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Geschichte

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Infoaktuell Nr. 39/2022

Geschichte

Sebastian Sons

/ 8 Minuten zu lesen

QuellentextLänderinfo Katar

Fläche gesamt: 11 586 km2 (davon Wasser: 0 km2), Rang weltweit: 169
Landgrenzen gesamt: 87 km (Nachbarstaaten und Länge der Grenze (1): Saudi-Arabien 87 km)
Küste: 563 km
Politisches System: Absolute Monarchie (Staatsoberhaupt: Tamim bin Hamad Al Thani)
Bevölkerung: 2 508 182 (2022), Rang weltweit: 143
Religionen: Muslime 65,2 %, Christen 13,7 %, Hindu 15,9 %, Buddhisten 3,8 %, Volksreligionen <0,1 %, Juden <0,1 %, andere <1 %, konfessionslos <1 % (2020)
Median-Alter gesamt: 33,7 Jahre (Männer: 35 Jahre, Frauen: 28,2 Jahre) (2020)
Urbanisierung: Stadtbevölkerung: 99,3 % der Gesamtbevölkerung (2022)
Lebenserwartung gesamt: 79,81 Jahre (Männer: 77,7 Jahre, Frauen: 81,96 Jahre) (2022), Rang weltweit: 53
Fettleibigkeit: 35,1 % der Gesamtbevölkerung (2016), Rang weltweit: 15
BIP in US-Dollar: 245,66 Milliarden (2020) Rang weltweit: 62
BIP pro Kopf in US-Dollar (kaufkraftbereinigt): 85 300 (2020), Rang weltweit: 6
Arbeitslosigkeit: 8,9 % (2017), Rang weltweit: 136
Militärausgaben: 4 % des BIP (2021), Rang weltweit: 19

CIA World Factbook; Externer Link: https://www.cia.gov/the-world-factbook/countries/qatar/

Die Geschichte des modernen Katar ist untrennbar mit der Familie Al Thani verbunden, die die Geschicke des Landes seit über 150 Jahren bestimmt. Alle bisherigen Staatsoberhäupter, Emire genannt, waren und sind Mitglieder der Al Thani (das „Al“ bedeutet im Arabischen „Familie“ bzw. „Clan“ und ist nicht zu verwechseln mit dem arabischen Artikel „al-“).

Ein Kurzfilm zeigt alte Aufnahmen von Perlenfischern im katarischen Nationalmuseum in Doha, 2019. Bis in die 1920er-Jahre gehörte das Perlentauchen zu den Hauptwirtschaftszweigen in Katar, mehr als 50 Prozent der Bevölkerung arbeiteten in diesem Bereich. (© REUTERS/Ibraheem al Omari )

Die Familie war im Laufe des 18. Jahrhunderts aus dem Zentrum der arabischen Halbinsel, dem heutigen Saudi-Arabien, an die Küste des Persischen Golfes ausgewandert und baute dort ein Handelsnetzwerk auf. Bis zur Ankunft der Al Thani war keiner der dort ansässigen Stämme dominant, was es den Al Thani erleichterte, ihren Einfluss auszubauen.

Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich die Region um die Ortschaft al-Zubara im Norden des heutigen Katar als wichtiger Umschlagplatz für den regionalen Handel etabliert. Damals kontrollierte der kuwaitische Stamm der Al Khalifa die Handelswege, befand sich aber in einer Dauerfehde mit einflussreichen persischen Kräften aus Bahrain, was zu wechselhaften Machtverhältnissen führte. 1783 eroberten die Al Khalifa Bahrain. Ab den 1820er-Jahren verlor al-Zubara an Bedeutung und wurde von Doha, der heutigen Hauptstadt Katars, als Handelszentrum abgelöst. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Doha bereits 12 000 Menschen, während es 1850 nur 400 gewesen waren. 1849 ließ sich Emir Muhammad bin Thani in Doha nieder und festigte damit den Aufstieg der Al Thani zur lokalen Handelselite. Bereits zwei Jahre später koalierte er mit dem saudischen Herrscher Faisal bin Turki Al Saud, um den Vormarsch der konkurrierenden Al Khalifa aufzuhalten.

Bis in die 1920er-Jahre hinein bestimmten Perlentauchen, Fischerei und Handel das Leben der beduinischen Bevölkerung des heutigen Katar sowie der in der Küstenregion sesshaften Stammesgemeinschaften (hadar). Insgesamt arbeiteten mehr als 50 Prozent der katarischen Bevölkerung in der Perlenwirtschaft. Monatelang blieben die Männer auf See, um dort nach Austernmuscheln zu tauchen und diese nach ihrer Rückkehr an einflussreiche Stammesführer zu verkaufen. Es entwickelte sich ein lukratives Geschäft, von dem neben den Al Thani auch andere mächtige Familien profitierten, die mit ihnen politisch und wirtschaftlich konkurrierten.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gerieten die Al Thani dadurch immer wieder in Bedrängnis und drohten, ihre politische und wirtschaftliche Dominanz zu verlieren. So stellten Eroberungszüge und Überfälle der Al Khalifa aus dem heutigen Bahrain eine ständige Bedrohung für die Al Thani dar, und auch der Aufstieg der Al Saud in Saudi-Arabien sorgte für ein dynamisches Konfliktgeschehen am Persischen Golf. Zwischen 1795 und 1871 kam es wiederholt zu saudischen Überfällen auf katarisches Territorium und erst 1999 konnte ein jahrzehntelang schwelender Grenzkonflikt zwischen Katar und dem saudischen Nachbarn beigelegt werden.

Gleichzeitig versuchten die um Einfluss ringenden Familien, mit Heiratspolitik, politischen Allianzen und Zweckbündnissen ihre Macht zu sichern und konkurrierende Stämme wie die Al Sudan oder die Al Ainain auszuschalten oder zu integrieren. Den Al Thani gelang es dabei besser als anderen, Vereinbarungen zu schließen und sich als Partner externer Mächte zu positionieren.

Das heutige Katar befand sich formal bis Ende des Ersten Weltkriegs in der Einflusssphäre des Osmanischen Reiches, hatte aber für die Sultane in Istanbul nur nachrangige Bedeutung. Zu diesem Zeitpunkt war in Katar weder Gas noch Öl entdeckt worden, sodass der Ausläufer der arabischen Halbinsel wirtschaftlich weitgehend irrelevant war. Nachdem das britische Kolonialreich allerdings seinen Einfluss am Persischen Golf massiv ausgeweitet, mit mehreren mächtigen Familien Vereinbarungen geschlossen und ein System der indirekten Herrschaft etabliert hatte, rückte Katar verstärkt in den Fokus der internationalen Politik. Auch das Osmanische Reich nahm im Kontext der anwachsenden Rivalität mit den Briten Notiz von der kleinen Halbinsel an der Küste des Persischen Golfes.

Davon profitierten die Al Thani: Unter Scheich Muhammad bin Thani wurde 1868 auf dem britischen Kriegsschiff „Vigilant“ eine Vereinbarung mit den Briten geschlossen, die den Beginn der engen Partnerschaft zwischen den Al Thani und Großbritannien markierte und von Muhammads Sohn und Nachfolger Jassim nach dessen Tod 1878 ausgebaut wurde. Die Al Thani erklärten sich bereit, die Interessen der Briten zu bewahren und als deren Partner zu fungieren, während Großbritannien im Gegenzug als Schutzmacht der Al Thani auftrat und die Unabhängigkeit Katars von Bahrain bestätigte. 1916 wurde diese Vereinbarung durch Scheich Abdullah bin Jassim Al Thani, dem dritten katarischen Emir, vertraglich ratifiziert, was die dominante Machtposition der Al Thani festigte und ihnen einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen konkurrierenden Familien verschaffte.

Um jedoch nicht in Konflikte mit dem Osmanischen Reich zu geraten, wurden ab 1872 auch mit der Regierung in Istanbul ähnliche Vereinbarungen getroffen. Gleichzeitig führte 1892 die Entführung von Ahmad bin Muhammad bin Thani, Bruder von Jassim, durch die Osmanen zur Schlacht von Al Wajbah im März 1893, an der eine geeinte Front katarischer Stammesverbände teilnahm und die osmanischen Truppen zurückschlug. Dem gemeinsamen Erfolg gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner entspringt der Mythos von Jassim als „Nationalheld“ und „Staatsgründer“. Eine formelle Kolonialisierung durch das Osmanische Reich wurde so vermieden. Bereits damals zeigte sich das diplomatische Geschick der Al Thani, Partnerschaften zu diversifizieren, um sich nicht in einseitige Abhängigkeiten zu begeben und die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren. Das Konzept, sich mit Großmächten zu arrangieren, um das eigene politische Überleben zu sichern, sowie die Fähigkeit, miteinander konkurrierende Kräfte – wie die Osmanen und die Briten – gegeneinander auszuspielen, wurde zu einer Säule der katarischen Außen- und Sicherheitspolitik.

QuellentextFrühe Geschichte und britisches Protektorat

Über Katars Geschichte vor dem 18. Jahrhundert ist wenig bekannt. Die Bevölkerung bestand größtenteils aus beduinischen Nomaden und ein paar Fischerdörfern. Katars moderne Geschichte beginnt 1766, als verschiedene Familien aus Kuwait die katarische Halbinsel besiedelten, darunter die Al Khalifa. Deren neugegründete Siedlung al-Zubara entwickelte sich zu einem Zentrum des Handels und Perlentauchens. 1783 führten die Al Khalifa die Eroberung des nahegelegenen Bahrain an, wo sie bis heute die herrschende Familie sind. Nachdem sie Katar verließen, wurde das Land von einer Reihe verschiedener Scheichs regiert, der bekannteste von ihnen war Rahmah bin Ja-bir al Jala-himah, der einen Seekrieg gegen die Al Khalifa und ihre Verbündeten führte.

Die Briten wurden 1867 auf Katar aufmerksam, als ein Streit zwischen den bahrainischen Al Khalifa, die immer noch Anspruch auf al-Zubara erhoben, und den Einwohnern Katars zu einer großen Konfrontation eskalierte, in deren Verlauf Doha nahezu zerstört wurde. Bis zum Angriff betrachtete Großbritannien Katar als Teil des bahrainischen Machtbereichs. Die Briten unterzeichneten 1868 mit Muhammad bin Thani einen Vertrag, der die Weichen sowohl für die zukünftige Unabhängigkeit Katars als auch für die Herrschaft der Al Thani-Dynastie – die bis zu dem Vertrag nur eine von mehreren bedeutenden Familien auf der Halbinsel war – stellte.

Osmanische Streitkräfte, die die nahegelegene saudi-arabische Provinz al-Hasa erobert hatten, besetzten 1871 auf Einladung des Herrschersohnes Katar und verließen das Land nach der saudischen Rückeroberung von al-Hasa im Jahre 1913 wieder. 1916 unterzeichnete Großbritannien mit Katars Anführer einen Schutzvertrag, der früheren Vereinbarungen mit anderen Golfstaaten ähnelte und Großbritannien, im Gegenzug für britischen Schutz, die außenpolitische Kontrolle gab.

Im Jahre 1935 unterzeichnete Katar mit der Iraq Petroleum Company [die unter anderem von den heutigen Ölkonzernen Shell und Total gegründet wurde – Anm. d. Red.] einen Konzessionsvertrag; vier Jahre später wurde Öl entdeckt, jedoch erst 1949 im kommerziellen Maßstab gefördert. Die Einnahmen der Ölgesellschaft, die später Petroleum Development (Qatar) Limited und dann Qatar Petroleum Company hieß, stiegen drastisch an. Die Verteilung dieser Einnahmen führte zu ernsthaften Machtkämpfen innerhalb der Thani-Dynastie, die die Briten zum Eingreifen in die Emir-Nachfolge von 1949 veranlasste und im Jahre 1972 schließlich einen Palastputsch auslöste, der Khalifa bin Hamad Al Thani an die Macht brachte.

1968 kündigte Großbritannien Pläne zum Rückzug aus der Golfregion an. Nach Verhandlungen mit benachbarten Emiraten – den heutigen Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Bahrain – erklärte Katar am 3. September 1971 seine Unabhängigkeit. […]

Jill Ann Crystal und John Duke Anthony, „Qatar“, in: Encyclopedia Britannica; online unter: Externer Link: www.britannica.com/place/Qatar; Übersetzung: Stefan Schult

Diese Strategie setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg fort: Mittlerweile gehörte Katar zu den sogenannten Vertragsstaaten (trucial states), mit denen Großbritannien Schutz- und Handelsverträge geschlossen hatte. Mithilfe der Briten und einer wachsenden Zahl gut ausgebildeter Arbeitsmigranten aus benachbarten arabischen Staaten wie Ägypten oder Syrien hatten die Al Thani die formelle Herrschaft übernommen und begannen, staatliche Institutionen aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Perlenfischerei bereits rapide an Bedeutung verloren: Seit dem Beginn der kommerziellen Perlenzucht in Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die katarische Perlenwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig, was gemeinsam mit Naturkatastrophen (1925 wurde die katarische Perlenfischerflotte durch einen Sturm vernichtet) und der Weltwirtschaftskrise 1929 zu einem Niedergang dieses Wirtschaftssektors führte. In der Folge verließen viele einst mächtige Familien das Gebiet des heutigen Katar, während für die verbliebene Bevölkerung die „Jahre des Hungers“ begannen, wie diese Zeit der sozialen und sozioökonomischen Krise, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte, genannt wird. Doch auch in dieser Phase behaupteten sich die Al Thani: Im Gegensatz zu vielen ihrer Rivalen blieben sie in Katar und sicherten so ihr Machtmonopol. Mit der Vergabe von Ölförderkonzessionen an die Briten 1935 und der kommerziellen Ölproduktion ab 1949 und vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann der wirtschaftliche Aufschwung Katars. Den folgenden Emiren gelang es, den wirtschaftlichen Wohlstand aus den Ölverkäufen zu mehren, während die Perlenfischerei nur noch als nostalgische Erinnerung und Bestandteil des kulturellen Erbes instrumentalisiert wird. 1971 erklärte Katar seine Unabhängigkeit und löste sich aus dem britischen Protektorat.

Die Al Thani setzten ihre Politik des Einhegens und des politischen Ausgleichs nach der Unabhängigkeit fort, indem nicht nur die eigene Familie vom Ölreichtum profitierte, sondern auch andere einflussreiche Clans, die mit finanziellen Annehmlichkeiten und politischen Posten versorgt wurden. Mit der Entdeckung des größten Gasfeldes der Welt 1971 erhielt Katar erneut einen erheblichen Modernisierungsschub, wenngleich die kommerzielle Produktion von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) erst in den 1990er-Jahren begann und Katars Aufstieg zu einem der reichsten Staaten der Erde begründete. Das Emirat verfügt über 12,5 Prozent der auf der Erde nachgewiesenen Gasvorkommen und teilt sich das von Katar „North Field“ genannte weltweit größte Erdgasfeld mit Iran.

Katars Beitritt zu internationalen Organisationen (© bpb)

Die Al Thani professionalisierten das Staatswesen, etablierten den Alimentierungscharakter des katarischen Wohlfahrtsstaates und trieben den wirtschaftlichen Boom voran. So behaupteten sie sich als unangefochtene Machthaber in Katar. Zugleich wurde der Machtstatus einzelner Emire immer wieder von innerfamiliären Konkurrenten in Frage gestellt. Durch unblutige Palastputsche wurde die Herrschaft von Emir Ahmad bin Ali Al Thani (reg. 1960–1972) durch Khalifa Al Thani (reg. 1972–1995) beendet, der auch als Gründer des modernen Katar bezeichnet wird, weil er nach seiner Machtübernahme umfassende Verwaltungsreformen und Infrastrukturmaßnahmen durchführte. Außerdem erhöhte er die internationale Reputation Katars, indem er beispielsweise den Beitritt zur Weltbank, der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) veranlasste.

Emir Khalifa suchte auch die Annäherung an den alten Rivalen Saudi-Arabien, was von Teilen der Al Thani kritisch gesehen wurde. Der Einmarsch Iraks unter Saddam Hussein 1990/91 in Kuwait erschütterte nicht nur die Al Thani, sondern auch die anderen Herrscher am Persischen Golf. Katar betrachtete Saddams Vormarsch zudem als Versagen Saudi-Arabiens, enge monarchische Verbündete zu beschützen, was auch die Reputation Khalifas aufgrund seiner Nähe zum Königreich beschädigte und die Hinwendung zur Schutzmacht USA beschleunigte.
1995 wurde Khalifa, während er sich in Genf aufhielt, von seinem Sohn Hamad (reg. 1995–2013) durch einen Putsch abgelöst. Hamad setzte den Modernisierungskurs Khalifas fort, perfektionierte das Prinzip der „Soft Power“ und der „Public Diplomacy“ und nahm eine distanziertere Haltung gegenüber Saudi-Arabien ein. Ein Gegenputsch, der von einem Cousin des Emirs angeführt worden war und von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützt worden sein soll, scheiterte 1996. Als Reaktion besetzte Hamad wichtige Regierungsposten mit engen und vertrauenswürdigen Familienangehörigen.
Vor dem Hintergrund der Kuwait-Invasion machte Hamad vor allem die Partnerschaft mit den USA zu einem wesentlichen Pfeiler der katarischen Außenpolitik: 2003 verlegte die USA das Hauptquartier des Central Command (CENTCOM) aus Saudi-Arabien nach al-Udaid, was die regionale Bedeutung Katars aufwertete. Neben einer intensivierten Sicherheitspartnerschaft weiteten sich auch die wirtschaftlichen, kulturellen und bildungspolitischen Beziehungen zwischen beiden Staaten unter Hamads Herrschaft aus. Gleichzeitig unterhält Katar trotz seiner pro-westlichen Anbindung pragmatische Beziehungen zu Iran, was erneut als Ausdruck der katarischen Balancepolitik gewertet werden kann und Ähnlichkeiten zur Pendeldiplomatie zwischen Großbritannien und dem Osmanischen Reich aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert aufweist.
Unter Hamad entwickelte sich Katar somit zu einem einflussreichen Regionalakteur, der vor allem während und nach dem „Arabischen Frühling“ 2011/12 eine pro-islamistische Politik der Einflussnahme beispielsweise in Ägypten und Tunesien verfolgte. Dadurch nahmen die Spannungen mit den Nachbarn Saudi-Arabien und den VAE wieder zu. Auch Hamads Herrschaft endete 2013 mit einem Palastputsch, der von seinem Sohn Tamim angeführt wurde. Dieser herrscht seitdem als Emir Katars. Dieser Machtwechsel erfolgte weitgehend friedlich und wurde in der katarischen Propaganda als einträchtige Familienentscheidung dargestellt. Hamad wird vom katarischen Volk seitdem respektvoll als „Vater des Emirs“ bezeichnet.

Nach der Machtübernahme Tamims vollzog die pro-aktive Außenpolitik einen Wandel, da die Unterstützung für islamistische Gruppen und Protestbewegungen im Nahen und Mittleren Osten reduziert wurde. Tamims Ziel war es, Katars Rolle als diplomatischer Vermittler in Konflikten wiederherzustellen, die katarische Außenpolitik zum nüchternen Pragmatismus zurückkehren zu lassen und die Spannungen zu den Nachbarstaaten zu deeskalieren. Zwar agiert Katar seitdem wieder als Mediator in etlichen Regionalkonflikten, doch die Konflikte mit den Nachbarstaaten nahmen weiter zu und mündeten 2014 in einem Abzug der Botschafter Saudi-Arabiens, der VAE, Bahrains und Ägyptens aus Doha, ehe im Juni 2017 die sogenannte Golfkrise ausbrach (siehe Kap. Außenpolitik).

Der Herrschaft der Al Thani und dem Ansehen Tamims hat diese Blockade jedoch nicht geschadet – im Gegenteil: Basierend auf einer recht großen Unterstützung der einheimischen und auch ausländischen Bevölkerung konnte der Emir sein Image als „Schutzpatron“ stärken und seine Machtposition zementieren. Ihm gelang es, sich und seine Familie während der Krise als Verfechter des katarischen Wohlstands und Fortschritts zu inszenieren und so einen katarischen Nationalismus zu beschwören. Somit wurden die Al Thani, wie bereits häufiger in der katarischen Geschichte, zum Nutznießer der Krise. Innenpolitisch gelang es dem jungen Emir – zum Zeitpunkt seiner Machtübernahme war er erst 33 Jahre alt –, wichtige politische Positionen mit Technokraten und Experten zu besetzen, die nicht zur Al Thani gehören.

Dr. Sebastian Sons arbeitet als Researcher beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Er wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin zur pakistanischen Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien promoviert und absolvierte eine Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule.

Nach seinem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut und war Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Orient (2009–2014). Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin beschäftigt.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in den Golfmonarchien, deren Sport-, Entwicklungs- und Migrationspolitik. 2016 erschien sein politisches Sachbuch Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter, und im September 2022 Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss.