Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
pixel

23.8.2012 | Von:
Karl Brenke

Nötige Modernisierung der griechischen Wirtschaft: eine Herkulesaufgabe

… die in Griechenland sehr schwach ist

Zunächst lässt sich feststellen, dass sich im Jahr 2011 die Exporte Griechenlands bei Waren und Dienstleistungen auf gerade einmal 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beliefen. Das ist der geringste Wert aller EU-Staaten; der Durchschnitt beträgt 44 Prozent. Portugal und die Tschechische Republik – die gemessen an der Bevölkerung ähnlich große Staaten sind wie Griechenland – kamen auf 36 beziehungsweise 75 Prozent. Selbst Länder wie Italien oder Frankreich, die wegen ihrer Größe vergleichsweise wenig auf die internationale Arbeitsteilung angewiesen sind, erreichten höhere Werte (29 beziehungsweise 27 Prozent). In Deutschland waren es 50 Prozent.

Anhand der einschlägigen Statistiken lässt sich der Exportsektor nicht genau abgrenzen, sondern nur skizzieren. Zum Teil sind die Daten nicht sehr zeitnah, aber doch hinreichend aktuell. Einen Anhaltspunkt bietet der Anteil der grundsätzlich zum Exportsektor gehörenden Wirtschaftszweige an der gesamten Wertschöpfung. Danach spielt das verarbeitende Gewerbe, also die Industrie einschließlich industrieller Kleinbetriebe, innerhalb der griechischen Wirtschaft nur eine vergleichsweise geringe Rolle (vgl. Tabelle in der PDF-Version). In fast allen anderen EU-Ländern hat sie eine bedeutendere Position inne. Außerordentlich schwach ist in Griechenland ebenfalls die Bedeutung der gemeinhin als hochwertig bezeichneten Dienste wie die EDV, die private Forschung und Entwicklung oder Ingenieurleistungen. Ein erhebliches Gewicht hat dagegen in Griechenland das Gastgewerbe. Nur in der spanischen Wirtschaft kommt dieser Branche ein noch höherer Stellenwert zu.

Die Beiträge der einzelnen Sektoren zur gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes sagen aber nur wenig darüber aus, wie viel davon tatsächlich für den Export bestimmt ist. So wird beispielsweise auch ein Einheimischer in Griechenland eine Gaststätte oder ein Hotel besuchen. Auch ist nicht längst jedes Industrieprodukt für den Export bestimmt. Manche Erzeugnisse sind dafür gar nicht geeignet; beispielsweise werden schwere Baustoffe wegen hoher Kosten nicht über weite Strecken transportiert; auch bei frischem Fleisch, Milch oder Tageszeitungen ist die Produktion oft in der Nähe der Kunden angesiedelt. Als Faustregel kann aber gelten, dass je größer die Wirtschaftsleistung eines Sektors innerhalb einer Volkswirtschaft ist, desto mehr wird davon nicht für den eigenen Bedarf, sondern für Kunden außerhalb des Landes hergestellt. Im Falle Griechenlands verweist also die große Bedeutung des Gastgewerbes auf einen ausgeprägten Tourismus, während die kleine Industrie wohl vor allem Waren für den Binnenmarkt produziert.

Wie schwach die Industrie ist und wie wenig sie zur eigenen Versorgung beiträgt, zeigt ein Blick auf den Außenhandel mit Waren, bei denen es sich im Wesentlichen um industrielle Erzeugnisse handelt. Im Jahr 2011 wurden Waren im Wert von 43,7 Milliarden Euro importiert, aber nur Produkte im Wert von 22,8 Milliarden ausgeführt. Die Importe waren also fast doppelt so hoch wie die Exporte. Und bei allen wichtigen Warengruppen waren die Einfuhren deutlich höher als die Ausfuhren. Am geringsten war die Diskrepanz noch bei Nahrungsmitteln sowie bei Grundstoffen; hier übertrafen die Importe die Exporte um jeweils etwas mehr als 40 Prozent. Besonders ausgeprägt war dagegen das Missverhältnis bei technisch eher komplexen Waren wie chemischen Erzeugnissen, wo die Importe fast dreimal so hoch wie die Exporte waren, und bei Maschinen und Fahrzeugen; hier übertrafen die Importe die Exporte um fast das Vierfache.

Die Produktion der Industrie ist recht stark konzentriert. Mit großem Abstand am bedeutendsten ist die Herstellung von Nahrungsmitteln, die nach den zeitnahesten Daten, die für 2010 vorliegen, immerhin ein Drittel der gesamten Wertschöpfung der Industrie ausmacht. Trotzdem hat Griechenland bei Nahrungsmitteln ein beachtliches Außenhandelsdefizit. Ein erhebliches Gewicht hat zudem die Mineralölverarbeitung (ein Zehntel der Industrieproduktion), die aber wohl ebenfalls auf den Nahabsatz ausgerichtet ist (Benzin, Heizöl). Danach folgt die Metallerzeugung und -verarbeitung (neun Prozent). Das hängt mit Fundstätten von Bauxit zusammen, der als Rohstoff für Aluminium dient, das zu Rollen, Profilen oder Endprodukten wie Getränkedosen verarbeitet wird. Dann kommt schon die Produktion von Druckerzeugnissen (sieben Prozent), nicht zuletzt von Zeitungen und Zeitschriften. Eine gewisse Bedeutung hat noch die pharmazeutische Industrie; zu einem erheblichen Teil werden allerdings lediglich Generika und Medikamente in Lizenz hergestellt. Ein Blick auf die Produktionsstruktur zeigt zudem einen Schwerpunkt bei der Herstellung baunaher Erzeugnisse verschiedener Art sowie bei Schiffsreparaturen.

Die Bedeutung des Tourismussektors ist schwer zu bestimmen. Einerseits entfallen nicht alle Leistungen des Gastgewerbes auf Touristen, andererseits spülen die Touristen nicht nur bei Hotels und Gaststätten Geld in die Kasse, sondern auch in verschiedenen anderen Teilen der Wirtschaft. In Deutschland erbringt das Gastgewerbe etwa 40 Prozent der dem Fremdenverkehr zuzurechnenden Leistung.[6] Überträgt man diesen Wert auf Griechenland, dann entfällt auf den Tourismus ein Sechstel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung – und damit mehr als auf das verarbeitende Gewerbe und vor allem viel mehr als auf denjenigen Teil der Industrie, der überhaupt zur Exportbasis gerechnet werden kann. Da die sogenannten höherwertigen Dienstleistungen wie EDV, Softwareproduktion, Forschung und Ingenieurleistungen eher bedeutungslos sind, ist also der Tourismus der entscheidende Sektor, mit dem Griechenland Einkommen im Austausch mit anderen Staaten erzielt. Entsprechend konnte Griechenland im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland 2011 ein deutliches Plus bei den Dienstleistungen (12,6 Milliarden Euro) erzielen. Das reichte aber längst nicht aus, um das Minus beim Warenhandel auszugleichen.

Der Fremdenverkehr wächst fast überall auf dem Globus kräftig, in Europa aber nur unterdurchschnittlich.[7] Dabei spielt sowohl eine Rolle, dass sich die Präferenzen hinsichtlich der touristischen Ziele verändert haben, als auch die Tatsache, dass im Zuge des Wirtschaftswachstums – etwa in manchen Schwellenländern – weltweit die Zahl der Menschen zunimmt, die sich einen Urlaub fernab ihres Wohnorts leisten können. In Europa gab es nach der Finanzkrise einen Einbruch beim Tourismus, der aber 2010, in manchen Ländern erst 2011, wieder mehr als ausgeglichen werden konnte. Das gilt auch für Griechenland.

Für 2012 ist allerdings damit zu rechnen, dass in Griechenland der Tourismus stark zurückgeht, weil viele potenzielle Urlauber das Land wegen der hier inzwischen zugespitzten Staatsschuldenkrise und damit verbundener möglicher Unruhen und Streiks meiden. Anfang Juni 2012 war von einem Rückgang der Buchungen in der Größenordnung von 30 bis 40 Prozent die Rede.[8] In welchem Maße die Besucherzahlen tatsächlich abnehmen, bleibt abzuwarten. Denn es wird versucht, mit Preissenkungen die Gäste zu locken – die allerdings ebenfalls zulasten der Einnahmen gehen.

Wahrscheinlich dürfte ein deutlicher Rückgang bei den Touristenzahlen aber nur vorübergehender Natur sein. Allerdings wird Griechenland mit stärker werdenden Konkurrenten im Mittelmeerraum konfrontiert, die insbesondere mit niedrigeren Preisen punkten. Dazu zählen Kroatien und Bulgarien, insbesondere aber die Türkei, die ihr touristisches Angebot stark ausgeweitet und verbessert hat. Hinzu kommt, dass Griechenland kaum am boomenden Städtetourismus teilnehmen kann, weil es kaum über attraktive Destinationen verfügt. Wegen der wirtschaftlichen Schwäche werden sich zudem Geschäftsreisen in engen Grenzen halten. Potenzial besteht dagegen beim Gesundheitstourismus sowie bei einer Veränderung des Saisonangebots. In Griechenland entfielen auf die Monate Mai bis Oktober im vergangenen Jahr fast alle Übernachtungen von Gästen aus dem Ausland (94 Prozent), in Italien waren es lediglich 75 Prozent und in Spanien und Portugal nur etwa zwei Drittel. Durch eine Saisonverlängerung lassen sich die Einnahmen steigern, sie erfordert allerdings auch Investitionen.

Fußnoten

6.
Vgl. Ferdinand Pavel, Wirtschaftsfaktor Tourismus, Berlin 2012.
7.
Vgl. UNWTO (ed.), Tourism Barometer. Statistical Annex, Nr. 10, Januar 2012.
8.
Vgl. Michael Kuntz, Tourismus nach Griechenland bricht ein, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.6.2012.