Der "Parthenon" (Tempel der Göttin Athene) auf der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen am 24.10.2006. Die Akropolis von Athen wurde 1987 von der UNESCO als Kulturdenkmal in die Welterbe-Liste aufgenommen. Foto: Horst Ossinger +++(c) dpa - Report+++
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23.8.2012 | Von:
Karl Brenke

Nötige Modernisierung der griechischen Wirtschaft: eine Herkulesaufgabe

Kleinteilige Unternehmensstruktur

Ein herausragendes Merkmal der griechischen Wirtschaft ist der hohe Anteil an Selbstständigen – jeder dritte Erwerbstätige ging 2011 einem eigenen Geschäft nach oder half im Familienverbund. Der allergrößte Teil der Selbstständigen – drei Viertel – beschäftigt keine Arbeitnehmer. Vergleichbares findet sich nirgendwo in Europa. Am nächsten kommt Griechenland noch Italien: Dort ist ein Viertel aller Erwerbstätigen selbstständig (einschließlich mithelfender Familienangehöriger). Im EU-Durchschnitt beläuft sich die Selbstständigenquote auf ein Siebtel.

Ein weit über dem EU-Durchschnitt liegendes Ausmaß an selbstständiger Beschäftigung findet sich in der gesamten privaten Wirtschaft Griechenlands. Die Landwirtschaft ist stark kleinbäuerlich geprägt, hier sind drei Viertel aller Beschäftigten selbstständig, in der EU ist es die Hälfte. In Griechenland kommt im Handel und im Gastgewerbe ein Selbstständiger auf zwei Arbeitnehmer, in der EU sind es fünf Arbeitnehmer. Auch im Verkehrsgewerbe ist in Griechenland jeder dritte Erwerbstätige ein Selbstständiger, in der EU jeder neunte.

Selbst im verarbeitenden Gewerbe sind in Griechenland 22 Prozent der Beschäftigten selbstständig, im Durchschnitt der EU sind es indes nur 7 Prozent. Damit einher geht eine extrem kleinbetriebliche Struktur in diesem Wirtschaftszweig. Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten; auf Mittel- und Großbetriebe (250 Beschäftigte und mehr) entfällt nicht einmal ein Fünftel aller Industriebeschäftigten. Zum Vergleich: In Deutschland ist es mehr als die Hälfte. Selbst in den ostdeutschen Bundesländern, wo nach dem Mauerfall die industrielle Basis neu aufgebaut werden musste, waren 2011 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 39 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 250 Beschäftigten tätig.

Keine schnelle Genesung in Sicht

Griechenland ist pleite. Am Anfang der diversen Rettungsaktionen sollte dem Land lediglich kurzfristige Hilfe gewährt werden, sodass sich danach der Staat wieder rasch selbst auf dem Kapitalmarkt finanzieren kann. Davon ist nun keine Rede mehr. Ende vergangenen Jahres belief sich die Staatsschuld auf knapp 360 Milliarden Euro, fast 170 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Inzwischen gab es einen Schuldenschnitt, bei dem die privaten Gläubiger von ihren 200 Milliarden an Forderungen auf 107 Milliarden verzichten mussten, die übrigen 93 Milliarden wurden in meist lang laufende Anleihen umgewandelt.

Den größten Teil der griechischen Staatsschulden tragen mittlerweile Institutionen der Eurozone – und somit letztlich deren Mitgliedsländer. Da Griechenland seine Kreditwürdigkeit auf den Märkten völlig verloren hat, hängt es nun faktisch von Transferleistungen – auch in Form von Bürgschaften – der anderen Staaten ab. Und die Verschuldung Griechenlands schreitet weiter voran – zumal die Versuche zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte sich dämpfend auf die Wirtschaftsentwicklung auswirken, dadurch die Steuereinnahmen gedrückt und die Ausgaben etwa für Sozialleistungen erhöht werden.

Einen einfachen und schnellen Ausweg aus diesem Teufelskreis gibt es nicht. Auch wenn es mit Härten verbunden sein wird, muss auf jeden Fall der Staatsapparat grundlegend reformiert werden. So bedarf es neben vielem Anderen einer effektiven Finanzverwaltung sowie der Erfassung und der wirksamen Besteuerung der Liegenschaften. Zudem ließe sich mit dem Abbau von Privilegien im privaten Teil der Wirtschaft (etwa im Verkehrsgewerbe oder im Gesundheitssektor) der Wettbewerb und somit die Wirtschaftsleistung ankurbeln.

Innovationsstrategie erforderlich

Aber selbst dann, wenn in dieser Hinsicht große Fortschritte erzielt werden würden, bliebe immer noch das zentrale strukturelle Problem einer unzureichenden Exportbasis. Der Tourismus dürfte zwar noch ausbaufähig sein, aber zur allein tragenden Säule, um in einer arbeitsteiligen Welt die Einkommen zu erzielen, die man braucht, um die nötigen Importe zu bezahlen, wird er sich gewiss nicht entwickeln. Das wäre allenfalls für einzelne Regionen wie Rhodos denkbar; die Tourismuseinnahmen reichen aber nicht für eine ganze Volkswirtschaft. Deshalb bleibt vor allem, über vermehrte Warenlieferungen die Position im Außenhandel zu verbessern – also auf eine Stärkung der Industrie zu setzen. Das ist im Falle Griechenlands aber außerordentlich schwierig und eine Aufgabe, die nur auf lange Frist zu bewältigen ist.

Denn es handelt sich hier im Kern um eine Gesellschaft von Kleingewerbetreibenden und Staatsbediensteten, die in die Welt des globalen Industrie- und Informationszeitalters katapultiert wurde. Überdies ist die Wirtschaft an den Euro gebunden, dessen Außenwert zum Teil von sehr leistungsfähigeren Volkswirtschaften – beispielsweise der deutschen – bestimmt wird. Deshalb muss Griechenland gegenüber den Ländern außerhalb und innerhalb der Eurozone auf eine Leistungsfähigkeit wie die der starken Länder kommen.

Der erforderliche wirtschaftliche Umbau fällt wegen dieser Umstände viel schwerer, als es etwa den früheren Ostblockstaaten fiel. Denn zum einen verfügten diese Länder bereits über eine industrielle Tradition – zu der ein entsprechend qualifiziertes Arbeitskräftepotenzial, industrienahe Ausbildungsstätten in der Berufsbildung und den Hochschulen sowie die Mentalität zählen, sich in großen industriellen Organisationen arbeitsteilig einzugliedern. In Griechenland ist Vergleichbares nicht vorhanden – und bis es entsteht, braucht es erfahrungsgemäß Jahrzehnte.

Zum anderen hatten die osteuropäischen Länder den Vorteil, dass sie neue Produktionen unter dem Schutz einer eigenen Währung und somit eines Wechselkurses aufbauen konnten, der die Produktivität ihrer Wirtschaft widerspiegelte. Will Griechenland seine industrielle Basis erweitern, bleibt nicht der Weg der langsamen Anpassung an das Produktivitätsniveau der maßgeblichen Länder der Eurozone, sondern es muss auf Produktionen setzen, die sofort einen hohen Stand an Wettbewerbsfähigkeit aufweisen.

Viel einfacher wäre es daher für eine Wirtschaft, die aufholen muss, wenn sie nicht in das für sie zu starre Korsett des Euro gezwungen wäre. Auch für den Tourismus wäre ein Abschied vom Euro von Vorteil, weil sich auf diese Weise preisliche Nachteile nachhaltig ausgleichen lassen.

Ein Verlassen der Eurozone würde kurzfristig ohne Zweifel erhebliche Probleme mit sich bringen. Denn die dann eingeführte eigene Währung käme sofort unter einen starken Abwertungsdruck. Dadurch würden vor allem die Preise für Importgüter deutlich steigen, sodass die Teuerung im Lande kräftig zunehmen könnte. Damit ginge ein Rückgang der Realeinkommen einher, der auch nicht durch Lohnsteigerungen oder durch eine Erhöhung der Sozialtransfers kompensiert werden könnte, da solche Anhebungen den Druck auf den Wechselkurs der eigenen Währung – etwa der Drachme – nur verstärken würden.

Doch weil die Löhne im Verhältnis zur Produktivität sinken würden, könnte die griechische Wirtschaft ihre Waren und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen als bisher anbieten. Die Wettbewerbsfähigkeit würde somit wachsen.[9] Zudem käme es in beschränktem Maße zu einem Ersatz von Importen durch eigene Produktion; beispielsweise könnte das erhebliche Außenhandelsdefizit bei Nahrungsmitteln reduziert werden. Überdies hätten Investoren – insbesondere solche aus dem Ausland – eine gewisse Planungssicherheit. Denn auch dann, wenn Griechenland weiter am Euro festhielte, würde immer wieder der Verbleib des Landes in der Eurozone infrage gestellt werden. Ein Ausscheiden wäre letztlich nichts anderes als eine Anpassung an die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die Alternative bestünde in einer permanenten Abhängigkeit des Landes von Transfers aus anderen Staaten, die zu noch größeren Konflikten innerhalb des Landes sowie auf internationaler Ebene führen könnte.

Ein Austritt aus dem Euro müsste freilich flankiert werden – etwa um den Zusammenbruch von produzierenden Unternehmen zu verhindern, die Schwierigkeiten bei der Rückzahlung von auf Basis des Euro laufenden Krediten bekämen.

Keinen Sinn macht es indes, auf den bekannten Pfaden der EU-Förderung fortzuschreiten, denn sie haben sich schon in der Vergangenheit als ineffizient erwiesen. Die diversen Programme sind vor allem ausgleichsorientiert und sollen schrumpfende Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft stützen oder zurückliegende Regionen voranbringen. Das sind aber nicht die zentralen Probleme Griechenlands. Es hilft daher wenig, noch mehr Marktplätze mit einem Marmorbelag zu verschönern oder Straßen zu bauen, die so recht niemand braucht – zumal die Straßeninfrastruktur in Griechenland im Vergleich zu manch anderen Staaten der Eurozone bestens ist.

Statt weiterhin von außen ein hilfloses Helfersyndrom zu pflegen, braucht Griechenland eine Innovationsstrategie. Die kann aber nur aus dem Land selbst kommen, da die Politik und die Gesellschaft dort selbst am bestens herausfinden können, welche Wachstumspotenziale bestehen und wie sie zu erschließen sind. Manche liegen sogar für einen Außenstehenden auf der Hand – wie die Verbesserung des touristischen Angebots, um auch außerhalb der Sommermonate Gäste anzuziehen, oder eine Veredelung der Nahrungsmittelproduktion. Überdies würde ein Austritt aus dem Euro der Industrie zu einer höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit verhelfen und ihr zusätzliche Marktchancen eröffnen. Doch was mögliche Wachstumsfelder anbelangt, hüllt sich die griechische Politik bisher weitgehend in Schweigen.

Fußnoten

9.
Vgl. hierzu den Beitrag von Andreas Stergiou in dieser Ausgabe. (Anm. d. Red.)