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Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Daniel Geschke

Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung - sozialpsychologische Erklärungsansätze

Ursachen von Vorurteilen und Diskriminierung

Unter welchen Bedingungen gestalten sich die Beziehungen zwischen sozialen Gruppen harmonisch, wann konflikthaft? Nach der Realistischen Konflikttheorie[6] hängt die Qualität der Intergruppenbeziehungen (intergruppale Einstellungen, Emotionen und Verhalten) vor allem davon ab, wie die jeweiligen Gruppen in Bezug auf ihre Gruppenziele zueinander stehen. In Feldexperimenten mit Kindergruppen in Ferienlagern wurde die Rolle sich widersprechender Gruppenziele belegt. Diese "negative Interdependenz" der Gruppenziele (wie bei Sportwettbewerben, bei denen nur eine Gruppe gewinnen kann) führte zu intergruppalem Wettbewerb und Konflikten, zu negativen Stereotypen und Abwertungen der anderen Gruppe und zur Aufwertung der eigenen Gruppe. Wenn dagegen beide Gruppen Ziele anstrebten, die sie nur durch die gemeinsame Anstrengung erreichen konnten, führte diese "positive Interdependenz" zu Kooperation, sozialer Harmonie und Freundschaft zwischen den Mitgliedern der beiden Gruppen. Später erwies sich, dass nicht nur tatsächlich vorhandene Zielkonflikte, sondern schon die bloße Wahrnehmung von "negativer Interdependenz" der Gruppenziele ausreicht, um Abwertung und Diskriminierung der "Anderen" zu verursachen.

Daran anknüpfend bietet die Integrierte Bedrohungstheorie[7] einen weiteren Erklärungsansatz. Demnach rufen subjektive Wahrnehmungen von Bedrohungen der eigenen Gruppe durch andere Gruppen Vorurteile und diskriminierendes Verhalten hervor. Dabei wird zwischen Bedrohungen realistischer Ressourcen der eigenen Gruppe ("Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg") und Bedrohungen symbolischer Ressourcen (wie Normen, Werte und Moralvorstellungen der eigenen Gruppe) unterschieden. Je stärker derartige Bedrohungen der eigenen Gruppe wahrgenommen werden, was wiederum auch vom Kontext abhängt, desto negativer sind die Einstellungen und auch das Verhalten gegenüber den "Anderen".

Der Soziale Identitätsansatz[8] zeigt dagegen, dass Phänomene wie die Abwertung von Mitgliedern anderer Gruppen und die Bevorzugung der eigenen auch dann auftreten, wenn die entsprechenden Gruppen künstlich sind - und für die Gruppenmitglieder eigentlich keine Bedeutung haben. Er beschreibt, wie und warum soziale Kategorisierungen und soziale Identität zu intergruppalen Einstellungen und Verhalten führen. Um dies zu belegen, wurden Versuchspersonen rein zufällig bestimmten Gruppen zugeordnet wie etwa anhand vermeintlicher Präferenzen für abstrakte Gemälde von Paul Klee oder Wassily Kandinsky.[9] Im Anschluss an die willkürliche Kategorisierung als Klee- oder Kandinsky-Fans wurden die Untersuchungsteilnehmenden gebeten, kleinere Geldbeträge unter anderen Teilnehmenden zu verteilen. Im Ergebnis zeigte sich, dass den unbekannten Mitgliedern der eigenen künstlichen Gruppe mehr Geld zugewiesen wurde als den Mitgliedern der anderen. Obwohl sie die jeweiligen Gruppenmitglieder nicht kannten, nicht mit ihnen interagiert hatten, keine gemeinsame Geschichte, emotionale Bindung oder gemeinsame Ziele teilten, bevorzugten sie Mitglieder der eigenen Gruppe (Eigengruppenfavorisierung) und benachteiligten Mitglieder der anderen (Fremdgruppendiskriminierung). Dieses Ergebnis fand sich auch dann, wenn sie wussten, dass die Gruppeneinteilung willkürlich geschehen war. Ein zweiter Befund war, dass den Mitgliedern der eigenen Gruppe häufig nicht der maximal mögliche Geldbetrag zugewiesen wurde, sondern die Geldverteilung so geschah, dass sich die Unterschiede zugunsten der eigenen Gruppe und zuungunsten der anderen maximierten. Das Ziel der Teilnehmenden schien also nicht eine maximale Bevorzugung der eigenen Gruppe zu sein, sondern eine maximale Unterschiedlichkeit zwischen den Erträgen beider Gruppen (Differenzmaximierung). Aus diesen Beobachtungen ergaben sich vier Grundannahmen:

1. Soziale Kategorisierungen ordnen einen selbst und die Mitmenschen bestimmten sozialen Gruppen zu. Bei derartigen Kategorisierungsprozessen werden Unterschiede in der eigenen Gruppe als gering und Unterschiede zu fremden Gruppen als stark wahrgenommen. Selbstkategorisierung als Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe kann zu "De-Personalisierung" führen, wodurch das Verhalten nicht mehr durch individuelle Normen und Werte, sondern vor allem durch Normen und Werte der Gruppe geleitet wird.

2. Aus der Gesamtheit der eigenen Gruppenmitgliedschaften ergibt sich die soziale Identität, die einen wichtigen Teil des Selbstkonzepts ausmacht. Aufbauend auf den vielen möglichen sozialen Kategorisierungen ist soziale Identität "der Teil unseres Selbstbilds, der sich aus unseren Mitgliedschaften in verschiedenen sozialen Gruppen speist, sowie die Bewertungen und Emotionen, die damit verknüpft sind",[10] während sich personale Identität aus den individuellen Eigenschaften von Personen speist. Je nach Situation ist die persönliche oder die soziale Identität ausgeprägter; entsprechend wird zwischen interpersonalem und intergruppalem Verhalten unterschieden. Interpersonales Verhalten liegt vor, wenn sich zwei Menschen bei einer Begegnung als Individuen wahrnehmen und sich entsprechend individuell angepasst verhalten: So können sich beispielsweise Paula und Peter begegnen und als Einzelpersonen kennenlernen. In einem anderen Kontext kann dieses Verhalten aber auch intergruppal sein, also von den jeweiligen Gruppenmitgliedschaften der beiden beeinflusst: So könnte Peter den blauen Schal eines Fußballteams tragen und Paula den roten Schal eines rivalisierenden Clubs (als Symbole ihrer Mitgliedschaft in den jeweiligen Fangruppen), und obwohl sie sich als Einzelpersonen gegenüberstehen, würde sich ihr (vielleicht jetzt eher unfreundliches) Verhalten vor allem aus den jeweiligen sozialen Identitäten als Mitglieder der rivalisierenden Gruppen ergeben. Je nach den salienten sozialen Kategorien und Identitäten kann das Verhalten interpersonal oder intergruppal sein.

3. Menschen streben nach Informationen über sich selbst und ihre soziale Identität und führen deshalb soziale Vergleiche zwischen ihrer eigenen und anderen Gruppen durch. Da die soziale Identität ein wichtiger Bestandteil des Selbstkonzepts ist, haben Menschen generell das Bedürfnis nach einer positiven sozialen Identität. Deshalb wird eine positive Distinktheit (ein besseres Abschneiden der eigenen Gruppe im Vergleich zu fremden Gruppen) angestrebt. Demnach ist die Qualität der Intergruppenbeziehungen, die sich in Vorurteilen und Diskriminierung äußern kann, vor allem durch die wahrgenommenen Statusbeziehungen zwischen den jeweils subjektiv wichtigen, sozialen Gruppen bestimmt. Dabei sind generell positive und negative Vergleichsergebnisse möglich, die den Gruppenmitgliedern entsprechende Informationen zur Bewertung der eigenen sozialen Identität und damit für deren Selbstkonzept liefern.

4. Falls diese sozialen Vergleiche zu negativen Ergebnissen führen, können verschiedene Strategien zur Verbesserung der eigenen sozialen Identität eingeschlagen werden. In Abhängigkeit von den Kontextbedingungen (Gruppenstatus, Stabilität und Legitimität der Gruppenunterschiede, Möglichkeiten des Gruppenwechsels) ist eine erste Strategie die der individuellen Mobilität durch Wechsel zur statushöheren Gruppe. So sind beispielsweise viele Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR seit 1989 in den Westen Deutschlands umgesiedelt. Ursache ist nicht nur, dass sie sich dort bessere Bedingungen für ihr persönliches Fortkommen erhofften, sondern vielleicht auch eine positivere soziale Identität als "Bundesbürger" statt als gefühlte "Deutsche zweiter Klasse". Eine zweite mögliche Strategie ist die des kollektiven sozialen Wandels, wobei durch sozialen Wettbewerb eine Angleichung oder Umkehrung der Statusbeziehung angestrebt wird. Beispiele sind die Frauen-, Schwulen- oder Lesbenbewegungen, die für Gleichberechtigung gekämpft haben und Erfolge im Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung verzeichnen konnten. Das Gegenstück sind Versuche der Zementierung des (ungleichen) Status quo durch statushöhere Gruppen, die sich in Vorurteilen und Diskriminierung von Mitgliedern statusniederer Gruppen äußern können.

Neben diesen Versuchen, den Gruppenstatus zu ändern, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten der kognitiven Umdeutung der Situation durch Veränderung der Vergleichsparameter. So kann man eine neue Vergleichsdimension finden ("Wir Raucher mögen ja nicht so sportlich sein wie die Nichtraucher, aber dafür sind wir viel sozialer"), die Vergleichsdimension durch Umkehrung der Bewertungsrichtung neu interpretieren ("Sportlich ist wer raucht und trinkt, und trotzdem seine Leistung bringt") oder eine neue Vergleichsgruppe finden, die einen sozialen Vergleich "nach unten" ermöglicht ("Im Vergleich zu Alkoholsüchtigen sind wir Raucher doch eigentlich ziemlich sportlich").

Ausblick

Menschen ordnen sich je nach Situation bestimmten sozialen Kategorien zu. Diese Selbstkategorisierung bildet die Grundlage der sozialen Identität. Weil es dem Selbstwert dienlich ist, wird versucht, positive Distinktheit der eigenen Gruppe herzustellen. Je nach Kontext ergeben sich verschiedene Handlungsstrategien zur Erreichung einer zufriedenstellenden sozialen Identität. Unter wahrgenommener Bedrohung der eigenen sozialen Identität (wie durch Zielkonflikte, realistische und symbolische Bedrohungen, negativen Gruppenstatus) können verschiedene Mechanismen und Handlungsstrategien zu negativen Einstellungen gegenüber einzelnen Mitgliedern anderer Gruppen führen.

Bislang ist es verschiedenen sozialen Gruppen gelungen, gesellschaftliche Diskurse über ihre Ungleichbehandlung mit zu bestimmen und sich gleiche Rechte und gleichberechtigt(er)en Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen zu erkämpfen. Andererseits gibt es auch heute noch (für Frauen, aber auch andere soziale Gruppen wie Migranten, Menschen mit Behinderungen, Ältere) viele diskriminierende Ungleichbehandlungen. Deshalb gilt es für die Betroffenen (und alle an Gleichberechtigung Interessierten), die Unangemessenheit der Diskriminierung ihrer Gruppen zu thematisieren, um einen sozialen Wandel hin zu einer Welt ohne unfaire Ungleichbehandlungen aufgrund von Gruppenmitgliedschaften zu ermöglichen.

Fußnoten

6.
Vgl. Muzafer Sherif et al., Intergroup Conflict and Cooperation, Oklahoma 1961.
7.
Vgl. Walter G. Stephan/C. Lausanne Renfro, The role of threat in intergroup relations, in: Diane M. Mackie/Eliot R. Smith (eds.), From prejudice to intergroup emotions, New York 2002, S. 191-207.
8.
Vgl. Alexander S. Haslam, Psychology in Organizations, London 2001.
9.
Vgl. John C. Turner/Katherine J. Reynolds, The story of social identity, in: Tom Postmes/Nyla R. Branscombe (eds.), Rediscovering Social Identity, London 2010.
10.
H. Tajfel/J. C. Turner (Anm. 1), S. 5.