsehen

Die Beziehung zwischen Bewegtbildmedien und dem Theater beginnt mit der Erfindung des Films. Theater, Film und Fernsehen haben mehr miteinander zu tun, als manchem Genre-Separatisten lieb ist.

Einleitung

Theater im Fernsehen, das ist wie Sex ohne Anfassen." Zwei Medien, die sich elementar voneinander unterscheiden: Theater setzt das Live-Erlebnis, die physische Anwesenheit des Publikums im Zuschauerraum und der Schauspieler auf der Bühne voraus, während das Fernsehen der berühmten "vierten Wand", der unsichtbaren Wand am Bühnenrand, eine fünfte hinzufügt, eine aus Glas, die undurchdringlich ist für die Unmittelbarkeit des Theatererlebnisses.






Damit könnte man die Debatte unter dem Applaus mancher Altvorderen des Theaters, aber auch mancher Fernsehverantwortlicher beenden. Schreiende, schwitzende Figuren am Bildschirmhorizont, die, merkwürdig sprechend, Texte herausschleudern, die niemand im Wohnzimmeridyll hören will. Doch so einfach ist es nicht. Das Bild vom "Sex ohne Anfassen" ist so plastisch wie falsch, wenn es um die Beschreibung der komplexen Beziehung zwischen Bewegtbildmedien und theatralen Ausdrucksformen und deren wechselseitiger Durchdringung geht. Theater, Film und Fernsehen haben mehr miteinander zu tun, als manchem Genre-Separatisten lieb ist.

Die Beziehung beginnt mit der Erfindung des Films. Und sie ist einschlägig vorbelastet, denn der ältere Bruder Theater war von Anfang an mit einer Mischung aus Arroganz und Furcht vor Konkurrenz dem neuen Medienbaby nicht sehr zugetan. Das trieb sich zunächst nur auf Jahrmärkten herum und bot sich als "billiger Jakob" der Sensationsindustrie dem Plebs feil. Doch die Laterna magica blieb nicht nur eine halbseidene Geisterbeschwörung. Sie war die Vorläuferin einer neuen Form bewegtbildgestützter Erzählweisen, die mit einem Grundgesetz des Theaters brach: der Einheit der Szene (durch die Montage) und der Einheit von Zeit und Ort des Spiels und seiner Rezipienten. Weil sich der Film über diese beiden Axiome schnell hinwegzusetzen lernte, gingen die ungleichen Geschwister verschiedene Wege, ohne sich dabei aus den Augen zu verlieren.

Dabei bedurfte die Erfolgsstory des Films in Europa der Starthilfe des Theaters. Erst als das junge französische Filmunternehmen Pathé sich vom Konzept des Jahrmarktkinos löste und mit Theaterstoffen und theatralen Erzählweisen begann, das bürgerliche Publikum anzusprechen, löste sich das junge Medium vom Schmuddelimage. Jerzy Toeplitz sieht angesichts dieser frühen "Kunstfilme" eher eine "Theaterrevolution" als eine des Films.[1] Auch in Großbritannien und Italien waren es Hamlet & Co, als statisch abgefilmte Theaterspiele, die zu den ersten Kassenschlagern im Kino avancierten. Die alte Tante Thalia zuckte derweil mit den Augenbrauen angesichts der neuen Konkurrenz: ein Klimmzug der Unwürdigen am Guten, Wahren, Schönen - zwecks Profitoptimierung. Toeplitz zitiert Adolphe Brisson, der in einer Rezension des Kunstfilms "Die Ermordung des Herzogs von Genise" aus dem Jahr 1908 schreibt: "Der Film ist keine Konkurrenz des Theaters. Der Film erweckt nur Sehnsucht, er trägt bei zum Heimweh nach dem Theater. (...) Die Kopie lässt uns das Original herbeisehnen."[2]

Der Erfolg des Theaterfilms währte nicht lange. Der Film suchte sich seine Autoren und spezifischen Erzählweisen, seine Regisseure erfanden die Montage und veränderten das Spiel ihrer Protagonisten zu einem eigenständigen Genre, das sich in seiner Wirkungsmacht weit über das Theater erhob. Und doch sind Meilensteine der Filmgeschichte immer wieder mit Theorie und Praxis des Theaters und seinem Personal verbunden. Zu nennen sei nur der wichtige Einfluss der "Biomechanik", einer systematischen Bewegungstheatersprache, erfunden von Wsewolod Meyerhold am Staatlichen Regiestudio in Moskau auf das Werk von Sergej Eisenstein oder auch die sich wechselseitig befruchtenden, Theater und Film gewidmeten zwei Seelen des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman.

Fußnoten

1.
Vgl. Jerzy Toeplitz, Geschichte des Films. 5 Bde., Berlin-München 1979 - 1983.
2.
Zit. nach Georges Sadoul, Histoire général du cinema. Bd. 2: Les pionniers du cinéma, 1897 - 1909, Paris 1950, S. 536ff.