Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Bernhard Pörksen
Hanne Detel

Über die Zukunft der Enthüllung – Journalismus in einer veränderten Medienwelt - Essay

Blogger und Wirkungsnetz

An dieser Stelle eine Fallgeschichte aus der eigenen, der akademischen Nahwelt, die dies illustriert: Am 2. Juni 2010 schreibt der "Münchner Merkur“: "Ein Student brachte Köhler zu Fall. Das Internet macht’s möglich: Ein Student hat offenbar einen großen Anteil am Rücktritt von Horst Köhler.“ Weiter heißt es: "Wahrscheinlich ist Jonas Schaible schuld an dem ganzen Salat. Er und ein paar seiner Kollegen aus dem Internet. Schaible ist 20, studiert Politik in Tübingen und hatte sich vor ein paar Tagen sehr gewundert – weil nichts passierte. Schaible hatte Köhlers Worte zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan gelesen und war irritiert – vor allem davon, dass die Nachrichten das nicht aufgriffen. Kurzerhand setzte er sich hin und verschickte Mails an überregionale Medien, zudem nutzte er den Kurznachrichtendienst Twitter – und plötzlich nahm die Geschichte Fahrt auf. Ihr Ende ist bekannt. Das konnte niemand ahnen – auch nicht Schaible, der Studiosus.“ Zwei Tage zuvor hat der Bundespräsident Horst Köhler überraschend sein Amt niedergelegt. Und die öffentlichen Reaktionen auf den plötzlichen Abgang sind verheerend ("Fahnenflucht“, "Verzweiflungstat“). Köhler selbst kritisiert in seiner kurzen Erklärung die Medien. Man habe sein Interview zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr gezielt missverstanden und es als grundgesetzwidrige Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen offensiv fehlinterpretiert. In dem dann einsetzenden Deutungsvakuum, der hektischen Suche nach Ursachen und Erklärungen, gerät eben jener Tübinger Student als "Königsmörder“ in den Blick.[4] Er sei es, so die plötzlich aufflackernden Meldungen, der Horst Köhler mit ein paar E-Mails, einigen Twitter-Meldungen und seinem medienkritischen Blog zu Fall gebracht haben soll.

Die Geschichte hat eine archetypische Aktualität und wird strikt monokausal nacherzählt: Blogger stürzt Bundespräsidenten, David schlägt Goliath. Im "heute-journal“ verhandelt Moderator Claus Kleber den Fall als eine "Geschichte über die Macht des Netzes“ und meint, sie werde "wohl einmal tatsächlich in den Geschichtsbüchern stehen.“ Ein Tübinger Professor des Studenten – einer der Autoren dieser Zeilen – absolviert einen einigermaßen unglücklichen Auftritt in der Sendung und spricht von einer "Skandalisierung von unten“. Die penetrant im eigentlichen Interview wiederholten Sätze, man könne Netzwerkeffekte nicht personalisieren, weil dies der Logik des gesamten Geschehens widerspreche, fallen dem Vereinfachungsgebot des Mediums zum Opfer.

Gleichwohl bleibt die Geschichte auch ohne offensive Zuspitzung aufschlussreich, weil sie etwas anderes demonstriert: Der entfesselte Skandal funktioniert nicht nach linearen Ursache-Wirkungs-Pfeilen (A erzeugt B, und B erzeugt C), sondern verletzt unsere klassische Vorstellung von Kausalität. Es ergibt wenig Sinn, die etablierten Massenmedien gegen die digitalen Medien auszuspielen, vielmehr brauchen sie sich wechselseitig: In der Blogosphäre wird der Empörungsvorschlag lanciert, getestet, ausprobiert und variiert – und dann von Zeitungen und Zeitschriften, Netzmedien und dem Fernsehen mit der nötigen Wucht versorgt. Es sind die Mails und Twitter-Meldungen und die Reaktionen von Journalisten, die eine Art Wirkungsnetz entstehen lassen. Zunächst gänzlich unbedeutend erscheinende Anstöße können in diesem Wirkungsnetz plötzlich massive Folgen haben.

Mobilisierende Kraft des Verdachts

Ganz im Detail: Am Anfang steht ein zunächst in seiner möglichen Brisanz weitgehend unbemerktes Interview. Auf der Rückreise von Masar-i-Scharif in Afghanistan in der Nacht des 21. Mai 2010 äußert Bundespräsident Horst Köhler gegenüber dem "Deutschlandradio“-Reporter Christopher Ricke unter anderem folgende Sätze: "In meiner Einschätzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren – zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zurückschlagen, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden – und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ Das Interview wird im Berliner "Deutschlandradio Kultur“ und im Kölner "Deutschlandfunk“ gesendet. Die später kritisierte Passage taucht indes nur im "Deutschlandradio Kultur“ auf und wird hier auch in den Nachrichten zitiert. Die Netzfassung hat man jedoch um die entscheidenden Passagen bereinigt, ein reiner Zufall, eine Nachlässigkeit, so heißt es in späteren Stellungnahmen der Radiomacher.

In dieser Latenzphase des Skandals versenden sich die Äußerungen zunächst, werden aber schließlich von dem Blogger Stefan Graunke aufgegriffen, der bemerkt, dass die eine, die später so entscheidende Passage in Audiodokumenten zwar auffindbar ist, aber in der online abrufbaren Wort- und Textfassung fehlt.[5] Jetzt wittern die Blogger Zensur und Manipulation, fassen per E-Mail bei der Redaktion nach, transkribieren die entscheidenden Textstellen. Verschwörungstheorien kursieren. Stefan Graunke startet diverse Anfragen: Warum das Interview, das womöglich eine nicht verfassungskonforme Position des Bundespräsidenten enthalte, um die entscheidenden Passagen gekürzt worden sei? Es entsteht eine rege Diskussion. Interessierte Kreise wollten, so die Annahme, das Interview womöglich verschwinden lassen; eben deshalb fertigt man Sicherheitskopien an.

Der vermeintliche Kontrollversuch provoziert Widerstand, und der Zensurverdacht macht das Thema für die Bloggerszene infektiös, mobilisiert eine Urangst vor Manipulation und nährt den Verdacht gegenüber den Mainstream-Medien. Allmählich erfahren die entsprechenden Äußerungen einen Kontext- und Funktionswandel. Aus einem medienkritisch benutzten Text ("Zensur beim ‚Deutschlandradio‘“) wird ein gegen die politische Elite gerichtetes, entsprechend interpretiertes Dokument ("Militäreinsätze zur nationalen Wohlstandssicherung“); die Inhalte selbst geraten in den Blick, nicht mehr der angeblich manipulative Umgang mit ihnen. Der Tübinger Student Jonas Schaible verschickt an die Online-Redaktionen großer Zeitungen (unter anderem "Süddeutsche Zeitung“, "Frankfurter Allgemeine Zeitung“, "Die Zeit“, "Die Tageszeitung“, "Frankfurter Rundschau“, "Die Welt“) und an große Nachrichtenagenturen per E-Mail die Anfrage, warum sie nicht über den Fall berichten – und liefert die skandalisierten Interviewpassagen gleich als Beweismittel für den möglichen Skandal mit. Er stellt den Journalisten folgende Fragen: "Mich würde interessieren, wieso Sie dem nicht nachgegangen sind? Sind Sie nicht der Meinung, das Zitat sei diskussionswürdig? (…) Warum wurde das Thema nicht ins Blatt/den Online-Auftritt genommen? Zum Schluss: Dürfte ich eine etwaige Antwort in meinem Blog zitieren?“ Auch beginnt er intensiver über den Fall zu bloggen und fasst über Twitter bei den Redaktionen nach.

Nun kommt der Skandal allmählich in die Aufschwungphase. "Zeit Online“ dankt für die Anregung. Ein Ressortleiter der "Frankfurter Rundschau“ kündigt eigene Berichterstattung an und räumt gegenüber Jonas Schaible ein, dass man das Interview und seine Brisanz schlicht übersehen habe. Einzelne Redaktionen reagieren – auch weil sie noch von der Seite anderer Leser auf den Fall aufmerksam gemacht werden. Bei "Spiegel Online“, dem entscheidenden Agenda-Setter im Online-Universum, erscheint am 27. Mai 2010 der Artikel "Bundeswehr in Afghanistan – Köhler entfacht neue Kriegsdebatte“ mit kritischen Stimmen der Opposition. Die "Frankfurter Rundschau“ legt kurz darauf nach: "Ärger um Köhler-Äußerungen – das böse Wort vom Wirtschaftskrieg“. Es erscheinen weitere Berichte, befeuert durch die Stellungnahmen der Opposition ("Kanonenbootpolitik“), begleitet von einem einzigen, einigermaßen hilflosen Versuch des Skandalmanagements: Das Bundespräsidialamt lässt verlauten, man fühle sich missverstanden. Horst Köhler habe sich mit seinen Äußerungen nicht ausdrücklich auf die Afghanistan-Mission bezogen, sondern eigentlich aktuelle Einsätze der Bundeswehr gegen Piraterie gemeint. Der Versuch einer Klarstellung wird jedoch blitzschnell demontiert – auch durch die schlichte Dokumentation der Originaltöne und die sich verstärkende Kritik der politischen Gegner. In der "Süddeutschen Zeitung“ ("Schwadroneur im Schloss Bellevue“) und vor allem in der aktuellen, bereits am Samstag vorab verfügbaren und im Regierungsviertel kursierenden Montagsausgabe des "Spiegel“ wird Horst Köhler in bislang beispielloser Schärfe als "Horst Lübke“ attackiert.

Schließlich folgt die Entscheidungsphase mit dem überraschenden Rücktritt als Endpunkt. Eben hier, in diesem Zusammenspiel, zeigt sich eine hochnervöse, von enormer Geschwindigkeit, unüberbietbar günstiger Information und Instrumenten der Ad-hoc-Verifikation regierte Kommunikation: Die hastig individualisierten E-Mails und die Twitter-Meldungen lassen sich ohne großen Aufwand und zu jeder Tages- und Nachtzeit an die entscheidenden Multiplikatoren verschicken, die Dateien und Originaldokumente – ausschlaggebende Beweisstücke – können leicht in die eigenen Informationspakete und Empörungsangebote integriert werden. Und eben dieses Zusammenspiel von technischen Möglichkeiten und plötzlicher Erregung eines mächtig gewordenen Medienpublikums lässt ein eigenes Wirkungsnetz entstehen. Die zunächst schlicht in ihrer Brisanz verkannte Interviewpassage wird über den Umweg eines anders gelagerten Verdachts ("Zensur“, "Manipulation“) erneut zum Thema. Es folgt ein zweites Agenda-Setting durch E-Mails, Twitter-Meldungen und journalistische Reflexe der Bloggerszene: "Die Sprengkraft“, so etwa Jonas Schaible in seinem Blog, "die diesem Zitat innewohnt, ist riesig.“ Und weiter: "Dass ein deutscher Bundespräsident derart unverhohlen Militäreinsätzen das Wort redet, dass er derart deutlich mit der bisherigen, zumindest offiziellen, Staatsräson bricht, dass er ungeniert wirtschaftliche nationale Interessen mit Waffengewalt zu sichern erwägt, ist ein Skandal.“

Fußnoten

4.
Die folgende Darstellung stützt sich auf die umsichtige Analyse, die Marcel Wagner 2010 vorgelegt hat: Auch du, Brutus? Wer waren die Königsmörder?, unveröff. Ms., o.O. 2010, S. 1–9.
5.
Das Phasenmodell, das hier als Analyse- und Darstellungsraster verwendet wird, findet sich in leicht abgewandelter Form in: Steffen Burkhardt, Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006, insb. S. 181 und S. 204.