Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

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16.4.2012 | Von:
Nana Adusei-Poku

Intersektionalität: "E.T. nach Hause telefonieren"?

Interdependenz und Intersektionalität

Einen produktiven Ansatz dieser Tradition der Intersektionalität haben Beatrice Michaelis, Gabriele Dietze und Elahe Haschemi Yekani entworfen. Sie legen das Gewicht stärker auf die Interdependenz und weniger auf Intersektionalität, also mehr auf die Abhängigkeiten und Bedingungen von Kategorien und weniger auf die Überschneidungen. Das liegt daran, dass sie Kategorien nicht als statische Entitäten, sondern als Produkte von dynamischen Handlungsprozessen begreifen.[23] Zweifelsohne ist der Umgang mit mehr als einer Kategorie eine Herausforderung; wenn diese Kategorien auch noch als Prozesse verstanden werden sollen, ist eine Überforderung vorprogrammiert. Denn nach einer solchen Definition müssten auch die statisch gesetzten Kategorien, die im AGG aufgezählt werden (wie etwa Geschlecht, Religion), modifiziert werden, um der Komplexität der Lebensrealitäten und den daraus resultierenden Ausschlussmechanismen juristisch gerecht zu werden.

Eine ähnliche Problematik durchzieht auch den methodischen Ansatz wie er beispielsweise von Nina Degele und Gabriele Winker entwickelt wurde. Sie lehnen den Begriff der Interdependenz ab, da er nur auf der theoretischen Ebene funktioniere; dies verhindere, Interdependenzen in der Praxis klar zu benennen. Ihre Ablehnung führt aber gleichzeitig dazu, dass die Mehrdimensionalität von Kategorien und ihre Herstellungsprozesse nicht in die empirische Analyse miteinbezogen werden. Dadurch spiegelt ihr Ansatz die Komplexität des Zusammenspiels der unterschiedlichen Kategorien, die untersucht werden, wie eben Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft etc. nicht wider, da es in erster Linie um eine empirische Datenerhebung geht, die sich an strikte Kategorien hält.[24] Doch dass bereits die Praxis der breiten Datenerhebung, Menschen in bestimmte Kategorien wie eben Mann/Frau unterteilt und keinen Raum für Andere wie etwa Intersex oder Trans*Personen schafft, Teil des Kategorisierungsprozesses ist, wird häufig nicht thematisiert.

Ist E.T.s Heimatplanet doch die Erde?

Diese kurzen Skizzen sollen verdeutlichen, was Intersektionalität ist und mit welchen Problemen die Untersuchung von Intersektionalität verbunden ist. Zum Abschluss möchte ich auf Crenshaws Eingangszitat zurückkommen und es ein wenig modifizieren: Statt E.T. (Intersektionalitätstheorie) als Synonym für eine Abweichung von der Norm zu verstehen, sollte gesehen werden, dass er (sie) bereits dazu gehört. Mit anderen Worten: Intersektionales Denken ist schon lange Teil von politischer wie auch akademischer Kritik, die auf reale existenzielle Notwendigkeiten und drängende gesellschaftliche Fragen abzielt.[25]

Sichtbar wird dies beispielsweise daran, dass Achsen der Ungleichheit verschiebbar sind: Im Supermarkt wird einer Schwarzen Frau egal welcher sexuellen Orientierung durch die Kassiererin suggeriert, dass sie "anders" sei, indem sie in gebrochenem Deutsch angeredet wird (obgleich Deutsch ihre Muttersprache ist), und im nächsten Moment wird sie von ihrem Vorgesetzten sexuell belästigt, weil sie ja "so schön rassig" sei. Im ersten Fall schwingen rassistische Denkfiguren mit, im zweiten dagegen sexistische gekoppelt an rassistische. Ein Mensch kann an einem Tag Rassismus, Sexismus, Exotisierung, Homophobie und Ageism auf alltags-, institutioneller und familiärer Ebene ausgesetzt sein und muss sich immer wieder neu innerhalb dieser Situationen verteidigen. Die Positionen dieser Menschen sind also immer relational zu dem, was an sie herangetragen wird - die Kategorien wie auch die Diskriminierungen, die auf sie zutreffen, sind also dynamisch.

Die Gesetzgebung ist nur ein erster Schritt in der Intersektionalität mitzudenken und auch in Kontexten zu aktivieren ist, in denen sich "Allianzangebote" ergeben. Doch die eigentliche Hauptaufgabe ist, die eigene Position und das eigene Denken immer wieder zu reflektieren, zu hinterfragen und entsprechend zu handeln - dann könnte sich auch E.T. auf der Erde wohlfühlen.

Fußnoten

23.
Vgl. E. Haschemi Yekani/B. Michaelis/G. Dietze (Anm. 21), S. 80; Katharina Walgenbach, Gender als interdependente Kategorie, in: dies. et al. (Hrsg.), Gender als interdependente Kategorie, Opladen 2007, S. 23-64.
24.
Vgl. Gabriele Winker/Nina Degele, Intersektionalität, Bielefeld 2010, S. 13.
25.
Vgl. Stefanie Kron, Intersektionalität oder Borderland als Methode?, in: Sabine Hess/Nikola Langreiter/Elisabeth Timm (Hrsg.), Intersectionality Revisited, Bielefeld 2011, S. 200-222.