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Gesellschaft

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Sebastian Sons

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Katars Gesellschaft wirkt von außen zu Unrecht oftmals homogen und wird vor allem auf die Trennung zwischen katarischen Staatsangehörigen und nicht-katarischen Arbeitsmigrantinnen und -migranten reduziert. Ohne Zweifel bestimmt die Dominanz der ausländischen Arbeitskräfte den Diskurs um Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und Beteiligung, zumal sich die knapp 300 000 Staatsangehörigen in ihrer Identität und Herkunft bedroht fühlen. Viele von ihnen stigmatisieren die Migrantinnen und Migranten als „Sündenböcke“ für die Missstände in der modernen Gesellschaft, um von eigenen Verfehlungen abzulenken. Außerdem fürchten Teile der katarischen Bevölkerung ein Ende des wirtschaftlichen Booms und somit auch ein Ende ihres hohen Lebensstandards bei gleichzeitiger Annäherung an den Lebensstandard der benachteiligten Migrantinnen und -migranten.

Gesamtbevölkerungen in den Golfstaaten (© bpb)

Um diese Sorgen zu mindern, hat die Regierung ein Wohlfahrtssystem eingerichtet, das die Privilegien der Staatsangehörigen stärkt, während ausländische Arbeitskräfte rechtlich, politisch und kulturell benachteiligt bleiben. Staatsangehörige erhalten kostenlos Strom und Wasser, Bildung und Gesundheitsversorgung und sind von Steuerzahlungen befreit. Derweil leiden nicht nur die Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor unter massiven Ungleichbehandlungen. Auch gut verdienende angeworbene Fachkräfte aus den USA, Europa oder Indien haben kaum Chancen auf eine Einbürgerung oder eine rechtliche Gleichstellung mit katarischen Staatsangehörigen. In der Regel leben westliche Fachkräfte räumlich separiert in speziell gesicherten Wohnanlagen und treffen häufig nur im beruflichen Kontext mit katarischen Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Anzahl der Arbeitsmigrantinnen und -migranten in den Golfstaaten 2019 (© bpb)

Das Recht auf Einbürgerung wird auch in Katar geborenen Kindern verwehrt, sollte der Vater nicht die katarische Staatsangehörigkeit besitzen. In der Vergangenheit wurde bestimmten Bevölkerungsgruppen auch der katarische Pass entzogen, um politische Unruhen zu vermeiden und eine potenzielle Opposition auszuschalten. Im Zuge des Konfliktes mit Saudi-Arabien verloren 2005 mehr als 5000 katarische Mitglieder des Al Ghafran-Stammes, der zum größten auch in Saudi-Arabien ansässigen Stamm der Al Murrah gehört, die Staatsangehörigkeit, da ihnen die Behörden vorwarfen, am Putschversuch von 1996 beteiligt gewesen zu sein.

Der Begriff des „Stammes“ (qabila) erweist sich in der wissenschaftlichen Diskussion zunehmend als problematisch, da er aus eurozentrischer Sichtweise oftmals dafür verwendet wird, komplexe soziale Strukturen in den heterogenen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens zu vereinfachen und auf ein traditionelles „Stammesdenken“ zurückzuführen. Dennoch beschreibt der Begriff die hybriden und flexiblen Gesellschaftsstrukturen in Katar und wird auch von den katarischen Staatsangehörigen häufig verwendet, um ihr kulturelles Erbe zu beschreiben. Das Konzept des Stammes gewinnt insbesondere in den vergangenen Jahren wieder verstärkt an Bedeutung, um individuelle Zugehörigkeiten und kollektive Identitäten zu umschreiben, und ist somit zu einem (imaginierten) Referenzrahmen der katarischen Bevölkerung geworden. Trotzdem sollte die Bedeutung des „Stammes“ weder überbetont noch ignoriert werden.

Katars Bevölkerungspyramide 2022 (© bpb)

Die katarische Gesellschaft wird von einem gravierenden Geschlechterungleichgewicht geprägt, unter dem vor allem die Frauen leiden: 2016 lebten 1,9 Millionen Männer in Katar, während sich die Zahl der Frauen nur auf 577 000 belief. Dies liegt vor allem daran, dass für die Infrastrukturmaßnahmen im Baugewerbe in erster Linie männliche Arbeitskräfte benötigt werden. Frauen werden in einem weitgehend patriarchalischen System rechtlich gegenüber Männern im konservativen Familien- und Erbschaftsrecht benachteiligt, da durch die Frau initiierte Scheidungen oder Kompensationszahlungen vor Gericht kaum Aussicht auf Erfolg haben. Zudem sind sie im Rahmen des Vormundschaftssystems bei Fragen der Eheschließung oder der Arbeitsplatzwahl noch immer von männlichen Verwandten abhängig. Die katarische Regierung wehrt sich gegen diese Darstellung und betont ihre Ambitionen, rechtliche Gleichstellung für Frauen erreichen zu wollen. Insbesondere in der Wirtschaft und auch in Politik und Kultur sind Frauen in den vergangenen Jahren deutlich sichtbarer geworden und in durchaus einflussreiche Positionen aufgestiegen. So dient die proklamierte Gleichberechtigung der Frau dazu, das Image des Herrscherhauses zu verbessern.

QuellentextUnter Vormundschaft: Frauen in Katar

[…] Ein Fairplay-Problem hat Katar […] nicht nur, wenn es um die miserablen Arbeitsbedingungen für die Hunderttausenden von Gastarbeitern aus Indien, Bangladesch oder Nepal geht. Wie ein neuer Bericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zeigt, werden die oft gut gebildeten einheimischen Frauen in dem Golfemirat nach wie vor durch ein System der männlichen Vormundschaft unterdrückt, das teilweise gegen die eigenen Gesetze und die Verfassung verstößt.
[…] Inspiriert [von Reformen in Saudi-Arabien] kritisierten mehrere Frauen in Katar über anonyme Twitter-Konten die patriarchale Unterdrückung in ihrem Land. „Saudi-Arabien hat immer noch das drakonischste System, aber in einigen Punkten ist die Situation in Katar heute schlechter“, erklärt Rothna Begum von HRW im Gespräch.
Nachdem eine der aufmüpfigen Frauen von den katarischen Sicherheitsbehörden verhört worden war, löschten alle ihre Twitter-Konten. Zwei Frauen flüchteten gemäß HRW Ende 2019 nach Großbritannien. Eine von ihnen war die 21-jährige Nuf al-Madid. „Ich durfte nur zur Schule und wieder nach Hause gehen. Für alles andere musste ich mit Prügeln rechnen“, sagte sie HRW. Da eine unverheiratete Frau unter 25 Jahren das Land nicht ohne die Zustimmung ihres männlichen Vormundes – also ihres Vaters, Bruders oder Onkels – verlassen darf, musste Madid eine List anwenden. Sie verschaffte sich heimlich Zugang zum Mobiltelefon ihres Vaters und besorgte sich über die entsprechende Applikation ihre Ausreisebewilligung.
[…] [E]inige Elemente der männlichen Vormundschaft seien im Gesetz geregelt, andere nicht, und wiederum andere verstießen gar gegen die Verfassung [, so Begum]. Um zu heiraten, brauchen die Frauen aufgrund des Familienrechts die Einwilligung ihres männlichen Vormunds. Um zu arbeiten, gibt es indes keine gesetzliche Vorschrift. Trotzdem kann es sein, dass auch staatliche Institutionen eine schriftliche Einwilligung des männlichen Vormunds verlangen, bevor sie eine Frau einstellen.
[…] Oft kann der Mann seine Frau auch nach dem 25. Altersjahr mithilfe der gemeinsamen Kinder kontrollieren. Ohne die Einwilligung des männlichen Vormundes kann eine Mutter keine Reisepässe für ihre Kinder besorgen, über die Schulwahl oder eine medizinische Behandlung entscheiden. „Ich lebe mit den Kindern, sorge für sie, helfe ihnen bei den Hausaufgaben, aber ich kann nicht entscheiden, welches der beste Ort für ihre Ausbildung ist. Ohne seine Einwilligung kann ich die Jungs nicht einmal in einen Sportklub schicken“, sagte eine geschiedene Mutter HRW. „Die Kinder leben nur mit dir, aber du hast keine Autorität über sie.“
Die Mutter versuchte vor Gericht den Übertritt ihres Sohnes in eine andere Schule zu erzwingen. Der Richter jedoch lehnte ab: Er könne das gottgegebene Recht des Vaters, über die Schule seines Sohnes zu entscheiden, nicht beschneiden, lautete sein Urteil.
Paradoxerweise hat der katarische Staat die Frauen in den vergangenen Jahren durchaus gefördert. An den Universitäten sind sie längst in der Mehrheit. Im Arbeitsmarkt zeigt sich indes ein gegenteiliges Bild: Die Erwerbsquote der Männer liegt bei rund 70 Prozent, jene der Frauen nur bei 37 Prozent. Oft zementieren nicht allein Gesetze, sondern tief verankerte soziale Normen und Zwänge den konservativen Status quo. So studieren etwa doppelt so viele Männer wie Frauen mit einem staatlichen Stipendium im Ausland. Auch, weil die Väter sich um den Ruf ihrer Töchter sorgen. Die 20-jährige Nura etwa hätte gerne Geografie an einer ausländischen Universität studiert. Doch sie sagt: „Mein Vater ist ziemlich aufgeschlossen, aber er sorgte sich, was die Gesellschaft davon halten würde, wenn seine Tochter ins Ausland reiste.“
Die 40-jährige Asma meinte ihrerseits in einem Interview mit HRW: „Mädchen sind konstant in Quarantäne. Was die ganze Welt nun erlebt, ist in Katar das normale Leben.“

Christian Weisflog, „Frauen in Katar: das ganze Leben in der Quarantäne“, in: Neue Zürcher Zeitung vom 30. März 2021

Frauen spielen auch in der politischen Kultur eine entscheidende Rolle und werden von den Mächtigen oftmals für öffentlichkeitswirksame Zwecke instrumentalisiert, um die Modernität Katars und die Gleichberechtigung innerhalb der katarischen Gesellschaft zu zeigen. Bekanntestes Beispiel dieser Geschlechterpolitik ist die Frau des ehemaligen Emirs Hamad, Scheicha Musa bint Nasser al-Missned, die als Positivbeispiel der Frauenpolitik des Landes inszeniert wird. Als Gründerin der Qatar Foundation verfügt sie als Förderin des katarischen Bildungssystems und der Jugend über internationale Strahlkraft, die auch nach dem Regierungswechsel nicht gelitten hat. Außerdem besitzt sie als Mutter des jetzigen Emirs noch immer immensen politischen Einfluss.

Interessanterweise existieren in Katar kaum konfessionelle Konflikte, obwohl 15–20 Prozent der katarischen Bevölkerung schiitischen Glaubens sind. Im Gegensatz zu Ländern wie Saudi-Arabien, in denen die schiitische Minderheit unterdrückt und ausgegrenzt wird, oder Bahrain, wo die sunnitische Herrscherfamilie teilweise gewalttätig eine schiitische Mehrheitsbevölkerung regiert, gelten die katarischen Schiiten als verhältnismäßig gut integriert. Einige persischstämmige Händlerfamilien wie die Al Darwish oder die Al Fardan sind sogar zu einflussreichen Geschäftsleuten aufgestiegen. Zwar gehören die Al Thani offiziell der puristisch-traditionalistisch sunnitischen Islamauslegung des Wahhabismus an, der Mitte des 18. Jahrhunderts durch den saudischen Prediger Muhammad ibn Abd al-Wahhab in Zentralarabien ins Leben gerufen wurde. Dennoch zeigen sie im Umgang mit den konservativen Lehren des Wahhabismus einen deutlich pragmatischeren und weniger dogmatischen Umgang als die religiösen Eliten im benachbarten Saudi-Arabien.

Nicht-muslimische Glaubensgemeinschaften wie das Christentum, der Hinduismus oder der Buddhismus werden in Katar nicht diskriminiert; fast 30 Prozent der Bevölkerung gehören dem hinduistischen oder christlichen Glauben an. Sogar zu Vertreterinnen und Vertretern des Judentums besteht ein konziliantes Verhältnis. Mitglieder dieser Religionen können ihre eigenen Gotteshäuser eröffnen, da die katarische Regierung sich gern als Förderer der religiösen Toleranz inszeniert. Allerdings ist Apostasie [Lossagung vom Glauben – Anm. d. Red.] vom Islam ebenso untersagt wie Missionierungsbestrebungen durch Nicht-Muslime. Weiterhin ist Homosexualität unter Strafe verboten, was im Vorfeld der WM zu enormer Kritik in der internationalen Gemeinschaft geführt hat. Die katarische Regierung reagierte darauf mit der Aussage, alle Gäste willkommen zu heißen, solange sie die lokalen Gegebenheiten respektieren.

Dr. Sebastian Sons arbeitet als Researcher beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Er wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin zur pakistanischen Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien promoviert und absolvierte eine Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule.

Nach seinem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut und war Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Orient (2009–2014). Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin beschäftigt.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in den Golfmonarchien, deren Sport-, Entwicklungs- und Migrationspolitik. 2016 erschien sein politisches Sachbuch Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter, und im September 2022 Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss.