Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Volker Lilienthal
Thomas Schnedler

Gezwungen, sich zu verkaufen? Zur sozialen Lage von Journalistinnen und Journalisten

Einsatz von "Leihredakteuren“

Auch die Gleichung "Festanstellung = mehr Sicherheit“ geht wohl immer seltener auf. Denn nicht nur die radikale Restrukturierung der Redaktionen wie bei der WAZ-Mediengruppe, beim Hamburger Jahreszeiten-Verlag und anderen kann die Redakteure treffen. Für Verunsicherung sorgen auch die Maßnahmen der Verlage, die das Ziel haben, die mit den Journalistengewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge zu umgehen.

Die Journalistin Maria S.[23] musste erfahren, was das bedeutet. Als sie sich vor einigen Jahren nach einem Tageszeitungsvolontariat bei der "Frankfurter Rundschau“ (FR) für eine Stelle als Redakteurin bewarb, sollte sie nicht beim Verlag, sondern bei der hauseigenen Leiharbeitsfirma beschäftigt werden, der PDF Pressedienst Frankfurt GmbH. Über dieses Unternehmen werden Redakteure auf dem Wege der Arbeitnehmerüberlassung an den Verlag entliehen. Mit dieser Konstruktion bildet die FR keineswegs eine Ausnahme: Bei rund 20 Tageszeitungen in Deutschland wurden bereits "Leihredakteure“ eingesetzt, wie sie der Deutsche Journalisten-Verband nennt. Es sei "ein Trend, der wie eine Welle über die Branche schwappt“.[24] Für die "Leihredakteure“ gelten in der Regel schlechtere Konditionen als für die Stammbelegschaft – weniger Geld, weniger Urlaub, größere Unsicherheit. Für die PDF Pressedienst Frankfurt GmbH liegt genau darin das Geschäft: Sie weiß, wie einem Verlag beim Sparen geholfen wird. Maria S. wurde ein befristeter Arbeitsvertrag als Redakteurin angeboten, als die sie an die FR verliehen werden sollte. Das Gehalt sollte frei verhandelt werden. "Meine Eltern waren entsetzt“, erzählt S. Als Stammleser der als linksliberal geltenden Tageszeitung hatten sie noch die kritische Auseinandersetzung des Blattes mit der Leiharbeit vor Augen. Und nun griff der Verlag, der zu 40 Prozent der DDVG-Medienholding der SPD gehört, selbst zu diesem Instrument.

Doch auch wenn Leser, Betriebsräte und Gewerkschaften die Leiharbeit kritisieren: Gesetzlich verboten ist die Arbeitnehmerüberlassung im Journalismus nicht, wie die Bundesregierung 2010 in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage betonte. Die Verantwortung für den Personaleinsatz und die Gestaltung der Arbeitsbedingungen für die Redakteure liege vorrangig bei den Verlagen, und "hierzu gehört auch der sachgerechte Einsatz der Zeitarbeit“.[25]

Aber was ist sachgerecht im Journalismus, der eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen hat? Wann leidet die journalistische Qualität? Wie lange kann man auf die Motivation der unterbezahlten Mitarbeiter vertrauen?

"Ich habe mich total mit der Zeitung identifiziert“, sagt S., "und inhaltlich war es genau das, was ich gerne machen wollte.“ Sie sagte deshalb zu – und inzwischen ist die seltsame Dreiecksbeziehung zwischen ihr, der FR und der PDF Pressedienst Frankfurt GmbH zum Dauerzustand geworden, ohne Chance auf eine reguläre Redakteursstelle bei der Zeitung. Ihr Arbeitsvertrag wurde entfristet, ein kleines Plus beim Lohn gab es auch, so dass sie jetzt rund 3.000 Euro brutto im Monat verdient. Trotzdem müsste eine Redakteurin gemäß Tarifvertrag rund 500 Euro monatlich mehr verdienen.

Für die Konstruktion einer hauseigenen Leiharbeitstochter haben die Verlage Vorbilder bei Automobilkonzernen oder in der Hafenwirtschaft. Auch große Krankenhäuser gründen inzwischen eigene Tochterfirmen, um bei diesen Personal zu entleihen. "Es wird oft vermutet, dass bei diesem Vorgehen primär die Umgehung von Tarifverträgen in den Gesundheitseinrichtungen im Vordergrund steht und somit eine dauerhafte Senkung der Gehaltskosten intendiert ist“, heißt es dazu in einer Untersuchung.[26] Diese Vermutung dürfte sich bei den Verlagen bestätigen. Das NDR-Medienmagazin "Zapp“ berichtete jüngst über den Fall der Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft, die ihren Sitz in Oldenburg hat. Die Zeitung hat schon vor Jahren eine hauseigene Leiharbeitsfirma gegründet, bei der heute insbesondere alle Volontäre beschäftigt werden. Der Betriebsrat klagte im Interview über das damit verbundene "Lohndumping“ und die "Zweiklassengesellschaft“ in den Redaktionen.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Maria S. gemacht: In der Redaktion sitzen sie nebeneinander, die "Leihredakteure“ und die über den Tageszeitungstarifvertrag geschützten Redakteure. "Mich stört dieser Status der Zwischenwelt“, sagt die Journalistin. "Einerseits ist man dabei, andererseits gehört man auch nicht so richtig dazu. Ich möchte aber richtig dazugehören.“

Solidarisches Miteinander

Karge Honorare für freie Journalisten, Flucht in die PR, prekäre Praktika, Umstrukturierungen und Leiharbeit in den Redaktionen – dass sich die soziale Lage der Journalisten heute so darstellt, liegt nicht nur an Verlagen und Sendern. Über Jahre ließ sich eine Entsolidarisierung unter Journalisten beobachten: Viele Freie schlugen sich als Einzelkämpfer durch, Nachwuchsjournalisten übten in ihren Lehrredaktionen und Studiengängen früh das Konkurrenzdenken, etablierte Redakteure verloren das Interesse an den Problemen der Berufskollegen.

In der jüngsten Zeit gab es allerdings auch Gegenbeispiele, die zumindest etwas Mut machen, dass sich der Trend umkehren könnte. Es sind kleine Beispiele für solidarisches Miteinander, getragen von dem Bewusstsein, dass es etwas zu verteidigen gibt. So ließen sich 2011 beispielsweise die "Leihredakteure“ und die beim Verlag der FR angestellten Redakteure nicht gegeneinander ausspielen: Die Leiharbeiter übernahmen nach Angaben des Betriebsrates des Druck- und Verlagshauses keine Einsätze als Streikbrecher, obwohl sie von den Tarifforderungen der Journalistengewerkschaften gar nicht profitieren konnten. Kurze Zeit später schlossen sich rund 40 freie Autoren zusammen, die für "Spiegel Online“ arbeiten. In einem gemeinsamen Brief an den Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron beklagten sie die seit Jahren stagnierenden Honorare und die Regelungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die sie unterschreiben mussten. Den Protestbrief unterzeichneten die Journalisten mit ihrem vollen Namen – trotz der ungewissen Folgen für zukünftige Aufträge des Nachrichtenportals.[27]

Ein weiterer Brief sorgte 2011 für Aufsehen. Denn als die Verleger in den Tarifverhandlungen ein eigenes Regelwerk für Berufseinsteiger im Journalismus forderten, um damit niedrigere Gehälter festschreiben zu können, protestierten Alt und Jung gemeinsam. Der Bamberger Student Daniel Stahl initiierte eine Unterschriftenaktion, bei der er innerhalb einer Woche über 1.700 Unterstützerinnen und Unterstützer fand. In seinem offenen Brief an die Verleger schrieb er: "Wir haben schlecht bezahlte Praktika in Ihren Verlagen gemacht und jahrelang für Zeilengeld gearbeitet. (…) Wir können schreiben, Videos drehen, kennen uns mit den Techniken des Web 2.0 aus. Wir sollen in den Verlagen Wochenenddienste schieben, Abendtermine wahrnehmen, uns tief in gesellschaftliche Probleme einarbeiten und Überstunden machen, die wir natürlich niemals bezahlt bekommen. Und jetzt soll auch noch das Einstiegsgehalt für junge Journalisten um 30 Prozent gekürzt werden?“ Zu den Unterzeichnern gehörten keineswegs nur Nachwuchsjournalisten. Eine Unterstützerin kommentierte: "Als ich vor zwanzig Jahren Zeitungsredakteurin wurde, war das ein angesehener und begehrter Beruf; während meines Volontariats war der Ausbildungstarifvertrag abgeschlossen worden, um die Qualifizierung des Nachwuchses zu sichern. Ich streike jetzt auch dafür, dass das so bleibt: gutes Geld für gute Leute.“ Und ein anderer ergänzte: "Ich halte (als übrigens gut bezahlter Journalist) die Unabhängigkeit meiner jungen Kollegen für sehr wichtig. Und dafür ist ein angemessenes Salär unabdingbar.“[28]

Es schien, als habe man erkannt, dass es sich bei dem Streit um ein generationenübergreifendes Problem mit Folgen für den Journalismus insgesamt handelte.[29] Doch bei dieser Initiative zeigte sich auch, wie weit die Verunsicherung unter Journalisten schon reicht: Zahlreiche Unterstützer trauten sich nicht, mit ihrem Namen öffentlich für die Forderungen einzustehen. Unter dem Brief steht hundertfach das gleiche Wort: "Anonym“.

Fußnoten

23.
Name geändert.
24.
Gerhard Schröder, Fleißig, billig, schutzlos. Leiharbeiter in Deutschland, Bonn 2010, S. 204.
25.
Deutscher Bundestag, Drucksache 17/1724 vom 18.5.2010, S. 2.
26.
Vgl. Christoph Bräutigam et al., Flexibilisierung und Leiharbeit in der Pflege, Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung: Arbeit und Soziales, Nr. 21, Düsseldorf 2010, S. 19.
27.
"Der Brief hat uns wachgerüttelt“, sagte von Blumencron einige Zeit später bei einer Podiumsdiskussion der Freischreiber. Seit Kurzem gelten nun tatsächlich neue AGB bei "Spiegel Online“ – und die Journalistenverbände streiten sich, wer sich diesen Erfolg an die Brust heften darf.
28.
Brief und Kommentare online: www.openpetition.de/petition/online/offener-brief-von-nachwuchs-journalisten-an-die-deutschen-zeitungsverleger (25.6.2012).
29.
Bei dem Tarifabschluss war die Idee vom Tisch – vorerst. Denn der Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) betonte nach der Einigung, er sehe nach wie vor die Notwendigkeit für einen solchen Berufseinsteigertarif.