E-Book zwischen Büchern

2.10.2012 | Von:
Jeff Gomez

Die erzählerische Singularität: Geschichten erzählen im digitalen Zeitalter - Essay

Denken wir über die Backlist hinaus

Warum aber hat es die von mir beschriebenen Innovationen bisher noch nicht gegeben? Tatsächlich wurden bereits eine Reihe sehr interessanter Apps herausgebracht, die auf literarisch interessierte Leser zielen. So war etwa die von Faber veröffentlichte App zu T.S. Eliots "The Waste Land“ (dt.: "Das wüste Land“) nicht nur ein Erfolg beim Publikum, sondern rechnete sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch zu Shakespeares Sonetten hat Faber jüngst eine App produziert. Und wenn es sich dabei auch durchaus um bemerkenswerte Applikationen handelt, mit einer sehr guten Benutzeroberfläche und tollen Funktionen, so können wir uns nicht damit begnügen, die Backlist zu plündern. Alte Werke neuen Formaten anzupassen ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch kann darin nicht die Zukunft liegen. Es muss Originalstoff erdacht werden, von Autoren, die sich der Möglichkeiten des Digitalen bewusst sind – und das bereits, bevor sie mit dem Schreiben beginnen; sonst bleiben wir auf Verleger angewiesen, die sich erst danach Gedanken dazu machen. Und nicht zuletzt sollten sich die Autoren all dieser Möglichkeiten auch zu bedienen wissen.

Etwas anderes, das bisher die digitale Innovation behinderte, ist die Verwechslung der Rollen. Wer soll was tun? Wenn ein Schreiber schreibt und ein Verleger verlegt, lässt dies eine Menge Lücken, die noch auszufüllen sind. In einem Blogeintrag bei Nosy Crow, einem erfolgreichen britischen App-Entwickler für Kinder, wird das Kreieren von Apps als "höchst kollaborativer Prozess“ beschrieben, als "technischer Prozess“ und schließlich als "neuer Prozess“.[4] Wir haben hier Neuland betreten, mit dazugehörigen Fähigkeiten, die über das ganze Spektrum hinweg noch Mangelware sind: Niemand weiß wirklich, was er tut.

Hinzu kommen so profan klingende Dinge wie die Preisgestaltung, digitales Rechtemanagement, Rechtsfragen und Unsicherheiten hinsichtlich der neuen Formate; all dies sorgt für eine weitere Verschleppung der Entwicklung. Und doch denke ich, dass diese Probleme durchaus zu bewältigen sind.

Es braucht einen neuen Namen

Ein weiteres Problem besteht ironischerweise in der Sprache. Wie nennen wir diese neuen Formen? Ist eine App, die ein Roman ist, ein "Buch“? Das kann nicht sein, da es ja kein gedrucktes Artefakt ist. Auch diesen Roman eine App zu nennen, ist kaum hilfreich, da es – selbst wenn es technisch korrekt sein mag – Millionen anderer Apps gibt, bei denen es sich nicht um einen Roman handelt (dass wir eine digitale Edition von "Krieg und Frieden“ mit dem gleichen Terminus belegen wie das Spiel "Angry Birds“, zeigt, dass beide unter einem falschen Begriff firmieren).

Ich glaube, dass selbst das Wort "E-Book“ ein irreführender Begriff ist. Ein Buch ist etwas mit einer physischen, greifbaren Form und E-Books sind virtuell, eine Reihe von Nullen und Einsen. Musik wurde ja auch nicht das Label "E-CD“ oder "E-Schallplatte“ aufgedrückt. Doch gibt es hier einen Unterschied in den Kunstformen selbst. Musik wird nach dem benannt, was es aus sich selbst heraus darstellt, während das Wort für Bücher immer mit seiner physischen Form verbunden war. Als es deshalb darum ging, einen Namen für die jeweiligen digitalen Versionen zu finden, ging für die Musik bei der Übersetzung nichts verloren (an "digitaler Musik“ klingt nichts seltsam), während dies beim Buch anders aussah (die Idee eines "digitalen Buches“ ergibt wenig Sinn). Nicht, dass irgendjemand direkt Schuld hieran trüge: Verleger, Agenten, Technologieunternehmen, wir alle haben an der Geschichte mitgewirkt. Doch nun, ein Dutzend Jahre später, befinden wir uns in einer Situation, in welcher der Name, den wir dem Kind gaben, immer weniger Sinn ergibt.

Einen ähnlichen Moment gab es vor 100 Jahren, als Autos als "pferdelose Wagen“ betitelt wurden. Wären sie weiterhin so genannt worden, hätte jeder, immer wenn der Name gefallen wäre, an ein Pferd gedacht und es wohl auch vermisst. Dies ist genau das Problem mit dem E-Book: Der Name selbst lädt dazu ein, es mit einem Format zu vergleichen, dessen Entwicklungsvorsprung um die 500 Jahre beträgt.

Inkle Studio ist ein Start-up-Unternehmen aus Großbritannien, das "nicht-lineares Erzählen zum Teil des Mainstreams“ machen will.[5] Zu diesem Plan gehört es, dass sie eine großartige App für den "Frankenstein“ von Dave Morris produzierten, eine digitale "Umrüstung“ des Klassikers von Mary Shelley. Ein Problem hatten sie jedoch dabei: Wie sollten sie es nennen? Selbst Inkle, die Firma, die es produziert hatte, wusste keinen Rat: "Interaktive Fiktion? Kollaborative Adaption? Oder einfach gutes, altes Buch?“[6] (Die Ironie hieran besteht natürlich darin, dass auch das Monster in "Frankenstein“ keinen Namen hatte.)

In seinem Buch "Die Information: Geschichte, Theorie, Flut“ listet James Gleick eine Reihe bahnbrechender und wichtiger neuer Ideen auf, vom Telegrafen bis zum Quantencomputer. Bei der Beschreibung der DNA erzählt Gleick die Geschichte des dänischen Botanikers Wilhelm Johannsen, der im Jahr 1910 das Wort "Gen“ erfand.[7] Der Grund dafür war, dass es schlicht kein anderes Wort gab, das gepasst hätte. Johannsen und seine Kollegen mussten eine völlig neue Terminologie erfinden, die ihre neuen Konzepte angemessen wiedergab. Der Versuch, ein existierendes Wort zu neuer Bedeutung zurechtzubiegen, würde den Sachverhalt verkomplizieren. Johannsen schrieb: "Old terms are mostly compromised by their application in antiquated or erroneous theories and systems, from which they carry splinters of inadequate ideas, not always harmless to the developing insight.“[8]

Von solchen old terms, von alten Begriffen, ist zur Zeit auch das Publizieren belastet. Romane etwa stecken, was ihre Länge angeht, in einer Booleschen Sackgasse: Entweder es sind Romane oder es sind Erzählungen (wo aber genau der Unterschied anzusetzen ist, bleibt unklar). Wann aber hat sich diese erstaunliche Kunstform – eine, der es gelingt, Leser in die entferntesten Orte zu entführen und ihre Vorstellungskraft grundlegend zu transformieren – zu einem Entweder-Oder-Szenario gewandelt? Warum werden Autoren im Glauben gelassen, dass ihr Werk nur das eine oder andere sein kann? Die einzige Grenze in einem Roman sollte die Vision des Autoren sein, nicht die Seiten und das Cover. Irgendwo auf dem Weg hierher wurde – um einen Satz des Schriftstellers Samuel Butler zu umschreiben – der Autor zu einem bloßen Mittel des Buches, ein anderes Buch zu machen.

Fußnoten

4.
"Writing Children’s Apps“, Nosy Crow Blog, 9.7.2012, online: http://nosycrow.com/blog/writing-childrens-apps (11.9.2012).
5.
Online: www.inklestudios.com/about-us (11.9.2012).
6.
"What’s in a Game“, Inkle Studios Blog, 31.8.2012, online: www.inklestudios.com/archives/948 (11.9.2012).
7.
Vgl. James Gleick, Die Information: Geschichte, Theorie, Flut, München 2011, S. 287f. (engl.: The Information: A History, a Theory, a Flood, New York 2011).
8.
Wilhelm Johannsen, The Genotype Conception of Heredity, in: The American Naturalist, 45 (1911) 531, S. 132.