Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Volker Lang
Martin Groß

Gesellschaftliche Ausschlussmechanismen und Wege zur Inklusion

Schließungsprozesse auf Arbeitsmärkten

Auf Arbeitsmärkten wird durch die differenzielle Entlohnung beruflicher Positionen der größte Teil des gesellschaftlichen Reichtums verteilt. Nach der neoklassischen Theorie des Arbeitsmarkts garantiert ein sich frei entfaltender Ausgleich von Angebot und Nachfrage die Einhaltung meritokratischer Prinzipien. Der Marktmechanismus sorgt dafür, dass die richtigen Personen mit den richtigen Qualifikationen in die richtigen Berufe gelangen: Besteht ein Überangebot an Arbeitskraft für einen bestimmten Beruf, sinkt dessen Entlohnung und infolgedessen auch das Angebot; umgekehrt führt ein zu geringes Angebot an Arbeitskraft zu steigenden Löhnen und damit auch zu einer Angebotszunahme. Im sich langfristig einstellenden Gleichgewicht wird so jeder, der Arbeit sucht, eine Arbeitsstelle bekommen, und jede Arbeitsstelle wird angemessen entlohnt. Dieser Mechanismus wird durch Schließungsprozesse auf Arbeitsmärkten gestört. Dabei wird das Angebot an verfügbarer Arbeitskraft begrenzt, indem potenzielle Konkurrenten vom Marktzugang ausgeschlossen oder dabei behindert werden. Diese Begrenzung hat zwei Folgen: Sie sichert die Beschäftigungsstabilität von denjenigen, die in der Lage sind, potenzielle Konkurrenten abzudrängen, und ermöglicht eine Entlohnung, die über derjenigen im Marktgleichgewicht liegt. Infolgedessen entstehen "Renten", also Einkommensbestandteile, für die man nichts leisten muss.[17]

Schließungsmechanismen spielen in drei Bereichen eine zentrale Rolle: Erstens werden Frauen beim Berufszugang nach wie vor benachteiligt. Das betrifft zunächst das Ausmaß der Erwerbsbeteiligung. Es ist in den vergangenen Dekaden stark gestiegen, doch sind auch heute noch Frauen in geringerem Umfang erwerbstätig als Männer. Insbesondere in der Kindererziehungsphase ziehen sich Frauen entweder ganz aus der Berufstätigkeit zurück oder sind teilzeitbeschäftigt. Teilzeitarbeit ist mit schlechteren Karriereaussichten verbunden, und Erwerbsunterbrechungen trüben diese Aussichten noch weiter. Schließlich lässt sich nach wie vor eine ausgeprägte berufliche Segregation feststellen: Frauen konzentrieren sich auf bestimmte Tätigkeiten wie etwa Heil- und Pflegeberufe, die vergleichsweise schlechte Karrierechancen bieten. Zudem werden Frauen schlechter entlohnt als Männer. Der "Brutto"-Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt etwa 30 Prozent und ist auf drei Faktorengruppen zurückzuführen: Frauen verfügen tendenziell über weniger Humankapital als Männer, was vor allem eine Konsequenz geringerer berufs- und betriebsspezifischer Arbeitserfahrung ist. Darüber hinaus schlägt sich die berufliche Segregation in einer schlechteren Bezahlung nieder. Schließlich werden Frauen auch bei gleicher formaler Qualifikation, gleicher Tätigkeit und gleicher Stellung in der betrieblichen Hierarchie immer noch schlechter entlohnt als Männer.[18] Diese verbleibenden etwa 12 Prozent "Netto"-Lohnunterschied sind kaum anders als durch direkte Diskriminierung zu erklären. Sie sind eine unmittelbare und illegitime Form sozialstruktureller Schließung.

Zweitens haben junge Menschen mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten beim Arbeitsmarkteinstieg. Während bei den meisten ethnischen Gruppen diese Benachteiligung ausschließlich auf geringere formale Bildungsabschlüsse zurückzuführen ist, finden sich insbesondere bei jungen Türkeistämmigen, der größten Einwanderergruppe in Deutschland, schlechtere Berufseinstiegschancen, auch wenn sie die gleichen Bildungsabschlüsse haben wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Unklar ist allerdings, ob diese schlechteren Chancen auf direkte Diskriminierung bei der Einstellung oder die ethnisch homogene Zusammensetzung von Freundschaftsnetzwerken, welche sich insbesondere in Kombination mit mangelnden Kenntnissen der deutschen Sprache negativ auswirkt, zurückzuführen sind.[19] Ersteres ist ebenfalls als unmittelbare und illegitime Form sozialstruktureller Schließung anzusehen. Letztere ist eine Form sozialer Schließung, die von der betroffenen Gruppierung selbst ausgeht.

Drittens macht sich in den intragenerationalen Mobilitätsmustern Alter als Schließungsmerkmal bemerkbar. Das betrifft einerseits die Jüngeren, für die der Berufseinstieg tendenziell schwieriger wird. Insbesondere unqualifizierte Jugendliche sehen sich einem erhöhten Arbeitslosigkeitsrisiko ausgesetzt. Zwar hat die Bildungsexpansion nicht zu einer generellen Entwertung von Bildungsabschlüssen geführt, wohl aber zu einem Verdrängungswettbewerb gerade in den unteren Bereichen der Bildungsabschlüsse, sodass die Minimalanforderungen an vorhandenen Qualifikationen deutlich gestiegen sind. Darüber hinaus werden Berufseinsteiger, auch hochqualifizierte, immer häufiger auf Positionen in "atypischen" Beschäftigungsverhältnissen verwiesen. Das Berufsleben beginnt mit befristeter Beschäftigung, Leiharbeit oder Teilzeitbeschäftigung. Ein unbefristetes "Normalarbeitsverhältnis" ist erst im späteren Erwerbsverlauf zu erreichen. Andererseits haben Ältere mitunter Probleme, eine Anstellung zu finden: Auch unter ihnen haben Geringqualifizierte wie beim Arbeitsmarkteinstieg vergleichsweise geringe Chancen auf eine Einstellung, was sich in früheren Übergängen in Altersrenten niederschlägt.[20] Jedoch ist trotz der Erhöhung der gesetzlichen Regelaltersgrenze für Altersrenten und der großen "Babyboomer"-Kohorten älterer Erwerbspersonen nicht zwingend mit einer Ausweitung dieser erwerbsbezogenen Risiken zu rechnen, da die jetzigen und kommenden Älteren im Vergleich zu Vorgängerkohorten besser qualifiziert sind und sich Unternehmen teilweise besser auf ältere Beschäftigte einstellen.[21] Ein Anstieg des Armutsrisikos für Ältere, über das in den vergangenen Jahren insgesamt gestiegene Armutsrisiko hinaus, zeichnet sich bisher nicht ab.[22] Jedoch sind Alleinlebende und Personen mit längeren Erwerbsunterbrechungen, damit insbesondere Frauen, soziale Gruppen, die von altersbedingter sozialer Exklusion bedroht sind.

Institutionelle Regulierung von Arbeitsmärkten.
Deutsche Arbeitsmärkte gelten aufgrund zahlreicher Schließungsmechanismen, die sich in einer starken Regulierung bemerkbar machen, als rigide. Arbeitsrechtliche Regelungen wie Kündigungsschutz, Regulierung "atypischer" Beschäftigungsverhältnisse, das Betriebsverfassungsgesetz und im internationalen Vergleich starke Gewerkschaften führten zu einer vergleichsweise starken Kontrolle der Arbeitnehmenden über die Besetzung von Positionen und deren Entlohnung. Sie können von daher als institutionell verankerte Schließungsmechanismen aufgefasst werden. Insbesondere die branchenweiten Tarifverträge ziehen eine starke Vereinheitlichung der Löhne - und damit auch eine potenziell starke Entkopplung von Entlohnung und Leistung - nach sich.

Die Kritik dieser Institutionen fokussiert sich insbesondere auf drei Konsequenzen dieser starken Regulierung: Erstens seien deutsche Arbeitsmärkte von einer tief greifenden Insider-Outsider-Spaltung durchzogen. Diese Regulierungen privilegieren in erster Linie die "Normalarbeitsverhältnisse" in internen Arbeitsmärkten, in denen die "Kernbelegschaft" der Betriebe zu finden sind. Die "Randbelegschaft" ist auf externe Arbeitsmärkte verwiesen, auf denen im Wesentlichen unsichere "atypische" Beschäftigungsverhältnisse wie befristete Beschäftigung, Leiharbeit oder Scheinselbstständigkeit nachgefragt werden. Die "Randbelegschaften" müssen nicht nur die Risiken der betrieblichen Flexibilitätserfordernisse tragen, sondern werden oft auch verhältnismäßig schlecht entlohnt. Zudem sind ihre Tätigkeiten häufig mit ungünstigen Arbeitsbedingungen verbunden. Zweitens behindere die Rigidität der deutschen Arbeitsmärkte die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt, da sie die Anpassung der Produktion an eine sich immer schneller ändernde Nachfrage auf internationalen Absatzmärkten erschwere. Drittens führe die Begrenzung der Lohnanpassung nach unten hin zu einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit gerade der Unqualifizierten. Da im Zuge technologischen Wandels unqualifizierte Arbeit immer weniger nachgefragt werde, könne nur eine relative Verbilligung dieser Art von Arbeit der strukturell bedingten Arbeitslosigkeit entgegenwirken.

Diese Argumente sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings muss auch beachtet werden, dass sich die starke Regulierung der Arbeitsmärkte nicht nur negativ auswirkt. Wie der zunehmende Abstand zwischen Kapitalerträgen und Entlohnungen aus abhängiger Beschäftigung belegt, sind die Löhne auch bei gegebenen Regulierungen durchaus nach unten anpassungsfähig. Zusätzlich dämpft die tarifvertragliche Lohnsetzung die Bereitschaft zu kostenträchtigen Arbeitskämpfen. Außerdem liegt eine sichere Beschäftigung in geschlossenen Positionen nicht ausschließlich im Interesse der Arbeitnehmenden. Gerade bei Tätigkeiten, die "spezifisches Humankapital" erfordern, sind Arbeitgeber durchaus bereit, sich auf langfristige Bindungen einzulassen, um sich die Erträge gemeinsamer Investitionen in den Aufbau spezifischen Humankapitals sichern zu können. Auch interne Arbeitsmärkte für die Kernbelegschaft können im Interesse der Arbeitgeber liegen, da sie dadurch umfangreiche "Transaktionskosten" bei der Besetzung von Stellen einsparen können. Darüber hinaus erschwert die sozialstrukturelle Schließung der Arbeitsmärkte nicht nur die Einstellung von Arbeitnehmern und erzeugt dadurch Arbeitslosigkeit, sondern sie dämpft auch die Freisetzung der Arbeitnehmer und damit den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Krisenzeiten ab. Schließlich stimmt es zwar, dass "atypische" Beschäftigungsverhältnisse in der Peripherie benachteiligt sind, aber dauerhaft finden sich dort in erster Linie die Gering- und Unqualifizierten. Für hinreichend qualifizierte Arbeitskräfte stellen "atypische" Beschäftigungsverhältnisse meist nur ein Übergangsstadium in der Berufseinstiegsphase dar.

Zudem ist es fraglich, ob man deutsche Arbeitsmärkte noch gemeinhin als rigide bezeichnen kann. Zahlreiche Maßnahmen in jüngerer Zeit zielten darauf ab, sie flexibler zu gestalten. So wurden mehrfach Gesetzesänderungen vorgenommen, um die Regulierung "atypischer" Arbeitsverhältnisse abzuschwächen. Viel gravierender jedoch ist die Unterhöhlung des Tarifvertragswesens: Zum einen lassen sich die Gewerkschaften immer häufiger auf Ausnahmeregelungen ein, die Abweichungen von den in den Tarifverträgen niedergelegten Regelungen erlauben. Zum anderen sind aber immer weniger Betriebe und immer weniger Arbeitnehmer überhaupt tarifvertraglichen Regelungen unterworfen. Der seit etwa den 1990er Jahren zu beobachtende Anstieg der Einkommensungleichheit[23] dürfte auch auf solche Änderungen der institutionalisierten Regelungsmechanismen zurückzuführen sein.

Den Abbau institutionalisierter Schließungsmechanismen darf man jedoch nicht einseitig als eine Entwicklung verstehen, die meritokratischen Prinzipien zum Durchbruch verhilft. Zwar lassen sich in der Tat steigende Bildungsrenditen beobachten, doch führt das Sinken der Entlohnung Geringqualifizierter kaum zu mehr Beschäftigung in diesem Bereich, und die höhere Entlohnung der Hochqualifizierten lässt sich zu einem nicht unerheblichen Teil auf eine Verstärkung beruflicher Schließungsprozesse auf Basis credentialistischer Prinzipien[24] zurückführen. Vielmehr verdeutlicht der Anstieg der Einkommensungleichheit eine Schutzwirkung, die Schließungsmechanismen entfalten können: Fallen sie weg, vergrößern sich die Renten auf Basis anderer Potenziale zur Erzeugung von Monopolisierungstendenzen. Solche Potenziale sind insbesondere ökonomischem und kulturellem Kapital inhärent, und beides ist in Deutschland sehr ungleich verteilt. Marktbeschränkungen, Gewerkschaften, Tarifverträge und gesetzliche Regulierungen bilden mitunter ein Gegengewicht dazu.

Schließungsmechanismen auf professionellen Arbeitsmärkten.
Der Sicherung von Einkommensströmen dienen auch zahlreiche berufsorientierte Schließungsmechanismen. Insbesondere professionelle Berufe (wie juristische oder medizinische) konnten die Konkurrenz um begehrte Berufspositionen erfolgreich einschränken. Die wichtigste Methode besteht darin, bestimmte Bildungsabschlüsse als notwendige Voraussetzung zur Ausübung des Berufes zu etablieren, und die Zugänge zu den entsprechenden Ausbildungsgängen zu begrenzen. Das funktioniert dann gut, wenn die Notwendigkeit von Bildungsabschlüssen gesetzlich verankert wird und auch die Zugangsbeschränkungen formal geregelt werden wie durch einen Numerus Clausus. Wenn dann noch Niederlassungsverordnungen die freie Berufsausübung erheblich einschränken, sind Einkommen auf vergleichsweise hohem Niveau langfristig gesichert. In Deutschland finden sich solche credentialistischen Schließungsmechanismen vor allem bei den "freien Berufen" (diese umfassen im Wesentlichen selbstständige Berufspositionen hoher Qualifikation), wobei auch hier große Variationen zu beobachten sind: Während etwa medizinische Berufe sehr erfolgreich waren, was die Durchsetzung von Lizensierungsverfahren und Niederlassungsverordnungen angeht, sehen sich die künstlerischen Professionen einem harten Wettbewerb ausgesetzt.

Im Ergebnis müssen Verbraucher zwar höhere Preise zahlen als dies unter den Bedingungen des freien Markts der Fall wäre. Doch dienen credentialistische Prinzipien auch der Qualitätssicherung. Die Formalisierung von Ausbildungsvoraussetzungen stellt sicher, dass die Berufsangehörigen ihr "Handwerk" beherrschen. Zudem verhindert eine Regulierung von Einkommen qua Gebührenordnungen unangemessen hohe Einkünfte gerade der Professionen.

Fußnoten

17.
Vgl. Aage B. Sørensen, Processes of Allocation to Open and Closed Positions in Social Structure, in: Zeitschrift für Soziologie, 12 (1983), S. 203-224.
18.
Vgl. Hermann Gartner/Thomas Hinz, Geschlechtsspezifische Lohnungleichheit in Betrieben, Berufen und Jobzellen (1993-2006), in: Berliner Journal für Soziologie, 19 (2009), S. 557-575.
19.
Vgl. Frank Kalter, Auf der Suche nach einer Erklärung für die spezifischen Arbeitsmarktnachteile Jugendlicher türkischer Herkunft, in: Zeitschrift für Soziologie, 35 (2006), S. 144-160.
20.
Vgl. Ralf K. Himmelreicher/Christine Hagen/Wolfgang Clemens, Bildung und Übergang in den Ruhestand, in: KZfSS, 61 (2009), S. 437-452.
21.
Vgl. Karl Brenke/Klaus F. Zimmermann, Ältere auf dem Arbeitsmarkt, in: DIW Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 80 (2011), S. 11-31.
22.
Vgl. Jan Goebel/Markus M. Grabka, Zur Entwicklung der Altersarmut in Deutschland, in: DIW (Anm. 21), S. 101-118.
23.
Vgl. Martin Groß, Markt oder Schließung?, in: Berliner Journal für Soziologie, 19 (2009), S. 499-530.
24.
Diese sind an Zertifikaten orientiert. Nach Möglichkeit bilden diese erbrachte und zu erwartende Leistungen ab. Da Leistung jedoch unter Umständen nicht das einzige Zertifizierungskriterium ist, sind credentialistische und meritokratische Prinzipien nicht notwendig im Einklang miteinander.