Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Isabel Enzenbach

Antisemitismus als soziale Praxis

Transformationen nach 1945

Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden und die Gründung des Staates Israel sind zwei historische Tatsachen, die den Antisemitismus der Gegenwart von seinen Anfängen bis zu seiner 1945 kulminierenden Form unterscheiden. Hoffnungen, dass sich im Angesicht des Massenmords die verfestigten Einstellungen gegenüber Juden und Jüdinnen fortan von selbst verbieten würden, wurden von der Realität widerlegt. In ganz Europa, in den ehemals deutsch besetzten Ländern durch die Okkupationserfahrung verstärkt, existierte der Antisemitismus fort und transformierte sich. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt waren die Überlebenden weiterhin mit offener und gewalttätiger Feindschaft konfrontiert. "Die Erfahrung, dass Juden gleichsam 'vogelfrei' und auf die niedrigste gesellschaftliche Stufe herabgedrückt worden waren, hatte das Verhältnis zu ihnen brutalisiert."[11] In beiden deutschen Staaten, wenn auch unter unterschiedlichen politischen Ausgangsbedingungen,[12] lebten Elemente des Antisemitismus fort.

In der Forschung führten diese Entwicklungen zu den Begriffsbildungen "sekundärer Antisemitismus", "israelbezogener Antisemitismus" sowie "islamisierter Antisemitismus". Im Zentrum des sekundären Antisemitismus steht die auf die Schoah bezogene Schuldabwehr. Diese äußert sich in der Verharmlosung und Relativierung der deutschen Verbrechen, im Zurückweisen von Restitutionsansprüchen, in der Umkehrung von Täter- und Opferrollen sowie in Vorwürfen, Jüdinnen und Juden würden versuchen, aus dem Völkermord Vorteile zu erzielen. Auch die Verantwortungsumkehr, Juden und Jüdinnen wären aufgrund ihres Verhaltens selbst an der Judenfeindschaft schuld, gehört dazu. Die Forderung nach einem Schlussstrich unter die Erinnerungspolitik und -kultur bildet die logische Konsequenz dieser Abwehrargumentationen.

Beim israelbezogenen Antisemitismus ist die Kritik an israelischer Innen- oder Außenpolitik geprägt von Argumentationsweisen, welche die Kritik politischer, militärischer oder juristischer Handlungen des israelischen Staates auf alle seine Bürgerinnen und Bürger übertragen und mit antisemitischer Weltanschauung oder Semantik vermischen. Auch die im öffentlichen Diskurs zu beobachtende Parallelisierung israelischer Politik mit der des NS-Regimes wird in der Forschung als Charakteristikum des israelbezogenen Antisemitismus genannt.[13] Als weitere Kriterien zur Unterscheidung von "legitimer Israelkritik" und antisemitisch gefärbter Kritik werden die Obsession herangeführt, mit der Kritik an Israel geäußert wird, sowie eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Staaten, deren Verhalten mit anderen Standards bemessen wird. Im konkreten Konfliktfall wie etwa bei den Reaktionen zur Attacke auf die Gazaflottille im Mai 2010 sind die Einschätzungen, wo legitime Kritik ihre Grenzen hat und eine antisemitische Kontaminierung beginnt, umstritten.

Der Begriff "islamisierter Antisemitismus" charakterisiert den in islamisch geprägten Gesellschaften verbreiteten Antisemitismus als ein Phänomen, das auf den Denkmustern und Motiven des in Europa entwickelten Antisemitismus aufbaut. Denn "der heute in der islamischen Welt vorzufindende Antisemitismus bezieht seine Mythen - das Image des 'jüdischen Feindes' - nur zu einem unerheblichen Teil aus der islamischen Tradition".[14] Vielmehr nährten die Expansion des Osmanischen Reichs auf europäisches Territorium, die am europäischen Vorbild entwickelte Modernisierungspolitik der Jungtürken sowie der Palästina-Konflikt diese Form des Antisemitismus.[15] Die heute in diesem Kontext verbreiteten Anschuldigungen sowohl gegen Juden und Jüdinnen als auch gegen den Staat Israel sind fundamental von den aus Europa importierten Denkfiguren geprägt. "Islamisierter Antisemitismus" findet sich, vor allem auf den Nahost-Konflikt bezogen, auch bei Musliminnen und Muslimen in Deutschland. Noch fehlen Studien, die eindeutige Aussagen darüber zulassen, welches Ausmaß, welche Struktur und Besonderheiten antisemitische Einstellungen in der äußerst heterogenen Gruppe der in Deutschland lebenden Muslime haben.[16] Explorative qualitative Studien zeigen, dass "antisemitisch eingestellte muslimische Jugendliche (...) offenbar eigene diskriminierende Erfahrungen mit dem transnationalen Geschehen (verbinden). Dabei werden Juden von diesen Jugendlichen als der eigentliche Feind oder Rivale konzipiert."[17] Stark beeinflusst scheinen diese Konstruktionen durch die von diesen Jugendlichen konsumierten Medien und ihrem sozialen Umfeld.

Fußnoten

11.
Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 2002, S. 117.
12.
Vgl. Heike Radvan, Antisemitismus in der DDR, Berlin 2010.
13.
Vgl. Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt, Israelkritik oder Antisemitismus?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 3, Frankfurt/M. 2005, S. 149.
14.
Michael Kiefer, Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften, der Palästina-Konflikt und der Transfer eines Feindbildes, Düsseldorf 2002, S. 9.
15.
Vgl. ders., Islamisierter Antisemitismus, in: W. Benz (Anm. 7), S. 133-136.
16.
Vgl. Wolfgang Frindte et al., Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, Berlin 2011, S. 154ff. und S. 216ff.
17.
Jürgen Mansel/Viktoria Spaiser, Antisemitische Einstellungen bei Jugendlichen aus muslimisch geprägten Sozialisationskontexten, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin 2012, S. 237.