Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

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16.4.2012 | Von:
Nana Adusei-Poku

Intersektionalität: "E.T. nach Hause telefonieren"?

Intersektionalität mehrdimensional begreifen

Ein Beispiel für intersektionale Verschränkungen aus dem institutionellen Bereich ist das Zusammenspiel von Alter und Geschlecht: Wenn eine Frau sich für ein Stipendium oder einen bestimmten Beruf bewirbt, für die eine niedrige Altersgrenze festgelegt wurde, die Frau jedoch erst auf dem zweiten Bildungsweg oder aufgrund der Gründung einer Familie älter ist als ihre Mitbewerberinnen und Mitbewerber, wird diese Person strukturell benachteiligt. Dass zu diesen beiden Faktoren auch noch andere Additive wie sexuelle Identität oder/und Behinderung hinzugefügt werden können, muss ebenfalls mitgedacht werden. Dadurch wird der Fall sowohl aus juristischer als auch aus theoretisch-akademischer Perspektive besonders komplex. Ein anderes Beispiel, das sich einem intersektionalen Blick anbietet, ist das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen. Hier kommen sowohl Geschlecht, Religion und ethnische Herkunft als auch Faktoren wie soziale Stellung und Position in ihrer Gleichzeitigkeit zum Tragen: Denn erst das Kopftuch der Lehrerinnen wurde zum Störfaktor, wohingegen das Kopftuch des Reinigungspersonals keine Erwähnung im öffentlichen Diskurs fand.[8]

Doch nicht nur aus Gründen der Religion oder des Geschlechts werden Menschen diskriminiert, wie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in einem Bericht über die "Benachteiligung von Trans*Personen"[9] festgehalten wurde. So begegnen Trans*Personen nicht nur Transphobie - also ihrer Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung - in ihrem Alltag, sie werden auch Opfer prekarisierender und lebensbedrohlicher Diskriminierungen: "Trans*Personen sind überdurchschnittlich häufig von Arbeitsverlust, Arbeitslosigkeit sowie Armut betroffen und arbeiten sehr oft unter ihren Qualifikationen. Sie berichten von transphoben Verhaltensweisen von Kolleg_innen und Vorgesetzten sowie struktureller Benachteiligung durch den institutionalisierten medizinischen und juristischen Umgang mit Transgeschlechtlichkeit."[10]

In der Intersektionalitätsdebatte geht es nicht darum, einen Opferdiskurs zu führen - ein Eindruck, der sich aufgrund der Fokussierung auf gesellschaftlich marginalisierte Positionen aufdrängen könnte. Vielmehr soll herausgestrichen werden, wie vielfältig und unterschiedlich die Faktoren sind, die zu Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen führen. Die Ablehnung eines Opferdiskurses ist besonders wichtig, da vor allem dann, wenn der Versuch unternommen wird, die Ausgrenzung und Benachteiligung einer bestimmten Personengruppe zu vermeiden, eine andere Personengruppe benachteiligt oder gar instrumentalisiert werden kann - nämlich dann, wenn Differenz dazu genutzt wird, um Ungleichheiten zu legitimieren und zu stabilisieren, was von Antke Engel unter dem Begriff der "Allianzangebote"[11] zusammengefasst wurde.

Die Diskussionen über Intersektionalität auf institutioneller Ebene und die Wirksamkeit juristischer Instrumente waren Schwerpunkte einer Fachtagung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im April 2010. Der Tagungsband "Mehrdimensionale Diskriminierung - Begriffe, Theorien und juristische Analyse"[12] zeichnet anhand einer Reflexion des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)[13] den Versuch nach, die verschiedenen Analyseebenen zu fassen und juristisch zu operationalisieren. Ziel des AGG ist laut Paragraf 1 "Benachteiligungen aus Gründen der 'Rasse' [im Originaldokument sind keine Anführungszeichen, Anm. d. Red.] oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen". Hier werden unterschiedliche Kategorisierungen von Menschen und die dadurch entstehende Benachteiligung - oder auch Bevorzugung - genannt. Nicht unerwähnt bleiben soll jedoch, dass es fraglich ist, wie treffend an dieser Stelle die Formulierung "Benachteiligung" ist, wenn man bedenkt, dass durch diese Kategorisierungen (Stereotypisierung) mancherorts Menschen um ihr Leben fürchten müssen oder in die Prekarität gedrängt werden.

Ein Ergebnis der Fachtagung ist, dass durch den Intersektionalitätsansatz deutlich wird, dass Diskriminierung selten über lediglich eine der genannten Kategorien wirkt, sondern dass diese immer im Zusammenspiel auftreten. Daher müssten in der Formulierung des Gesetzes die unterschiedlichen Kategorien nicht durch "oder", sondern durch "und" miteinander verbunden werden. Noch viel wichtiger ist allerdings, dass mehrdimensionale Diskriminierung noch nicht im juristischen Alltag Einzug gefunden hat, das heißt Juristinnen und Juristen nicht nachhaltig in diesem Thema ausgebildet werden und Gerichte sich oftmals aus Gründen der "Prozessökonomie" mit nur einem Begriff beziehungsweise einer Kategorie beschäftigen können oder wollen. Es gibt es auch keine Präzedenzfälle, an denen sich Gerichte orientieren könnten. Des Weiteren ist der Zugang zu Informationen über und das Bewusstsein für Mehrfachdiskriminierungen gesellschaftlich noch nicht verbreitet, weshalb sich Betroffene nicht an die entsprechenden Beschwerdestellen richten. Doch woher kommt dieser Missstand?

Fußnoten

8.
Vgl. S. Baer/M. Bittner/A.L. Gottsche (Anm. 6), S. 7f.
9.
Vgl. Jannik Franzen/Arn Sauer, Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben, Berlin 2010.
10.
Ebd., S. 5.
11.
Antke Engel, Bilder von Sexualität und Ökonomie, Bielefeld 2009, S. 44.
12.
Vgl. S. Baer/M. Bittner/A. L. Gottsche (Anm. 6).
13.
Vgl. Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz vom 14. August 2006 (BGBl. I S. 1897), das zuletzt durch Artikel 15 Absatz 66 des Gesetzes vom 5. Februar 2009 (BGBl. I S. 160) geändert worden ist, online: www.gesetze-im-internet.de/agg/BJNR189710006.html (6.3.2012).