German Chancellor Konrad Adenauer, left, hugs France President Charles de Gaulle, right, after signing the Elysee friendship treaty in the Elysee palace in Paris, France on Jan. 22, 1963. France and Germany kicked off celebrations Wednesday, Jan. 22, 2003 to mark the 40th anniversary of the treaty with a raft of events intended to inject new vitality into their relationship, which is pivotal in efforts to expand and integrate the European Union. (ddp images/AP Photo) --- Bundeskanzler Konrad Adenauer (li) und Staatspraesident Charles de Gaulle umarmen sich nach der Unterzeichnung des Deutsch-Franzoesischen Vertrages am 22. Januar 1963 im Salon Murat im Pariser Elysee-Palast. Rechts neben de Gaulle steht M. Christian Fouchet. (ddp images/AP Photo)

19.12.2012 | Von:
Clemens Klünemann

"Eiserner Kanzler" und "Grande Nation". Selbst- und Fremdwahrnehmungen in den deutsch-französischen Beziehungen

Bilder und Karikaturen – und die Gefahr der Banalisierung

Die Matrix der Bilder des jeweiligen Nachbarn besteht nur vordergründig aus der Idee einer Fundamentalopposition oder der eines unüberwindbaren Gegensatzes, wie der Begriff "Erbfeindschaft" suggeriert, der ja, wie Michael Jeismann betont, im Kern das Resultat einer doppelten Kollision ist: nämlich einerseits "einer Kollision zwischen dem universalen Anspruch (des französischen wie des deutschen Nationalismus, C.K.) (…) und seiner stets nur national gedachten Einlösung"[24] sowie andererseits zwischen den Nationalismen selbst. Von deutscher wie von französischer Seite erscheinen die Bilder des Nachbarn dann als eine Art Gegenpol.[25]

Von diesen Bildern gibt es indes einen geradezu unüberschaubaren Vorrat im jeweiligen kollektiven Gedächtnis, und bei manchen von ihnen könnte man meinen, dass sie der Vergangenheit angehörten. Die aktuellen Krisen in den internationalen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen beleben jedoch nationale Stereotype und zeigen, dass es sich bei ihnen um eine Vergangenheit handelt, die nicht vergeht.[26] Ein jüngeres Beispiel dafür ist der Vorwurf des sozialistischen Abgeordneten Arnaud Montebourg an die Adresse der Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine "politique à la Bismarck" zu betreiben.[27] Während in diesem Beispiel das klassische Links-Rechts-Schema zu stimmen scheint, durchbrechen andere Bilder diese Orientierung ganz bewusst: Als Georges Wolinski auf dem Höhepunkt der deutschen Friedensdemonstrationen im Herbst 1981 in einer Karikatur den deutschen Pazifismus mit einer vermeintlich deutschen Sehnsucht nach Massenveranstaltungen in eins setzte, deren Teilnehmer sich nichts sehnlicher wünschten als einen charismatischen Führer (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version), da relativierte er bewusst die politischen Intentionen des deutschen Pazifismus und maß ihn an französischen Traumata, die sich in einem historischen Stichwort wie dem "Geist von München" oder der historischen Frage "Sterben für Danzig?" verdichten. Mit dem esprit de Munich wird bis heute die Appeasement-Politik des damaligen Ministerpräsidenten Édouard Daladier während der Münchner Konferenz 1938 assoziiert; als munichois gelten jene, die bereit sind, vor der politischen Gewalt(androhung) zurückzuweichen. Während in Frankreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges die politische Linke pazifistische Positionen vertreten hatte, wurde der esprit de Munich 1938 vor allem von Vertretern der nationalistischen Rechten repräsentiert. Auch diese Wechselfälle gehören zu den von Simon Epstein in seinem gleichnamigen Buch analysierten paradoxes français.[28]

Karikaturen bieten die Möglichkeit, in der provozierenden Zuspitzung des bestehenden Bildes vom Nachbarn dessen tiefere Motive, die ihm selbst womöglich gar nicht bewusst sind, zu entschlüsseln, ihm somit einen Spiegel vorzuhalten. Verschiedene Studien zu deutsch-französischen Auto- und Heterostereotypen in der Karikatur[29] zeigen darüber hinaus, dass die allgegenwärtige und voranschreitende Internationalisierung und Globalisierung keinesfalls partikulare (nationale) Kulturräume zum Verschwinden bringt: Um bestimmte Bilder, die immer auch Bilder des eigenen Selbstverständnisses sind, verstehen zu können – das zeigt auch die Karikatur Wolinskis – bedarf es eines bestimmten kulturell geprägten Codes. Zu dieser Kategorie gehört zweifellos der Humor als conditio sine qua non.

Diese Dialektik zu verdeutlichen, ist das Anliegen der oben genannten "Imagologie". Man wirft der Karikatur – oftmals zu unrecht – vor, Zusammenhänge zu bagatellisieren; aber ist es nicht so, dass Karikaturen oftmals vielmehr gerade die Vergangenheit, die nicht vergehen will, beim Namen nennen und ins Bewusstsein heben können? Karikaturen sind der Stachel im Fleische dessen, was Pierre Nora an der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehung kritisiert und was schon vor über 40 Jahren als Gefahr der "indifférence amicale"[30] benannt wurde.

Die gegenseitige Verschränkung der Idee von der Pluralität des eigenen Landes – "les deux France" als unbewusstes Motiv der Rede von "les deux Allemagnes" – ist ein Element des jederzeit abrufbaren Vorrats an deutsch-französischen Bildern des Nachbarn. Dieser Vorrat wurde und wird bemüht, wenn es die identité nationale – oder wahlweise die "(deutsche) Leitkultur" – zu bekräftigen gilt; und hier zeigt(e) sich, dass die größte Schwäche dieses Bilder-Vorrats in seiner Anfälligkeit für Banalisierungen liegt. Eine der am häufigsten bemühten Darstellungen der deutsch-französischen Beziehungen ist das Bild des Paares, wobei die Rollenverteilung durchaus divergiert: Frankreich ("la" France) spielt nicht notwendigerweise den weiblichen Part, der bisweilen – man denke an die berühmte Karikatur von Klaus Pielert, die am 5. Juli 1952 im "Kölner Stadt-Anzeiger" veröffentlicht wurde (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version), – sogar dem 80-jährigen Konrad Adenauer zugeteilt wird. Das Bild des deutsch-französischen Paares – wahlweise wird auch dasjenige des "Tandems" oder des "Motors" gewählt – suggeriert partnerschaftliche, ja harmonische Beziehungen auch jenseits der zur Tagespolitik gehörenden Konflikte.

In diese vermeintliche Harmonie mischen sich indes gelegentliche Zwischentöne: Zu ihnen gehört die immer wieder zu hörende deutsche Rede von Frankreich als der Grande Nation, bei der bisweilen ein ironischer, ja polemischer Unterton unüberhörbar ist.[31] Oftmals jedoch wird dieser Topos als eine Art Zitat benutzt, wobei denjenigen, die ihn verwenden, gar nicht bewusst ist, dass der Begriff in Frankreich unbekannt ist: Er stammt vielmehr aus der antifranzösischen Polemik im Kontext der Befreiungskriege gegen Napoleon[32] und parodiert, unbewusst, aber um so ressentimentgeladener, das französische Selbstbewusstsein einer Nation, deren Größe darin bestehe, der Welt die Segnungen der Zivilisation zu bringen.[33] Es sei daran erinnert, dass Friedrich Nietzsche in seiner "Genealogie der Moral" (1887) das Ressentiment definiert als "das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen". Dies ist genau die Situation, in der sich der erwachende deutsche Nationalismus im nachnapoleonischen 19. Jahrhundert befand: schwankend zwischen der Bewunderung für eine trotz der Revolution in Frankreich bestimmend bleibenden höfischen Kultur und ihrer Selbstinszenierung einerseits und der trotzigen Ablehnung der Vorstellung, sich von ihr politisch wie kulturell dominieren zu lassen, andererseits.

Produktive Missverständnisse

Trotz der seit Beginn der 1960er Jahre erfolgreichen Bemühungen einer Annäherung zwischen zwei bis dato in ihren Klischees verharrenden Ländern wird auch in jüngeren Veröffentlichungen[34] immer wieder die traditionelle Konfliktlinie sichtbar, welche seit der Revolution von 1789 beide Länder zu trennen scheint: auf der einen Seite das Selbstbewusstsein einer Nation, die sich als Avantgarde eines in der Zukunft zu verwirklichenden Projekts von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sieht, auf der anderen Seite eine "verspätete Nation",[35] die ihr Selbstverständnis nicht in einem Zukunftsprojekt definiert, sondern durch die Besinnung auf tatsächliche oder vermeintliche Ursprünge. Vor diesem Hintergrund wären die jeweiligen "Gründungsmythen" näher zu untersuchen, die sich eben darin unterscheiden, dass sich die Französische Republik in der Tradition von Aufklärung und Revolution verortet und diese weiterführen will, während sich die Bundesrepublik Deutschland als Überwindung der fürchterlichen Verwerfungen deutscher Geschichte versteht.

Durch diesen grundsätzlichen Unterschied entstehen auch 50 Jahre nach Abschluss des Élysée-Vertrags von 1963 Missverständnisse in der Wahrnehmung des jeweiligen Nachbarn, die bisweilen unüberwindbar scheinen; erinnert sei hier an das immer wieder von Alfred Grosser geäußerte Wort "Die Franzosen möchten von den Deutschen respektiert werden, aber die Deutschen werden die Franzosen nie respektieren. Und die Deutschen wollen von den Franzosen geliebt werden, aber die Franzosen werden die Deutschen nie lieben." Wie kaum ein anderer verkörpert der 1925 in Frankfurt geborene und 1933 mit seinen Eltern nach Frankreich emigrierte Grosser die deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Ob Grossers Einschätzung noch Gültigkeit hat, sei dahingestellt; jedenfalls ist das grundsätzliche gegenseitige Unverständnis überwunden, das Ernest Renan im August 1870 wohl zu recht feststellte.[36] Ebenfalls überwunden ist die Kollision von "Kultur" und "Zivilisation" und mit ihr die fatale Dialektik aus der Zeit Friedrich Sieburgs, der zufolge man "die jeweilige Identität in der Abgrenzung vom anderen suchte und das ‚Positive‘ in dem, was der Gegner als ‚negativ‘ ansah."[37]

Dass auch 50 Jahre nach dem Vertragswerk von Paris deutsche und französische Selbst- und Fremdwahrnehmungen bisweilen voneinander abweichen, ja miteinander kollidieren, ist keinesfalls als Defizit anzusehen, sondern als Chance, das eigene Selbstverständnis durch die Wahrnehmung des Nachbarn zu reflektieren. Womöglich ist die permanente Auseinandersetzung mit diesen Divergenzen das effektivste Mittel, der von Pierre Nora unlängst beklagten Entfremdung und Gleichgültigkeit in den deutsch-französischen Beziehungen entgegenzusteuern.

Fußnoten

24.
Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792–1918, Stuttgart 1992, S. 89. Vgl. auch: Karl Ferdinand Werner, Die Legende von der deutsch-französischen Erbfeindschaft, in: Wilfried Pabst (Hrsg.), Das Jahrhundert der deutsch-französischen Konfrontation, Hannover 1983, S. 27–31.
25.
"Qui n’a pas d’antithèse n’a pas de raison d’être" ("Wer keinen Gegenpol hat, dem mangelt es an einem Daseinsgrund"), betont Ernest Renan in seinem Brief an David Friedrich Strauss zwei Wochen nach der französischen Niederlage in Sedan; E. Renan (Anm. 15), S. 160.
26.
Dies ist nur indirekt eine Anspielung auf Ernst Nolte, Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte, in: FAZ vom 6.6.1986. Vielmehr spielt es an auf Éric Conan/Henry Rousseau, Vichy, un passé qui ne passe pas, Paris 1994, die sich allerdings unter Rekurs auf Alain Monchablon die Frage stellen: "Wie ist es möglich, zu historisieren, ohne dabei wie Nolte zu werden?" (S. 384).
27.
Im "Nouvel Observateur" vom 1.12.2011 erklärte Montebourg seine Äußerung wie folgt: "Ich meine mich erinnern zu können, dass ‚Le Retour de Bismarck‘ der Titel eines 1990 erschienenen Buches von Georges Valance ist (…). Es ist keinesfalls so, dass ich die Herren Gabriel oder Valance zitiere, um mich hinter ihnen zu verstecken, sie gleichsam als Alibi zu nutzen, sondern vielmehr um deutlich zu machen, dass wir seit etwa zwanzig Jahren beobachten können, in welchem Maße wir in der Wirklichkeit angekommen sind in unseren Beziehungen zu Deutschland; und das müssen wir verstehen, um angemessen handeln zu können."
28.
Vgl. Simon Epstein, Un paradoxe français, Paris 2008.
29.
Vgl. beispielsweise: Goethe-Institut (Anm. 6); Alain Deligne/Peter Ronge (Hrsg.), Von de Gaulle bis Mitterrand. Politische Karikatur in Frankreich 1958–1987, Münster 1987.
30.
Klaus Heitmann, L’image française de l’Allemagne dans son évolution historique, in: Revue d’Ethnopsychologie, 4 (1967) 22, S. 437.
31.
Eklatantestes Beispiel ist das Buch des Pariser ZDF-Korrespondenten Alexander von Sobeck, Ist Frankreich noch zu retten? Hinter den Kulissen der Grande Nation, Berlin 2007.
32.
Die deutsche Herkunft des Begriffs Grande Nation erläutert der Freiburger Romanist Hans-Martin Gauger, Was wir sagen, wenn wir reden, München 2004.
33.
Wie sehr dies in der Tat ein wichtiger Teil des französischen Selbstverständnisses ist – aber eben auch ein klassisches französisches Autostereotyp – wird in konzentrierter Form deutlich in einem kleinen, aber repräsentativen Büchlein: Max Gallo, L’Amour de la France expliqué à mon fils, Paris 1999.
34.
Vgl. beispielsweise: Bernard Nuss, Les enfants de Faust. Les Allemands entre ciel et enfer, Paris 1994; Philippe Delmas, De la prochaine guerre avec l’Allemagne, Paris 1999; Michel Meyer, Le démon est-il allemand?, Paris 2000; Markus C. Kerber, Europa ohne Frankreich. Deutsche Anmerkungen zur französischen Frage, Frankfurt/M. 1999; Wolf Lepenies, Kultur und Politik. Deutsche Geschichten, München 2006 (insb. Kap. 7 "Deutsch-französische Kulturkriege", S. 193–265); Karl Heinz Götze, Süßes Frankreich? Mythen des französischen Alltags, Frankfurt/M. 2010; Bernard de Montferrand/Jean-Louis Thiériot, France–Allemagne. L’heure de vérité, Paris 2011.
35.
Vgl. Helmuth Plessner, Die verspätete Nation: über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, Stuttgart 1959.
36.
Am 18.8.1870 schrieb Ernest Renan an David Friedrich Strauss: "Le grand malheur du monde est que la France ne comprend pas l’Allemagne et que l’Allemagne ne comprend pas la France: ce malentendu ne fera que s’aggraver." ("Es ist ein großes Übel für die Welt, dass Frankreich Deutschland nicht versteht und dass Deutschland Frankreich nicht versteht: Dieses gegenseitige Unverständnis füreinander wird noch größer werden.") E. Renan (Anm. 15), S. 144.
37.
Wolfgang Geiger, Das Frankreichbild im Dritten Reich. Vortrag an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 18.5.2000, online: https://ssl.humanities-online.de/download/fvortrag.html« (22.11.2012).
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