Ein Journalist filmt am Dienstag (15.03.11) Norbert Röttgen (CDU) während einer Pressekonferenz.

10.7.2012 | Von:
Knut Bergmann
Leonard Novy

Chancen und Grenzen philanthropischer Finanzierungsmodelle

Unterstützung von günstig bis teuer

Eine günstige Variante der mäzenatischen Förderung von Medien sind Blogs. Spendenfinanziert beleben sie etwa die lokale Berichterstattung, indem sie sich stärker als die Lokalpresse Hintergründigem widmen können. Solche Projekte können als eine Art Scharnier zwischen Zivilgesellschaft und professionellem Journalismus fungieren. Gleichzeitig fördern sie die Medienkompetenz, indem sie die Bürgerinnen und Bürger in die journalistische Produktion einbinden. Investitionen in Lokalmedien können wiederum für potenzielle Förderer attraktiv – weil oft besonders wirkungsvoll – sein. Das Ziel, die Demokratie zu stärken, ist weniger in der Hauptstadt, sondern viel eher auf lokaler Ebene, in den Kommunen als den Keimzellen des demokratischen, engagierten Gemeinwesens zu verwirklichen. Und wie bei nahezu jeder Form von bürgerschaftlichem Engagement lohnt es, das eigene Umfeld in den Blick zu nehmen, weil durch persönliche Nähe nicht zuletzt die Wirkung direkter erlebbar wird. Die von dem langjährigen Sprecher des US-Repräsentantenhauses Tip O’Neill stammende (und eigentlich auf Wahlerfolge gemünzte) politische Weisheit "All politics is local“ gilt auch für Spender, Stifter und Philanthropen. Die können sich darüber hinaus viel einfacher vor der eigenen Haustür selbst einbringen; der Wert von persönlicher Anteilnahme wird in der Philanthropie, wo es vermeintlich immer nur um große Summen geht, leicht unterschätzt.

Unter dem Stichwort "Bürgernähe“ sei auch eine gute, wenn auch zugegebenermaßen aufwändige Strategie vermerkt, wie Printmedien selbst für Nachwuchs in der Leserschaft sorgen können: Redakteure erklären in Schulen, was Journalisten machen, wofür eine freie Presse wichtig ist, und sie bringen ihnen bei, wie eine Zeitung entsteht. Davon wird nicht nur die Schülerzeitung profitieren, sondern für die Redaktionen handelte es sich genauso um eine Art bürgerschaftliches Engagement in eigener Sache. Dabei wird deutlich, dass gemeinwohlorientierte Aktivitäten stets auch in einem wohlverstandenen Eigeninteresse liegen.[5]

Die schon genannte amerikanische "Pro Publica“ ist wie "spot.us“ ein gutes, wenn auch millionenschweres Beispiel, wie sich philanthropisch geförderter Journalismus Themen annimmt, denen von den kommerziellen Medien oft aufgrund des hohen Rechercheaufwands – oder in den USA auch wegen der zu erwartender Prozesskosten – nicht die wünschenswerte Beachtung zuteil wird. Der virtuelle Marktplatz "spot.us“ arbeitet dabei nach dem Prinzip des Crowdfunding, während "Pro Publica“ wie erwähnt von dem Milliardärsehepaar Sandler unterstützt wird. Auch hier dient die nicht aus einem freiheitlichen Gemeinwesen wegzudenkende Funktion von Medien als handlungsleitendes Motiv: "Stifter erkennen langsam, dass Journalismus für freie demokratische Gesellschaften von Bedeutung ist, deshalb ist auch der Etat für den Journalismus gestiegen“, gibt der Chefredakteur von "Pro Publica“, Paul E. Steiger, zu Protokoll.[6] Da eine funktionierende "Vierte Gewalt“ unabdingbar für ein freiheitliches Gemeinwesen ist, liegt es im Interesse von Stiftungen, dazu beizutragen, denn sie sind selbst auf eine solche Grundordnung angewiesen.

Der damalige Bundespräsident Horst Köhler hat diesen Gedanken 2005 in einer Grundsatzrede zum Thema Stiftungen hervorgehoben: So sagte er, dass es "kein Zufall (ist), dass es in Diktaturen kein Stiftungswesen gibt. Diktatorische Systeme können sich nicht auf einen Wettstreit um die bessere Idee zum Wohle aller einlassen. Stiftungen sind ein Kennzeichen freier, demokratischer Gesellschaften.“[7] Ein weiteres konstitutives Argument, das für eine stifterische Unterstützung von Medien spricht, liegt laut Active Philanthropy darin begründet, dass Stiftungen "auf den Erhalt einer informierten Öffentlichkeit angewiesen (sind), in der sie mit ihren Themen Impulse setzen, in Dialog mit ihren Zielgruppen treten und Resonanz erzeugen können. Ein funktionsfähiges Mediensystem mit einem qualitativ hochwertigen Journalismus ist somit nicht nur Voraussetzung für eine vitale Zivilgesellschaft, sondern auch strukturelle Prämisse für Stiftungsarbeit.“[8]

Hinzu kommt das Selbstverständnis von Stiftern und den von ihnen begründeten Institutionen, die sich selbst oft als Innovationstreiber, als eine Art "Stachel im Fleisch“ der Gesellschaft verstehen – und die, zumindest bei den Resultaten ihrer Arbeit, eben nicht auf Quartalszahlen und Börsenkurse schauen müssen. Insofern können Investitionen in neuartige Formen des Journalismus attraktiv für sie sein, denn die genannten Projekte sind geeignet, Innovationen bekanntzumachen und voranzubringen. Dies gilt umso mehr, als sie neue, oftmals teure Arbeitsweisen wie etwa den Datenjournalismus – die Sammlung, Analyse, verständliche Aufbereitung und Veröffentlichung komplexer Daten – fördern. Ein Beispiel hierfür gibt die amerikanische John S. and James L. Knight-Foundation, die seit 1950 fast eine halbe Milliarde US-Dollar für die Förderung von Qualitätsjournalismus und Meinungsfreiheit ausgeschüttet hat. Sie stellt unter anderem journalistischen Start-ups die nötige Anschubfinanzierung zur Verfügung. Auch durch ihre Zuwendungen sind auf regionaler Ebene, die im Zuge der Medienkrise in den USA vielerorts zu einer Art medialem Notstandsgebiet verkommen ist, onlinebasierte Medienangebote entstanden (wie "Voice of San Diego“, "New Haven Independent“, "MinnPost“ und "St. Louis Beacon“), die über Themen aus der Region berichten. Diese Non-Profit-Projekte verdanken ihre Existenz allesamt gemeinnützigen Finanzierungsmodellen – sei es durch die Förderung durch Stiftungen, sei es durch die Unterstützung zahlungsbereiter Leser.[9]

In der öffentlichen Förderung von Vielfalt und Innovation läge wiederum eines der auch symbolisch wichtigsten Potenziale für die Revitalisierung der deutschen Medienpolitik – etwa durch die Gründung einer "Stiftung Journalismus“ zur Förderung journalistischer Projekte. Schon mit einem minimalen Anteil am öffentlich-rechtlichen Gebührenaufkommen – fünf Promille ergäben ein jährliches Budget von rund 35 Millionen Euro und könnten aus der Umwidmung von Gebührenmitteln für die Landesmedienanstalten erschlossen werden – wäre viel zu erreichen. Ein solches Projekt könnte sich zum Vorreiter und Partner für andere Stiftungen entwickeln, die – anders als in den USA – das Problem des erodierenden Qualitätsjournalismus bislang kaum wahrnehmen.[10]

Gut funktionieren könnte insbesondere im Lokaljournalismus eine Kombination der Schwarmfinanzierung, bei der ein Journalist erst dann beginnt, an einem Beitrag zu arbeiten, wenn genügend Spenden dafür zusammengekommen sind, mit dem in der Philanthropie mittlerweile weitverbreiteten Modell eines Matching-Fund, bei dem ein Mäzen die eingehenden Spenden verdoppelt oder vervielfacht. Ein Vorteil einer solchen Lösung wäre auch, dass die Macht eines einzelnen Spenders, der zumeist über eine erhebliche Lenkungswirkung verfügen dürfte, durch ein breiteres Publikumsinteresse abgemildert wird (Stichwort Compliance [11]).

Weitere Möglichkeiten philanthropischer Medienförderung bestehen darin, etablierte, aber möglicherweise kränkelnde Medien durch die Zurverfügungstellung von Kapital von verlegerischen Renditeerwartungen in manchmal prozentual zweistelliger Höhe zu entlasten, oder sogar – zugegebenermaßen das teuerste Modell – auf diesem Wege ganz von wirtschaftlichen Zwängen zu befreien. Der chronisch defizitäre britische "The Guardian“ wird seit Jahren durch eine Stiftung, den Scott Trust, querfinanziert. Sogar die Transformation in eine Non-Profit-Organisation mittels einer Stiftung wäre denkbar, wenn auch extrem kostenintensiv. Allerdings würde eine solche Lösung vermutlich die Einwerbung von Spenden und den Zugriff auf Fördermittel erleichtern, wie für den Spender die Steuervorteile ebenfalls interessant sein dürften.

Fußnoten

5.
Vgl. Stiftung Neue Verantwortung (Hrsg.), Sieben Thesen für eine neue Vermögenskultur, Policy Brief 8/11, Berlin 2011.
6.
Paul E. Steiger, Interview mit Leif Kramp und Stephan Weichert, in: Focus online, 16.7.2010.
7.
Horst Köhler, Rede des Bundespräsidenten auf der Jahrestagung "Zum Wandel ermutigen – Stiftungen als Innovationskraft“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Freiburg, 13.5.2005.
8.
Vgl. Active Philanthropy (Anm. 2), S. 11.
9.
Vgl. ebd., S. 38.
10.
Vgl. Leonard Novy, Stiftung Journalismus. Strategieorientierte Medienpolitik braucht praxistaugliche Konzepte, in: Funkkorrespondenz, (2011) 41–42, S. 6–10.
11.
ist ein ursprünglich aus der Betriebswirtschaft stammender Begriff, der sich mit "Regeltreue“ oder "Regelkonformität“ übersetzen lässt. Er wird mittlerweile in vielen Bereichen verwendet und meint im Kontext von philantropischer Medienförderung vor allem, dass keine unlauteren Interessen mit der Förderung verbunden sein sollten, Strukturen und mögliche Abhängigkeiten offengelegt und die journalistisch-ethischen Grundregeln eingehalten werden sollten.