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Sport als internationale und nationale Marke

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Sport als internationale und nationale Marke

Sebastian Sons

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FIFA-Präsident Gianni Infantino mit Emir Tamim Al Thani bei der Gruppenauslosung der WM 2022 im April 2022 in Doha. Die FIFA verfolgt nach eigenen Aussagen eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber der Korruption – trotzdem ermittelt die US-Justiz wegen mutmaßlicher Stimmenkäufe bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022. (© REUTERS/Ibraheem al Omari)

Sportpolitik gehört nicht erst seit Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer zu einem wichtigen Bestandteil der katarischen Soft-Power-Strategie. Bereits zwei Jahre vor der nationalen Unabhängigkeit 1971 beantragte Katar die Aufnahme in den Fußballweltverband FIFA. Noch zu Zeiten des britischen Protektorats wurde 1960 der erste Fußballverband gegründet. Seitdem betrachtet die katarische Regierung Sport als wesentliches Instrument des Nation Branding. Dieses Konzept beruht darauf, Nationen als internationale Marke (brand) zu positionieren, um über die Entwicklung bestimmter Sektoren (wie etwa Sport, Unterhaltung, Tourismus, Finanzen oder Kultur) positive Aufmerksamkeit zu generieren, politische Machtstrukturen zu sichern, Investitionen anzulocken und diplomatische Partnerschaften aufzubauen. Damit zielen insbesondere „kleine Staaten“ wie Katar darauf ab, trotz ihrer geringen geografischen und demografischen Größe ihre globale Strahlkraft zu steigern und sich „größer zu machen, als sie sind“ (virtual enlargement), um damit das politische System aufrechtzuerhalten und die Macht der Herrschereliten zu bewahren. Katar gilt ähnlich wie andere Mikrostaaten wie Singapur oder Dubai in den VAE als prominenter Vertreter dieser umfassenden Nation-Branding-Strategie. Dabei fungiert Sport auf drei unterschiedlichen Ebenen als Bühne und Mittel der strategischen Kommunikation, um die sportpolitische Professionalität, die wirtschaftliche Attraktivität und die politische Relevanz Katars zu demonstrieren.

Ausrichtung von sportlichen Großveranstaltungen

Katar nutzt bereits seit den 1990er-Jahren den Sport, um sich international bekannter zu machen, die Wirtschaft zu diversifizieren und sich als regionales Zentrum großer Sportveranstaltungen zu etablieren – bereits vor der WM-Vergabe. In den 2000er-Jahren setzte in Katar ein regelrechter Boom bei der Ausrichtung von Sportveranstaltungen ein. Als Wendepunkt gelten die Asienspiele 2006, die in Doha stattfanden und durch die die katarische Führung zeigte, dass sie in der Lage ist, solche internationalen Events professionell durchzuführen. Durch die Spiele sollte die katarische Regierung zudem als verlässlicher und vertrauenswürdiger Partner in der internationalen Gemeinschaft etabliert werden, da nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem US-amerikanischen Einmarsch im Irak 2003 die internationalen Vorbehalte gegen die arabisch-islamische Welt zugenommen hatten, was die touristischen Ambitionen Katars beeinträchtigte. Daher wurden die Sportveranstaltungen auch genutzt, um verlorengegangenes Vertrauen wiederherzustellen. Allein 2019 richtete Katar mehr als 50 Sportveranstaltungen aus. Die Regierung fühlt sich aufgrund dieser Erfahrungswerte imstande und gerüstet, mit der WM 2022 eine der größten Sportveranstaltungen der Welt zu organisieren, und wird so auch auf internationaler Ebene wahrgenommen.

Allerdings wurde die WM-Vergabe von massiven Korruptionsvorwürfen überschattet, die sich nicht nur gegen hochranginge FIFA-Funktionäre richten, sondern auch bis in die höchsten Entscheidungskreise der katarischen Herrscherfamilie reichen. Insbesondere der katarische Fußballfunktionär und Bauunternehmer Muhammad bin Hammam wurde für seine dubiosen Praktiken im Vorfeld der WM-Vergabe kritisiert und 2011 von der FIFA lebenslang gesperrt. Während der Stichwahl 2010 ist es nachweislich zu gekauften Stimmen von drei Kommissionsmitgliedern aus Argentinien, Brasilien und Paraguay gekommen, die jeweils eine Million US-Dollar für ihre prokatarische Stimme erhalten haben.
Weiterhin wurden im Zuge der Untersuchungen 28 von 43 angeklagten Funktionären des Vergabekomitees wegen Geldwäsche oder Korruption verurteilt. Berichte über umfassende Einschüchterungs- und Bestechungsversuche wurden zwar von katarischer Seite stets verneint, dominieren allerdings die öffentliche Diskussion und zeigen auf, welche undurchsichtigen Strukturen und Netzwerke zwischen der FIFA und Katar bestehen. Allerdings ist Korruption bei der WM-Vergabe an Katar sicher kein Einzelfall: Wahrscheinlich ist es seit 1998 bei allen WM-Vergaben zu Unregelmäßigkeiten und Bestechungen gekommen – wie nicht zuletzt die Korruptionsvorwürfe im Zuge der WM-Ausrichtung in Deutschland 2006 zeigen. Weiterhin wurde die ungewöhnliche Ausrichtung der WM im Winter ebenso kritisiert wie die Vergabe an ein Land ohne langjährige Fußballkultur. Auf katarischer Seite werden diese Vorwürfe als eurozentristisch und islamophob wahrgenommen, was die Diskurskultur um die WM zunehmend politisiert und polarisiert hat.

Investitionen in den internationalen Sport

Das prominenteste Beispiel für die katarische Investitionsoffensive in den internationalen Spitzensport ist die Übernahme des französischen Fußballvereins Paris St. Germain (PSG) im Jahr 2011 für 100 Millionen Euro durch Qatar Sports Investments (QSI), die zum katarischen Investitionsfonds gehört, der mit einem Gesamtvermögen von etwa 295 Milliarden US-Dollar zu den reichsten Staatsfonds der Welt gehört. Die Wahl fiel nicht zufällig auf PSG, immerhin besitzt die Herrscherfamilie Al Thani Firmenanteile und Immobilien in Frankreich und hatte eine in Frankreich kontrovers diskutierte enge Beziehung zum damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy etabliert.

Seit der Übernahme hat sich PSG zu einem der wertvollsten Clubs im nationalen und europäischen Profifußball entwickelt, was maßgeblich auf die Investitionen durch den katarischen Staat zurückzuführen ist. So stieg der Wert des Clubs von 100 Millionen Euro auf mehr als 2 Milliarden Euro im Jahr 2021. Insgesamt flossen geschätzt 1,39 Milliarden Euro an Ablösesummen in Topstars wie Kylian Mbappé, Lionel Messi oder Neymar, dessen Transfer im August 2017 mit 222 Millionen Euro der bis dahin teuerste in der Geschichte des Profifußballs war.

Die Übernahme von PSG dient Katar dazu, den eigenen Bekanntheitsgrad im Vorfeld der WM zu erhöhen und sich als verlässlicher und langfristiger Partner europäischer Spitzenklubs im Fußball zu etablieren. Der Unternehmer Nasser Al Khelaifi hat sich nicht nur als Präsident von PSG einen Namen im europäischen und internationalen Fußball gemacht, sondern vertritt als enger Vertrauter des Emirs und als einflussreicher Drahtzieher in wichtigen Gremien wie der European Club Association die Interessen Katars im Fußball und stärkt dadurch Katars Rolle als mächtiger Akteur in der Sportpolitik. In diesem Zusammenhang sollen attraktive Zielmärkte erschlossen werden, um die katarische Wirtschaft weiter zu diversifizieren und auf dem europäischen Markt zu platzieren. Dies zeigt auch die 2018 begonnene Werbepartnerschaft zwischen der staatlichen Fluglinie Qatar Airways und dem deutschen Fußball-Rekordmeister Bayern München, die noch bis 2023 läuft und pro Jahr 17 Millionen Euro an Erlösen für den FC Bayern generieren soll. Dieser Werbevertrag hat in den vergangenen Jahren von Seiten bayerischer Fanverbände zu massiver Kritik geführt, die eine Beendigung der Zusammenarbeit fordern. Während der Mitgliederversammlung im November 2021 kam es zu Protesten von einer Faninitiative gegen den Vorstand des FC Bayern München. Im Juli 2022 folgte ein von Bayern München organisierter Runder Tisch, an dem neben Vertretern der Faninitiative unter anderem auch der katarische Botschafter in Deutschland und Repräsentanten von Menschenrechtsorganisationen teilnahmen.

Bereits ab 2010 warb die Qatar Foundation als Trikotsponsor beim spanischen Topclub FC Barcelona, ehe von 2013 bis 2017 Qatar Airways das Sponsorship übernahm – ein symbolischer Erfolg Katars, hatte der spanische Traditionsverein doch jahrelang eine Zusammenarbeit verweigert. Qatar Airways engagiert sich nicht nur beim FC Bayern, sondern auch beim italienischen Erstligisten AS Rom oder den Boca Juniors in Argentinien. Weitere katarische Unternehmen wie die Qatar National Bank (QNB), Werbepartner beim türkischen Verein Trabzonspor, oder das Telekommunikationsunternehmen Ooreedoo als Werbepartner des tunesischen Fußballverbands verfolgen eine ähnliche Strategie.

Sportinvestitionen und regionale Rivalitäten

Sportpolitik dient Katar ebenfalls dazu, sich gegen regionale Konkurrenz zu behaupten. Damit richten sich die Investitionen sowie die Organisation von sportlichen Großveranstaltungen auch gegen die Nachbarn Saudi-Arabien und die VAE und müssen somit als Teil des regionalen Ringens um wirtschaftliche und politische Vorherrschaft betrachtet werden. Ähnlich wie Katar verfolgen auch die beiden anderen Golfmonarchien eine Sportpolitik des Nation Branding. Während die Emirate bereits 2008 den englischen Erstligisten Manchester City übernahmen und ihn seitdem mit milliardenschweren Investitionen zu einem europäischen Spitzenclub entwickelt haben, zog auch das saudische Königreich nach und erwarb im Oktober 2021 die Mehrheit der Anteile an dem englischen Traditionsverein Newcastle United. Zudem positionieren sich beide Staaten als Gastgeber internationaler Sportveranstaltungen und bauen ein globales Netzwerk an Sportinvestitionen aus. Die emiratische City Football Group, die zu mehr als 80 Prozent der Abu Dhabi United Group Investment & Development Limited gehört, hat in den vergangenen Jahren eigene Vereine in den USA, in Indien, China oder Australien gegründet, die die Position der VAE im internationalen Sportgeschäft stärken und neue, weniger traditionelle Fußballmärkte erschließen sollen.

Weiterhin finden in der saudischen Hafenstadt Dschidda und in Abu Dhabi regelmäßig Formel-1-Rennen statt. Die VAE richteten 2021 den Arab Cup, einen Fußballwettbewerb, aus und verstehen sich ebenso wie Katar als Bühne für globalen Spitzensport. Somit trägt die jeweilige Sportpolitik zum regionalen Konkurrenzkampf unter den Golfmonarchien bei, was sich insbesondere während der Golfkrise zwischen Juni 2017 und Januar 2021 zeigte: Auch wenn es weder Saudi-Arabien noch die VAE offiziell bestätigten, ist es wahrscheinlich, dass die Blockade dazu beitragen sollte, Katar als Standort der WM zu schwächen, um entweder selbst als Co-Gastgeber zu fungieren oder die beiden anderen Golfmonarchien Oman und Kuwait als weitere Ausrichter zu gewinnen. Doch ähnlich wie auf politischer und wirtschaftlicher Ebene setzte sich Katar auch auf sportpolitischer Ebene zur Wehr, wie die Verpflichtung des brasilianischen Fußballers Neymar 2017 sinnbildlich zeigt: Die Ankündigung erfolgte wenige Wochen nach Beginn der Krise und diente somit als Symbol der Stärke gegenüber den Blockadestaaten, sich dem externen Druck nicht beugen zu wollen und weiterhin in der Lage sein zu können, in den Sport und andere Sektoren zu investieren.

Sport und Kultur: die Schaffung einer nationalen Marke

In Katar sowie in den anderen Golfmonarchien ist Sport auch zu einem Bestandteil nationalistischer und populistischer Identitätspolitik geworden: Die jeweiligen Herrscher propagieren Sport als ein Element, um die kulturelle Identität zu stärken und ihre eigene Machtposition zu sichern. Dabei wollen sie über nationale Sportförderprogramme nicht nur die Trendsportarten wie Fußball oder Handball gesellschaftlich attraktiver machen, sondern auch traditionelle Sportarten wie Falknerei oder Pferderennen in ihre Identitätspolitik integrieren.

Die Gesellschaften der arabischen Golfmonarchien befinden sich in einer grundlegenden Transformation und auch in Katar gibt es kontroverse Diskussionen um die Bewahrung der eigenen Kultur, der Traditionen und der gesellschaftlichen Bindungen, da ein Großteil der Bevölkerung diese durch die wirtschaftlichen Veränderungen oder die zahlenmäßige Dominanz ausländischer Arbeitskräfte bedroht sieht. Insbesondere die Arbeitsmigrantinnen und -migranten werden als existenzielle Bedrohung des Wohlstands und der kulturellen Identität stigmatisiert, was zum einen die sozialen Gräben vertieft, zum anderen aber auch von eigenen politischen Verfehlungen ablenken soll, indem ein „Sündenbock“ geschaffen wird.

QuellentextKatars Medien- und Kulturpolitik

Kultur dient Katar als einflussreiches Mittel seiner Soft-Power-Strategie. Insbesondere die Gründung des Satellitensenders Al Jazeera hat die Sichtbarkeit Katars in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. Während der sogenannten Arabischen Aufstände 2010/11 wuchs Al Jazeera zu einem wirkmächtigen Propagandainstrument: Damals präsentierte sich der Sender als Förderer der Protestbewegungen in Ägypten, Tunesien und Syrien. Die dortigen autokratischen Regierungen wurden massiv kritisiert, die traditionelle Medien- und Pressezensur im Nahen und Mittleren Osten herausgefordert sowie regionale Rivalen wie Saudi-Arabien provoziert. Al Jazeera etablierte sich für einige Jahre als „Sprachrohr der Unterdrückten“, während Kritik an der katarischen Regierung und der Situation im Inland jedoch nicht stattfand.

In den vergangenen Jahren hat die Reputation Al Jazeeras in der arabischen Welt allerdings gelitten. Zwar verfügen beim Sender beschäftigte Journalistinnen und Journalisten noch immer über mehr Freiräume als bei anderen golfarabischen Nachrichtensendern, doch kritische Berichte über die Politik der Herrscherfamilie oder das außenpolitische Engagement Katars gelten als rote Linien. Neben Al Jazeera konnte sich beIN Sports im Unterhaltungs- und Sportsegment als Branchenführer etablieren. Katar verfügt somit über zwei überregional wirksame Instrumente der Cultural Diplomacy. Darunter wird die öffentliche und interaktive Dimension der Diplomatie verstanden, die über mediale, kulturelle und wissenschaftliche Kommunikation die Interessen eines Staates repräsentiert, Netzwerke auf- und ausbaut und so zur Stärkung der Soft Power beiträgt.

Neben den Medien nutzt Katar auch die zahlreichen ausländischen Forschungseinrichtungen und Universitäten, die sich in der 1997 gegründeten Education City in Doha niederlassen durften, um sich als Hochburg der Wissenschaft in der arabischen Welt zu etablieren. Allein zwischen 2003 und 2007 entstanden in Katar 40 Ableger von europäischen und US-amerikanischen Universitäten. Mit solchen Maßnahmen soll die Kooperation Katars mit ausländischen Partnern in der Kunst, der Wissenschaft und des Technologietransfers intensiviert werden, um den gegenseitigen Dialog zu fördern und Katars Rolle als kulturelle Plattform zu stärken.

Aushängeschild dieser Kulturpolitik ist neben der Education City die Qatar Foundation, die sich als Förderer von Talenten aus Wissenschaft, Kultur, Kunst und Unterhaltung versteht und von der einflussreichen Ehefrau des ehemaligen Emirs Hamad, Scheicha Musa al-Missned, geleitet wird. Die Gründung der Cultural Village Foundation (Katara) 2011 sowie die Durchführung von Filmfestivals durch das Doha Film Institute haben sich ebenso zu regionalen und internationalen Highlights der katarischen Kulturlandschaft entwickelt wie das 2008 eröffnete Museum of Islamic Art oder das 2019 fertiggestellte National Museum of Qatar. 2016 wurden das Ministry of Culture, Arts and Heritage und das Ministry of Youth and Sports zum Ministry of Culture and Sports (MOCS) fusioniert, um die Aktivitäten im Kulturbereich effizienter zu koordinieren und Parallelstrukturen zu minimieren, während die Qatar Museums Authority (QMA) einige Kulturzentren zur Förderung der Kreativszene in den Bereichen Bildende Kunst, Design oder Mode für lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler initiiert hat.

Dabei richten sich diese Maßnahmen auch explizit an Künstlerinnen, allerdings bestehen noch immer gravierende Herausforderungen, da patriarchalische Strukturen die Förderung von Frauen in der Kunst und Kultur erschweren. Zwar wächst die Zahl der Beschäftigten in der Kreativindustrie, dennoch wird auch die Kulturbranche von ausländischen Arbeitskräften dominiert: 90 Prozent der Beschäftigten verfügen nicht über die katarische Staatsangehörigkeit. Die Mehrheit stammt aus Europa und den USA, da sie in Katar oftmals attraktive Arbeitsbedingungen vorfinden, während die katarischen Kulturinstitutionen von der Expertise der Fachkräfte profitieren wollen. In Katar lag die Anzahl der Beschäftigten in der Kreativindustrie im Jahr 2018 bei drei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, wobei die meisten in den Sektoren Design (31 %), Handwerk und Bildende Kunst (19 %) sowie in Cultural-Heritage-Projekten (16 %) engagiert waren.

Durch den Ausbruch der Coronavirus-Pandemie wurde auch die Kultur- und Kunstindustrie in Katar in Mitleidenschaft gezogen: Künstlerinnen und Künstler sahen sich mit Reisebeschränkungen, Verboten von öffentlichen Veranstaltungen und Schließungen von Arbeitsstätten wie Ateliers, Ausstellungsräumen oder Fotostudios konfrontiert, was ihr berufliches kulturelles Engagement massiv beeinträchtigte.

Im Rahmen der katarischen Identitätspolitik kommt der Kunst- und Kulturpolitik eine entscheidende Bedeutung zu: Die Betonung des kulturellen Erbes spiegelt sich in einer intensivierten Kulturpolitik wider, in der Fragen nach sozialer Zugehörigkeit, Identität oder wirtschaftlicher Diversifizierung verhandelt werden, um die gesellschaftliche Statik zu bewahren und so dazu beizutragen, die Legitimität und die Machtposition der Herrscherfamilie zu sichern. Somit fungiert katarische Kulturpolitik als Mittel der politischen Machtkonsolidierung, die ebenso Elemente einer pluralistischen Kulturdebatte enthält wie die Festlegung roter Linien vorsieht: Fragen des kulturellen Erbes und der sozialen Kohäsion werden von katarischen Künstlerinnen und Künstlern be- und verhandelt, allerdings ist Kritik am Emir und der Al Thani ein Tabu. Viele katarische Künstlerinnen und Künstlern betrachten ihre Arbeit dennoch keineswegs als unpolitisch, da sie sich Themen wie dem Klimawandel, Nachhaltigkeitsdiskursen oder dem Konsumverhalten widmen und damit die Grenzen des künstlerischen Diskurses verschieben und zu einer differenzierten öffentlichen Debatte beitragen.

Basierend auf diesen diffusen Ängsten vor „Überfremdung“ oder einem Verlust der eigenen Identität hat die katarische Führung unterschiedliche Programme und Initiativen ins Leben gerufen, um die Identität der katarischen Nation zu stärken. Im Nationalmuseum in Doha werden Traditionen wie Perlenfischen oder Fischfang (siehe Kapitel Geschichte) präsentiert, während der Bau des Kulturdorfs Katara oder die Renovierung des alten Basars einerseits Touristenattraktionen geschaffen hat, andererseits aber auch versucht, die Wurzeln der katarischen Gesellschaft mit den Anforderungen der Moderne zu vereinen. Unzählige Festivals, Ausstellungen oder Werke von lokalen Künstlerinnen und Künstlern widmen sich der katarischen Identität und diskutieren, wie das Emirat einerseits das multiethnische und globalisierte Geschäftsmodell und andererseits eine eigene nationale Identität bewahren kann.

In diesem komplexen Aushandlungsprozess kommt dem Sport eine entscheidende Bedeutung zu: Mit der Ausrichtung der WM soll auch ein patriotischer Nationalstolz geschaffen werden, der die sozialen Bindungen der einheimischen Bevölkerung ebenso stärkt wie die Loyalität zum Herrscherhaus, das als „Architekt des WM-Erfolgs“ respektiert werden will. Auch die Übernahme von PSG oder das Sponsoring bei Bayern München dienen nicht ausschließlich der wirtschaftlichen Diversifizierung und der globalen Markenpositionierung, sondern wenden sich auch an einheimische Konsumenten: In Katar haben sich mittlerweile PSG-Fanclubs gegründet, die den Verein als Nationalgut betrachten und in den Siegen der französischen Fußballmannschaft auch einen Triumph der katarischen Politik sehen. Sport soll somit zu einem erstrebenswerten Kulturgut gemacht werden, dem die eigene Bevölkerung nacheifern soll.

Dr. Sebastian Sons arbeitet als Researcher beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Er wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin zur pakistanischen Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien promoviert und absolvierte eine Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule.

Nach seinem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut und war Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Orient (2009–2014). Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin beschäftigt.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in den Golfmonarchien, deren Sport-, Entwicklungs- und Migrationspolitik. 2016 erschien sein politisches Sachbuch Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter, und im September 2022 Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss.