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Geschichte der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika

Bettina Brockmeyer

/ 8 Minuten zu lesen

Die Kolonialisierung bedeutete einen starken Einschnitt in das Leben der Menschen in Ostafrika. Wie gestaltete sich die deutsche Kolonialherrschaft? Welche Folgen hatte sie für die Bevölkerung? Und wie wird diese Vergangenheit heute erinnert?

Aufnahme aus dem Jahr 1907 vom Bau der Tanganjika-Bahn in Deutsch-Ostafrika. Rund 15.000 Zwangsarbeiter mussten die Strecke von Daressalam am Indischen Ozean zum 1.250 Kilometer entfernten Tanganjikasee im Landesinneren unter harschen Arbeitsbedingungen errichten. (© picture-alliance, SZ Photo | Scherl)

Das knapp eine Millionen Quadratkilometer große Gebiet, das heute Ruanda, Burundi und Tansania umfasst, wurde im 19. Jahrhundert von Menschen bewohnt, die in unterschiedlichen Sozialverbänden und Königtümern lebten. Sie bewirtschafteten Felder, betrieben Viehzucht, lebten von der Jagd oder vom Handel. Die Küstenregion profitierte vom maritimen Handel mit dem Sultanat Oman und dem indischen Subkontinent. Verbunden waren Küste und Landesinneres durch Karawanenstraßen, auf denen Waren, aber auch Versklavte, transportiert wurden. Der Menschenhandel über den Indischen Ozean erreichte im 19. Jahrhundert einen Höhepunkt. Mit seinem Sklavenmarkt und den Nelkenplantagen, die mit Sklavenarbeit betrieben wurden, wurde Sansibar zu einem Zentrum des Handels. Auf dem Festland wurden einzelne Herrscherpersönlichkeiten wie Mukwavinyika (1855-1898, als Mkwawa bekannt) und Mbula Mytela Kasanda (ca. 1840–1884, als Mirambo bekannt) durch den Handel mit dem global zunehmend begehrten Elfenbein, mit Waffen oder mit Menschen reich und mächtig. Verschiedene Sprachen, vor allem Bantu, wurden in den ostafrikanischen Regionen gesprochen. Bevölkerungen wie die Masai, Chagga, Hehe oder Sukuma tradierten ihr Wissen mündlich über Mythen, Tänze, Lieder und Geschichten. Während es im Landesinneren viele verschiedene Religionen und spirituelle Bräuche gab, waren die Küstenregion und Sansibar vor allem vom Islam geprägt.

Beginn der Kolonialisierung

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen europäische Missionsgesellschaften, das Gebiet im Namen des Christentums zu erschließen. Gleichzeitig nahmen Forschungsexpeditionen zu. Afrikanische Fachleute verhalfen zu wichtigen Erkenntnissen, beispielsweise in der Botanik oder Geografie, blieben aber in den europäischen Veröffentlichungen unerwähnt. Die Begegnungen zwischen Europäer:innen und Afrikaner:innen wurden zahlreicher, besonders durch das seit den 1880er Jahren vom Deutschen Kaiserreich ausgehende koloniale Projekt in Ostafrika. Die Kolonialisierung bedeutete einen tiefen Einschnitt in das Leben vor Ort, denn sie ging einher mit Gewalt, Ausbeutung und Krieg.

Nach dem Vorbild britischer Kolonien beanspruchte zunächst eine private Vereinigung, die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG), ab 1885 weite Küstenabschnitte und sorgte mit unlauteren Verträgen für Enteignungen und Krieg, bevor 1891 das Deutsche Kaiserreich die Kolonialherrschaft übernahm. Hauptakteur der DOAG war der schon zeitgenössisch für seine Grausamkeit bekannte Carl Peters (1856-1918). Er steht beispielhaft für die enge, wenn auch konfliktreiche Verbindung zwischen Kolonialherrschaft und Mission sowie für einen ausgeprägten Rassismus. Peters unterdrückte als Reichskommissar bis zu seiner Entlassung 1892 mit Willkür und Brutalität die Bevölkerung der Kilimandscharo-Region.

Zwangsarbeit und Sklaverei

Deutsch-Ostafrika lohnte sich wirtschaftlich weder für das Kaiserreich noch für die meisten Kolonialmigrant:innen; einige Firmen profitierten gleichwohl. Im Jahr 1914 besiedelten etwa 600 deutsche und weitere internationale Pflanzer die fruchtbarsten Regionen. Hier wurde auch Infrastruktur geschaffen, so zum Beispiel die 1911 fertiggestellte Usambarabahn. Die Arbeitsbedingungen im Eisenbahnbau und auf den Plantagen waren hart und vielfach tödlich, Afrikaner:innen wurden durch Kopf- und Hüttensteuern in die Plantagen- und Infrastrukturarbeit gezwungen. In Zeitschriften wie der Usambara Post zeigen sich zum einen der menschenverachtende Rassismus der Plantagenbesitzer, zum anderen werden in den vielen Klagen über Arbeitermangel aber auch Formen des Widerstands sichtbar. „Erziehung“ zur Arbeit war ein wiederkehrendes zivilisierungsmissionarisches Thema, Zwangsarbeit die Realität.

Bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft im Jahr 1918 blieb die Sklaverei in bestimmten Bevölkerungsgruppen erlaubt. Zwar war es Europäer:innen in Deutsch-Ostafrika verboten, Versklavte zu besitzen. Den lokalen Eliten wurde das hingegen weiterhin gestattet, denn aus dieser Gruppe rekrutierten die Deutschen ihr Verwaltungspersonal, die sogenannten Akidas und Jumben. Die Macht der Eliten sollte nicht beschnitten werden, damit die eigene nicht gefährdet würde. Generell befassten sich Europäer:innen mit der Sklaverei eher theoretisch als praktisch, obwohl sie deren Abschaffung als eine Legitimation für Kolonialismus propagierten. Außerdem entstanden nicht erst seit dem offiziellen Verbot der Sklaverei im Britischen Empire im Jahr 1834 neue transimperiale Formen von Vertrags- und Zwangsarbeit verbunden mit Arbeitsmigration. Die DOAG warb beispielsweise Arbeitskräfte aus Asien an. Darunter war das sogenannte „Kuli-Experiment“ mit Singapur zwischen 1892 und 1895. Es scheiterte jedoch an den schlechten Arbeitsbedingungen, die zu massiven Beschwerden der Rückkehrer führten.

Militärpräsenz und koloniale Gewalt

Das koloniale Territorium wurde durch ein Netz von militärischen Stationen geprägt. Hier übten in der Regel wenige deutsche Soldaten unterstützt von afrikanischen Hilfseinheiten (Askaris) die koloniale Macht aus. Nur wenige Stationen wurden auf eine zivile Administration umgestellt, zum Beispiel 1906 im heutigen Burundi. Stationen blieben oft auch unter militärischer Leitung, wenn die Region im Hinblick auf Widerstände als ruhig galt. Iringa in der Region Uhehe blieb beispielsweise eine Militärstation, obwohl seit 1898 der zuvor sieben Jahre dauernde Krieg beendet war. In jenem Jahr hatte sich der Hauptgegner der Deutschen, Chief Mkwawa, angesichts der drohenden Gefangennahme erschossen. Mkwawas Kopf wurde zu einer Kriegstrophäe der Kolonialherren. Die Herausgabe des Schädels aus deutschem Besitz wurde zwar im Versailler Friedensvertrag gefordert, sein Verbleib ist aber bis heute unklar.

Der Krieg in Uhehe war nur einer von zahlreichen Kriegen. Schon zu Zeiten der DOAG gab es Krieg an der Küste. Widerstandsaktionen von Frauen und Männern führten zu brutalen Gegenreaktionen. Besonders grausam war der überregionale Interner Link: Maji Maji Krieg von 1905 bis 1908. Der Krieg brach als Reaktion auf Steuern und Zwangsarbeit auf einer Baumwollplantage aus und verbreitete sich im Süden der Kolonie. Maji bedeutet Wasser und steht für eine Medizin des Heilers Kinjikitile Ngwale (gestorben 1905). Besonders vehement kämpften die Ngoni unter Anführern wie Songea Mbano (gehängt 1906). Die deutsche Kriegsführung war extrem: Dörfer wurden niedergebrannt, Frauen und Kinder gefangengenommen und die Anführer hingerichtet. Nach Angaben der deutschen Kolonialherren wurden 75.000 Afrikaner:innen getötet. Heutigen Schätzungen zufolge lag die Zahl der Getöteten jedoch zwischen 100.000 und 300.000, denn die Taktik der „verbrannten Erde“ führte noch weit über das Kriegsende hinaus zu Hunger und Tod.

Bilanz

Die Deutschen haben das Land bis zum Schluss nie vollständig, sondern nur regional beschränkt erobert. Insgesamt kamen wenige Deutsche in die Kolonie. Die Truppe, die Hermann von Wissmann (1853-1905) zusammenstellte, um von 1888 bis 1890 Krieg gegen die ostafrikanische Küstenbevölkerung unter der Anführung von Abushiri ibn Salim al-Harthi (hingerichtet 1889) zu führen, bestand aus 88 Deutschen und 850 afrikanischen Söldnern. Gegen Ende der Kolonialherrschaft befanden sich neben den Siedler:innen gut 730 Offiziere und Kolonialbeamte in Deutsch-Ostafrika. Gleichwohl brachten sogenannte Strafexpeditionen und Gefechte flächendeckenden Terror und Tod. Gouvernementale Entscheidungen wie die Kronlandregelung von 1895, die besagte, dass „herrenloses“ Land dem Kolonialstaat zufiel, entzogen vielen Menschen ihren Boden. Plünderungen und Grabraube nahmen ihnen Ahnen, Kultur- und Naturgüter. Mitunter gewaltsame Maßnahmen im Namen der Gesundheitspolitik griffen in ihre Intimität und Unversehrtheit ein. So wurden beispielsweise ab 1901 Afrikaner:innen in Dar es Salaam und Tanga regelmäßigen Blutkontrollen und Chiningaben unterzogen, um damit die Malaria zu bekämpfen. Der Erste Weltkrieg beendete die deutsche Kolonialherrschaft, nicht ohne selbst noch enorme Opferzahlen durch die Kriegsführung von General Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964), gefolgt von Hunger und Krankheit, zu fordern.

Erinnerungskultur

Die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit drückt sich in Tansania auf staatlicher Ebene - auf der häufig die gute Zusammenarbeit der Länder hervorgehoben wird - anders aus als in den Communities, die mitunter bis heute auf die Rückgabe der Gebeine ihrer Ahnen aus deutschen Sammlungen warten und traumatische Erlebnisse überliefern. In Deutschland werden Tansania zunehmend, Burundi und Ruanda allerdings noch kaum als Teile der Kolonie Deutsch-Ostafrika erinnert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat im November 2023 in Songea, einem Zentrum des Maji Maji Krieges, für die Verbrechen während der deutschen Kolonialherrschaft um Entschuldigung gebeten und versprochen, gemeinsam die noch unbeantworteten Fragen zu bearbeiten. Diese Fragen harren nach wie vor der Antworten.

Fussnoten

Fußnoten

  1. John Iliffe, A Modern History of Tanganyika, African Studies, Cambridge 1979; Philip Curtin u.a., African History. From Earliest Times to Independence, 2. Aufl., London, New York 1995; Jan-Georg Deutsch, Emancipation without Abolition in German East Africa c. 1884-1914, Oxford u.a. 2006; Michael Mann, Sahibs, Sklaven und Soldaten. Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean, Darmstadt 2012; Isaria N. Kimambo, Gregory H. Maddox, Salvatory S. Nyanto, A New History of Tanzania, Daressalam 2017.

  2. Georges Balandier, Die koloniale Situation. Ein theoretischer Ansatz, in: Rudolf von Albertini (Hg.): Moderne Kolonialgeschichte, Köln, Berlin 1970, S. 105–124; Rebekka Habermas, Alexandra Przyrembel (Hg.), Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne, Göttingen 2013; Rebekka Habermas, Richard Hölzl, Mission global – Religiöse Akteure und globale Verflechtung seit dem 19. Jahrhundert, in: Dies. (Hg.), Mission global. Eine Verflechtungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert, Köln, Weimar, Wien 2014, S. 9-28.

  3. Arne Perras, Carl Peters and German Imperialism 1856-1918. A Political Biography, Oxford 2004.

  4. Philippa Söldenwagner, Spaces of Negotiation. European Settlement and Settlers in German East Africa 1900-1914, München 2006, S. 3.

  5. Minu Haschemi Yekani, Koloniale Arbeit. Rassismus, Migration und Herrschaft in Tansania (1885-1914), Frankfurt, New York 2019; Boris Barth (Hg.), Zivilisierungsmissionen. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005; Bettina Brockmeyer, Geteilte Geschichte, geraubte Geschichte. Koloniale Biografien in Ostafrika (1880-1950), Frankfurt/M. 2021, S. 143-239.

  6. Jan-Georg Deutsch, The 'Freeing' of Slaves in German East Africa. The Statistical Record, 1890-1914, in: Suzanne Miers, Martin Klein (Hg.), Slavery and Colonial Rule in Africa, London 1999, S. 109-132; Ders., Emancipation.

  7. Frederick Cooper, Von der Sklaverei in die Prekarität? Afrikanische Arbeitsgeschichte im globalen Kontext, Berlin, Boston 2019, bes. S. 16; Ulrike Lindner, Indentured Labour in Sub-Saharan Africa (1870-1918): Circulation of Concepts between Imperial Powers, in: Sabine Damir-Geilsdorf u.a. (Hg.), Bonded Labour. Global and Comparative Perspectives (18th–21st Century), Bielefeld 2016, S. 59-82; Yekani, Koloniale Arbeit.

  8. Helmut Strizek, Geschenkte Kolonien. Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft, Berlin 2006, S. 78; Michael Pesek, Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika. Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880, Frankfurt, New York 2005.

  9. Jesse Bucher, The Skull of Mkwawa and the Politics of Indirect Rule in Tanganyika, in: Journal of Eastern African Studies 10:2 (2016), S. 284–302; Bettina Brockmeyer, Frank Edward, Holger Stoecker, „The Mkwawa Complex: A Tanzanian-European History about Provenance, Memory, and Politics“, in: Journal of Modern European History 18:2 (2020), S. 117-139.

  10. Michelle Moyd, Violent Intermediaries. African Soldiers, Conquest, and Everyday Colonialism in German East Africa, Athens, Ohio 2014; Tanja Bührer, Die kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Koloniale Sicherheitspolitik und transkulturelle Kriegführung 1885 bis 1918, München 2011.

  11. James Giblin, Jamie Monson (Hg.), Maji Maji. Lifting the Fog of War, Leiden, Boston 2010.

  12. Ernst Nigmann, Geschichte der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, Berlin 1911, S. 4; Pesek, Koloniale Herrschaft, S. 17.

  13. John Iliffe, Tanganyika under German Rule 1905-1912, Cambridge 1969, S. 126-132.

  14. Lily Reyles, Paola Ivanov, Kristin Weber-Sinn (Hg.), Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin – Ein tansanisch-deutscher Dialog, Berlin 2018; Holger Stoecker, Koloniales Kronland und Ausfuhrverbot. Wie die Fossilienfunde für die deutsche Wissenschaft gesichert wurden, in: Ida Heumann u.a. (Hg.), Dinosaurier Fragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte. 1906-2018. Göttingen 2018, S. 38-55; Bernhard S. Heeb; Charles Mulinda Kabwete (Hg.), Human remains from the former German Colony of East Africa. Recontextualization and approaches for restitution, Wien, Köln 2022.

  15. Manuela Bauche, Medizin und Herrschaft. Malariabekämpfung in Kamerun, Ostafrika und Ostfriesland (1890-1919), Frankfurt, New York 2017, bes. S. 88-98; Wolfgang U. Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus Deutschland 1884-1945, Paderborn u.a. 1997.

  16. Bührer, Schutztruppe; Michael Pesek, Das Ende eines Kolonialreiches. Ostafrika im Ersten Weltkrieg, Frankfurt, New York 2010.

  17. Reginald Elias Kirey, Memoirs of German Colonialism in Tanzania, Berlin, Boston 2023; Maximilian Felix Chami/ Alma Simba/ Holger Stoecker: Community Awareness and Restitution of Isanzu Ancestors’ Human Remains from the University of Göttingen Collections to Mkalama District, Tanzania, in: Africa Spectrum 58 (2), October 2023. Externer Link: https://doi.org/10.1177/00020397231202806.

  18. Rede am 1.11.2023 in Songea, Externer Link: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2023/11/231101-Songea-Maji-Maji-Museum.html (Abruf am 20.11.2024).

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Bettina Brockmeyer ist Professorin für Neuere Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Kolonialgeschichte, deutsche und transnationale Geschichte im langen 19. Jahrhundert sowie Medizin-, Geschlechter- und Körpergeschichte.