Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Krassimir Stojanov

Anmerkungen zur Geschichte der Gleichheit - Essay

Rechte-Egalitarismus als Voraussetzung von Gleichheit

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren und mit Vernunft und Gewissen begabt sind.[7] Diese nunmehr politisch verbindliche Feststellung, die in den nachfolgenden Artikeln der Erklärung in den Rechten auf Freiheit, auf Schutz gegen Diskriminierung und staatliche Willkür sowie auf Arbeit und Bildung ausbuchstabiert wird, ist ein historisches Ergebnis langer Kämpfe gegen die gesellschaftliche Benachteiligung von Menschen schon bei ihrer Geburt und aufgrund ihres Geschlechts, ihrer "Rasse" oder ihrer Nationalität; Kämpfe, die spätestens in der Epoche der Aufklärung aufflammen. Auf der anderen Seite fungiert diese Feststellung in den Jahrzehnten nach ihrer politischen Billigung durch die Vereinten Nationen selbst als ein zentrales Mittel für weltweit geführte weitere Kämpfe gegen Rassendiskriminierung und Apartheid, gegen Diskriminierung der Frauen oder gegen Unterdrückung von basalen Freiheiten in totalitären und autoritären Regimen.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird die ursprüngliche Gleichheit der Menschen mit ihrer Würde und Freiheit begründet, die sich wiederum in ihrer grundsätzlichen Fähigkeit zur vernünftigen Autonomie ausdrücken. Dabei muss man allerdings zwischen einer negativen Gewährleistung der Möglichkeit dieser Autonomie einerseits und einer positiven und aktiven Unterstützung ihrer Entfaltung durch die gesellschaftlichen Institutionen andererseits unterscheiden. Diese Unterscheidung überschneidet sich indes nur teilweise mit der bekannten Differenzierung zwischen politischen und sozialen Menschenrechten beziehungsweise zwischen Rechten der "ersten" und der "zweiten" Generation.[8] Die Rechte der "ersten Generation", das heißt die rein politischen Rechte auf Meinungs-, Glaubens- oder Versammlungsfreiheit, auf Schutz gegen Diskriminierung oder gegen willkürliche Eingriffe in das Privatleben, sind Rechte auf die sogenannte negative Freiheit. Mit anderen Worten: Das sind Rechte darauf, bei der Ausübung der eigenen legitimen Freiheiten nicht behindert und eingeschränkt und für diese Ausübung nicht bestraft zu werden. Hingegen sind die Rechte der "zweiten Generation" positive Rechte auf Ressourcen wie Bildung, Arbeit und ein Minimum an Wohlstand, welche für die tatsächliche Ausübung dieser Freiheiten vonnöten sind.[9]

Das Prinzip der egalitären Autonomieermöglichung geht freilich auch über die Gewährung der positiven Rechte hinaus. So umfasst die Behauptung eines Rechts auf Arbeit noch keine Differenzierung zwischen Arbeitsformen, die autonomiestiftend sind und solchen, die eher stumpf und entwicklungshemmend in Bezug auf das Individuum sind. Ebenso wenig sagt die bloße Behauptung eines Menschenrechts auf Bildung etwas über die Standards aus, die Bildungsinstitutionen erreichen müssen, damit sie das erwähnte Prinzip der egalitären Autonomieermöglichung umsetzen können.

Vor diesem Hintergrund sind bestimmte pädagogische Handlungsweisen und institutionelle Regelungen im Bildungssystem (wie Selektion und Allokation im Kindesalter), die dazu führen, dass Kinder und Jugendliche in Begabungs- und Leistungsfähigkeitsschubladen aufgeteilt werden, nicht mit dem Prinzip der egalitären Autonomieermöglichung vereinbar. Vielmehr erfordert die Verwirklichung dieses Prinzips über die Gewährung von politischen und sozialen Rechten hinaus die Existenz einer Lebensform, in der jeder Mensch als uneingeschränkt bildungsfähig, als uneingeschränkt entwicklungsfähig in seinem Autonomiepotenzial anerkannt wird: eine Anerkennung, die sich sowohl auf den Bereich der Schul- und Weiterbildung als auch auf die Bereiche des Arbeitslebens und der politischen Partizipation der Bürgerinnen und Bürger bezieht. Diese Lebensform wird von der Maxime geprägt, dass alle Menschen gleich sind, weil sie gleichermaßen über diese uneingeschränkte Bildungs- und Entwicklungsfähigkeit verfügen.

Bildungs- und Autonomieentwicklungsfähigkeit

Die Durchsetzung der Meritokratie als Verteilungsschüssel für Güter und Positionen ist als ein großer historischer Fortschritt im Vergleich zu den vormodernen "naturgegebenen" gesellschaftlichen Hierarchien zu werten. Das meritokratische Prinzip enthält insofern eine substanzielle Dimension von Gleichheit, als hier grundsätzlich allen Menschen Eigenverantwortung für ihr Schicksal zugeschrieben wird. Dabei scheint Eigenverantwortung zunächst verwandt zu sein mit der aufklärerischen Vorstellung, dass alle Menschen gleichermaßen zur vernünftigen Autonomie und Selbstbestimmung fähig sind - eine Vorstellung, die ihren rechtlich-politischen Ausdruck unter anderem in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet.

Beim näheren Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass eine Verabsolutierung und Übertragung des meritokratischen Prinzips auf nicht-ökonomische Bereiche (wie etwa auf das Bildungssystem) das Gebot der Gleichheit untergraben kann. Denn hier führt eine ausschließliche Orientierung an diesem Prinzip zur Stigmatisierung von vielen heranwachsenden Individuen, die mehrheitlich bereits herkunftsbenachteiligt sind, als "begrenzt leistungsfähig" oder "wenig begabt": eine Stigmatisierung, die das Bildungs- und das Autonomiepotenzial der Betroffenen untergräbt. Daher erfordert die Verwirklichung des Gebots der Gleichheit eine über das meritokratische Prinzip und über die Gewährung von Grundrechten hinausgehende institutionalisierte Anerkennung der grundsätzlich uneingeschränkten Bildungs- und Autonomieentwicklungsfähigkeit bei jedem Menschen.

Fußnoten

7.
Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948, online: www.un.org/depts/german/grunddok/ar217a3.html (25.2.2012).
8.
Vgl. Martha C. Nussbaum, Frontiers of Justice, Cambridge, MA-London 2006, S. 286.
9.
Vgl. ebd., S. 287-291.