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A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Eckart Voland
Johannes Johow

Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte

Evolution von Frauen und Männern

Seit Darwin erstmals den Mechanismus der natürlichen Selektion zur Erklärung der biologischen Vielfalt vorschlug, lässt sich auch die menschliche Natur nicht mehr aus der gemeinsamen Geschichte aller Lebewesen ausklammern: Wir alle sind heute nur deshalb am Leben, weil unsere Vorfahren ausnahmslos, von den ersten Anfängen des Lebens bis heute, dazu in der Lage waren, lebensfähige Nachkommen zu hinterlassen oder - in darwinscher Terminologie ausgedrückt - weil sie reproduktiv erfolgreich waren. Wer diesbezüglich an den Unsicherheiten des Lebens gescheitert ist, konnte sein Erbmaterial nicht weitergeben und gehört deshalb auch nicht zu unseren Vorfahren. So erklärt es sich, dass alle Organismen, von einfachen Bakterien bis zu den sozial hochkomplexen Primaten (Menschen eingeschlossen), auf bestmögliche Reproduktion eingestellt sind. Freilich ist das, was im technischen Laborjargon der Biologen "Fitnessmaximierung" heißt, nicht Ergebnis eines irgendwie im Verborgenen wirkenden Triebs, sondern Fitnessmaximierung wird in der Regel erreicht, indem Menschen ihren psychischen Präferenzen nachgehen, Glück und Zufriedenheit zu mehren suchen und Unglück und Stress vermeiden. Die verhaltenssteuernde Maschinerie unseres Gehirns produziert biologisch nützliche Repräsentationen der Welt und Emotionen, die uns - Risiken meidend, Chancen nutzend - gleichsam einem Navigationssystem vergleichbar durchs Leben führen. Der Vollzug dessen führt im Mittel letztlich zu erfolgreicher Reproduktion. Wäre dem nicht so, hätten die einschlägigen Hirnfunktionen keinen Bestand.

Die Rolle der Sexualität in diesem struggle for life hat allerdings bereits Darwin vor ein großes Rätsel gestellt.[3] Es handelt sich bei Fortpflanzung und Sexualität nämlich zunächst einmal um zwei völlig unterschiedliche Prozesse: Fortpflanzung meint die Vermehrung eines Organismus (die bei einigen Arten durchaus ohne Sex vonstatten gehen kann), während Sexualität dagegen den Austausch von genetischer Information zwischen verschiedenen Organismen bezeichnet (was wiederum, wie uns Bakterien lehren, nicht zu Vermehrung führen muss). Die für Soziobiologen und Soziobiologinnen spannende Frage ist nun, aus welchen Gründen sich diese beiden ursprünglich unabhängigen Prozesse evolutionär verkoppelt haben, so dass wir mit einigen interessanten Ausnahmen bei nahezu allen Wirbeltieren Vermehrung durch Sex vorfinden. Auf den ersten Blick scheint zweigeschlechtliche Fortpflanzung dem biologischen Imperativ der Fitnessmaximierung geradezu entgegenzulaufen, denn sexuelle Fortpflanzung ist teuer. Rein rechnerisch würde sich eine Vermehrung mittels Klonen oder Selbstbefruchtung gegenüber dem üblichen Modus der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung evolutionär durchsetzen: Bei einem Verzicht auf Sex würde nicht nur der teilweise beträchtliche Aufwand für Partnerwerbung und Paarung entfallen, sondern die Eltern wären auch genetisch jeweils nicht bloß zur Hälfte in ihrem Nachwuchs repräsentiert, sondern zu 100 Prozent. Es entfiele der Aufwand zur Herstellung des zweiten, nämlich des nicht-generativen männlichen Geschlechts. Die Hälfte des gesamten Reproduktionsaufwandes könnte eingespart werden. Wozu also sind Männchen und Männer gut, wozu die augenscheinliche Verschwendung?

Auf diese alles andere als triviale Frage gibt es eine Reihe von Antworten, die zu referieren hier der Platz fehlt. Alles deutet darauf hin, dass Organismen einen evolutionären Vorteil davontragen, wenn sie genetisch heterogenen Nachwuchs zeugen. Die evolutionäre Nützlichkeit des zweiten Geschlechts liegt demnach in seinem Beitrag zu genetischer Rekombination, die vor allem bei hoher pathogener Belastung und ökologischer Heterogenität von Vorteil ist.[4] Festzuhalten bleibt, dass Sexualität trotz aller ihr inhärenten Kosten und Nachteile sich evolutionär bei der Weitergabe genetischer Information strategisch bewährt hat. Allerdings beantwortet dieser Hinweis noch nicht die Frage, warum wir es offensichtlich mit zwei Geschlechtern zu tun haben. Warum nicht mit einem, dreien oder gar 37?

Die Antwort hierauf liefert die Funktionslogik der disruptiven Selektion. Favorisiert werden zum einen Elternindividuen, die möglichst viele Keimzellen in die Befruchtungslotterie geben können. Allerdings hat Quantität ihren Preis: Die Qualität, also die Größe, Vitalität und energetische Aufladung der Keimzellen, bleibt eher bescheiden. Auf der anderen Seite sind Elternindividuen im Vorteil, die auf Qualität setzen, also ihre Keimzellen mit viel Baustoffen und Energie anreichern, sodass diese relativ lange überleben und im Fall der Befruchtung auch die Entwicklung des Keimes gut anstoßen können. Der Preis dieser Strategie wird in Form reduzierter Mengen bezahlt. Eine theoretisch dritte Möglichkeit, nämlich Keimzellen herzustellen, die ein bisschen besser ausgestattet sind, aber dafür nicht in der Menge wie Spermien produziert werden können, hat auf Dauer keine Chance. Sie verliert sowohl gegen die quantitative Strategie, die man konventionell "männlich nennt, und die qualitative, die man konventionell "weiblich" nennt. Ein drittes Geschlecht kann es deshalb nicht geben und 37 schon gar nicht.

Damit haben wir den Kern der Geschlechterdifferenz beschrieben. Den Anfang des "kleinen Unterschieds" macht also aus soziobiologischer Sicht nicht das aus, was man populär darunter zu verstehen glaubt, sondern der strategische Unterschied von Elternindividuen in ihrem reproduktiven Investment liegt in der evolutionären Initialzündung für eine Kaskade von ontogenetischen und phylogenetischen Entwicklungen, denen die Geschlechter ausgesetzt waren und immer noch sind und an deren Ende Geschlechterdifferenz auch anders in Erscheinung tritt als in bloß harmlosen Keimzellenunterschieden. Denn das Aufeinandertreffen der beiden Strategien "männlich" und "weiblich" generiert automatisch einen Markt mit einer Angebots- und Nachfragedynamik. Im Zuge der sexuellen Selektion werden jene Marktteilnehmer/Marktteilnehmerinnen belohnt, die sich unter Konkurrenzbedingungen auf diesem Markt - als Anbieter und/oder Nachfrager - gut behaupten können, und folglich werden jene Elternindividuen reproduktiv, und das heißt letztlich genetisch belohnt, die ihre Nachkommen gut für diesen Markt ausstatten. Reproduktives Investment beinhaltet deshalb mehr als die bloße Herstellung von Keimzellen.

Der Soziobiologe Robert Trivers argumentiert plausibel, dass das differenzielle reproduktive Investment der Geschlechter die Schlüsselvariable darstellt, um den evolutionären Mechanismus der sexuellen Selektion, das heißt der geschlechtsspezifischen Ausprägung bestimmter funktionaler Merkmale und Strategien, zu verstehen.[5] Dabei ist wesentlich zu bedenken, dass der sexuelle Markt asymmetrisch ist. Die Strategie "männlich" ist im Überangebot (schließlich könnten Männer im Unterschied zu Frauen theoretisch vielstellige Nachkommenzahlen hinterlassen), die Strategie "weiblich" ist deshalb das knappe Gut, um das herum Konkurrenz entsteht. Dieser an sich sehr simple Sachverhalt sorgt für ein evolutionäres Wettrüsten, in dessen Verlauf es zur Ausdifferenzierung von männlichen versus weiblichen Lebensstrategien kommt. Während die weibliche Seite eher durch Risikoaversion, höheren Standards bezüglich der Partnerwahl und weniger variablen Entwicklungsverläufen gekennzeichnet ist, kann die männliche Seite eher mit Attributen wie sexueller Opportunismus, sexuelle und soziale Risikobereitschaft, breitere phänotypische Diversifikation auch in mentalen Aspekten des Lebensvollzugs beschrieben werden. Diese höhere Variabilität auf Seiten der Männer hängt wiederum auch damit zusammen, dass deren X-Chromosom lediglich in einer einzigen Ausführung vorliegt und die darauf liegenden Gene deshalb sozusagen "ohne Copilot fliegen".[6]

Aber für Geschlechterunterschiede bei Menschen ist auch noch eine andere Besonderheit der Geschlechtschromosomen relevant: Das Y-Chromosom befindet sich die ganze Zeit über in männlichen Individuen, während das X-Chromosom rein statistisch die meiste Zeit in einem weiblichen Körper verbringt. Gäbe es für die Gene auf den Geschlechtschromosomen eine Möglichkeit, das Geschlechterverhältnis unter den Nachkommen zu manipulieren, sodass ausschließlich eines der Geschlechter produziert würde, könnten sie ihre eigene Reproduktion zulasten des jeweils anderen Geschlechtschromosoms enorm steigern. Dieser Umstand führt zu der paradox erscheinenden Situation, dass Gene auf den Geschlechtschromosomen davon profitieren, wenn sie die Reproduktion des jeweils anderen Geschlechtschromosoms unterdrücken. Laut einiger Fachleute ist das Y-Chromosom sogar nur deshalb das mit Abstand kleinste aller Chromosomen, weil es im übertragenen Sinne vor diesem evolutionären Konflikt mit dem sehr viel größeren X-Chromosom "weggelaufen" ist und sich seitdem in anderen Teilen des Genoms "versteckt".[7] Es ist in der Tat gewöhnungsbedürftig, sich das Genom als ein Schlachtfeld für genetische Konflikte zwischen männlichen und weiblichen Genen (wie auch zwischen elterlichen und kindlichen Genen) vorzustellen, allerdings kann diese Sichtweise gerade für das Verständnis von Geschlechterbeziehungen sehr erhellend sein.[8] Die evolutionären Konsequenzen des Konflikts zwischen den Geschlechtern, welche reproduktive Vorteile des einen Geschlechts zulasten des anderen produzieren, werden in der Fachsprache als "sexuell-antagonistische" Angepasstheiten bezeichnet. Solche Merkmale sind mittlerweile auch für den Menschen durch viele Studien belegt.[9] All diese Befunde münden in die Schlussfolgerung, dass das Verhältnis der Geschlechter von Natur aus konfligiert und wegen der Wirkweise der sexuellen Selektion naturnotwendig auch konfligieren muss. Ein evolutionärer Friedensschluss im ewigen "Krieg der Geschlechter" ist aus soziobiologischer Sicht nicht denkbar. Was wir in den Lebensvollzügen der Organismen, einschließlich der Menschen, vorfinden, sind momentane und immer auch sehr brüchige Kompromisse eines profunden Interessenskonflikts, den keine Seite endgültig gewinnen kann. Welches der Geschlechter sich in diesem Konflikt jeweils durchsetzt, hängt von sehr vielen Rahmenbedingungen ab, von intrazellulären Prozessen bis hin zur Dynamik der Kulturgeschichte.

Die bis hier beschriebenen Zusammenhänge sollen erklären, weshalb zwei verschiedene Geschlechter existieren und zugleich andeuten, mit welchen weitreichenden sozialen Konsequenzen dies verbunden ist. Geschlechtsdifferenz ist so gesehen ein fester Bestandteil der menschlichen Natur. Kulturelle Kontexte spielen mit dieser Differenz und legen sie unterschiedlich aus, aber entgegen eines weit verbreiteten Missverständnisses konstruieren Kulturen nicht diese Differenz. Bevor wir auf die Bedeutung und Funktion von Kultur und Gesellschaft für die Ausgestaltung der Geschlechterdifferenz zurückkommen, wollen wir zunächst den Blick auf das einzelne Individuum richten. Wie werden Geschlecht und Geschlechtsidentität im Zuge der Individualentwicklung festgelegt, und wie kann es zu Abweichungen kommen?

Fußnoten

3.
Vgl. Charles R. Darwin, On the two forms, or dimorphic condition, in the species of Primula, and on their remarkable sexual relations, in: Journal of the Proceedings of the Linnean Society of London (Botany), 6 (1862), S. 77-96.
4.
Vgl. ausführlich Johannes Johow/Eckart Voland, Das geteilte Leben. Evolutionäre Gründe der Geschlechterdifferenz, in: Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.), Mann, Frau, Gehirn. Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft, Paderborn 2011.
5.
Vgl. Robert Trivers, Parental investment and sexual selection, in: Bernard Campell (ed.), Sexual selection and the descent of man (1871-1971), Chicago 1972.
6.
Vgl. S. Matt Ridley, Alphabet des Lebens. Die Geschichte des menschlichen Genoms, München 1999.
7.
Vgl. ebd., Kapitel "X und Y Konflikt".
8.
Vgl. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, Berlin-Heidelberg 2006.
9.
Vgl. u.a. Gregory Gorelik/Todd K. Shackelford, Human sexual conflict from molecules to culture, in: Evolutionary Psychology, 9 (2011) 4, S. 564-587.