Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Volker Lang
Martin Groß

Gesellschaftliche Ausschlussmechanismen und Wege zur Inklusion

Wege zur Inklusion

Im Bereich der Bildungspolitik ist es vergleichsweise einfach, Maßnahmen zu benennen, die Schließungsmechanismen entgegenwirken.[25] So hilft eine möglichst früh einsetzende vorschulische Bildung, Kompetenzdefiziten von Kindern aus "bildungsfernen" Schichten entgegenzuwirken. Dazu bedarf es des Ausbaus vorschulischer Bildungseinrichtungen wie Kinderkrippen, Kindergärten und Vorschulen, am besten mit Ganztagesbetreuungsmöglichkeiten. Diese Maßnahmen sind auch dazu geeignet, Sprachdefizite von Migrantenkindern zu vermindern oder sogar zu vermeiden und eine soziale Segregation in ethnisch homogene Milieus aufzubrechen. Zudem hätte der Ausbau vorschulischer Bildungseinrichtungen einen unmittelbaren arbeitsmarktpolitischen Effekt: Er würde die Arbeitsmarktintegration von Frauen verstärken und ihnen eine kontinuierliche Beschäftigung auch mit Kindern erleichtern, was ihre Karriereaussichten verbessern und Entlohnungsunterschiede abbauen würde. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, die Anreize so zu gestalten, dass "bildungsferne" Schichten diese Einrichtungen nutzen. Deshalb muss für diese Eltern der Besuch dieser Einrichtungen wahrnehmbar kostenneutral und nicht an deren Erwerbstätigkeit gekoppelt sein.

Erforderlich ist auch eine Reform der gegliederten Schulbildungsinstitutionen. Als Maximallösung wird diskutiert, die frühe Selektion in unterschiedliche Bildungszweige zugunsten eines Gesamtschulsystems mit flexibler, interner Differenzierung, die insbesondere zwischen Leistungsbereichen beziehungsweise Fächern unterscheidet, aufzugeben. Die Entscheidung über den Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung stünde dann für alle wesentlich später im Bildungsverlauf an, was sekundäre Herkunftseffekte verringern würde. Zudem würden auch primäre Effekte vermindert, da sozial heterogene Lernumgebungen geschaffen würden. Eine Mischlösung, bei der Haupt- und Realschule zusammengelegt werden, wird mittelfristig wahrscheinlich sein, da die Hauptschule bei gegebenen Trends sich quantitativ zu einer "Restkategorie" entwickelt, die sich dann qualitativ auf Problemfälle und -bezirke beschränkt. Eine Minimallösung bestünde darin, die Grundschullehrerempfehlung fr den Übergang in die Sekundarstufe I in allen Bundesländern rechtlich bindend zu machen.

Schließlich sind alle Maßnahmen hilfreich, die berufliche Aus- und Weiterbildung sowie tertiäre Allgemeinbildung fördern. Solche Maßnahmen sollten sich insbesondere an diejenigen richten, die nicht in der Lage waren, reguläre duale Ausbildungsinstitutionen erfolgreich zu absolvieren. Diese Klientel bedarf dringend Fördermaßnahmen, die zumindest eine rudimentäre berufliche Qualifizierung bieten, um auf Arbeitsmärkten Beschäftigungschancen zu erhalten. In diesem Bereich ist beispielsweise über den Ausbau von Public-Private-Partnerships (PPPs) mit Ausbildungsbetrieben nachzudenken. Auch sollten solche Maßnahmen den Übergang in und den Abschluss von tertiären Bildungsinstitutionen für leistungsstarke Schüler aus unteren sozialen Schichten erleichtern. In diesem Bereich sind der Aufbau eines umfassenderen (öffentlichen oder privaten) Stipendien- und subventionierten Bildungskreditwesens als zentrale Maßnahmen zu nennen.

Im Bereich der Arbeitsmarktpolitik sind Maßnahmen deutlich schwieriger zu formulieren, da die Wirkungsweisen von Schließungsmechanismen noch unzureichend erforscht sind. Zudem sind manche zu rechtfertigen, wenn sie als Gegenmaßnahmen zu anderen, noch schwerer zu bekämpfenden aufgefasst werden können; beispielsweise wenn Gewerkschaften Regulierungen als Gegengewicht zu Monopolisierungspotenzialen auf Basis ökonomischen oder kulturellen Kapitals durchsetzen oder Berufsverbände Maßnahmen der Qualitätssicherung einfordern. Doch folgende, handlungsleitende Punkte lassen sich festhalten:

Erstens ist die geringere Bezahlung von Frauen bei gleicher Qualifikation und bei gleicher Arbeitsleistung klar illegitim. Der mäßige Erfolg der bisherigen Anstrengungen zeigt aber, dass die Durchsetzung des Leistungsprinzips in diesem Bereich recht schwierig ist. Zweitens ist hinsichtlich der Regulierungen von Arbeitsmärkten im Einzelfall sorgfältig zu analysieren und zu diskutieren, welcher involvierten Gruppierung welcher Schließungsmechanismus nutzt beziehungsweise schadet. Wichtig ist es, die Transparenz dieser Diskussionen anzumahnen: Allzu viele Regulierungen und Deregulierungen werden vereinbart und dabei durch Partikularinteressen beeinflusst, sodass nur ein Teil der betroffenen Akteure die Gelegenheit erhält, seine Interessen auch bekunden und einbringen zu können. Drittens sind ebenso die beruflichen Regulierungen von professionellen Arbeitsmärkten unter die Lupe zu nehmen. Im Zuge der Harmonisierung des europäischen Rechts sind diese Regelungen in jüngerer Zeit ohnehin einem starken Veränderungsdruck unterworfen: Viele berufliche Zulassungsbeschränkungen wurden schon aufgehoben, weitere Lockerungen werden folgen. Es bleibt abzuwarten, ob daraus eine generell günstigere Situation für den Verbraucher resultiert oder eher Einbußen bei der Qualitätssicherung hinzunehmen sind. Eines scheint sicher: Sowohl im Hinblick auf Qualität wie auch auf Entlohnung dürfte das Feld der hier angesprochenen Berufe deutlich heterogener werden.

Alle genannten Vorschläge zielen darauf ab, für alle Individuen nur von Fähigkeiten und Leistungen geprägte Zugangschancen zu Ressourcen und sozialen Positionen herzustellen. Man muss allerdings zur Kenntnis nehmen, dass es soziale Gruppen gibt, deren Partizipationschancen auf diesem Wege nicht zu erhöhen sind und die daher Gefahr laufen, zu "Exkludierten" zu werden. Zum einen sind das diejenigen, die schlicht mangels vorhandener Fähigkeiten oder Motivation auch durch die beste Bildungspolitik keine berufliche Qualifizierung erhalten. Zum anderen droht insbesondere Menschen, denen aus welchen Gründen auch immer der Zugang zu auskömmlichen Berufskarrieren verwehrt war, die Exklusion durch Altersarmut. Man wird sich politisch weiter darauf einstellen müssen, dass diese Gruppen auf die dauerhafte Solidarität von Wohlfahrtsinstitutionen angewiesen sind, die ihnen ein Minimum an gesellschaftlicher Partizipation ermöglichen.

Fußnoten

25.
Vgl. Rainer Geißler/Sonja Weber-Menges, Überlegungen zu einer behutsamen Perestroika des deutschen Bildungssystems, in: Gudrun Quenzel/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Bildungsverlierer, Wiesbaden 2010, S. 557-584; Jan Paul Heisig/Johannes Giesecke, Zunehmende Arbeitsmarktrisiken für Geringqualifizierte, in: WSI-Mitteilungen, Nr. 1, 2011, S. 44ff.