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Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa | bpb.de

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa

/ 5 Minuten zu lesen

1914

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1914 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Im 18. Jahrhundert teilten sich Preußen (ab 1871 Teil des Deutschen Reichs), das Russische Kaiserreich und das Habsburgerreich (ab 1867 Österreich-Ungarische Monarchie) die Länder Ostmitteleuropas untereinander auf. In diesen Vielvölkerreichen lebten fortan unterschiedliche Ethnien.

Im Ersten Weltkrieg zerbrachen die Vielvölkerreiche. Diese Entwicklung bot nationalen und ethnischen Gruppen die Möglichkeit zur Schaffung von unabhängigen Nationalstaaten. In den auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker einerseits und der kriegerischen Erfolge der einzelnen Akteure andererseits entstandenen neuen Nationalstaaten lebten verschiedene Bevölkerungsgruppen.

Den Schutz ihrer Rechte regelten internationale Verträge ebenso wie das Engagement des Völkerbunds. Häufig waren jedoch homogene Gesellschaften das erklärte Ziel der Regierungen. Das schlug sich in der zunehmenden Unterdrückung der Minderheiten nieder.

1923

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1923 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Die Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg schuf zahlreiche neue Grenzen in Ostmitteleuropa. Nach 120 Jahren Fremdherrschaft entstand wieder ein polnischer Staat. Rumänien konnte sein Staatsgebiet verdoppeln.

Finnland, Estland, Lettland und Litauen erklärten im Zuge des Zerfalls des Russischen Kaiserreichs ihre Unabhängigkeit. Diese Souveränität wurde zwar von Sowjetrussland anerkannt, dennoch kämpfte die Rote Armee um die Grenzen zu den neuen Staaten. Erst mit den Friedensschlüssen von Tartu 1920 und Riga 1921 kam es zu einer endgültigen Grenzziehung. Demgegenüber gelang es der Ukraine und Belarus nicht, ihre kurze Unabhängigkeit zu behaupten. Im Zuge der blutigen Zerfallskriege, die das ehemalige Russische Reich erschütterten, gründeten die Bolschewiki gewaltsam die Belarusische und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, die mit weiteren von der Roten Armee eroberten Gebieten 1922 zur Sowjetunion zusammengeschlossen wurden.

1938

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1938 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Die neue Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg hatte vor allem für das Deutsche Reich, als Hauptschuldigem für den Kriegsausbruch, große Gebietsverluste zur Folge.

Ab 1933 war es erklärtes Ziel der nationalsozialistischen Regierung unter Hitler, durch militärische Stärke erneut ein Großreich zu schaffen. Weitgehend freiwillig schloss sich Österreich im März 1938 dem Deutschen Reich an. Im September bewahrte das Münchner Abkommen mühselig den Frieden, in diesem wurde Deutschland zugestanden, die vorwiegend deutsch besiedelten Gebiete der Tschechoslowakei zu annektieren. Im Gegenzug garantierten England und Frankreich den Bestand der nun verkleinerten Tschechoslowakei als Staat. Die Tschechoslowakei, die nur als Gegenstand, nicht aber als Akteur in München anwesend war, musste sich dem Abkommen fügen.

Folgen des Münchner Abkommens

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa 1938 im Detail (© Museum Berlin-Karlshorst)

Mit internationaler Zustimmung annektierte das Deutsche Reich im November 1938 das Sudetengebiet. Polen nutzte diesen Moment, um sich eigenmächtig das Olsagebiet einzuverleiben. Der um Teile seines Territoriums beraubte tschechoslowakische Staat musste zudem auf deutschen und italienischen Beschluss im Ersten Wiener Schiedsspruch die mehrheitlich ungarisch bevölkerten Teile der Südslowakei und der Karpatenukraine an Ungarn abgeben. Das entsprach dem Wunsch Ungarns, sein Territorium auf Teile der Slowakei auszudehnen. Unter Bruch des Münchner Abkommens besetzte im März 1939 das Deutsche Reich das noch verbliebene tschechische Staatsgebiet, von dem die Slowakei als eigenständiger, aber von Deutschland abhängiger Staat abgespalten wurde. Ungarn nutzte dies, um die gesamte Karpatenukraine zu annektieren.

1939

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1939 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Das Deutsche Reich drohte im März 1939 Litauen mit Krieg und erzwang damit die Abgabe des Memelgebiets, in dem überwiegend ethnische Deutsche lebten.

Im September 1939 teilten Deutschland und die Sowjetunion in Folge des Hitler-Stalin-Pakts das Staatsgebiet Polens entlang der im geheimen Zusatzprotokoll abgesteckten Interessensphären untereinander auf. Kurz darauf gab die Sowjetunion das ehemals polnische Gebiet um Vilnius an Litauen ab.

1940

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1940 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Finnland musste nach dem Winterkrieg im März 1940 knapp ein Zehntel seines Staatsgebiets abgeben. Die Sowjetunion formte daraus die Karelo-Finnische Sozialistische Sowjetrepublik.

Im Sommer 1940 nutzte die Sowjetunion die internationale Aufmerksamkeit auf die seit Frühjahr laufenden deutschen Überfälle in Nord- und Westeuropa und annektierte zudem Estland, Lettland und Litauen, die ebenfalls zu Sowjetrepubliken wurden. Ebenso verleibte sie sich Gebiete Rumäniens ein. Ein Teil wurde der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zugeschlagen, in einem anderen wurde die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik geschaffen.

Zusätzlich musste Rumänien unter Druck von Deutschland und Italien am 30. August 1940 durch den Zweiten Wiener Schiedsspruch Nordsiebenbürgen an Ungarn und in dessen Folge im Vertrag von Craiova vom 7. September die Süddobrudscha an Bulgarien abgeben.

1942

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1942 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Am 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion und besetzte den europäischen Teil ihres Staatsgebiets. Damit standen alle zuvor von der Sowjetunion annektierten Länder Ostmitteleuropas unter deutscher Herrschaft. Das deutsche Ziel war es nicht, die vormals souveränen Nationalstaaten wiedererstehen zu lassen.

Das Deutsche Reich führte einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion mit einem gewaltsamen Besatzungsregime und Massenverbrechen, die insbesondere die jüdische Bevölkerung betrafen.

Rumänien, das an der Seite der deutschen Wehrmacht in den Krieg zog, holte sich die im Sommer 1940 von der Sowjetunion annektierte Gebiete zurück und weitete sein Staatsgebiet nach Osten aus. Auch Finnland nutzte die Gelegenheit, um die im Winterkrieg 1939/40 an die Sowjetunion verlorenen Gebiete wieder in Besitz zu nehmen.

1945

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1945 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa. Während in West- und Nordeuropa die souveränen Nationalstaaten wiedererstanden, blieben in Ostmitteleuropa viele der vor 1941 eingetretenen Veränderungen bestehen.

Die Sowjetunion als Siegermacht konnte mit amerikanischer und britischer Zustimmung Estland, Lettland und Litauen als Sowjetrepubliken behalten. Auch alle anderen Erweiterungen des Territoriums der Sowjetunion als Folge des Hitler-Stalin-Pakts blieben erhalten.

Der polnische Staat erlangte formal seine Unabhängigkeit, erhielt aber ein zur Hälfte neues Staatsgebiet auf Kosten ehemals deutscher Gebiete zugesprochen. Ungarn, das als Bündnispartner Deutschlands auf der Verliererseite stand, musste das 1940 annektierte Nordsiebenbürgen an Rumänien zurückgeben. Die Tschechoslowakei entstand wieder als souveräner Staat, musste jedoch die Karpatenukraine an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik abgeben.

1991

Grenzveränderungen in Ostmitteleuropa im Jahr 1991 (© Museum Berlin-Karlshorst)

Mit dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 entstanden aus den fünfzehn Sozialistischen Sowjetrepubliken unabhängige Nationalstaaten. Estland, Litauen und Lettland erlangten nach der Annexion durch die Sowjetunion 1940 ihre staatliche Unabhängigkeit zurück.

Aus der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die in Folge des Hitler-Stalin-Pakts entstanden war, wurde nun erstmals ein souveräner Nationalstaat, die Republik Moldau. Der transnistrische Teil des Landes erklärte sich mit Unterstützung russischer Soldaten nach gewaltsamen Auseinandersetzungen für unabhängig, wird aber von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt.

Das 1945 übernommene Königsberger Gebiet blieb als Exklave Kaliningrad Teil der Russischen Föderation.

Deutschland bestätigte seine 1945 gezogene Grenze zu Polen. Finnland akzeptierte weiterhin die 1944 gezogene Grenze zu seinem Nachbarn Russland.