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Studienreise in die Türkei | bpb.de

Studienreise in die Türkei Jüdisches Leben in der Türkei

(© Fatih Demircan)
Datum der Veranstaltung 25.04. – 03.05.2026
Uhrzeit der Veranstaltung ab 10:00 Uhr
Ort der Veranstaltung Köln/Bonn und Türkei
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Über die Veranstaltung

Mit dem Stichwort ‚Juden in der Türkei‘ werden heute vor allem die Nachfahren sephardi-schen Juden assoziiert, die nach ihrer Verfolgung und Vertreibung von der iberischen Halb-insel („Reconquista“) Aufnahme im Osmanischen Reich fanden. In Deutschland werden manche auch an die jüdischen Exilwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler denken, die nach 1933 vor dem NS-Regime in die junge Republik flohen und dort wichtige Positionen an Universitäten und kulturellen Einrichtungen einnehmen konnten. In der türkischen Selbst-darstellung wird mit diesen beiden Ereignissen das Bild einer „toleranten Türkei“ gepflegt, die die Jüdinnen und Juden immer wieder vor europäisch-christlicher Verfolgung gerettet habe. Diese Darstellungen ist zwar nicht falsch, jedoch selektiv und unvollständig und klammert wichtige Aspekte und Episoden des jüdischen Lebens in der Türkei aus.

Tatsächlich reicht die Geschichte des Judentums in Anatolien fast 2.700 Jahre zurück. Zahl-reiche archäologische Funde aus der Antike, hebräische Inschriften auf Grabsteinen, Über-reste antiker Synagogen sowie rituelle und alltägliche Gegenstände belegen seine weite Verbreitung, insbesondere in der Ägäisregion, aber auch in Zentral- und Ostanatolien. Als die Osmanen ab Ende des 13. Jahrhunderts sukzessive Anatolien, den größten Teil des Bal-kans und im 16. Jahrhundert auch die arabischen Gebiete eroberten, gerieten immer mehr jüdische Gemeinden unter osmanische Herrschaft. Diese zeichneten sich nicht allein durch ihre teilweise sehr lange Geschichte, sondern auch durch ihre große Diversität aus: Außer den unter byzantinischer Herrschaft gräzisierten Romanioten existierte die eigene jüdische Religionsgemeinschaft der Karäer, in den kurdischen Gebieten aramäisch sprechend Juden, in den arabischen Gebieten die Mizrahim, sowie aus Osteuropa eingewanderte Aschken-azim Aufstieg und Blütezeit der Osmanen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert fielen zeitlich mit massiven Judenverfolgungen in Europa zusammen. So wurde das Osmanische Reich sowohl für die von der iberischen Halbinsel vertriebene Sephardim sowie über die Jahrhunderte auch für Zehntausende Aschekanzim, die vor Pogromen in Osteuropa flohen, zum sicheren Hafen. Trotz mancher rechtlichen Einschränkungen war die Situation von Juden hier deut-lich sicherer als in christlichen Ländern. Diese Diversität der jüdischen Gemeinden, lässt sich bis heute – zum Beispiel am Namen verschiedener Synagogen in Istanbul oder Izmir – zu-rückverfolgen, die jeweils nach der Herkunftsregion benannt wurden.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten die etwa 350.000 Juden des Osmanischen Reiches eine der größten jüdischen Gemeinden weltweit. In Saloniki (dem heutigen Thessa-loniki) war jeder zweite Einwohner jüdisch, in Istanbul gab es weit mehr als 30 Synagogen, Izmir zehn Synagogen und acht Gebetshäuser und auch in kleineren Städten vor allem an der Ägäis und der Mittelmeerküste existierten jüdische Gemeinden. Gemessen an der Ge-samtbevölkerung des Reiches, das sich damals noch über drei Kontinente erstreckte, stellten die Juden zwar nur eine kleine Minderheit dar, etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Doch ihr Beitrag zur Kultur des Landes, zu Musik, zu Literatur, sowie zur wissenschaftlichen und poli-tischen Entwicklung des Landes war beeindruckend und lässt sich bis heute nachverfolgen.

Auch bei Gründung der Republik Türkei 1923 lebten in den bei der Türkei verbliebenen Ge-biete anfangs noch mehr als 100.000 Jüdinnen und Juden. Doch während der langen Kriegs-phase von 1911-1922 waren zahlreiche jüdische Siedlungsgebiete zerstört worden. Dies und der rigide Nationalismus der jungen Republik – vergleichbar dem in anderen neu entstan-denen Nationalstaaten Ost- und Südosteuropas – und antijüdische Maßnahmen während des Zweiten Weltkriegs bewirkten schon während der ersten Jahrzehnte der Republik eine massenhafte Emigration von Jüdinnen und Juden aus der Türkei nach Europa oder in „die Amerikas“, sowie nach Gründung des Staates Israels nach dorthin. Auch die wechselhafte Geschichte des Landes nach 1945, geprägt von scharfen politischen Auseinandersetzungen, mehreren Militärputschen und Phasen politischer Repression führten zu weiterer Emigrati-on. Heute leben nur noch etwa 12.000 Jüdinnen und Juden in der Türkei, die meisten von ihnen in Istanbul und Izmir. Noch vor wenigen Jahren reisten jährlich mehrere Hunderttausend Israelis in die Türkei, und die bilateralen Beziehungen galten als pragmatisch bis gut. Mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg im Gazastreifen hat sich das politische und gesellschaftliche Klima in der Türkei jedoch deut-lich radikalisiert. Wie geht es den Jüdinnen und Juden heute?

Gemeinsam mit Ihnen möchten wir die Geschichte des jüdischen Lebens in der Türkei multi-perspektivisch erkunden und uns auf eine gemeinsame politisch-bildnerische Reise bege-ben. Als deutsche Reisegruppe möchten wir den hiesigen Denk- und Diskursraum erweitern und in erster Linie um die türkisch-jüdische Perspektive ergänzen. Dabei sollen aktuelle De-batten und Entwicklungen transnational und kontrovers präsentiert und reflektiert werden, eingebettet in die deutsch-türkische Beziehungswelt und darüber hinaus.

Während der einwöchigen Studienreise werden wir uns in Istanbul und Izmir kritisch mit Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukunftsperspektiven auseinandersetzen. Dazu haben wir zahlreiche ausgewiesene Referentinnen und Referenten eingeladen, die uns fun-dierte Analysen, Hintergrundwissen und persönliche Einblicke vermitteln sowie den Zugang zu Synagogen und weiteren bedeutenden Orten ermöglichen.

Wir haben ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Programm zusammengestellt und kümmern uns um Flüge, Übernachtungen, Halbpension sowie alle logistischen Aspekte vor Ort. Der Teilnahmebeitrag beträgt 800,00 Euro im Doppelzimmer bzw. ca. 1.100,00 Euro im Einzelzimmer (abhängig von Verfügbarkeit und Preisentwicklung). Die vier Werktage vom 27. bis 30. April 2026 können in den meisten Bundesländern als Bildungsurlaub anerkannt werden. Die Veranstaltungen finden auf Deutsch oder Englisch statt. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine aktive Mitwirkung. Die Reise beginnt mit einem verbindlichen Vorbereitungsseminar am 25. April 2026 im Raum Köln/Bonn. Am folgenden Morgen fliegen wir nach Istanbul. In der schönsten Reise-zeit am Bosporus werden wir die Stadt und ihre Menschen aus besonderen Perspektiven kennenlernen. Trotz des dichten Programms bleibt Raum für individuelle Erkundungen. Für den zweiten Abschnitt der Reise fahren wir mit einem komfortablen Reisebus über eine Zwi-schenstation nach Izmir. Dort widmen wir uns in den verbleibenden Tagen der wechselvol-len Stadtgeschichte im Zusammenhang mit jüdischem Leben bis in die Gegenwart. Die Reise endet am Sonntag, dem 3. Mai 2026, am Flughafen Köln/Bonn oder Düsseldorf.

Wir freuen uns sehr auf Ihre Bewerbung. Aus organisatorischen Gründen wird vorab kein detailliertes Programm veröffentlicht. Wei-tere Informationen erhalten die Teilnehmenden nach erfolgreicher Bewerbung. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Hinweise zur Veranstaltung

Veranstalter:
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

Zielgruppe:
Multiplikator/-innen der (politischen) Bildung, Entscheidungsträger/-innen, Medienschaffende, Lehrende, Sicherheitsbehörden, Polizei und Bundeswehr, Bundes- und Kommunalpolitiker/-innen, Wissenschaftler/-innen, Ehrenamt, Verwaltung, Politik (Bund, Land, Kommunen)

Bewerbung:
800,00 € im Doppelzimmer (Halbpension),
Ca. 1100,00 im Einzelzimmer (Einzelzimmer, Nach Verfügbarkeit)

Die Programmpunkte finden in deutscher oder englischer Sprache statt.

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