Polizeifahrzeuge stehen am Mittwoch (09.11.2011) vor einem durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau. Die Explosion soll im Zusammenhang mit weiteren Verbrechen stehen. In dem Haus in Zwickau lebten zwei mutmaßliche Bankräuber und eine 36 Jahre alte Frau, die derzeit von Ermittlern befragt wird. Die beiden Männer hatten sich nach Angaben der Polizei am vergangenen Freitag selbst getötet. Sie werden verdächtigt, etwas mit dem Mord an der Polizistin Michele K. zu tun gehabt zu haben. Sie war 2007 in Heilbronn erschossen worden, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Foto: Jan Woitas dpa/lsn

30.4.2012 | Von:
Hans-Gerd Jaschke

Zur Rolle der Schule bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus

Weiterentwicklung schulischer Pädagogik

Grundkonzepte schulischer Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus müssen nicht neu erfunden werden. Schon im re-education-Programm der Amerikaner für Westdeutschland aus dem Jahr 1947 sind Orientierungspunkte genannt: Vermittlung von Demokratie als Lebensform, der Gleichheitsgrundsatz, Bürgersinn und soziale Verantwortung sowie Demokratisierung des Schullebens und des Lehrer-Schüler-Verhältnisses sollten in den social studies - in Deutschland fälschlicherweise mit "politische Bildung" übersetzt - im Mittelpunkt stehen.[15] Historisches Lernen, Diskussion von Vorurteilen und von Konzepten der modernen Einwanderungsgesellschaft, das Miteinander von kognitiven und erfahrungsorientierten Ansätzen sind Stichworte, die in den folgenden Jahrzehnten den Unterricht geprägt haben und heute der Weiterentwicklung bedürfen. Jenseits von curricularen und didaktischen Fragen ist in der Fachdebatte zu Recht gefordert worden, die Kontextbedingungen zu thematisieren und zu reformieren. Der Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth etwa empfiehlt, das Sozialklima und die Lernkultur in den Blick zu nehmen, ebenso Prozesse der Identitätsbildung von Schülern und Ideen, wie eine "gute Schule" aussehen könnte, die weniger Probleme mit Rechtsextremismus habe.[16]

Ein gelungenes Beispiel stellt das Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" dar. Dieses wurde 1995 als schulpolitische und -pädagogische Antwort auf die fremdenfeindlichen Anschläge in Deutschland nach der Wiedervereinigung gegründet. Verantwortlich war der menschenrechtlich orientierte "Aktion Courage e.V.", der die Geschäftsstelle bis 2008 ehrenamtlich betrieb. Seit 2009 wird sie von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert; weitere Institutionen wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung zählen ebenfalls zu den Unterstützern. Seit 2012 gibt es nach Angaben des Netzwerks über 1000 Schulen in Deutschland, die sich ihm angeschlossen haben.[17] Die Grundidee besteht darin, dass Schulen beitreten können, wenn sie sich verpflichten, sich durch Projekte und Aktivitäten gegen Rassismus einzusetzen, bei diskriminierenden Vorkommnissen zu intervenieren und einmal pro Jahr ein Projekt zum Thema Diskriminierung auf die Beine zu stellen. Die Schule kann den Titel erhalten, wenn mindestens 70 Prozent der Lehrer, Schüler und sonstigen Mitarbeiter diese Grundideen unterstützen und ein entsprechendes Papier unterzeichnen. Die Verleihung des Titels ist kein Qualitäts- oder Gütesiegel, sondern eine Absichtsbekundung: Die Schule erklärt, aktiv unter Beteiligung aller gegen Diskriminierung vorgehen zu wollen. Dieses öffentliche Bekenntnis "verankert in die Schulgemeinschaft ein selbst-regulatives Element, das dem Zusammenleben an der Schule eine neue normative Orientierung, neben den bereits bestehenden normativen Orientierungspunkten wie Schulgesetz, daraus abgeleiteter Schulordnung und innerschulischer kultureller Praxen hinzufügt".[18]

Bezogen auf einzelne Schulen heißt dies: Es muss für das Projekt geworben werden, es wird aktiviert und diskutiert, am Ende eines längeren Prozesses wird akzeptiert und umgesetzt oder verworfen. Die Beteiligung aller ist gesichert, die Schüler sind zahlenmäßig wichtigster Bestandteil des Vorhabens, sie können eingreifen und sie gehen gegebenenfalls freiwillige Verpflichtungen ein. Sie lernen und erleben aber auch politische Beteiligung auf der alltäglichen Ebene und können Chancen dafür wahrnehmen. Damit ist das Netzwerk "Schule ohne Rassismus" ein Beitrag nicht allein zur Bekämpfung des Rechtsextremismus, sondern auch zur Stärkung der demokratischen Identität der Beteiligten. Es eröffnet Erfahrungshorizonte demokratischer Beteiligung, Eigeninitiative und nötigt in jedem Falle zu durchdachter Stellungnahme.

Fazit: Bedeutung schulischer Primärprävention

Nach 1989/90 haben sich zwei Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus herausgebildet. Außerschulische und zivilgesellschaftliche Initiativen zielen darauf ab, rechtsextremistische Aktivitäten zu erschweren oder zu verhindern und Demokratiedefizite zu beheben. An vielen Orten leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu einer demokratischen politischen Kultur. Der zweite Schwerpunkt ist der Komplex Innere Sicherheit. Wenn die Straftaten von rechts ansteigen und, wie im Falle des NSU, offensichtliche Defizite der Sicherheitsbehörden dazu führen, dass über Jahre hinweg Menschen aus rassistischen Gründen umgebracht werden, sind Polizei und Verfassungsschutz gefragt.

Beide Schwerpunkte sind wichtige Bausteine bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus. Sie müssen mit professionellen Methoden stabilisiert, reformiert und ausgebaut werden. Beide Ansätze können allerdings eine wichtige Aufgabe nicht erfüllen: die Ursachen bekämpfen. Sie liegen in der Erziehung im Elternhaus, bei strukturellen Kontextfaktoren und Politikfeldern wie Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, aber eben auch im Bereich Schule. Eine empirische Untersuchung über biografische Verläufe von Rechts- und anderen Extremisten kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis, dass Schulprobleme, -wechsel und -abbrüche sowie Klassenwiederholungen charakteristisch sind, "bei den Rechtsorientierten kam es gehäuft auch zu Auffälligkeiten in der Grundschule".[19] Umgekehrt gilt auch weiterhin: Bildung ist ein hemmender Faktor bei der Herausbildung von Vorurteilen und rechtsextremen Einstellungen, Befragte mit Abitur weisen weitaus geringere rechtsextreme Überzeugungen auf als Menschen ohne Abitur.[20]

Einstiege in den Rechtsextremismus erfolgen in der Regel im Alter zwischen 13 und 15 Jahren im Rahmen von Cliquen und peer-groups außerhalb der Schule.[21] Diese hat, obwohl nur am Rande des Geschehens, wichtige hemmende Funktionen, denn sie gehört zum Bereich der Primärprävention in Sachen Rechtsextremismus. Rassistische Orientierungen von jungen Menschen entstehen hier oder sie werden verfestigt und, umgekehrt, Schulerfahrungen bremsen oder verhindern solche Deutungsmuster. Das Hineinwachsen in rechtsextreme Gruppen ist verbunden mit der schrittweisen Aneignung von rechtsextremen Geschichtsdeutungen des Nationalsozialismus.[22] Die Schule hat hier eine Möglichkeit, dem durch Geschichts- und Politikunterricht entgegenzuwirken. Sie hat Zugang zu allen Jugendlichen, und sie ist neben der Familie die einzige gesellschaftliche Institution, die aktive Primärprävention auf sehr breiter Basis betreiben kann.

Die Stabilisierung antirassistischer und demokratischer Einstellungen gehört zu den wichtigen und nachhaltigen Aufgaben schulischer Primärprävention. Zwar kann die Schule die Ausprägung von Vorurteilen und rechtsextremen Einstellungen nicht gänzlich verhindern, aber sie kann diesen Prozess erschweren. In einer politischen und gesellschaftlichen Situation, in der rasche und sichtbare Antworten auf die Herausforderungen des Rechtsextremismus gefragt sind, muss die Schule einen langen Atem beweisen und diese Haltung auch aktiv vertreten und verteidigen. Ihre Erfolge gegen Rechtsextremismus können nicht schnell sein, sie sind schwer messbar, und sie sind wenig spektakulär. Gleichwohl ist diese Art der Primärprävention ein wesentlicher Baustein für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus.

Fußnoten

15.
Vgl. Walter Gagel, Geschichte der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989, Opladen 1994, S. 35ff.
16.
Vgl. Wilfried Schubarth, Pädagogische Strategien gegen Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Gewalt - Möglichkeiten und Grenzen schulischer und außerschulischer Prävention, in: ders./Richard Stöss (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2001, S. 249-270.
17.
Vgl. online: www.schule-ohne-rassismus.org (21.3.2012).
18.
Thomas Guthmann, Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage. Theoretische Reflexionen über einen zivilgesellschaftlichen Ansatz zur Stärkung demokratischer Kultur an Schulen, hrsg. von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Frankfurt/M. 2011, S. 59.
19.
Saskia Lützinger, Die Sicht der Anderen. Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen, Köln 2010, S. 28.
20.
Vgl. etwa Oliver Decker/Elmar Brähler, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008, Berlin 2008, S. 25. Zur Verbreitung von Vorurteilen in acht europäischen Ländern vgl. Andreas Zick/Beate Küpper/Andreas Hövermann, Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, Berlin 2011.
21.
Vgl. Nils Schuhmacher, "Mit den Leuten zusammen kann man wirklich schon was darstellen". Über verschiedene Wege in rechte Jungencliquen, in: Ursula Birsl (Hrsg.), Rechtsextremismus und Gender, Opladen-Farmington Hills 2011, S. 265-280.
22.
Vgl. mit zahlreichen Belegen: Lena Inowlocki, Sich in die Geschichte hineinreden. Biographische Fallanalysen rechtsextremer Gruppenzugehörigkeit, Frankfurt/M. 2000.