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A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Ulrike Klöppel

Medikalisierung "uneindeutigen" Geschlechts

Medizinische Diskussion ab 1950

Für die tatsächliche Durchsetzung der medizinischen Expertenstellung war jedoch die Entwicklung ab Mitte des 20. Jahrhunderts entscheidend. Ärzte bedauerten zunehmend, dass sie "im Psychischen keinen objektiven genetischen Geschlechtstest vornehmen" konnten.[16] Mit der Einführung von Testverfahren für das Chromosomengeschlecht in den 1950er Jahren wurden mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gefunden: Die Tests förderten zutage, dass es vielfältige Zusammensetzungen von Geschlechtschromosomen und Kombinationen mit phänotypischen Geschlechtsmerkmalen beim Menschen gibt. Mediziner äußerten sich besorgt darüber, dass es keine wissenschaftlichen Kriterien für die Geschlechtszuweisung von Intersexuellen - so der nun gängige Terminus - gab. In dieser Situation vertraten die meisten deutschen Mediziner weiterhin die Empfehlung, ärztliche Eingriffe am "subjektiven" Geschlecht zu orientieren. Ausdrücklich wiesen sie darauf hin, dass im Kindesalter keine entscheidenden genitalplastischen Eingriffe vorgenommen werden dürften, selbst dann nicht, wenn die Eltern dies wünschten.[17]

Die Verpflichtung auf das "subjektive" Geschlecht stand im Kontrast dazu, dass es inzwischen grundsätzlich kein Problem mehr war, "uneindeutige" Genitalien chirurgisch und hormonell an die männliche respektive weibliche Norm anzugleichen. Genitaloperationen wie beispielsweise die Amputation einer "vergrößerten Klitoris" oder "Hypospadie-Korrekturen" (wenn die Harnröhrenmündung an der Unterseite oder sogar am Schaft des Penis mündete, wurde versucht, sie an dessen Spitze zu verlegen) waren gelegentlich bereits vor der Einführung von Anästhesie und Antisepsis Mitte des 19. Jahrhunderts mit großem Risiko für die betroffenen Personen durchgeführt worden.[18] Es sind auch einzelne Fälle von Kindern bekannt, deren "uneindeutige" Genitalien auf Wunsch ihrer Eltern korrigiert wurden.[19] Deutsche Mediziner übten an einem solchen Vorgehen jedoch scharfe Kritik.[20] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden sich weiterhin Ärzte, die bei eindeutig männlichem oder weiblichem Gonadengeschlecht eine chirurgische Normanpassung der äußeren Genitalien im Kindesalter empfahlen.[21] Fritz Strassmann, Direktor der praktischen Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde in Berlin, warnte hingegen, dass ein solches Vorgehen zu viele Gefahren und Unwägbarkeiten berge.[22] Dies bezog sich allerdings nur auf den Hermaphroditismus, denn Genitalplastiken im Kindesalter waren keineswegs grundsätzlich tabu. Vielmehr rieten manche Ärzte in Bezug auf sogenannte lokale genitale Missbildungen wie die "Hypospadie" zu chirurgischen Eingriffen im Kindesalter, um Belastungen in der psychischen Entwicklung vorzubeugen.[23] Der Unterschied zum Hermaphroditismus bestand darin, dass sich die meisten Ärzte einig waren, dass das biologische Geschlecht von "Hypospaden" männlich sei. Deshalb nahmen sie an, dass auch die psychosexuelle Entwicklung, anders als bei Hermaphroditen, eindeutig männlich verlaufen würde. Bei diesen, hieß es, sei eine Voraussage über die Richtung der Psychosexualität nicht möglich, selbst dann nicht, wenn das Keimdrüsengeschlecht eindeutig bestimmt werden konnte. Aus diesem Grunde rieten Ärzte auch in den 1950er Jahren, bei intersexuellen Kindern mit chirurgischen Eingriffen bis mindestens in die Pubertät abzuwarten, "bis die seelische Einstellung erkennbar ist".[24]

Zeitgleich wurden allerdings am Baltimorer Johns Hopkins Hospital in den USA Genitaloperationen an intersexuellen Kindern bereits systematisch durchgeführt. Der pädiatrische Endokrinologe Lawson Wilkins hatte dieses Behandlungsvorgehen 1950 eingeführt.[25] Dabei richtete sich die Geschlechtszuweisung primär nach dem Erscheinungsbild der Genitalien und den technischen Möglichkeiten der plastischen Chirurgie, und nicht nach den Keimdrüsen. Eine Forschungsgruppe um den Psychologen John Money untersuchte die am Johns Hopkins Hospital behandelten Intersexuellen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich im Babyalter operierte und eindeutig als Mädchen oder Jungen erzogene Personen mit ihrer Geschlechtsrolle identifizierten, ein angepasstes Verhalten und heterosexuelle Orientierung zeigten, und zwar selbst dann, wenn die Zuweisung nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmte. Daraus leitete die Forschungsgruppe die Theorie ab, dass die Psychosexualität durch die Geschlechtszuweisung, die Erziehung und das Körperbild geprägt würden. Eine Einflussnahme sei aber nur in der kritischen Phase der ersten beiden Lebensjahre möglich, danach identifiziere sich das Kind irreversibel als männlich oder weiblich.[26] Soziale Einflüsse sollten also ebenso dauerhafte Effekte haben können wie biologische. Um zu unterstreichen, dass die Psychosexualität sozial geprägt und nicht primär durch das biologische Geschlecht (sex) determiniert sei, führte die Forschungsgruppe den Terminus gender beziehungsweise gender role ein (in den 1950er Jahren verwendete sie auch den Begriff psychosexual identity).

Die Theorie der frühkindlichen sozialen Prägung suggerierte, dass die psychosexuelle Entwicklung eines Kindes willkürlich beeinflussbar sei. Damit konnte das neue Behandlungsvorgehen als eine planmäßige Steuerung dieser Entwicklung beim intersexuellen Kind legitimiert werden. Der "Erfolg" der frühkindlichen Behandlung, belegt durch Moneys Forschungen, schien seinerseits die Theorie zu bestätigen. Die in der deutschen Medizin bis dahin vorherrschende Überzeugung, dass die psychosexuelle Entwicklung von Hermaphroditen nicht vorhersagbar sei, wurde damit theoretisch und praktisch infrage gestellt. Der Autorität einer wissenschaftlich fundierten Behandlung für Intersexualität konnten sich auch die anfangs skeptischen deutschen Mediziner nicht auf Dauer widersetzen. Ihre Skepsis schmolz schließlich dahin, als John Money und seine Forschungsgruppe in den 1960er Jahren psychoendokrinologische Studien zu der These einer pränatalen hormonalen Prädisposition anstellten. Als Ergebnis modifizierten sie im Verlauf der 1960er Jahre ihre gender-Theorie. Sie nutzten dafür die Differenzierung zwischen gender role und gender identity, die der Psychoanalytiker Robert Stoller im Anschluss an die Baltimorer Forschungen eingeführt hatte. Money erklärte, dass zwar für die Geschlechtsidentität die frühkindliche soziale Prägung ausschlaggebend sei, die pränatale Hormonkonstellation jedoch die Ausprägung der Geschlechtsrolle durchaus beeinflussen könne.[27] Diese neue Interaktionstheorie überzeugte schließlich auch die verbliebenen deutschen Kritiker. Bis Ende der 1960er Jahre etablierte sich das Baltimorer Behandlungsvorgehen zusammen mit dem Konzept der sozialen Prägung der Psychosexualität in West- und Ostdeutschland. Die Genitaloperationen fungierten dabei als Blackbox: Es wurde schlicht unterstellt, dass sie effektive und nebenwirkungsfreie Behandlungstechniken seien; Narben, Verwachsungen, Sensibilitätsverlust, Schmerzen oder Traumata waren kaum Thema in medizinischen Publikationen. Erst die massiven Proteste von Organisationen intergeschlechtlicher Menschen, die in den 1990er Jahren einsetzten, haben eine gewisse Sensibilisierung der Medizin für die Probleme von Genitaloperationen im Kindesalter bewirkt. Dennoch ist ein Ende dieser Praxis noch nicht in Sicht.[28]

Fußnoten

16.
Hans Jörn Lammers, Neue Perspektiven in der Intersexualitätsforschung, in: Beiträge zur Sexualforschung 18 (1959), S. 1-20, hier: S. 16.
17.
Vgl. Ernst Philipp/Hans-Joachim Staemmler, Geschwister und Zwillinge als männliche Scheinzwitter mit intersexuellem äusseren Genitale, in: Acta obstetricia et gynecologica Scandinavica, 38 (1959), S. 645-662, hier: S. 660.
18.
Vgl. George Arnaud de Ronsil, Herrn Georg Arnaud ... Anatomisch-Chirurgische Abhandlung über die Hermaphroditen, Straßburg 1777, S. 3, S. 23f.; Johannes Peter Müller, Bildungsgeschichte der Genitalien aus anatomischen Untersuchungen an Embryonen des Menschen und der Thiere, nebst einem Anhang über die chirurgische Behandlung der Hypospadia, Düsseldorf 1830, S. 134-137.
19.
Vgl. z.B. Samuel D. Gross, Fall von Hermaphroditismus mit Castration. Zur Beleuchtung einer neuen medicinisch-forensischen Frage, in: Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin, 3 (1853), S. 268-274; A. Bruck et al. (Anm. 10), S. 179. Zudem führten manche deutsche Ärzte Klitorisamputationen an Kindern zur Bekämpfung von Onanie und Hysterie durch; vgl. Marion Hulverscheidt, Weibliche Genitalverstümmelung: Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, Frankfurt/M. 2002. Grund für die Operationen waren also nicht primär "uneindeutige" Genitalien, gleichwohl gab es Vermischungen der Begründungen; vgl. z.B. Johannes Baptiste Ullersperger, Clitoridectomie als Mittel gegen Hysterie, Epilepsie, Phrenopathien, inwieferne Folgen von Masturbation, in: Vierteljahresschrift für Psychiatrie in ihren Beziehungen zur Morphologie und Pathologie des Centralnervensystems der physiologischen Psychologie, Statistik und gerichtlichen Medicin, 1 (1867), S. 93-112.
20.
Vgl. Johann Ludwig Casper, Kommentar zum Beitrag von: Gross, 'Fall von Hermaphroditismus mit Castration. Zur Beleuchtung einer neuen medicinisch-forensischen Frage', in: Vierteljahrsschrift für gerichtliche und öffentliche Medicin, 3 (1853), S. 274-275; Hermann Wald, Gerichtliche Medicin. Ein Handbuch für Gerichtsärzte und Juristen, Leipzig 1858, S. 95.
21.
Vgl. Karl Meixner, Die Geschlechtstimmung bei Zwittern, in: Beiträge zur gerichtlichen Medizin, 2 (1914), S. 27-66, hier: S. 62f.
22.
Vgl. Fritz Strassmann, Hermaphroditismus de lege ferenda, in: Vierteljahresschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen, 43 (F. 3) (1912) Suppl. 2, S. 58-68, hier: S. 66f.; Ludwig Moszkowicz, Über Operationen an Hermaphroditen, in: Medizinische Klinik, 25 (1929) 13, S. 517ff.
23.
Vgl. Ludwig Moszkowicz, Soll man die Hypospadie operieren?, in: Der Chirurg, 6 (1934) 11, S. 401f.
24.
Adalbert Büttner/Gotthard Titze, Zur Anzeigenstellung operativer Eingriffe beim Hermaphroditismus, in: Archiv für klinische Chirurgie, 261 (1948) 3-4, S. 378-402, hier: S. 382.
25.
Vgl. Lawson Wilkins, The Diagnosis and Treatment of Endocrine Disorders in Childhood and Adolescence, Springfield, IL 1950, S. 274.
26.
Vgl. John Money et al., An examination of some basic sexual concepts: The evidence of human hermaphroditism, in: Bulletin of the Johns Hopkins Hospital, 97 (1955) 4, S. 301-319; ders. et al., Hermaphroditism: Recommendations concerning assignment of sex, change of sex, and psychologic management, in: Bulletin of the Johns Hopkins Hospital, 97 (1955) 4, S. 284-300.
27.
Vgl. Anke A. Ehrhardt et al., Fetal Androgens and Female Gender Identity in the Early-Treated Adrenogenital Syndrome, in: Johns Hopkins Medical Journal, 122 (1968) 3, S. 160-167, hier: S. 166.
28.
Vgl. Ulrike Klöppel, Geschlechtergrenzen geöffnet?, in: Gen-ethischer Informationsdienst, 211 (2012), S. 35-37.