Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Isabel Enzenbach

Antisemitismus als soziale Praxis

Veränderte Rahmenbedingungen

Trotz des Fortbestehens des Antisemitismus und seiner Transformationen haben sich die Bedingungen, unter denen Antisemitismus heute artikuliert wird, wesentlich verändert. Eine "Antisemitenpetition" würde heute auf deutlich stärkeren Widerstand der politischen Eliten, der Presse und der Zivilgesellschaft stoßen. Sich öffentlich explizit judenfeindlich zu äußern ist gesellschaftlich tabuisiert. Antisemitismus zu bekämpfen, gehört zur Staatsräson. Trotzdem zeigt sich in Meinungsumfragen, im politischen Diskurs und in der Alltagskultur, wie verbreitet und aktuell antisemitische Denkmuster nach wie vor sind.[18]

Ob "in Deutschland lebenden Juden" die gleichen Rechte zugebilligt werden sollten wie nichtjüdischen Deutschen, verneinten 2006 in einer repräsentativen Umfrage 25 Prozent der Befragten.[19] Gegenüber anderen Gruppen wie in Deutschland lebenden türkeistämmigen Menschen ist die Ablehnung der rechtlichen Gleichstellung noch höher (43 Prozent). Unter der Oberfläche eines gesellschaftlich geächteten Antisemitismus schwelen seine Denkmuster fort. 2010 stimmten 39,5 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen"; 16,6 Prozent glaubten, Jüdinnen und Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss; 38,4 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat."[20]

Es gibt kein "geeichtes Fieberthermometer" (Werner Bergmann), um Antisemitismus zu messen. Die Zustimmung zu einer einzelnen Aussage gilt in der empirischen Sozialforschung noch nicht als Beleg für ein antisemitisches Weltbild. Erst aus der Zustimmung zu mehreren solcher Aussagen errechnet die Einstellungsforschung ihre Angaben über die Verbreitung eines verfestigten antisemitischen Weltbildes. Dabei schwanken die Ergebnisse je nach Messverfahren: Besonders hohe Zustimmungsraten finden sich in den Umfragen zum sekundären und israelbezogenen Antisemitismus. Denkt man an die gegenwärtigen politischen und sozialen Konfliktfelder, in denen der Antisemitismus virulent ist, beunruhigt dieser Zustand.

Fußnoten

18.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Antisemitismus in Deutschland, Berlin 2011.
19.
Vgl. Werner Bergmann, Ergebnisse der Einstellungsforschung zum Antisemitismus in Deutschland, Juni 2010, S. 6, online: www.bmi.bund.de/DE/Themen/PolitikGesellschaft/PolitBildGesellZusammen/Expertenkreis/expertenkreis_node.htmlS (20.3.2012).
20.
Vgl. Beate Küpper/Andreas Zick, Antisemitische Mentalitäten, Berlin 2011, S. 21ff.