Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

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16.4.2012 | Von:
Nana Adusei-Poku

Intersektionalität: "E.T. nach Hause telefonieren"?

Intersektionalität als Aufgabe

In ihrem Vortrag wies Crenshaw auf ein zentrales Problem der Intersektionalitätstheorie hin: Der Begriff wird auch in Kontexten verwendet, die eigentlich Strukturen der Ungleichheit reproduzieren, ohne diese jedoch zu reflektieren. Ähnlich wie zum Beispiel auch "westlicher" Feminismus (also in einem westlichen Kontext entstandener Feminismus) für die Gleichstellung von Frauen in anderen Kontexten instrumentalisiert wird, manchmal sogar Teil einer Legitimationsstrategie sein kann, um mit Gewalt gegen Staaten vorzugehen, die Frauen nicht dieselben Rechte zubilligen.[14] Als aktuelles Beispiel sei der seit 2001 geführte Krieg in Afghanistan genannt: In öffentlichen Diskursen wird unter anderem der Schutz von Frauenrechten zur Legitimierung des Bundeswehreinsatzes genannt. Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion über das Tragen eines Kopftuchs im Staatsdienst: "Zudem offenbart dieser Konflikt auch das Risiko der Funktionalisierung einer Diskriminierung zulasten einer anderen. Es kommt hier zu einer Kulturalisierung und Exotisierung von Geschlechterdiskriminierung, wenn das Kopftuch nur als ein Symbol für die Unterdrückung von muslimischen Frauen und eine negative Vorbildwirkung für muslimische Schülerinnen und Schüler betont werden, jedoch außer Acht bleibt, dass Frauen, die Lehrerinnen werden wollen, studiert haben, erwerbstätig sein wollen und Bildung eine hohe Bedeutung zumessen, und dass alle Schülerinnen und Schüler mit geschlechtsbezogenen Vorurteilen auch der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen haben."[15]

Die Verknüpfungen zwischen dem Intersektionalitätsansatz, den öffentlichen Diskursen und der Rechtsprechung zeigen, dass Intersektionalität ein Begriff ist, der sowohl instrumentalisiert werden kann, als auch auf mehrdimensionale Diskriminierung aufmerksam machen kann. Daher darf der Ursprung des Begriffs nicht außer Acht gelassen werden: Er liegt in den Stimmen marginalisierter Schwarzer Frauen, die nicht nur auf ihre marginalisierte Position in politischen und ökonomischen Diskussionen aufmerksam gemacht haben, sondern auch zur Reflexion aufriefen: Intersektionales Denken bedarf einer individuellen Reflexion und einer Offenheit dafür, Diskriminierung anzuerkennen, aber auch zu begreifen, dass jede Person Akteurin oder Akteur diskriminierender Handlungen sein kann - und es oft unbewusst ist. Mit anderen Worten: Intersektional kann nur dann gedacht und analysiert werden, wenn die entsprechende Grundlage - grundsätzlich anzuerkennen, dass es zu Diskriminierungen kommt - geschaffen wurde. Das bedeutet, sich als Individuum reflektieren zu müssen - eine Aufgabe, die für viele der jeweils dominanten Mehrheitsgesellschaften ohne Zweifel nicht angenehm und manchmal auch nicht wünschenswert ist. Begriffe wie "Hegemoniekritik" oder "weiße Dominanz" sind unbequem; doch die Reflexion darüber hilft, Menschen, die Opfer von (mehrdimensionaler) Diskriminierung werden, gerechte Behandlung und Schutz zu bieten.

Ein aktuelles Beispiel für das weit verbreitete kategorisierende Denken in der deutschen Gesellschaft führt die Notwendigkeit eines solchen Ansatzes erneut vor Augen: die polizeiliche Untersuchung der Morde, insbesondere an türkei- und griechischstämmigen Menschen, die zwischen 2000 und 2006 von Rechtsterroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" begangen wurden. Die Hinterbliebenen der Opfer und die Opfer selbst wurden während der Ermittlungen krimineller Aktivitäten verdächtigt.[16] Aufgrund des Geschlechts (männlich), des sozialen Milieus (vornehmlich Arbeitermilieu und Kleinunternehmer) und der ethnischen Herkunft der Opfer (türkei- beziehungsweise griechischstämmig) wurden unter Rückgriff auf tief sitzende Stereotype Erklärungen gefunden, welche augenscheinlich "auf der Hand lagen" und die Gewalt erklären sollten. So wurde beispielsweise ein Opfer, ein Blumenhändler, zum Drogenschmuggler erklärt, und Gründe wie Diskriminierung, Fremdenhass und Rassismus wurden kaum in Betracht gezogen. Auch das Vokabular der Ermittlungen ("Dönermorde", Sonderkommission "Bosporus") ist aufschlussreich: Die Gruppe der kriminell geglaubten ("Türken") wird mit (geografischen) Metaphern gerahmt. Inwiefern dieser Missstand und die zugrunde liegenden Denkmuster durch die Thematisierung von "Versäumnissen" der Migrantinnen und Migranten[17] sowie Solidarisierungskampagnen zu beheben sind, bleibt fraglich.

Intersektionalität bedeutet - so auch der Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes -, zunächst eine reflexive Ebene zu erreichen, in der dieses Zusammenspiel verschiedener Kategorien, Stereotypisierungen und Ausgrenzungen anerkannt wird. Entsprechend ist Öffentlichkeitsarbeit genauso wichtig wie die Schaffung juristischer Grundlagen und die Zusammenarbeit mit progressiver Forschung.[18] Doch auch die Forschung ist nicht vor Eindimensionalität gefeit. Denn selbst dann, wenn zur Selbstreflexion aufgerufen wird, ist niemandem damit geholfen, sich in einem repetitiven Schulddiskurs zu vergraben oder aber Machtverhältnisse eindimensional zu begreifen und somit im Grunde intersektionales Denken zu blockieren.[19]

Ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit, Theorie nicht zu exklusivieren, ist, dass Sexualität in vielen Intersektionalitätsdebatten ausgegrenzt wurde. Dies lag unter anderem an der Auslagerung von Themen, die sich mit Sexualität befassen, in den Bereich der Queer Theory.[20] Gleichsam wurde die Theorie der Intersektionalität in queer-theoretischen Texten lange Zeit vernachlässigt. In der Queer Theory ähnlich wie in feministischen Theorien wurden nicht-weiße Stimmen aus dem Diskurs marginalisiert, obgleich es sich hierbei um eine theoretische Kritik handelt, die Normen und Kategorien destabilisierende Ansätze verfolgt und dementsprechend in Antidiskriminierungsdiskursen eingesetzt werden kann.[21] Erst durch Roderick Ferguson, der den Begriff Queer of Color Critique prägte, oder Cathy J. Cohen wurden die unterschiedlichen Faktoren der Diskriminierung in die Analyse mit aufgenommen und auf die theoretische wie auch alltägliche Exklusion hingewiesen.[22]

Fußnoten

14.
Vgl. A. Brah/A. Phoenix (Anm. 4), S. 83.
15.
Vgl. S. Baer/M. Bittner/A. L. Gottsche (Anm. 6), S. 7f.
16.
Vgl. Anna Reimann, Das traurige Erbe des Neonazi-Terrors, in: Spiegel Online vom 22.2.2012: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815663,00.html. (24.2.2012).
17.
Vgl. die ARD-Sondersendung anlässlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechter Gewalt am 23. Februar 2012, in der unter anderem mit dem Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky über "Abgrenzungstendenzen" in "Einwanderungskulturen" gesprochen wurde, online: http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/3304234_ard-sondersendung/9624754_gedenkveranstaltung-fuer-die-opfer (8.3.2012).
18.
Vgl. S. Baer/M. Bittner/A. L. Gottsche (Anm. 6), S. 8 und S. 91ff.
19.
Vgl. Birgit Rommelspacher, Dominante Diskurse, in: Iman Attia (Hrsg.), Orient- und Islambilder, Münster 2007, S. 245-267; Ruth Frankenberg, White women, race matters, London 1993, S. 29ff.
20.
Vgl. Sabine Hark, Dissidente Partizipation, Frankfurt/M. 2005.
21.
Vgl. Elahe Haschemi Yekani/Beatrice Michaelis/Gabriele Dietze, Queer Interdependencies as corrective Methodologies, in: Yvette Taylor/Sally Hines/Mark E. Casey (eds.), Theorizing intersectionality and sexuality, Houndmills 2011, S. 79.
22.
Vgl. Cathy Cohen, Punks, Bulldaggers, and Welfare Queens, in: GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, 3 (1997) 4, S. 437-465.