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Außenpolitik

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Sebastian Sons

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Enges Verhältnis: US-Präsident Joe Biden (r.) trifft Emir Tamim Al Thani (l.) am 31. Januar 2022 im Oval Office des Weißen Hauses in Washington, D. C. (© AP Photo / Alex Brandon)

Diversifizierung

Der Nahe und Mittlere Osten und damit die direkte Nachbarschaft Katars ist geprägt von Konflikten und Rivalitäten, die seine Sicherheit auf unterschiedlichen Ebenen bedrohen. Der Erste Golfkrieg von 1980 bis 1988 zwischen Irak und Iran, die irakische Invasion in Kuwait 1990/91 sowie die US-Invasion im Irak 2003 mit dem anschließenden Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein machten es zur Maxime der katarischen Politik, sich zuerst um die eigene territoriale Integrität zu sorgen. Das Land befindet sich im direkten Einflussgebiet der Regionalmächte Saudi-Arabien, Iran und der Türkei, deren Verhältnis von Konkurrenz und Krisenhaftigkeit geprägt ist.

Die Rivalität zwischen dem Königreich Saudi-Arabien und der Islamischen Republik hat seit der iranischen Revolution von 1979 die konfliktreiche Gemengelage in der Region des Persischen Golfs verschärft und bestimmt auch die Sicherheitswahrnehmung der kleinen Golfstaaten Katar, der VAE, Kuwait, Bahrain und Oman, die sich geografisch eingeengt zwischen Saudi-Arabien und Iran befinden. Beide Staaten betrachten sich als regionale Führungsmächte in sicherheitspolitischer, religiöser, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Vor dem Hintergrund dieser schwankenden und unsicheren regionalen Gemengelange und in Verbindung mit einigen historischen Versuchen der golfarabischen Nachbarn, die Herrschaft der Al Thani herauszufordern oder zu beenden, setzte sich in der katarischen Führung die Einsicht durch, dass ein verlässlicher Schutz vor externen Bedrohungen nur durch eine Ausweitung der außenpolitischen Partnerschaften zu erreichen sei. Deswegen versuchen die Al Thani, die außenpolitischen Partnerschaften so breit und divers wie möglich aufzustellen, um eine einseitige Abhängigkeit zu vermeiden und so die Integrität des territorialen Hoheitsanspruchs zu schützen.

Bei diesem Vorgehen handelt es sich um eine historische Konstante: Dies zeigen die Zweckbündnisse zwischen den Al Thani und den Briten sowie dem Osmanischen Reich ebenso wie die widersprüchlichen und ambivalenten Beziehungen zu den arabischen Golfmonarchien, zu Iran oder der Türkei, die oftmals von Konflikten, aber eben auch von Kooperation geprägt waren. Diese Strategie der außenpolitischen Diversifizierung intensivierte sich direkt nach der offiziellen Unabhängigkeit 1971, indem Katar rasch die Aufnahme in verschiedene multilaterale Foren und Organisationen beantragte, um sich als integraler Bestandteil der internationalen Gemeinschaft zu präsentieren.

Mit diesem Kurs ging eine enge Anbindung an den Westen – insbesondere an die USA – einher. So gelang es Emir Hamad, dem Vater des jetzigen Emirs Tamim, 2003 die USA davon zu überzeugen, ihre größte Militärbasis in der Region von Saudi-Arabien nach Katar zu verlegen. 2022 erklärte US-Präsident Joe Biden den Golfstaat zu einem wichtigen Verbündeten außerhalb der NATO. Ein großer Erfolg, denn aufgrund seiner geringen Größe ist Katar nicht in der Lage, eine eigene schlagkräftige Armee gegen externe Bedrohungen aufzubauen, und ist daher abhängig von internationalen Allianzen und Partnerschaften. Gleichzeitig fürchten die Golfmonarchien einen Rückzug der USA aus der Region des Nahen und Mittleren Ostens. Darauf reagieren sie, indem sie sich anderen Partnern wie beispielsweise China zuwenden, ohne ihre enge Bindung an Washington aufgeben zu wollen.

Katar verfügt über 12,5 Prozent der weltweiten Gasreserven und ist zum wichtigsten Exporteur von Flüssiggas (LNG) aufgestiegen. 92 Prozent der Export- und 56 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Gasverkauf, der zur Grundlage des katarischen Wohlstands geworden ist. Heute gilt der arabische Staat mit einem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 85 300 US-Dollar als eines der reichsten Länder der Welt (Deutschland zum Vergleich: 50 900 US-Dollar). Basierend auf den Einnahmen aus der Erdgasproduktion konnte Katar in den vergangenen Jahren in internationale Märkte investieren und hat dadurch seine wirtschaftlichen Partnerschaften in verschiedenen Geschäftsbereichen ausgebaut. Die wichtigsten Abnehmerländer des katarischen Gases befinden sich in Asien, sodass Katar neben seiner Konzentration auf westliche Märkte insbesondere Geschäftsbeziehungen zu Japan, Südkorea und China pflegt.

Katars Hauptabnehmerländer - Katars Hauptlieferländer (© bpb)

Bereits seit Beginn der 2000er-Jahre, aber insbesondere unter Emir Tamim positioniert sich der Staat als Drehscheibe des internationalen Handels, die ausländischen Unternehmen die Möglichkeit bietet, sich in einer ressourcenreichen und im weltweiten Handel überaus relevanten Region zu positionieren. Dass hierbei nicht nur die Partnerschaft mit US-amerikanischen, asiatischen oder europäischen Partnern Teil dieser Strategie ist, zeigt das entgegenkommende Verhältnis zu Iran: Da sich Katar mit der Islamischen Republik das größte Gasfeld der Erde teilt, müssen beide Staaten vertrauensvoll miteinander kooperieren, um von den Ressourcen des Gasfeldes zu profitieren.

Politisch hat sich Katar zudem den nicht unkritischen Ruf erworben, auch mit Akteuren zu sprechen, die international umstritten sind. Dazu gehören etwa die afghanischen Taliban, die palästinensische Hamas oder andere islamistische Gruppen. Katar organisierte in Doha die Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban und bot auch europäischen und US-amerikanischen sowie iranischen Unterhändlern im Juni 2022 eine Plattform, um die ins Stocken geratenen Gespräche zur Wiederbelebung des Abkommens um das iranische Atomprogramm wieder aufzunehmen. Nach dem Rückzug der USA aus Afghanistan im Sommer 2021 hatte es Katar afghanischen Geflüchteten ermöglicht, das Land nach der Machtübernahme der Taliban zu verlassen. Außerdem stellte Katar der internationalen Gemeinschaft die notwendige Logistik und Infrastruktur zur Verfügung.

Umstrittene Partnerschaft: Katars Außenminister Abdulrahman Al Thani (r.) im August 2021 mit Mullah Baradar (l.), dem Leiter des politischen Büros der Taliban. (© Qatar News Agency / Handout)

In vielen weiteren Regionalkonflikten wie im Libanon und Palästina oder zwischen Sudan und Eritrea verhandelte Katar diplomatische Lösungen und kultivierte das Image eines „ehrlichen Maklers“. Außerdem unterstützte das Emirat die USA mit mehr als 8 Milliarden US-Dollar für militärische Einsätze in Afghanistan, Irak und Syrien zwischen 2002 und 2019 und stellt verstärkt finanzielle Mittel für humanitäre Hilfe sowie technische Kapazitäten in der Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung.

Diese Strategie der außenpolitischen Diversifizierung dient dabei in allererster Hinsicht dem Schutz der eigenen Stabilität: Indem sich Katar in der Region sowie in der Welt mit unterschiedlichsten Partnern vernetzt und verständigt, sorgt es zum einen für größere diplomatische Sicherheit und grenzt sich zum anderen gegen seine Nachbarn Saudi-Arabien und die VAE ab, die gerade in den vergangenen Jahren eine im Vergleich zu Katar interventionistische und polarisierende Außenpolitik verfolgt haben. Mit dieser Politik der pragmatischen Zurückhaltung strebt die katarische Führung danach, die eigene Reputation und Machtposition innerhalb und außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu konsolidieren, sich als unersetzlicher Partner in der internationalen Mediation zu präsentieren und damit die eigene Relevanz als Plattform und Netzwerker zu erhöhen. Diese Maßnahmen nutzen der katarischen Herrscherfamilie – und insbesondere Emir Tamim – dazu, seine eigene Strahlkraft als „Schutzpatron der katarischen Nation“ zu erhöhen.

Katar und die Nachbarn: ein schwieriges Verhältnis

Unter Emir Hamad (reg. 1995 bis 2013) versuchte Katar, nach Beginn des „Arabischen Frühlings“ 2010/11 eine interventionistische und pro-aktive Außenpolitik zu verfolgen, was sich vor allem in der finanziellen, politischen und ideologischen Unterstützung von Islamisten in der arabischen Welt niederschlug. So ergriff Katar nach dem Putsch in Tunesien Partei für die islamistische Ennahda-Partei, bei der es sich um einen Ableger der ägyptischen Muslimbrüder handelt, die in Ägypten nach dem Sturz des langjährigen Diktators Husni Mubarak die Regierungsgeschäfte unter Muhammad Mursi übernahmen. Gleichzeitig half Katar in Libyen den Gegnern des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi, diesen zu stürzen. Allerdings bedrohte das pro-islamistische Vorgehen Katars die Nachbarmonarchien Saudi-Arabien und die VAE, die im aufkommenden Islamismus eine direkte Bedrohung ihrer Herrschaft sahen. Demokratische Wahlen in Ägypten und Tunesien, von einer breiten Bevölkerungsmehrheit getragene Proteste und zunehmend gewalttätige Widerstände in Syrien und Jemen führten zu einer rigiden Gegenreaktion dieser Golfstaaten, die sich auch gegen Katar richtete.

2014 kam es zu einem ersten diplomatischen Bruch zwischen Katar und seinen Nachbarn Saudi-Arabien, den VAE und Bahrain. Katar wurde aufgefordert, den eigenen pro-islamistischen Kurs sowie die Partnerschaft mit Iran zu beenden, den Fernsehsender Al Jazeera zu schließen und sich den geostrategischen Interessen der anderen Golfstaaten zu beugen. Zwar wurde diese Krise offiziell rasch beigelegt, doch die tieferliegenden Differenzen konnten nicht gelöst werden. Im Juni 2017 begannen daher Saudi-Arabien, die VAE, Bahrain und Ägypten eine umfassende Land-, See- und Luftblockade gegen Katar, zogen erneut ihre Botschafter ab und forderten ihre Staatsangehörigen auf, Katar umgehend zu verlassen. Ähnlich wie 2014 war es das Ziel des Blockadequartetts, die katarischen Regionalambitionen einzudämmen, die Beziehungen zu Iran und die Unterstützung islamistischer Gruppen zu beenden.

In dieser Krise zeigte sich die Nachhaltigkeit der katarischen Diversifizierungsstrategie: Da Katar als Plattform und Drehscheibe der internationalen Wirtschaft und der Diplomatie mittlerweile immense globale Bedeutung erlangt hatte, gelang es den Blockadestaaten nicht, die wirtschaftliche und politische Isolation Katars aufrechtzuerhalten, was schlussendlich zu einer Beilegung des Konflikts im Januar 2021 führte. Katar war es mithilfe seiner regionalen und internationalen Partnerschaften gelungen, die See- und Landblockade zu umgehen: So glich die Türkei durch die Blockade entstandene Lieferengpässe aus, wodurch sich der wirtschaftliche Schaden für Katar in Grenzen hielt, und entsandte 5000 Soldaten nach Katar. Auch Iran bot Unterstützung an und öffnete den eigenen Luftraum für katarische Flugzeuge. Anstatt dem Druck der Nachbarn nachzugeben, diversifizierte Katar also seine politischen Partnerschaften, erschloss neue Handelsrouten und aktivierte seine internationalen Netzwerke. Infolgedessen gelang es den Blockadestaaten nicht, Zugeständnisse zu erzwingen, zumal weder die USA unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump noch die EU bereit waren, die harschen Maßnahmen mitzutragen.

Insbesondere die VAE scheinen die Isolation Katars aus strategischem Interesse vorangetrieben zu haben: Während der Blockade ging es den Emiraten zum einen darum, Katars wirtschaftlichen Erfolg aufzuhalten. Beide Staaten verfolgen einen ähnlichen wirtschaftspolitischen Kurs und verstehen sich als internationale Drehscheiben des Handels und der Finanzen sowie als attraktive Tourismusziele. Da allerdings das emiratische Geschäftsmodell durch die Finanzkrise 2008/09 gelitten hatte, was sich insbesondere auf die Finanzhochburg Dubai negativ ausgewirkt hatte, sah die politische Führung in Abu Dhabi in der Blockade gegen Katar eine Chance, dem wichtigsten regionalen Kontrahenten zu schaden.

Zum anderen scheint es sich bei dem Konflikt auch um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Machthabern gehandelt zu haben: Der einflussreiche saudische Kronprinz Muhammad bin Salman sowie der Kronprinz und heutige Präsident der VAE Muhammad bin Zayed Al Nahyan scheinen den persönlichen Aufstieg des katarischen Emirs Tamim als indirekte Bedrohung ihrer eigenen Machtposition begriffen zu haben, weswegen sie mit der Blockade auch dessen Reputation schwächen wollten. Dieses Ansinnen schlug jedoch fehl. Während der Blockade entstand ein regelrechter Personenkult um den Emir, der als „Tamim der Große“ seine Popularität nicht nur bei der eigenen Bevölkerung, sondern auch bei vielen gut ausgebildeten Arbeitskräften aus den USA und Europa verbessern konnte.

Katar konnte sich auch deswegen während der Blockade behaupten, da es durch die WM international zu wichtig geworden war, und viele Partner aus Politik und Wirtschaft den WM-Standort und damit ihre Investitionen und Verträge nicht gefährden wollten. Im Januar 2021 beendeten die Golfstaaten auch aus diesem Grund offiziell ihre Streitigkeiten. In der historischen saudischen Stätte al-Ula unterzeichneten der Emir Tamim und der saudische Kronprinz gemeinsam mit hochrangigen Repräsentanten aus den anderen Golfstaaten VAE, Oman, Bahrain, Kuwait sowie Ägypten die sogenannte Al-Ula-Erklärung. Darin betonten sie die „Brüderlichkeit“, die gegenseitige „Solidarität“, um ihre Souveränität zu bewahren und Konfrontation sowie Einmischung in interne Angelegenheiten in Zukunft zu vermeiden. Es wurde weiterhin beschlossen, die Blockade aufzuheben und internationale Rechtsstreitigkeiten innerhalb eines Jahres zu lösen sowie die abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen.

Katar hat zwar seitdem weder seine pragmatischen Beziehungen zu Iran reduziert noch Al Jazeera geschlossen. Allerdings bemüht sich Katar insbesondere gegenüber Saudi-Arabien, die Beziehungen öffentlichkeitswirksam zu verbessern: So fanden seit Januar 2021 mehrere Treffen zwischen dem katarischen Emir und dem saudischen Kronprinzen statt, außerdem vereinbarten beide Länder eine engere wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit.

Während sich die Beziehungen zum Königreich somit wieder normalisieren konnten, besteht die Rivalität mit den VAE jedoch fort. Insbesondere die sich durch den Ausbruch der Coronavirus-Pandemie verschärfende globale Rezession schwächt die Investitionsstandorte beider Staaten. Da sich deren Geschäftsmodelle ähneln, werden sie auch in Zukunft miteinander um Investitionen, Großaufträge und wirtschaftliche Partnerschaften konkurrieren.

Deutschland und Katar: eine problematische Partnerschaft


Katar und die Bundesrepublik Deutschland unterhalten seit Januar 1973 – kurz nach der Unabhängigkeit des Emirats – diplomatische Beziehungen, die vor allem auf wirtschaftlichem Austausch beruhen. 2019 rangierte die Bundesrepublik als drittwichtigster katarischer Handelspartner hinter den USA und China und exportierte Waren im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Deutsche Firmen engagieren sich vor allem im Anlagenbau, in der Energieerzeugung und Bauwirtschaft, im Dienstleistungssektor sowie der Verkehrsinfrastruktur. Insbesondere nach der WM-Vergabe profitierten deutsche Unternehmen von lukrativen Aufträgen bei der Stadionplanung und dem Bau von WM-relevanter Infrastruktur. Insgesamt sind 150 deutsche Unternehmen vor Ort aktiv.

Außerdem war Katar in den vergangenen Jahren ein wichtiger Käufer deutscher Rüstungsgüter: Mit 6,1 Milliarden Euro floss fast ein Drittel aller deutschen Rüstungsexporte 2019 nach Katar, die VAE und Saudi-Arabien sowie andere arabische Staaten wie Ägypten oder Algerien. 2019 wurden an Katar Kriegswaffengenehmigungen in Höhe von 109,5 Millionen Euro erteilt, das damit an vierter Stelle hinter Ägypten, Indonesien und Korea rangierte. Insgesamt beliefen sich die Rüstungslieferungen in diesem Jahr auf 236 Millionen Euro, darunter neben Waffenlieferungen auch Munition, gepanzerte Fahrzeuge und militärische Ausrüstung. Katar lag damit auf Platz 9 der wichtigsten Empfängerstaaten von deutschen Rüstungslieferungen.

Während deutsche Unternehmen Katar als attraktiven, zahlungswilligen und verlässlichen Markt im Nahen und Mittleren Osten betrachten, bewegen sich die Importe aus dem Golfstaat auf niedrigem Niveau. Da Deutschland bislang kaum Flüssiggas aus Katar einführt, betrug das Volumen der katarischen Exporte nach Deutschland 2020 nur 0,2 Milliarden Euro. Katar rangierte damit auf Platz 87 von 239 deutschen Einfuhrpartnern. Der Hauptteil der Importe – 48,4 Prozent – entfällt dabei auf den petrochemischen Bereich, gefolgt von chemischen Erzeugnissen in Höhe von 28,4 Prozent. Darüber hinaus hat sich Katar als wichtiger Investor in Deutschland etabliert, wie Unternehmensbeteiligungen an Volkswagen, Porsche, Hapag-Lloyd oder der Deutschen Bank zeigen.

Auf politischer Ebene wird Katar als wichtiger, aber problematischer Partner betrachtet: Auf der einen Seite erfährt das Land aufgrund seiner außenpolitischen Diversifizierung immer größere regionale Bedeutung. Dies zeigte sich nicht zuletzt im Sommer 2021 bei der Evakuierung von afghanischen Ortskräften, die für die Bundeswehr gearbeitet hatten, und bei der Katar Deutschland unterstützte. Die Bundesregierung betrachtet Katar zudem als wichtigen und einflussreichen Regionalakteur, der als Vermittler und Netzwerker ein relevanter Ansprechpartner bei regionalen Konflikten wie jenen in Syrien, Libyen oder Jemen sowie beim Migrationsmanagement ist. Andererseits werden die fortbestehenden Verbindungen zu islamistischen Gruppierungen wie der Hamas oder den Muslimbrüdern kritisch betrachtet und haben in der Vergangenheit eine strategische Zusammenarbeit erschwert. Zwar empfing Kanzlerin Angela Merkel den Emir Tamim 2014 und 2018 zu Staatsbesuchen in Berlin und betonte in diesem Rahmen die enge Partnerschaft, allerdings entstanden in den Folgejahren weder enge politische Kooperationen im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik noch in der Entwicklungszusammenarbeit.

Durch die sich verschärfende Situation bei der Energiesicherheit im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 haben sich vor allem die handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Katar intensiviert. Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck reiste im März 2022 nach Doha und visierte dort eine „Energiepartnerschaft“ an. Ziel dieser Vereinbarung war es, zukünftig Flüssiggas und Wasserstoff aus Katar zu erhalten, um sich aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas zu lösen. Im Mai 2022 traf sich Emir Tamim mit Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin, im September traf der Kanzler den Emir in Doha.

Dr. Sebastian Sons arbeitet als Researcher beim Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO). Er wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin zur pakistanischen Arbeitsmigration nach Saudi-Arabien promoviert und absolvierte eine Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule.

Nach seinem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut und war Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Orient (2009–2014). Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin beschäftigt.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen in den Golfmonarchien, deren Sport-, Entwicklungs- und Migrationspolitik. 2016 erschien sein politisches Sachbuch Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter, und im September 2022 Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss.