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A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Eckart Voland
Johannes Johow

Geschlecht und Geschlechterrolle: Soziobiologische Aspekte

Individualentwicklung von Geschlecht und Geschlechtsidentität

Wie allgemein bekannt, zeichnen sich Männer dadurch aus, dass sie zwei unterschiedliche Geschlechtschromosomen tragen und zwar sowohl ein X- als auch ein Y-Chromosom. Im Zuge der Keimzellenproduktion müssen diese Geschlechtschromosomen allerdings auf heranreifende Spermien aufgeteilt werden: Männer produzieren daher im Gegensatz zu Frauen Keimzellen, welche unterschiedliche Chromosomen enthalten, nämlich einerseits Spermien, die neben den sogenannten Autosomen lediglich das X-Chromosom enthalten und andererseits Spermien, welche lediglich das Y-Chromosom tragen. Welches Spermium die Chance erhält, sein jeweiliges Geschlechtschromosom an den Nachwuchs weiterzugeben, entscheidet sich bei der Befruchtung: Wird eine Eizelle durch ein X-Spermium befruchtet, trägt die Zygote anschließend den XX-Chromosomensatz, wohingegen ein Y-Spermium zu einem XY-Chromosomensatz führt.

Die chromosomale Ausstattung infolge der Befruchtung hat - in der Regel - weitreichende Folgen für die individuelle Geschlechtsentwicklung. Ein Y-chromosomales Gen namens "SRY" (sex-determining region Y) bildet nämlich den Beginn einer Kaskade von Entwicklungsprozessen, welche ab der siebten Schwangerschaftswoche zur Ausprägung von männlichen Merkmalen führt. Diese Kaskade führt über die Entwicklung von Hoden im Embryo zur Ausschüttung von Testosteron und der induzierten Ausbildung der sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmalen in der Pubertät bis hin zu geschlechtsspezifischen Verhaltenstendenzen, beispielsweise bezüglich Sexualität und Aggression. Dass das SRY-Gen eine derartige Schlüsselrolle spielt, haben beispielsweise Experimente an Mäusen gezeigt, bei denen XX-Weibchen durch Einbringen dieses Gens zu einem männlichen Erscheinungsbild umgewandelt werden konnten.[10]

Allerdings gilt genauso der umgekehrte Fall: Fehlt aufgrund einer Mutation oder Beschädigung ein funktionales SRY-Gen auf dem Y-Chromosom, kommt es trotz eines vorhandenen Y-Chromosoms nicht zur Entwicklung von Hoden und der nachgeschalteten Ausdifferenzierung von Geschlechtsmerkmalen. So entwickeln sich die Betroffenen des sogenannten Swyer-Syndroms zunächst trotz eines "männlichen" Chromosomensatzes weiblich, so dass sie nach der Geburt äußerlich nicht von Mädchen zu unterscheiden sind.[11] Erst mit Eintreten der Pubertät werden diese Personen auffällig, da eine Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale unterbleibt und es auch nicht zum Einsetzen der Regelblutung kommt.

Solche und andere Fälle einer abweichenden Geschlechtsentwicklung finden sich innerhalb der menschlichen Bevölkerung mit zwei Prozent aller Geburten nur relativ selten.[12] Noch seltener werden Kinder geboren, welche auch im engeren Sinne als intersexuell angesehen werden müssen, weil sie sich rein äußerlich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Sie machen unter 0,2 Prozent aller Geburten aus.[13] Aber auch abgesehen von diesen relativ seltenen "Besonderheiten der sexuellen Entwicklung" wird die Ausprägung von physiologischen und psychischen Geschlechtsmerkmalen auch bei einer "nicht-besonderen" sexuellen Entwicklung unterschiedlich gesteuert. Dies liegt daran, dass hormonelle Einflüsse während Embryonalentwicklung, Kindheit und Pubertät unterschiedliche Genvarianten von Frauen oder Männern langfristig prägen und beeinflussen.[14] So kann beispielsweise der pränatale Testosteronspiegel Auswirkungen auf die spätere Entwicklung der Geschlechtsidentität haben - also darauf, wie sich Mädchen und Jungen in bestimmte soziale Geschlechterrollen einnischen bis hin zur späteren sexuellen Orientierung. In diesem Zusammenhang stehen auch bestimmte Weichmacher der Plastikindustrie in der Diskussion, welche physiologisch als Antagonisten zu Androgenen wirken. So haben mehrere Studien festgestellt, dass solche Substanzen (endocrine disruptors) männliche Amphibien und Nager im Tierversuch "verweiblichen".[15] Inwieweit diese in Haushaltsartikeln (und mittlerweile auch in der Umwelt) recht verbreiteten Stoffe auch für ähnliche Effekte bei Menschen relevant sein könnten, wird zurzeit kontrovers diskutiert.[16]

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein äußerst komplexer Entwicklungspfad vom Geschlechtschromosom zur Geschlechtsidentität verläuft. Geschlecht ist deshalb gar nicht so eine eindeutige Kategorie, wie man landläufig annimmt. Man kann und muss deshalb unterscheiden, ob mit dem "biologischen Geschlecht" eigentlich das "chromosomale Geschlecht", das "hormonelle Geschlecht" oder das "Hebammen-Geschlecht", welches sich an den sichtbaren Geschlechtsmerkmalen orientiert, gemeint ist.

Fußnoten

10.
Vgl. Peter Koopman et al., Male development of chromosomally female mice transgenic for Sry, in: Nature, 351 (1991), S. 117-121.
11.
Vgl. Ralf J. Jäger et al., A human XY female with a frame shift mutation in the candidate testis-determining gene SRY, in: Nature, 348 (1990), S. 452-454.
12.
Vgl. Melanie Blackless et al., How Sexually Dimorphic Are We? Review and Synthesis, in: American Journal ofHuman Biology, 12 (2000), S. 151-166.
13.
Vgl. Leonart Sax, How common is intersex? A reply to Fausto-Sterling, in: The Journal of Sex Research, 39 (2002) 3, S. 174-178.
14.
Vgl. Melissa Hines, Gender Development and the Human Brain, in: Annual Review of Neuroscience, 34 (2011), S. 69-88.
15.
Vgl. Eldin Jaarevic et al., Disruption of adult expression of sexually selected traits by developmental exposure to bisphenol A, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 108 (2011) 28, S. 11715-11720.
16.
Vgl. u.a. Shanna H. Swan et al., Prenatal phthalate exposure and reduced masculine play in boys, in: International Journal of Andrology, 33 (2010), S. 259-269.