Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Matthias Quent

Rechtsextremismus - ein ostdeutsches Phänomen?

Distinktion und Raumpolitik

Der manifeste Rechtsextremismus stellt in Ostdeutschland in einem noch höheren Maße auch ein Jugendphänomen dar, als dies in westdeutschen Ländern der Fall ist. Zu beobachten ist ein "fundamentaler Wandel des Rechtsextremismus im Westen, nämlich eine Anpassung an die Verhältnisse in Ostdeutschland".[13] Vor allem im jugendkulturellen Bereich öffnete sich die Szene, die in den 1980er und 1990er Jahren im Wesentlichen durch rechtsextremistische Skinheads geprägt war, zunehmend gegenüber Jugendlichen mit einem anderen subkulturellen Habitus.

Jugendkulturen bieten adoleszenten Heranwachsenden einen Halt in ihrer Suche nach Anerkennung, Sinn, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit.[14] Dazu zählt auch der Rechtsextremismus mit seinem spezifischen, martialisch-übermaskulinen Habitus, klaren Vorstellungen von Hierarchien sowie dem "Wert" und "Unwert" von Ethnien und Menschen, Normen und Kulturen. Dabei geht der Rechtsextremismus über normale (jugend-)kulturelle Distinktion in Verhalten, Sprache, Kleidung oder Musik hinaus und überdehnt diese zu einer ideologisch-sozialdarwinistischen Vorstellung über die Un(gleich)wertigkeit von Lebensentwürfen, die von den eigenen abweichen. Durch Inkorporation überdehnter, menschenfeindlicher Distinktionen wird die Zugehörigkeit zur einen Gruppe verstärkt, fremden Gruppen die Existenzberechtigung abgesprochen und die zunächst rebellisch-provokativ auftretenden Jugendlichen politisiert und ideologisch eingeschworen. Wo dieses, aus Distinktion, Habitus und teilweise auch physischer Gewalt gewonnene "symbolische Kapital" der lokalen Akteurinnen und Akteure rechtsextremer Jugendkultur - die rechten Jugendcliquen - gefürchtet wird, verfügen Rechtsextreme über symbolische Gewalt (zusätzlich zur physischen). Daraus leiten sie die Legitimation für die Herstellung rechtsextremer Dominanzräume ("Angstzonen", "national befreite Zonen") ab.

Rechtsextreme Jugendcliquen und deren Drang zur jugendkulturellen Hegemonie sind in Großstädten beziehungsweise Stadtteilen präsent, finden sich aber vor allem in ländlichen Regionen, Dörfern und Kleinstädten. Manche sehen diese Schwerpunktbildung rechtsextremer Gesellungsformen auch in der sozialräumlichen Segmentierung mit ihren Auf- und Abwertungen von Kommunen und Stadtteilen begründet.[15] Durch kommunale Sparstrategien in Bildungs-, Kultur- und Sozialbereichen verschärfen sich die desintegrativen Tendenzen, die den Rechtsextremismus als attraktive Alternative erscheinen lassen. Dadurch entsteht vielerorts ein lokaler, gemeinsam geteilter Sozialisations- und Entwicklungsraum - ein "mentaler Humus" (Benno Hafeneger) mit einer affektiven Gestimmtheit für rechte Mentalitäten, Stereotypen und Vorurteile, für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die in der Deutung und Verarbeitung biografischer und sozialer Realität auch zu jugendkulturellen und organisatorischen Ausprägungen und Verhaltensmustern führen. Besonders in den neuen Ländern wirken sich zudem fehlende Bindungs- und Vergesellschaftungsangebote durch Jugendvereine, Verbände und Freizeitkulturen, die Jugendlichen eine universalistische Minimalmoral vermitteln und sie gesellschaftlich integrieren können, ebenso förderlich auf rechtsextreme Erscheinungen aus wie die fehlende Einbindung in den Arbeitsmarkt und somit der Zugang zu Konsum- und Statussymbolen.

In Westdeutschland agieren rechtsextreme Jugendliche überwiegend in Nischen. Sie sind stärker mit konkurrierenden Sozialisationsinstanzen konfrontiert und werden in ihren Nischen entweder toleriert oder mit Gegenöffentlichkeit und Sanktionsdrohungen "eingehegt". In Ostdeutschland agieren sie dagegen vielfach "normal" in öffentlichen Handlungsräumen und erfahren Toleranz, Förderung und Unterstützung aus der Erwachsenengesellschaft. In solchen Regionen kann sich das rechtsextreme Potenzial bis hin zu gewalttätigem Verhalten entfalten.

Fazit

Der ostdeutsche Rechtsextremismus ist ebenso auch ein Erbe der DDR-Vergangenheit, wie der Rechtsextremismus in Westdeutschland ein Erbe der BRD-Geschichte ist. Dabei stehen die östlichen Bundesländer vor der Herausforderung, die neuen sozioökonomischen Verwerfungen bewältigen zu müssen, ohne die defizitäre wirtschaftliche Entwicklung gegenüber den westdeutschen Ländern je ausgeglichen zu haben. Die damit assoziierte Desintegration und Unsicherheit relevanter Teile der Bevölkerung befördert in den betroffenen Regionen eine höhere Organisations- und Aktionsdichte von Rechtsextremen, vor allem unter Jugendlichen.

Doch dass "Osten" nicht gleich "Osten" ist, zeigt ein Beispiel aus Thüringen: Bei den Landtagswahlen 2009 erhielt die NPD in den Wahlkreisen Saalfeld-Rudolstadt I und II jeweils über sechs Prozent der abgegebenen Stimmen - obwohl sie dort faktisch über keine eigenen Strukturen verfügt und öffentlich kaum präsent war. In der nur wenige Kilometer entfernten kreisfreien Stadt Jena, in der die NPD seit vielen Jahren aktiv ist, mit Großveranstaltungen auf sich aufmerksam machte und zeitweise Abgeordnete in den Ortschaftsrat entsenden konnte, erhielt sie nur knapp über ein Prozent der Stimmen. Beide Regionen unterscheiden sich hinsichtlich Sozialstruktur, Wirtschaftsstärke, politischer Kultur, kulturellem Angebot und demografischen Trends erheblich. Die Intensität des Angebots durch Rechtsextreme scheint weitaus geringere Bedeutung zu haben als derartige "weiche" Faktoren. Interregionale Vergleiche hinsichtlich der sozioökonomischen Struktur und der Stärke der extremen Rechten sind jenseits der Ost-West-Dichotomie kaum vorhanden, vor allem aufgrund fehlender Standards, die eine Gegenüberstellung ermöglichen.

Rechtsextreme Einstellungen existieren bundesweit in beunruhigend hohem Maße. Dabei sind mikroregionale Effekte und Unterschiede zu beobachten, die allgemeine Pauschalisierungen über "den Osten" und "den Westen" disqualifizieren. Der Ost-West-Vergleich täuscht vor allem über die Ursachen der beobachtbaren Differenzen hinweg. Zeitgemäß wäre es, die Diskussion über sozioökonomisch abdriftende und aufstrebende Regionen, räumlich-spezifizierte Gegenmaßnahmen und die demokratische Rückeroberung sozialer Interaktionsräume zu führen.

Fußnoten

13.
R. Stöss (Anm. 2), S. 105.
14.
Vgl. Benno Hafeneger/Reiner Becker, Rechte Jugendcliquen, Schwalbach/Ts. 2007.
15.
Vgl. ebd., S. 10ff.