Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen

11.3.2013 | Von:
Björn Opfer-Klinger

1913 als Kriegsjahr: Südosteuropa und die Balkankriege

Ungelöste Fragen

Die verschiedenen Friedensschlüsse im Spätsommer und Herbst 1913 beendeten die Balkankriege offiziell, doch stabil war diese Nachkriegsordnung nicht. Für alle Seiten dauerhaft akzeptable Kompromisse brachte keiner von ihnen zustande. Vielleicht konnten sie das auch gar nicht. Zu groß waren die Veränderungen und zu aufgeheizt die nationalistische Stimmung der Eliten in den jeweiligen Sieger- und Verliererstaaten. So veränderte die territoriale Neuordnung im Herbst 1913 die lokalen Machtverhältnisse nachhaltig: Während das Osmanische Reich rund 85 Prozent seines europäischen Staatsgebietes verloren hatte, konnten Serbien und Griechenland ihr Territorium nahezu verdoppeln, Bulgarien büßte seine Stellung als größter Balkanstaat ein. Mit Albanien war ein neuer instabiler, halbsouveräner Staat entstanden. Kaum eine der neuen Grenzen konnte als gesichert und respektiert gelten, und schon bald wurden wieder pro-bulgarische, albanische und jungtürkische Freischärler aktiv, die Anschläge und Überfälle in den von Griechenland und Serbien neu gewonnenen Gebieten verübten. Viele der infolge der Friedensschlüsse 1913 geschaffenen neuen Konfliktfelder prägten Südosteuropa über Jahrzehnte. Manche Streitfragen wirken bis in die Gegenwart nach.

Zwei herausragende Beispiele dafür stellen die Konflikte um die ägäischen Inseln und Makedonien dar: Im ägäischen Meer kreuzten sich die Interessen der Großmächte und der Anrainerstaaten besonders augenfällig. Für das britische Empire stellten Griechenland und die ägäischen Inseln ein wichtiges Zwischenglied auf der Seeroute nach Indien dar. Gleichzeitig sah das aufstrebende Italien in dieser Region eine Chance, den eigenen Machtbereich auszubauen und somit gegenüber den alten imperialistischen Großmächten aufzuholen. Aus diesem Grund war die italienische Regierung auch nicht bereit, die 1912 besetzten ägäischen Dodekanes-Inseln wieder zu räumen. Tatsächlich sollte die dortige italienische Präsenz erst im Laufe des Zweiten Weltkriegs enden.

Gravierender aber war der griechisch-türkische Gegensatz in der Ägäis-Frage. Für die griechische Nationalbewegung waren die ägäischen Inseln ein integraler Bestandteil der Megali Idea (der Traum eines vereinigten Großgriechenlands). Die jungtürkische Regierung argumentierte dagegen eher aus strategischer Perspektive und verwies darauf, dass die kleinasiatische Küste ohne zumindest die östlichen Inseln militärisch kaum zu verteidigen sei. Die Uneinigkeit der Großmächte wirkte zusätzlich destabilisierend. Erst als die Ägäis-Frage ausgeklammert wurde, kam es am 1. November 1913 zum griechisch-osmanischen Friedensabschluss in Athen. Ein territorialer Kompromiss sollte aber erst nach dem Ersten Weltkrieg und dem blutigen griechisch-türkischen Krieg 1919–1922 im Vertrag von Lausanne 1923 schriftlich fixiert werden. Ruhe kehrte deswegen trotzdem nicht ein. Der Ägäis-Konflikt ist bis in die Gegenwart brisant geblieben, obgleich er sich seit den 1970er Jahren mehr auf die Frage verschob, wie die nationalen Hoheitsgewässer (Sechs-, Zehn-, oder Zwölfmeilenzone) und der Luftraum der Inseln zu definieren seien.

Das wahrscheinlich schwerwiegendste Spannungsfeld war Makedonien. Die pro-bulgarische Rebellenorganisation IMRO, die enge Kontakte in die höchsten politischen und militärischen Kreise Bulgariens pflegte, führte bis in die 1930er Jahre ihren bewaffneten Kampf gegen die griechische, besonders aber gegen die serbische Herrschaft in Makedonien weiter. Sie trug wesentlich dazu bei, dass Makedonien noch für lange Zeit eine unruhige Region im Ausnahmezustand blieb.[8] Aber auch Bulgarien war nach 1913 alles andere als gewillt, seine Ansprüche auf Makedonien aufzugeben. Aus der nationalen Perspektive der bulgarischen Eliten galt die slawisch-makedonische Bevölkerung als unterdrückter, noch zu befreiender Teil des bulgarischen Volkes. Dies trug wesentlich dazu bei, dass Bulgarien noch zwei weitere (erfolglose) Eroberungsversuche unternahm (1915–1918, 1941–1944). Später sollte die Verbreitung eines eigenständigen "slawo-makedonischen" Nationalgefühls in der jugoslawischen Teilrepublik Makedonien den bulgarischen Ansprüchen nach und nach die Grundlage entziehen. Stattdessen trat nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Unabhängigkeit Makedoniens 1991 unter anderem der Namensstreit mit Griechenland in den Vordergrund: Aus Sorge, der makedonische (beziehungsweise heute mazedonische) Staat könnte irgendwann Ansprüche auf Nordgriechenland erheben – also jenen Teil der historischen Region Makedonien, den Griechenland 1913 bei der Aufteilung des osmanischen Erbes erhalten hatte –, war und ist Griechenland nicht bereit, "Republik Makedonien" als Staatsnamen des Nachbarstaates zu akzeptieren. Dieser Konflikt, der ein indirektes Erbe der Ereignisse 1912/1913 darstellt, belastet die Verhandlungen Mazedoniens um die Aufnahme in die NATO und den Beitritt zur Europäischen Union bis heute.

Einordnung der Ereignisse

Im Vergleich mit den bisherigen Großmächten waren die südosteuropäischen Staaten nach den beiden Balkankriegen scheinbar die Sieger, hatten sie doch alle ihr Territorium erheblich ausweiten und ihr Gewicht als eigenständige Akteure in der internationalen Politik aufwerten können. Doch der Preis war hoch und wird im Rückblick meist übersehen. Staaten wir Griechenland oder Serbien konnten zwar ihr Staatsgebiet fast verdoppeln, mussten die neuen Provinzen jedoch mühsam integrieren. Sämtliche Kriegsparteien hatten einen hohen Blutzoll gezahlt. Ihre Staatsverschuldung, vorher schon eine schwere Belastung, war dramatisch in die Höhe geschnellt. Sie waren mit der Versorgung einer immensen Zahl von Flüchtlingen konfrontiert, ebenso mit einer bislang unbekannten Dimension von Invaliden und Hinterbliebenen, die, vom überforderten Staat nicht versorgt, nunmehr zum Stadtbild vieler Orte gehörten und die Gesellschaft mit den Folgen moderner Kriegsführung direkt konfrontierten.[9]

Auch wenn die Totalisierung der Kriegsführung 1912/1913 noch nicht das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der beteiligten Staaten erfasste, boten die Balkankriege doch einen bitteren Vorgeschmack auf Massentod, Massenverstümmelung und das soziale Elend des Ersten Weltkriegs. Und doch, trotz all dieser Probleme, sahen viele Politiker, Militärs und Verfechter nationalistischer Visionen in allen Balkanstaaten ihre Ziele noch nicht erreicht und empfanden daher die Friedensregelungen des Jahres 1913 nur als Zwischenschritt. Nicht ohne Grund deuten Historiker die beiden Balkankriege als erste Phase des Ersten Weltkriegs, der dann, aus südosteuropäischer Perspektive, vielmehr einen "dritten Balkankrieg" darstellte.[10]

Der Verlauf der Balkankriege offenbarte, wie sehr der Einfluss der Großmächte geschrumpft war. Nachdem sie erheblichen Anteil daran genommen hatten, dass die Konflikte auf dem Balkan 1912/1913 in zwei Kriegen eskalierten, waren sie dann nur noch in Teilbereichen in der Lage, die entstandene Eigendynamik unter Kontrolle zu bekommen. Gleichzeitig bestand die Gefahr fort, dass sich der nur scheinbar regionale Konflikt zu einem "großen Krieg" zwischen den Großmächten ausweiten würde. Auch wenn der Balkan 1913 selbst kein "Pulverfass" darstellte, sondern dies nur eine europäische Fremdzuschreibung war, so kam ihm ein Jahr später doch die Rolle einer Zündschnur zu – eine Rolle, die auch eine andere Region hätte einnehmen können. Das Pulverfass war stattdessen das "zivilisierte" und "moderne" Europa selbst.[11]

Während das Jahr 1913 in vielen europäischen Staaten rückblickend häufig als das letzte "normale" Jahr vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs dargestellt und erinnert wird, bedeutete es für einen nicht unwesentlichen Teil des Kontinents – Südosteuropa – bereits eine tief greifende Zäsur. Es besiegelte das Ende einer mehrere Jahrhunderte langen Epoche osmanischer Herrschaft und veränderte den ethnografischen und kulturellen Charakter des Balkans nachhaltig.

Fußnoten

8.
Vgl. Stefan Troebst, Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922–1930. Die "Innere Makedonische Revolutionäre Organisation" in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italiens, Köln 1987; Nada Boškovska, Das jugoslawische Makedonien 1918–1941. Eine Randregion zwischen Repression und Integration, Wien 2009.
9.
Vgl. Wolfgang Höpken, Archaische Gewalt oder Vorboten des "totalen Krieges"? Die Balkankriege in der europäischen Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Ulf Brunnbauer/Andreas Helmedach/Stefan Troebst (Hrsg.), Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa, Festschrift für Holm Sundhaussen, München 2007, S. 254f.
10.
Vgl. Joachim Remake, 1914 – The Third Balkan War: Origins Reconsidered, in: Journal of Modern History, 43 (1971), S. 354–366; Richard C. Hall, The Balkan Wars 1912–1913. Prelude to the First World War, London–New York 2000, S. 131f.; F. Kießling (Anm. 6), S. 3.
11.
So der britische Historiker Misha Glenny. Vgl. Andreas Ernst, Vor 100 Jahren begannen die Balkankriege. Auftakt zur Katastrophe, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3.11.2012, online: http://www.nzz.ch/1.17752603« (29.1.2013).
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