Dossierbild Years of Change 2021

29.11.2021 | Von:
Ljubow Jakymtschuk

Die Freiheit der Bergarbeiter und Autoren

Eine kleine Siedlung städtischen Typs, städtisch waren daran allerdings lediglich die Kohlegrube und die Haldenkegel, die noch von unserem Hof aus zu sehen waren. Wenn der Haldenkegel qualmte, hieß das, die Grube war in Betrieb, also würde es auch Gehalt geben. Diese Regel galt allerdings nicht immer, manchmal war es auch so: Der Haldenkegel qualmte, und vom Monatslohn wurden nur zwei Prozent ausbezahlt. Was konnte man denn kaufen für diese zwei Prozent? Brot? Einen Strick, um sich im Schuppen zu erhängen, wie es der Vater meines Klassenkameraden getan hatte?

Die 1990er. Meine Eltern. Er war Brigadeleiter im Schacht, sie Anlagenfahrerin in der Kohlefabrik. Nein, sie haben keinen Strick gekauft, sondern Mehl, um Brot zu backen, das dann billiger war als im Laden. Um zu überleben, pflanzten sie Gemüse auf dem schmalen Beet vor dem Haus. Um die eigenen Rechte durchzusetzen, nahm mein Vater an den Streiks teil und schlug mit seinem Grubenhelm auf den Asphalt vor den Verwaltungsgebäuden – er forderte Gerechtigkeit und die Auszahlung des erarbeiteten Lohns.

Einmal, 1997 war das, ging mein Vater sogar zu Fuß bis nach Luhansk, das waren fast hundert Kilometer. Der verblichene khakifarbene Rucksack aus Armeezeiten, Brot, Speck, Wasser und der Helm. Drei Tage waren die Kumpel unterwegs.

“Die Bergleute waren es auch, die die Unabhängigkeit der Ukraine durchgesetzt haben“, erzählte mein Vater mir und meiner Schwester. “Wir waren die ersten, die 1989 auf die Straße gegangen sind.“

Meine Eltern haben uns damals viele Geschichten erzählt. Von meiner Urgroßmutter zum Beispiel, die seinerzeit mit ihrer kleinen Tochter nach Sibirien deportiert worden war. Das “Verbrechen“, das sie begangen hatte, bestand darin, dass ihr Mann in der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) gekämpft hatte. Sie sprachen von einem Onkel meines Vaters, der auch Gott weiß wohin deportiert worden war, weil er das Kosakenlied “Ljubo, bratzi, ljubo“ gesungen hatte. Als Kind dachte ich immer, das Lied würde von meiner Großmutter Ljuba handeln – von der, die mit ihrer Mutter nach Sibirien geschickt worden war. Und damit auch ein bisschen von mir, weil ich ja nach ihr benannt worden war. Doch in dem Lied ging es eigentlich um die Freiheit, die erkämpft werden musste. Meine Eltern sprachen also über Dinge, die kurz zuvor noch nicht einmal erwähnt werden durften. Darüber, was sie jetzt taten.

Während der Tauwetterperiode unter Chruschtschow wurden den Menschen die Augen geöffnet, aber ihre Münder blieben verschlossen; während der Perestroika jedoch öffneten sich nach und nach auch sie. Es gab noch eine weitere symptomatische Geschichte, die bekannt wurde: Ein Jahr vor 1989, dem Schlüsseljahr für Europa und auch für die Ukraine, reiste eine Delegation von Psychiatern in die Sowjetunion, um ein Gutachten über die Psychiatrie vor Ort zu erstellen. Man wollte herausfinden, ob an dem Gerücht, es würde sich um eine Gefängnispsychiatrie handeln, etwas dran war. Die Delegation listete in ihrem Bericht viele Verstöße auf, unter anderem wurde auf einen Patienten verwiesen, dem die anwesenden sowjetischen Psychiater bescheinigten, er weise “jetzt, da sich die Sowjetunion geändert hatte, keine klinischen Schädigungen auf.“ Eine sehr interessante Geschichte: Kaum hatte sich die Sowjetunion geändert, war die Krankheit verschwunden? Oder wie?

Bei Patienten wie ihm war seinerzeit eine schwach ausgeprägte Schizophrenie oder eine paranoide Psychopathie diagnostiziert worden, deren zentrales Symptom eben jene geliebte Freiheit war, die mein Urgroßvater einst besungen hatte; in einschlägigen Unterlagen wurde sie bezeichnet als “einseitige Tätigkeit, insbesondere Kampf für die Freiheit“. In der Sowjetunion änderten sich psychische Krankheiten mit der Politik der herrschenden Partei. Das, was wir alle, meine ganze Familie, waren, war auf einmal die neue Normalität, nachdem es früher als Krankheit gegolten hatte.

Kehren wir jedoch zurück ins Jahr 1989. Damals hielten viele Vereinigungen in der Ukraine ihre Gründungskonferenz ab. Die Satzung für die zivilgesellschaftliche Gruppe Narodnyj Ruch za perebudowy (dt. Volksbewegung für Umgestaltung) haben – schwer zu glauben – Schriftsteller geschrieben. Warum eigentlich nicht Politiker? Waren die Veränderungen denn tatsächlich so gewaltig, dass es Schriftsteller bedurfte, um ihnen eine Form zu geben? Zum Vorsitzenden des Organisationskomitees wurde ebenfalls ein Schriftsteller gewählt – Wolodymyr Jaworiwskyj. Der erste Vorsitzende des Narodnyj Ruch (dt. Volksbewegung) war der renommierte Dichter Iwan Dratsch.

Genau zwanzig Jahre später, im Jahr 2009, war ich nicht nur Masterstudentin in Kiew, sondern moderierte im Ukrainischen Radio auch eine Sendung mit Iwan Dratsch. Nachdem die Liveübertragung zu Ende war, lud Dratsch mich zu einer Retrospektive seiner Filme ins Nationaltheater ein, das im Übrigen auch nach einem Dichter benannt ist, nämlich nach Iwan Franko. Es war eine spontane Einladung, und ich sagte sofort zu. Auf dem Weg zum Theater versuchte ich, das Gespräch am Laufen zu halten. Ich, ein Arbeiterkind, die Tochter eines Bergmanns und einer Anlagenfahrerin in der Kohlefabrik, die sich als Intellektuelle gab.

Er fragte mich: “Wollen Sie denn Regisseurin werden?“

Ich gab eine dumme Antwort, bin an der Philologie, so etwas in der Art. Darauf erwiderte er: “Sie sind in einem Alter, in dem man alles werden kann.“

Ich kann auch jetzt noch alles werden, auch wenn ich längst keine zwanzig mehr bin. Denn ich lebe in einem Land, in dem die Schriftsteller den Staat gestalten, in einem Land, in dem die Bergleute den Staat gestalten. Also ging es in dem Lied doch um mich.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe


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