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Piraterie

22.11.2012 | Von:
Constanze Müller

Produkt- und Markenpiraterie in der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit

Kulturspezifische Neigung?

Kulturspezifische Erklärungsmuster für Piraterie in China setzen häufig bei der chinesischen Philosophie an. In Medien[13] und Wissenschaft[14] wird mit dem Konfuzianismus argumentiert, demgemäß Nachahmen Anerkennung verdiene und sich in der originalgetreuen Kopie der Respekt gegenüber dem zum Vorbild erhobenen Schöpfer manifestiere. Aus dem einschlägigen Werk "Lunyu" ("Gespräche") wird Konfuzius selbst häufig zitiert: "Beschreiben und nicht machen, treu sein und das Altertum lieben"[15]. Eine Brücke kann in der Tat zum repetitiv angelegten Bildungssystem sowie zu Kunst und Literatur geschlagen werden. Kreativität kommt vielfach durch Reproduktion und Kombination zustande. Chinesische Autoren übernahmen wörtlich aus den Klassikern ohne den Autor zu zitieren, welchen der gebildete Leser selbst erkennen sollte und auch musste, um den Text zu verstehen. Bis heute wird Imitation auch als Instrument für Kreativität verstanden.

Die schlichte Übertragung auf Produkt- und Markenpiraterie im Kontext der Wirtschaftsreformen bleibt jedoch fragwürdig. Zwar kann Piraterie auch das kreative und nicht blinde Nachahmen von Produkten bedeuten, und die Grenzen zwischen Imitation und Innovation sind fließend. Doch stehen bei jeglichen Ausprägungen nicht Kreativität und Respekt für den Originalhersteller, sondern eindeutig Profitinteressen im Vordergrund. Stellt man die Abschnitte des "Lunyu" in einen Zusammenhang, wird trotz vager und mitunter widersprüchlicher Textstellen schnell klar, dass Lernen von Anderen der Weiterentwicklung des Individuums dienen soll und damit auch Fortschritt impliziert. Viele Abschnitte sprechen außerdem gegen profitorientiertes Handeln. Gewinne sind mit Pflichten gegenüber den Mitmenschen verbunden und rasche eigene Erfolge auf Kosten Anderer verpönt. Insgesamt zieht sich eine Grundhaltung von Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Tugendhaftigkeit und Gerechtigkeit durch das Werk, die wenig mit dem Eigeninteresse der Produktpiraten gemein haben dürfte.

In China wird dieser philosophische Erklärungsansatz ebenfalls nicht anerkannt. Der Verweis auf Konfuzius wird als absurd empfunden. Stattdessen wird der Diskurs unter dem Vorzeichen der Entwicklung Chinas geführt. Konsens ist die Notwendigkeit der Bekämpfung von Raubkopien und die Förderung von Innovationen. Doch über den Weg zur Innovation gehen die Vorstellungen auseinander, teils sollen Unternehmen von Anfang an innovativ sein, teils wird Kopieren auf dem Weg zu Innovation für ein Unternehmen in der Anfangsphase als notwendig erachtet, solange in der Folge eine eigene Marke etabliert, Produkte weiterentwickelt und letztlich dem Ziel der Innovation Genüge getan wird. Im wirtschaftlichen Kontext ist ein Lernen von Anderen eher dem historisch verankerten unbedingten Willen zur Entwicklung geschuldet denn philosophisch begründet.

Dennoch hält sich das "Konfuzius-Argument" – auch bei deutschen Managern in China – hartnäckig und wird auf der Suche nach Erklärungen ständig reproduziert. Dadurch erhält es trotz seiner Fadenscheinigkeit Relevanz für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit, indem es den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu chinesischen Mitarbeitern und Partnern erschweren kann. Ein gewisses – aber nicht naives – Maß an Vertrauen bereits am Anfang ist trotz aller Vorsicht unabdingbare Voraussetzung für eine tragfähige Kooperation. Auch chinesische Mitarbeiter untereinander müssen dieses erst aufbauen und im Laufe der Zusammenarbeit ständig erneuern. Vertrauen ist nicht nur für den Schutz von Wissen, sondern ebenfalls für die Weitergabe unabdingbar. Und Wissensaustausch wird immer wichtiger für den Unternehmenserfolg. Etliche Barrieren existieren gerade zwischen den chinesischen Mitarbeitern, und die Verantwortung, diese Barrieren zu eliminieren, wird beim Management verortet. Für den offenen Umgang miteinander ist die Verinnerlichung des gemeinsamen Motivs der (persönlichen) Weiterentwicklung seitens der deutschen Manager umso wichtiger. Weniger Gewicht sollte dem an sich trennenden kulturellen Hintergrund gegeben werden und mehr dem letztlich gemeinsamen und damit potenziell verbindenden Ziel der Innovation.

Unkopierbarer Wettbewerbsvorteil

Die Piraterie-Situation in China ist im Einklang mit dem allgemeingültigen wirtschaftlichen Aufholprozess im Wandel begriffen. So sind immer mehr chinesische Unternehmen innovativ, melden Schutzrechte an und sind von Verletzungen selbiger betroffen. Doch Piraterie wird auch in Zukunft insbesondere in China in einem beträchtlichen Ausmaß gleichzeitig mit Innovationen und in allen denkbaren Zwischenformen existieren. Währenddessen wird der Wettbewerb vor Ort immer stärker. Für deutsche Unternehmen geht es daher neben dem Schutz des aktuellen geistigen Eigentums zunehmend um den ständigen aktiven Ausbau eines "unkopierbaren Wettbewerbsvorteils". Das ist nur durch die Schaffung von Neuem zu erreichen, also mit Produkten, die innovativ immer wieder dem Markt angepasst werden. Partner und Mitarbeiter sind mit diesem spezifischen Wettbewerbsvorteil untrennbar verbunden. Sie ermöglichen die nötige Marktnähe und beschaffen das Marktwissen. Auch potenzielle Piraten können so leichter beobachtet, die Reaktion kann abgewogen und gegebenenfalls kann zusammen mit den Behörden eingegriffen werden. Ein Vertrauensvorschuss ist für eine entsprechende Einbindung unerlässlich. Selbst bei einem Missbrauch dieses Vertrauens werden bei langjähriger Kooperation nur vorsichtig Konsequenzen gezogen. So will Volkswagen mit einem Joint Venture Partner wegen eigenmächtiger Kopiertätigkeiten zunächst ein Gespräch führen. Aber auch bei weniger langfristiger Zusammenarbeit kann es sich lohnen, auf Kooperation zu setzen. Eine klassische Lieferantenbeziehung kann auch unter dem Vorzeichen der gemeinsamen Entwicklung stehen. Der eigene Anspruch, auch den Lieferanten in seinem Fortkommen zu unterstützen, bietet auch Mittelständlern die grundsätzliche Chance auf eine reibungslose Kooperation zu beidseitigem Nutzen.

Allen voran sind es jedoch die chinesischen Mitarbeiter, die den Wettbewerbsvorteil auf dem chinesischen Markt immer wieder ausbauen können. Zahlreiche Umfragen spiegeln wider, dass das Finden von qualifiziertem Personal mittlerweile als größte Herausforderung im China-Geschäft angesehen wird. Die Piraterie-Problematik wandelt sich also zu einer Personal-Problematik – nach dem Produkt selbst rückt nun der Mensch in den Vordergrund. Dieser darf nicht von vornherein als Produktpirat gebrandmarkt werden. Vielmehr sollte er als kostbarer Träger impliziten (lokalen) Wissens gesehen werden, der von selbigem selbstverständlich angemessen profitieren möchte.

Fußnoten

13.
Vgl. Francoise Hauser, Chinesisch für Anfänger. Warum ist Markenpiraterie so schwer zu bekämpfen?, 14.8.2008, http://www.spiegel.de/reise/fernweh/chinesisch-fuer-anfaenger-warum-ist-markenpiraterie-so-schwer-zu-bekaempfen-a-570447.html« (22.10.2012).
14.
Vgl. John Alan Lehman, Intellectual Property Rights and Chinese Tradition Section. Philosophical Foundations, in: Journal of Business Ethics, (2006) 69, S. 1–9.
15.
Richard Wilhelm, Konfuzius. Gespräche, München 2005, S. 56.
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