Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Bernhard Pörksen
Hanne Detel

Über die Zukunft der Enthüllung – Journalismus in einer veränderten Medienwelt - Essay

Gebrochener Zeitpfeil und ewige Gegenwart

Das Beispiel zeigt auch: Klassische Leitmedien, etablierte Onlinemedien, Blogger und eine sich aggressiv gebärdende Opposition agieren aller möglichen prinzipiellen Animositäten zum Trotz faktisch kooperativ. Natürlich sind die Vorbehalte auf allen Seiten massiv. Ein Journalist weiß, warum ein Oppositionspolitiker seine Thesen über den Gegner immer weiter zuspitzt, sich mit Themenvorschlägen und Interviewanregungen bei ihm meldet, ihm zitierfähige Formeln in einem Akt der strategischen Unterwerfung anbietet – und welche Motive des persönlichen bzw. politischen Machtgewinns ihn eigentlich umtreiben und in seine Anbiederei hineintreiben. Und er hat womöglich, in einem stillen Moment auf der Hinterbühne befragt, keine besonders hohe Meinung von den Bloggern und ihren oft so selbstbewusst ausgeflaggten Leistungen. Und die Blogger selbst freuen sich wiederum an den Versäumnissen der etablierten Medien, beobachten sie mit einer eigenen Mischung aus Faszination und Herablassung, zelebrieren die Fehler der Profis als seien sie ein eigener Kompetenzbeweis und Indiz ihrer besonderen Überlegenheit. Aber diese inhaltlichen Differenzen sind, darauf kommt es an, nicht unbedingt kommunikativ relevant. Sie alle heizen in der Situation des Frühlings 2010 die Debatte kollektiv an – und erzeugen so ein Klima, das offenkundig die Kurzschlussreaktion eines noch immer nicht letztgültig geklärten Rücktritts zur Folge hat.

Die klassische, die Normalform der Skandalkausalität (zuerst die Normverletzung, dann die mediale Enthüllung der Normverletzung, schließlich die kollektive Empörung des Publikums) wird hier offenkundig neu arrangiert und partiell außer Kraft gesetzt: Die Empörung des Publikums lässt das bereits veröffentlichte und achtlos versendete Material mit einem Mal brisant und potenziell skandalös erscheinen. Und es sind Teile des Publikums selbst, die in der Rolle des Rechercheurs, Archivars und des Informanten, des Beweislieferanten und des journalismusaffinen Anklägers in Erscheinung treten. Die etablierten Massenmedien reagieren auf die noch unkoordiniert flackernden Empörungszeichen und versorgen sie mit der nötigen Wucht und den Elementen einer zusätzlichen Legitimation. Sie kanalisieren die Aufmerksamkeit und fokussieren die keimende Empörungsbereitschaft – bis zum Moment der Entscheidung, in dem der Bundespräsident fassungslos zurücktritt.

Der Fall zeigt überdies, unabhängig davon, wie man das konkrete Geschehen und die tatsächliche Brisanz dieses präsidialen Interviews einschätzt: Den entfesselten Skandal charakterisiert eine eigene Zeitform. Es ist die potenziell ewige Gegenwart. Der lineare Zeitpfeil, der von der Vergangenheit in die Gegenwart und von dort in die Zukunft weist, scheint gebrochen. Auch Vergangenes und gerade noch gnädig Versendetes – eine unbedachte Äußerung, eine idiotische Fehlleistung, ein unsympathisch wirkender Aussetzer – wird zur abrufbaren und bei Bedarf erneut aktualisierbaren Gegenwart und zum bedrohlich im Hintergrund brodelnden Zukunftsgift. Selbst marginales Fehlverhalten bleibt öffentlich abrufbar und womöglich weltweit präsent. Die digitale Erinnerung ist gewiss nicht absolut, sie ist nicht total, aber das Vergessen und Verlöschen der Spuren geschieht auf schwer kontrollierbare Weise. Man weiß nie, was (trotz beseitigter Kommentare, abgeschalteter Server, untauglich gewordener Links) noch vorhanden ist.

Neue Rolle der klassischen Leitmedien

Das bedeutet im Sinne einer Zwischenbilanz und mit Blick auf den Qualitätsjournalismus: Die klassischen Leitmedien mit ihren oft hoch qualifizierten Investigativjournalisten sind nicht mehr notwendig die primären Auslöser und die zentralen Agenda-Setter des Skandalgeschehens, nicht mehr die alles entscheidenden Akteure, die klare, autoritär wirksame Relevanzordnungen durchsetzen können. Sie treten natürlich immer noch als Enthüllungsmedien in Erscheinung, werden aber gleichzeitig unvermeidlich auch zu Chronisten, Analytikern und Verstärkern des Skandals, den womöglich längst andere initiieren. Sie liefern Einordnung, Orientierung, Hintergrund. Sie durchdringen das Geschehen; sie recherchieren es aus. Sie erzeugen breit akzeptierte Aufmerksamkeit und verleihen den skandalträchtigen Themen und Empörungsangeboten öffentliche Legitimation.

Aber ihre nach wie vor gegebene Bedeutung kann die entscheidende Veränderung nicht kaschieren: die neue Macht des Individuums, die neue Stärke des reizbaren Amateurs, des wütenden Laien, der das journalistisch-publizistische Handlungsfeld betreten hat. Faktisch verwandelt sich das einzelne Individuum in einen Gatekeeper eigenen Rechts und tritt in sehr unterschiedlichen, mitunter rasch wechselnden Rollen in Erscheinung: als Informant und Skandalisierer, als Publizist und Medienunternehmer, als Zwischenhändler für brisante Informationen. Diese Gatekeeper eigenen Rechts suchen sich bei Bedarf ihre eigenen Kanäle und Plattformen. Sie setzen neue Medien ein und mithilfe eines interessierten Publikums die eigenen Themen durch und veröffentlichen in Eigenregie – ohne Rücksicht auf die Qualitätsstandards und moralischen Regeln des journalistischen Establishments – oft rasend schnell, manchmal mit weltweiter Wirkung.

Tendenz eines Werkzeugs

Man mag die daraus resultierende Dauerskandalisierung beklagen oder kritisieren, für die eigene Position das Etikett der neutralen Analyse beanspruchen oder die sich abzeichnende Entwicklung euphorisch als Verwirklichung einer Vision totaler Transparenz begrüßen, die im Ergebnis ein neues Ethos zu begründen vermag. Frei nach dem Motto: Weil alle ohnehin (fast) alles wissen, lohnt sich auch das Verbergen des Anrüchigen nicht mehr – und man kann sich gleich korrekt verhalten, um der wahrscheinlich gewordenen Entlarvung zu entgehen. Auch der Kulturpessimist könnte sich an dieser Stelle zu Wort melden und eine allgemeine Verwahrlosung des Journalismus und der Publizistik behaupten, die Fallgeschichte also in sein Schema des Niedergangs und die von ihm prophezeiten Szenarien der Degeneration einbauen. Allerdings lässt sich, aller prinzipiellen Skepsis zum Trotz, eines mit Gewissheit sagen: Für eine endgültige Bewertung, ein definitives Urteil und eine Entscheidung zwischen den extremen Ansichten und Interpretationen ist es noch viel zu früh; und wahrscheinlich ist eine solche prinzipielle Entscheidung auch gar nicht möglich, weil sich für alle Positionen die entsprechenden Belege finden lassen.

Das Telos der digitalen Werkzeuge und der allgegenwärtig gewordenen Medien weist nicht in eine einzige, eine klar identifizierbare Richtung, aber es existiert eine Tendenz. Ihr Gebrauch ist einerseits prinzipiell offen, aber doch andererseits nicht völlig beliebig. Sie setzen einen Rahmen für die Kommunikation, sie stecken ihn ab, sie schaffen Möglichkeiten, sie blockieren andere, sie prägen auch diejenigen, die sie verwenden. Noch einmal: Die digitalen Werkzeuge ermöglichen neue Formen der Auseinandersetzung und der Partizipation, sie forcieren eine bislang unbekannte Geschwindigkeit der Verbreitung und Streuung, eine neuartige Dimension der kombinatorischen Vielfalt und der raschen Verfügbarkeit. Sie ermöglichen andere, bislang unbekannte Evolutions- und Eskalationsstufen im Prozess der Skandalisierung. Aber sie sind nicht dazu gemacht, das konkrete Geschehen und die jeweiligen Inhalte in einer stets berechenbaren Art und Weise zu determinieren. Hinter dem Werkzeug und dem Medium steht immer noch ein einzelner, im Letzten verantwortlicher Mensch mit seinen guten oder schlechten Absichten, seinen Zielen, seinen Sehnsüchten und Wünschen. Er ist es, der sich entscheidet, zu publizieren, was ihm – aus welchen Gründen auch immer – skandalös erscheint.