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Grundzüge der Wirtschaft

Joachim Betz

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Indien weist hohe Wachstumsraten, konstante Beschäftigungsquoten und robuste wirtschaftliche Strukturen auf. Problematisch bleibt die hohe Staatsverschuldung und nach wie vor sind umfangreiche Reformmaßnahmen nötig, um Produktivität sowie den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu steigern.

Gut ausgebildete Arbeitskräfte sind in Indiens Wirtschaft gefragt. Ingenieure im September 2017 in Noida, einer Vorstadt Neu-Delhis in Uttar Pradesh (© Udit Kulshrestha/ Bloomberg via Getty Image)

Indien ist in den vergangenen Jahren zur am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft unter den großen Entwicklungsländern geworden, mit Wachstumsraten von ca. 7,5 Prozent jährlich in den Jahren 2014 bis 2016, mit leichter Abschwächung danach. Das ist zwar etwas weniger als vor der globalen Finanzkrise 2007/08, aber genug, um die Armut im Land weiter deutlich zu verringern, damit die soziale (Bildung, Gesundheit) und wirtschaftliche Infrastruktur erheblich zu verbessern, die Arbeitslosigkeit nicht steigen zu lassen und – auf lange Sicht – zu den führenden Industriemächten aufzuschließen.

Wirtschaftsdaten kompakt (© Germany Trade & Invest 2017)

Das alles vollzieht sich, im Gegensatz zu anderen Schwergewichten im globalen Süden, unter relativ stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (geringes Leistungsbilanzdefizit, mäßige internationale Verschuldung, sinkende Inflation). Schon heute rangiert das Land kaufkraftbereinigt auf Platz drei der größten Volkswirtschaften in der Welt (in laufender Währung auf Platz sechs), spekuliert wird auch bereits darüber, wann es die USA und China an Wirtschaftskraft und damit auch an weltweitem politischen Gewicht überholt haben wird. Manche indische Beobachter sprechen bereits vom Ausbruch eines trilateralen Zeitalters, in dem nur noch diese drei Mächte eine wesentliche Rolle spielen werden. Der Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit, als das Land ein recht dürftiges Wachstum aufwies (etwas mehr als drei Prozent pro Jahr), häufig in Zahlungsbilanzprobleme geriet, von Entwicklungshilfe abhängig war und zeitweise seine Bevölkerung nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen konnte, könnte nicht größer sein.

Von der Selbstversorung zur marktwirtschaftlichen Öffnung

Beiträge der Wirtschaftssektoren zum wirtschaftlichen Wachstum Indiens (© ADB)

Diese Probleme waren zu einem großen Teil der nach der Unabhängigkeit gewählten Strategie weitgehender Selbstversorgung (self-reliance) geschuldet, damit zusammenhängend der handelspolitischen Abschließung gegenüber dem Weltmarkt, der Behinderung ausländischer Investitionen und inländischer Großbetriebe, der engmaschigen staatlichen Lenkung der Wirtschaftsbereiche, die nicht dem Staat vorbehalten waren, und der Lenkung von Bankkrediten in staatlich definierte, prioritäre Bereiche.

Dieser Strategie lagen zwar löbliche Motive zugrunde – Verhinderung wirtschaftlicher Machtkonzentration und wachsender sozialer und regionaler Disparitäten, rasche und breite Industrialisierung –, ihre Ergebnisse ließen aber zunehmend zu wünschen übrig. Mit hohem investiven Aufwand wurden geringer werdende Fortschritte erzielt, die zahlreichen Staatsbetriebe fuhren wachsende Verluste ein, die Qualität indischer Produkte blieb recht bescheiden, der Anteil Indiens am internationalen Handel sank dramatisch, das dichte Geflecht staatlicher Kontrollen behinderte die privaten Unternehmer und leistete der Korruption Vorschub.

Es darf aber nicht vergessen werden, dass Indien seine Entwicklung weitestgehend aus eigenen Mitteln finanzierte: Die Entwicklungshilfe für das Land war stark rückläufig und (relativ) nie besonders hoch, die Selbstversorgung wurde faktisch erreicht und, noch wichtiger, damit auch die Schaffung einer breit aufgestellten Industrie sowie die Ausbildung einer beachtlichen Anzahl wissenschaftlicher und technischer Fachkräfte.

Mitte der 1980er-Jahre leitete die Regierung Rajiv Gandhi einen vorsichtigen Kurswechsel ein und liberalisierte zunächst den Binnenmarkt. Motiviert waren die Reformen erstens dadurch, dass konkurrierende Staaten wie vor allem China Reformen früher eingeleitet hatten und an Indien wirtschaftlich vorbeizogen (mit bedenklichen sicherheitspolitischen Konsequenzen). Hinzu traten zweitens die Unzufriedenheit der wachsenden Mittelschicht mit der Auswahl und Qualität der angebotenen Konsumgüter und drittens der Druck neuer Unternehmensgruppen in fortgeschrittenen Sektoren, die ausländische Technologie benötigten.

Die erste Liberalisierungswelle brachte vor allem einen Abbau der staatlichen Unternehmensregulierung und erleichterte die Einfuhr von Investitionsgütern, strandete aber bald aufgrund wachsender Leistungsbilanzdefizite aus vielfältigen Gründen (wie z. B. Zusammenbruch des Handels mit dem Ostblock, Anstieg der Ölpreise) und machte eine als demütigend empfundene Kreditaufnahme beim Internationalen Währungsfonds Anfang 1991 unvermeidlich. Die Krise ist aus Sicht der reformbedingten Dynamik später positiv zu werten, schwächte sie doch politisch jene Kräfte, die vom bisherigen Wirtschaftskurs profitierten, also vor allem die Bürokraten und die Unternehmer bzw. Arbeitskräfte in den vor Konkurrenz geschützten Bereichen.

Die Reform von 1991 und ihre Wirkungen

Die wirtschaftlichen Reformen in den Jahren ab 1991 selbst waren nicht revolutionär, sondern umfassten die übliche wirtschaftsliberale Mischung:

  • Die indische Rupie wurde gleich zu Beginn abgewertet.

  • Fast alle Industriebereiche wurden liberalisiert sowie für in- und ausländische Privatinvestitionen (Ausnahmen heute: Rüstungssektor und Eisenbahnen) geöffnet.

  • Das einstmals hochgradig restriktive Außenhandels- und Währungsregime wurde gelockert. Der durchschnittliche Zollsatz sank von 87 auf zwölf Prozent. Die Devisenzwangswirtschaft wurde aufgehoben, seit 1993 ist die indische Rupie im Außenhandelsverkehr voll konvertierbar, für den Kapitalverkehr wurden die Kontrollen sukzessive gelockert.

  • Der Finanzsektor wurde vorsichtig für in- und ausländische Privatbanken geöffnet. Zur Stärkung der Finanzkraft der Banken wurden internationale Kapitalisierungsstandards eingeführt und eine einschlägige Überwachungsbehörde eingerichtet. Zur Entwicklung und Überwachung des Aktienmarktes wurde eine eigene Behörde gegründet, Transaktionen wurden erleichtert und Einrichtungen für den elektronischen Handel geschaffen. Die meisten Zinskontrollen gelten nicht mehr, ausländische Investmentfonds haben nun (begrenzten) Zugang zum indischen Aktienmarkt. Später wurde auch der Versicherungssektor ausländischer Beteiligung geöffnet.

  • Das Steuersystem wurde wesentlich vereinfacht, die Steuersätze deutlich reduziert. Nach langem Vorlauf wurde 2017 auch erstmals eine landesweite Mehrwertsteuer eingeführt, die einen einigermaßen einheitlichen Wirtschaftsraum schaffen soll.

Diese Reformen waren vom Umfang her nicht anders oder drastischer als andernorts, sie setzten aber eine beachtliche wirtschaftliche Dynamik frei. Indien wurde nicht nur zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften, sondern auch eine, deren Wachstum zum erheblichen Teil vom effizienteren Einsatz der Produktionsfaktoren getragen wurde, vor allem in Sektoren, die schon zuvor hierbei vorn lagen. Wachsende Importkonkurrenz übte also disziplinierende Wirkung aus.

Der wirtschaftliche Strukturwandel beschleunigte sich, der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt ist mittlerweile auf 17 Prozent gesunken (1990: 29 Prozent), jener der Industrie auf 30 Prozent gestiegen (1990: 26,5 Prozent), wobei freilich der Fertigwaren produzierende Sektor stagnierte (2015: 16,3 Prozent), der Anteil des Dienstleistungssektors beträgt

53 Prozent (1990: 45 Prozent). Im Dienstleistungsbereich expandierten hauptsächlich die Banken, die IT- und unternehmensbezogenen Dienste sowie die Telekommunikation. Insgesamt florieren in der Industrie die kapitalintensiven Branchen und jene, die vergleichsweise gut ausgebildete Arbeitskräfte einsetzen. Das gilt auch für die Dienstleistungen. Daher waren die Beschäftigungseffekte der Reformen relativ bescheiden.

Außenhandel (Waren) (© Germany Trade & Invest 2017)

Der Außenhandel nahm nach den Reformen schwunghaft zu, die Exporte stiegen bald um 20 Prozent pro Jahr und 2015 auf 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (1990: 6,9 Prozent). Er ist im Zuge der weltwirtschaftlichen Entschleunigung bis 2015 etwas zurückgegangen, steigt aber schon wieder. Hohes Wachstum zeigen vor allem die Kommunikations- und unternehmensbezogenen Dienstleistungen.

Darüber hinaus ist es Indien gelungen, die Exportpalette und die Abnehmer seiner Ausfuhren deutlich zu diversifizieren. Insbesondere der Anteil der asiatischen Nachbarländer erhöhte sich, auch gefördert durch schon vereinbarte oder geplante Freihandelsabkommen. Besonders dynamische Exportsektoren sind neben den Dienstleistungen der chemische und pharmazeutische Sektor, die Textilindustrie und der Maschinenbau. Die Textilausfuhren profitieren vom Abbau der Importquoten in den Industrieländern, die im Rahmen des 2005 ausgelaufenen Welttextilabkommens festgelegt waren, die Dienstleistungsexporte wurden vom fortgesetzten Outsourcing entsprechender Unternehmensaktivitäten begünstigt.

Die ausländischen Direkt- und Portfolioinvestitionen haben von einem belanglosen Volumen vor den Reformen auf 44 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 zugenommen. Zusammen mit den Überweisungen der im Ausland lebenden Inder finanzieren sie problemlos das Außenhandelsdefizit, also die Differenz zwischen Importen und Exporten. Allerdings beträgt der Kapitalzufluss nur einen Teil der Summe, die in die Volksrepublik China fließt. Ausländische Investitionen kommen auch nur für knapp sechs Prozent der Kapitalbildung auf, konzentrieren sich überdies auf technologie- und kapitalintensive Sektoren sowie auf den Dienstleistungsbereich und sind eher binnenmarktbezogen als exportorientiert.

Sie haben aber zusammen mit den steigenden Exporten zu einer deutlichen Verbesserung der Leistungsbilanz und Verringerung der externen Verschuldung geführt: Frühere, massive Defizite haben sich zuletzt stark reduziert oder zeitweise in einen geringen Überschuss verwandelt. Indien verfügt mittlerweile über Devisenreserven in Höhe von 360 Milliarden US-Dollar, ein ausreichender Puffer gegen mögliche externe Schocks und spekulative Attacken auf die Währung. Die externe Verschuldung ist beherrschbar und der Anteil kurzfristiger Kredite, die bei schneller Rückforderung das Land in Turbulenzen stürzen könnten, ist belanglos.

Heute gibt es keine Partei von nationaler Bedeutung, auch nicht die Kommunisten, die den Nutzen einer marktwirtschaftlichen Orientierung – zumindest grundsätzlich – bestreiten würde. Die wesentlichen Gründe für den vergleichsweise breiten marktwirtschaftlichen Konsens liegen darin, dass

  • die Regierung die einschlägigen Reformen graduell und ohne scharfe Brüche durchführte;

  • die Wahlbevölkerung auch durch andere Themen abgelenkt wurde, insbesondere die Auseinandersetzungen um den säkularen Charakter des Staates;

  • sich die Reformen materiell auszahlten, allerdings zunächst vornehmlich für die dynamischen Regionen und urbane/gebildete Gruppen. Da weite Bevölkerungsteile von den Reformen zunächst nur begrenzt profitierten, wurde die besonders marktfreundliche BJP-Regierung zwischenzeitlich an der Wahlurne (2004) abgestraft.

Im Konkreten, so zum Beispiel bei der Privatisierung von Staatsunternehmen, der weiteren Öffnung für private Direktinvestitionen und der Preisanpassung für staatliche Leistungen, bildet sich vonseiten der Parteien zuweilen Widerstand – vor allem dann, wenn sie nicht selbst die Regierung stellen. Mit der weitgehenden Beseitigung der Investitionslenkung müssen sich nun auch einzelne Landesregierungen um private Direktinvestitionen sowie um die Verbesserung ihrer Standortbedingungen bemühen und tun dies auch – mit allerdings unterschiedlichem Erfolg.

Wirtschaftliche Zukunftsaussichten

Die künftigen Wachstumsaussichten für Indien sind relativ günstig. Das Land verfügt erstens im Gegensatz zu China über ein noch bis ca. 2040 wachsendes Arbeitskräftereservoir und damit über eine "demografische Dividende". Zweitens gibt es noch Spielraum für die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, etwa durch Abzug von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft, weitere Verstädterung oder durch Effizienzsteigerungen innerhalb von einzelnen Sektoren. Drittens ist das volkswirtschaftliche Gewicht des warenproduzierenden Gewerbes noch sehr gering, ein zu erwartender wirtschaftlicher Strukturwandel wäre ebenso belebend wie die Steigerung des bislang schwachen intraregionalen Handels. Dazu kommt, dass Indien für seinen Entwicklungsstand über relativ gute wirtschaftliche, rechtliche und politische Institutionen verfügt: Durch die demokratische und föderale Verfassung des Landes lassen sich wirtschaftlich destabilisierende Konflikte einhegen. China hat diesen Übergang erst noch vor sich.

Man darf aber die Zukunft auch nicht in zu rosigen Farben malen; die indische Regierung veranschlagt überoptimistische Wachstumsraten von acht bis neun Prozent pro Jahr für die Zeit bis 2030 oder gar 2040. Dieses Tempo so lange durchzuhalten, haben bislang nur China und Südkorea geschafft, weil, wie die Erfahrung lehrt, nach der Ernte der relativ schnell wachsenden ersten Reformfrüchte und der anfänglichen Verringerung der Produktivitätslücke gegenüber den Konkurrenten das Wachstum sich nahezu zwangsläufig verlangsamt, vor allem dann, wenn weitere Strukturreformen ausbleiben. Diesbezüglich gibt es noch eine ganze Reihe offener Fragen.

Reformdefizite

Staatliche Subventionen

Zu den Reformdefiziten gehört zunächst die dringende Sanierung des Staatshaushalts. Das diesbezügliche Defizit ist zwar auf mittlerweile 6,5 Prozent des BIP gesunken, der Kapitaldienst für die aufgenommenen Schulden verschlingt aber immer noch 25 Prozent der Haushaltsausgaben (weitere 13 Prozent entfallen auf die Landesverteidigung) und erschwert dem Staat den dringend notwendigen Ausbau der Infrastruktur, des Bildungs- und Gesundheitswesens und des sozialen Schutzes. Im Übrigen schränkt die hohe Verschuldung auch den Kreditspielraum für private Investitionen ein.

Die Ursachen dieser dauerhaft hohen Defizite sind weitgehend politischer Natur. Erstens entfällt ein beträchtlicher Teil der Staatsausgaben auf Subventionen für Nahrungsmittel, Wasser, Düngemittel und Energie, die entweder vor allem vergleichsweise wohlhabenden Haushalten/Bauern zugutekommen oder die Armen nur mit hohen Streuverlusten erreichen. Zweitens ist die Bezahlung der im öffentlichen Dienst Beschäftigten nicht gerade spärlich und wird alle fünf Jahre durch Lohnkommissionen kräftig aufgestockt. Drittens sind die Steuereinnahmen im Vergleich zu anderen Demokratien gleicher Entwicklungsstufe gering, weil nur ein kleiner Teil der Beschäftigten (knapp sechs Prozent) Steuern entrichtet, die Höchstsätze bei der Einkommens- bzw. Körperschaftssteuer gesenkt, die Steuerschlupflöcher aber nicht beseitigt wurden. Immerhin wurden schon vor Jahren eine gesetzliche Verpflichtung zum Defizitabbau beim Bund und den Ländern beschlossen (diese allerdings zwischenzeitlich ausgesetzt) sowie ab 2010 eine deutliche Verringerung der Energiesubventionen.

Stromversorgung

Anteil der Stromkapazität (© Mercom Capital Group, C. Inton, 12. April 2017)

Das rasche indische Wirtschaftswachstum seit Einleitung der Reformen brachte deutliche Mängel der infrastrukturellen Ausstattung ans Licht bzw. verschärfte diese. Sie sind weniger relevant bei den unternehmensbezogenen oder IT-Dienstleistungen, die nicht viel Infrastruktur benötigen, sondern kommen besonders in den klassischen Industriesektoren zum Tragen. Wirtschaftsexperten sind sich einig, dass sich die staatlichen Infrastrukturaufwendungen mindestens verdoppeln müssen, wenn die von der Regierung angestrebte Wachstumsrate dauerhaft erreicht werden soll.

Hauptdefizit ist die für Firmen teure, nicht ausreichende und unzuverlässige Stromversorgung. So wird in Indien häufiger der Strom abgestellt, Unternehmen müssen sich daher Generatoren anschaffen und erleiden Verluste durch Geräteschäden. Ursache für diese Probleme ist, dass es den meist staatlichen Stromverteilungskonzernen untersagt ist, von den privaten Kunden, insbesondere den wahlpolitisch wichtigen Bauern, kostendeckende Tarife zu verlangen – entsprechend hoch sind die Tarife für industrielle Abnehmer –, die Stromversorgung säumiger Kunden einzustellen oder heimliche Stromentnahmen auch nur zu ahnden. Entsprechend fehlen ihnen Mittel, um in die Erweiterung der Netze zu investieren oder ausreichend Strom zu kaufen.

Indische Regierungen haben auf die sich seit Jahren stetig verschärfende Stromkrise seit 1991 mit einer ganzen Serie von Regeländerungen geantwortet, die vor allem Privatinvestoren für die Stromgewinnung interessieren sollten, die Teilung der unionsstaatlichen Stromkonzerne in die Gewinnung, den Transport und die Verteilung von Strom vorsahen und Regulierungsbehörden zur Festsetzung der Stromtarife einsetzten. Bisher zeigten diese Maßnahmen nur mäßigen Erfolg, weil sich an der Ertragslage der Stromverteilungsunternehmen aufgrund zu geringer Tariferhöhungen und begrenzter Unterbindung von rekordhohen Transmissionsverlusten nur wenig geändert hat. Kürzlich wurde erneut ein Sanierungsprogramm für die Stromverteilungsunternehmen vorgelegt, das ihnen Schuldenerlass bei nachprüfbarer Leistungsverbesserung verspricht.

Transportwesen

Auch das Transportwesen und die Hafeninfrastruktur sind noch verbesserungsbedürftig. Immerhin wurde von der BJP-geführten Regierung ab 1999 ein umfangreiches Programm zum Bau von Schnellstraßen zwischen den indischen Metropolen aufgelegt und ein anderes zum Ausbau ländlicher Verbindungsstraßen. Die Eisenbahnen wurden aber zunächst weiter vernachlässigt, mit der Folge, dass sich der Frachtverkehr weiter auf die Straßen verlagerte. Der Güterverkehr auf der Schiene leidet auch unter dem schneckenhaften Tempo und unter der Tatsache, dass er wegen der Kreuzsubventionierung des Personenverkehrs vergleichsweise teuer ist. Mit dem Haushaltsplan 2014/15 wurde ein umfangreiches Programm zur Verbesserung und Beschleunigung des Schienentransports angekündigt. Gleichfalls sollen die Häfen ausgebaut werden, in denen die Liegezeiten (und damit Kosten) nur wenig konkurrenzfähig sind.

Es sind aber zuletzt zwei Initiativen der indischen Regierung zu vermelden, die die infrastrukturellen Defizite des Landes grundlegend bessern sollen. Erstens wurde 2015 der Ausbau/Bau von 100 sogenannter Smart Cities beschlossen, gemeint ist damit die Sanierung bestehender oder der Bau neuer Städte auf der grünen Wiese mit verlässlicher Wasser- und Stromversorgung, erstklassiger Verkehrsanbindung und Ausstattung mit Bildungsinstitutionen. Dies soll mithilfe privaten (auch ausländischen) Kapitals umgesetzt werden. Zweitens wurde ein staatlicher Fonds zur Finanzierung von Infrastruktur gegründet, der Mittel an den Kapitalmärkten aufnehmen und an private Infrastrukturunternehmen ausleihen soll.

Arbeitsrecht

Als wichtige Investitionsbremse galt und gilt das indische Arbeitsrecht. Es wird durch 54 einzelne, zum Teil antiquierte Gesetzeswerke geregelt. Der koloniale Trade Unions Act erlaubte die problemlose Gründung von Gewerkschaften, die sich daher vervielfachten und gegenseitig zu überbieten trachteten, wenngleich die einstmals häufige Streikaktivität mittlerweile deutlich zurückgegangen ist. Der Industrial Disputes Act von 1948 beschränkt Entlassungen, Versetzungen und die Anwendung neuer Technologien. Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten müssen für Entlassungen staatliche Genehmigungen einholen, die selten gewährt werden. Dazu kommen hohe Abfindungen bei genehmigten Entlassungen, Behinderungen der Leiharbeit und zahlreiche andere Auflagen.

Behauptet wurde, dass die arbeitsrechtlichen Bestimmungen kapitalintensives Wachstum gefördert und Beschäftigung verhindert hätten, weil Unternehmen aus Angst, die neue Belegschaft nicht mehr loszuwerden, Arbeitskräfte gar nicht erst eingestellt hätten. Arbeitsgesetze können aber kaum ein wesentliches Beschäftigungshindernis darstellen, weil der größte Teil der Arbeitskräfte (annähernd 90 Prozent) gar nicht im formalen und damit im allein kontrollierten Wirtschaftssektor beschäftigt ist, etliche Bereiche (z.B. die Special Economic Zones = Exportplattformen) davon ausgenommen sind, betroffene Unternehmer sich entweder nicht registrieren ließen, Leiharbeiter einstellten oder die Produktion teilweise in Unternehmen des informellen Sektors auslagerten. Manche Unionsstaaten haben auch die Genehmigung von Massenentlassungen heraufgesetzt oder von Leiharbeit großzügiger gehandhabt. Das Regime der Arbeitssicherheit ist also bereits ziemlich löcherig geworden.

Miet-, Immobilien-, Boden- und Insolvenzrecht

Das Miet-, Immobilien- und Bodenrecht ist stark reformbedürftig. Wegen mangelhafter Aufzeichnungen erschweren unklare Besitztitel die Übereignung und verringern das Angebot an entwicklungsfähigen Flächen. Veraltete und inflexible Flächennutzungspläne frieren nicht mehr genutzte Flächen – etwa von bankrotten Unternehmen – ein, unrealistisch niedrige Mieten haben zu einer Verknappung des Angebots geführt, während auf dem "freien" Markt die Preise in die Höhe schießen. Dazu kommen noch zum Teil massive "Stempelgebühren" für den Grunderwerb.

Wesentlich gravierender sind die Defizite beim Insolvenzrecht: Die Reorganisation, der Bankrott und die Liquidation werden in Indien durch unterschiedliche Gesetzeswerke geregelt. Die Liquidation insolventer Unternehmen ist zudem ein rechtlich schwieriges Unterfangen und trifft auf staatliche Stellen, die versuchen, zum Schutz der Arbeitskräfte den Bankrott hinauszuzögern, und auf völlig überlastete Abwicklungstribunale. Eine Unternehmensliquidation dauert im Durchschnitt 4,3 Jahre (in China 1,7 Jahre) und bringt den Gläubigern gerade einmal ein Viertel ihrer Forderungen ein. Ein Gesetz von 2002 erlaubte Banken immerhin die schnellere Übernahme der verpfändeten Sicherheiten; zu deren weiterem Schutz wurde 2016 endlich ein neuer Kodex vorgelegt, der die Unternehmensabwicklung vorsieht, wenn rückständige Schulden nicht innerhalb von sechs Monaten beglichen werden.

Landwirtschaft

Völlig vernachlässigt wurden längere Zeit Reformen im Bereich der Landwirtschaft, in der noch immer fast 50 Prozent der indischen Arbeitskräfte beschäftigt sind. Das landwirtschaftliche Wachstum insgesamt war in den vergangenen Jahren recht schwach, die Zunahme der Produktivität ist auf äußerst bescheidene Werte gesunken. Dies rührt daher, dass die bisher verfolgte landwirtschaftliche Strategie (Nahrungsmittelselbstversorgung durch Preisstützung für die Bauern, Ausbau der künstlichen Bewässerung, Subventionen für Dünger, Strom und Wasser sowie strenge Regulierung der Märkte) und die frühere, massive Produktionssteigerung durch den Anbau von Hochertragssorten im Rahmen der sogenannten Grünen Revolution zunehmend an Schwungkraft eingebüßt haben und an ihre ökologischen Grenzen stoßen. Produzentensubventionen verdrängten Ausgaben für die ländliche Infrastruktur, die landwirtschaftliche Beratung und Forschung sowie den Unterhalt der bisherigen Investitionen; auch haben sie eine regressive Verteilungswirkung – das Gros wird durch reiche Bauern und Unionsstaaten abgeschöpft.

Die indische Regierung konnte sich wegen der starken Bauernlobby und ihres wahlentscheidenden Gewichts bisher nicht zu wesentlichen Reformen durchringen, verlangt aber gleichzeitig von anderen den Abbau der Exportsubventionen. Immerhin beschloss die Regierung unter Premierminister Singh nach 2004 ehrgeizige Programme für den ländlichen Wohnungs- und Straßenbau, die Elektrifizierung sowie die Revitalisierung des ländlichen Kreditwesens. Diese sind schon teilweise umgesetzt. Angestrebt ist auch eine Diversifikation der Landwirtschaft in Richtung höherwertiger Produkte wie Obst und Gemüse und – weil der Staat die dafür notwendige Infrastruktur nicht allein erstellen kann – mehr Raum für Direktverbindungen zwischen Bauern und privaten Verarbeitungsunternehmen.

Bürokratie

Eine weitere deutliche Entbürokratisierung des Landes wird von vielen Experten als notwendig betrachtet. Hierbei zeichnen sich unter der Regierung Modi schon deutliche Verbesserungen bei der Entschlackung des einstmals byzantinischen Lizenzierungswesens ab. Im Endstadium der Reformen sollen etwa Betriebsgenehmigungen durch eine einzige Anlaufstelle und weitgehend auf elektronischem Weg sowie auf Basis von Selbstauskünften der Antragsteller bearbeitet werden. Damit würden für zahlreiche Stellen die Möglichkeiten zur Vorteilsnahme entfallen, was diese Reformansätze in der Bürokratie nicht unbedingt beliebt macht. Erste Erfolge scheinen sich abzuzeichnen: Indien ist beim einschlägigen Index der Weltbank neuerdings deutlich nach vorne gerückt (von Platz 142 von 185 Ländern in 2015 auf jetzt Platz 100 von 190). Es ist bei der Verbesserung des Investitionsklimas zum ersten Mal in die Riege der besten 10 aufgestiegen, hat vor allem durch schlankere Beantragungsprozeduren und ein neues Insolvenzverfahren Boden gut gemacht.

Bank- und Kreditwesen

Auch die Tiefe des indischen Finanzmarktes ist für die rasch wachsende Wirtschaft noch zu gering. Banken sind gezwungen, einen hohen, freilich sinkenden Anteil ihrer Aktiva (zurzeit 21,5 Prozent) in Staatspapieren anzulegen und 40 Prozent des Rests für prioritäre Belange (etwa die Landwirtschaft) zu reservieren. Das drückt den Kreditspielraum der übrigen Wirtschaft, insbesondere der Klein- und Mittelbetriebe. Die Unternehmen finanzieren sich stark durch relativ kurzfristige Bankkredite, nicht aber durch Anleihen, die andernorts einen guten Teil des aufgenommenen Kapitals stellen. In der Folge hat die Verschuldung von Betrieben durch kurzfristige Bankkredite deutlich zugenommen.

Die Kapitaldecke dieser Banken ist an sich ausreichend, sie sitzen aber auf einem wachsenden Berg "fauler" Kredite, für die schon seit über 90 Tagen keine Zinsen entrichtet wurden. Stromverteilungsunternehmen und halbstaatliche Infrastrukturprogramme gehören zu den wichtigsten säumigen Schuldnern. Früher wurden bankrotte Firmen auf Kosten der Gläubiger (zum Erhalt der Arbeitsplätze) lange am Leben gehalten. Seit 2016 erlaubt ein neues Konkursrecht den Gläubigern im Falle des Zinsverzuges die schnellere Einleitung eines Insolvenzverfahrens.

Immerhin hat sich der Anteil von Bürgern mit eigener Bankverbindung durch ein neues, 2014 gestartetes Programm deutlich erhöht. Dies wird es ermöglichen – zusammen mit der Schaffung neuer Bankfilialen bzw. mobiler Bankvertreter, der Erfassung der indischen Bevölkerung durch Identifikationskarten und der nahezu flächendeckenden Verbreitung von Mobiltelefonen –, allen Bürger staatliche Transfers direkt zukommen zu lassen, also Mittelsmänner auszuschließen und die bisherigen Sachsubventionen (etwa für Energie und Lebensmittel) durch Direktzahlungen zu ersetzen, zweifelsohne ein beachtlicher Fortschritt.

Beschäftigungssituation

Wichtiger als der aufgelistete Reformbedarf in Einzelbereichen ist die Tatsache, dass die wirtschaftliche Dynamisierung des Landes nur vergleichsweise begrenzte Breitenwirkung entfaltet hat. Das betrifft vor allem die Beschäftigungssituation: Jedes Jahr drängen ca. zwölf Millionen neue Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt, die Beschäftigungsintensität des Wachstums (also wie viel mehr Arbeitskräfte bei einer bestimmten Wachstumsrate eingestellt werden) ist aber nach den Reformen so weit gefallen, dass eine dauerhafte Steigerung der Wirtschaftsleistung um acht bis zehn Prozent nötig wäre, um die Arbeitslosigkeit nicht steigen zu lassen.

Indiens Wachstum ist stark kapitalintensiv und absorbiert im formalen Sektor vor allem gut ausgebildete Arbeitskräfte in Industrie und Dienstleistungen, nicht aber die Masse der Un- und Angelernten. Das hat dazu geführt, dass noch zu viele Arbeitskräfte in der unterproduktiven Landwirtschaft verharren und dass das Wachstum nicht zu einer deutlicheren Verringerung der absoluten Armut geführt hat. Der überwiegende Teil neuer Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungsbereich entstand im informellen Sektor; dieser bietet aber vergleichsweise schlechte Bezahlung und wenig Beschäftigungssicherheit (Zunahme der Leiharbeit) oder bedeutet Scheinselbstständigkeit.

Indien droht bei der Fortsetzung dieser Entwicklung eine dauerhafte Spaltung des Arbeitsmarktes (in privilegierte Arbeitnehmer und den Rest) mit allen dadurch erzeugten sozialen Spannungen. Aus diesem Dilemma gibt es nur zwei Auswege: Entweder man versucht, die Basis arbeitsintensiver industrieller Fertigung deutlich zu verbreitern oder in Indien findet eine wahre Ausbildungsrevolution statt, die das dortige Kompetenzniveau so weit anhebt, dass das Land in der Breite international auch bei technologisch anspruchsvolleren Gütern und Diensten konkurrieren kann. Auf beiden Wegen versucht die jetzige Regierung, Boden zu gewinnen.

Fussnoten