Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).

3.4.2013 | Von:
Patrick A. Kilian

Durchleuchtung ist selektiv: Transparenz und Radiologie

Transparenzverstärker Internet

Schon sehr früh waren sich die Röntgenwissenschaftler bewusst, dass ihre Erfindung auch über den medizinischen Bereich hinaus Anwendung finden könnte, wie eine Textpassage bei Panesch zeigt: "Knochen innerhalb seiner eigenen Hand könne man sehen, das in ein Leder-Portemonnaie eingeschlossene Geld vermöge man mittels der X-Strahlen zu sehen und zu photographieren, ohne das Geldtäschchen zu öffnen."[23] In dieser Veranschaulichung ist bereits jenes Muster angelegt, das sich metaphorisch bis in unsere Gegenwart gehalten hat und in Gestalt der Markttransparenz sowie der Durchleuchtung von Finanztransaktionen, Konten und Kapitalverschiebungen präsent ist. Im Kampf gegen Korruption und schwarze Konten soll Transparenz im übertragenen Sinne Geldtäschchen durchleuchten und verborgene Vorgänge offenlegen. Wenngleich Panesch dies wahrscheinlich noch nicht im Sinn hatte, verweist sein Beispiel dennoch deutlich auf die Übertragbarkeit der Bedeutungsinhalte zwischen Radiologie und Transparenz.

Können uns die Röntgenwissenschaftler helfen, unsere gesellschaftlichen Transparenzdiskurse besser zu verstehen, wenn wir ihre Logik auf das Internet – den "Transparenzverstärker" unserer Gegenwart – übertragen? Politische Transparenz, Open Data, Informationsfreiheit aber auch Datenspionage sowie die Verdrängung des Privaten zugunsten einer gläsernen Netz-Öffentlichkeit sind die damit verbundenen Stichworte. Aber hat das Internet auch die Ambivalenz des Röntgenstrahlers geerbt und vermag Sichtbarkeit nur zum Preis einer gewissen Verdunklung zu produzieren? Ist die metaphorische Durchleuchtung möglicherweise nach der Logik der radiologischen Transparenz strukturiert? Oder sind mit der digitalen Öffentlichkeit alle Informationen nur einen Mausklick entfernt; bilden die Daten ein lückenloses Netz der Überwachung, das keine Dunkelstellen mehr kennt und zu einer Form der totalen – ja panoptischen – Sichtbarkeit übergegangen ist?

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat diese These 2012 in einem Interview scharf zurückgewiesen.[24] Denn obwohl mit dem Internet ursprünglich das Anliegen verbunden gewesen sei, "mehr Transparenz zu ermöglichen", sei es auch der ideale Ort, "Spuren zu verwischen". Er glaube, "dass die Grenze, die das Private vom Öffentlichen trennt, sich verschiebt" – aber eben nicht verschwinde – und auch Netzwerke wie Facebook "kein wirklich öffentlicher Raum" seien, sondern nur neue Arenen der Maskierung: Dadurch, dass die Nutzerinnen und Nutzer bestimmte Dinge zeigten und andere bewusst wegließen, erfänden sie eine "Persona", einen Avatar, der zu ihrem eigenen Doppelgänger werde. Rollenspiel statt Transparenz: "Man kann vorgeben, irgendwer zu sein" und sein Profil für Facebook fiktionalisieren – "das ist das Ambivalente am Netz". Dazu komme "eine Invasion des Privaten im öffentlichen Raum", die paradoxerweise dazu führe, dass "der öffentliche Raum verschwindet" und von einer Flut von intimen Daten – ob nun erfunden oder nicht – verdrängt werde. Auch hier bedingen sich Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit gegenseitig, Privatheit und Öffentlichkeit sind nicht gleichzeitig ausleuchtbar, sondern werfen gegenseitig Schatten und machen sich wechselseitig unsichtbar. An die Stelle des transparenten Bürgers tritt der gläserne Netz-Avatar und umgekehrt. Auch der "Transparenzverstärker" Internet produziert selektive Schattenbilder und generiert eigene Unschärfen und Artefakte.

Neben den sozialen Netzwerken wurde die mediale Diskussion über die Netz-Transparenz vor allem am Beispiel der Enthüllungsplattform Wikileaks geführt. Das 2006 um den australischen Hacker und Aktivisten Julian Assange entstandene Portal hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in großem Stil geheime Regierungsunterlagen zu veröffentlichen. Die uneingeschränkte Informationsfreiheit sollte dabei eine neue Form politischer Transparenz ermöglichen, ja sogar die Demokratie revolutionieren. Doch die Forderung nach Transparenz richtete sich schon bald auch gegen Assange und sein Team selbst.[25] Anonymität und Transparenz scheinen jedoch untrennbare Bestandteile der inneren Logik einer Enthüllungsplattform zu sein. Als Organisation, die "eigentlich gar keine richtige Organisation ist", verfügt Wikileaks über "keine festangestellten Mitarbeiter, keinen Kopierer, keine Schreibtische, kein Büro",[26] und entzieht sich somit den institutionellen Voraussetzungen, auf die sich Transparenz überhaupt anwenden ließe.

Auch hier bestimmt eine Koexistenz von "Einhüllungen und Enthüllungen" die Struktur der Durchleuchtung: Neben der Praxis, "bestimmte Informationen offenzulegen, um andere um so besser verdecken zu können"[27] und damit selbst unsichtbar zu bleiben, produzierte der Medienhype um Wikileaks immer weitere Schatten: Die öffentliche Diskussion um "die Neuigkeiten über Wikileaks drängten den leak selbst schnell in den Hintergrund".[28] Auch die unüberblickbare Menge der veröffentlichten Dokumente macht es unmöglich, "ein konsistentes Bild zu filtern", blendet eher als zu erhellen, "vernebelt" die strukturellen Logiken hinter den Daten und ist damit wenig mehr "als ein grelles Blitzlicht", wie der Soziologe Dirk Baecker zur Veröffentlichung der US-Diplomatenakten bemerkte.[29] Schließlich trug auch die Vergewaltigungsaffäre um Julian Assange dazu bei, einen Skandal durch einen anderen abzulösen und ein bestehendes Transparenzbedürfnis der Öffentlichkeit durch ein neues zu ersetzen, was dazu führte, dass viele der Dokumente, die "nun irgendwo in einem Datengrab schlummern",[30] im Durcheinander der medialen Durchleuchtungen an Schärfe verloren.

Unsichtbare Hände

Es war hier bereits die Rede von Transparenz, von faktischer wie metaphorischer Durchleuchtung, von Handknochen auf Röntgenschirmen, von Körperscannern, gläsernen Bürgern und den Schattenbildern des Internets. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit lagen in allen Fällen eng beisammen. Auch im Bereich der Ökonomie bestimmt Ambivalenz die Logik der Durchleuchtung: Während "Markttransparenz" heute zum Synonym für offene Märkte und offenen Wettbewerb wurde und nach immer mehr Informationen verlangt, ist es ausgerechnet ein Klassiker des Liberalismus, der auf die Bedeutung der Unsichtbarkeit verweist.

In seinem 1776 veröffentlichten Werk "Der Wohlstand der Nationen" prägte der Ökonom Adam Smith die Metapher der "unsichtbaren Hand", die bis heute eine Kernchiffre des Wirtschaftsliberalismus ist. Sie umschreibt die selbstregulativen – nicht durchdringbaren – und deshalb "unsichtbaren" Kräfte des Marktes. Als Bild ruft die "unsichtbare Hand" die verblassten Schatten der Röntgenschirme ins Gedächtnis und stellt der Markttransparenz damit als Gegenpol die Unsichtbarkeit an die Seite. Michel Foucault hat dieses Modell 1979 – auch mit Blick auf seine eigene Gegenwart – in einer Vorlesung am Collège de France mit folgender Bemerkung kommentiert: "Wir befinden uns hier im Zentrum des Prinzips der Unsichtbarkeit. Mit anderen Worten, in dieser berühmten Theorie der unsichtbaren Hand von Adam Smith hebt man gewöhnlich immer die Seite der ‚Hand‘ hervor, d.h. die Tatsache, daß es so etwas wie eine Vorsehung gäbe, die alle verstreuten Fäden zusammenknüpft. Ich glaube jedoch, daß das andere Element, nämlich das der Unsichtbarkeit, wenigstens genauso wichtig ist. (…) Die Unsichtbarkeit ist absolut unverzichtbar."[31] Anders als im panoptischen Kontroll- und Überwachungsstaat habe Sichtbarkeit – und damit auch die Transparenz – im Zeitalter des Liberalismus Grenzen und bewirke dadurch die "Ablehnung jenes Polizeistaats",[32] der alles ausleuchten will. Sie hat die relative Undurchleuchtbarkeit der Dinge zum Bestandteil des eigenen Systems gemacht und ist eben auch ein Garant für Unsichtbarkeit. Für die liberale Gesellschaft kann Transparenz demnach nur "eine Art Risikomanagement" sein, die ihre eigenen Schatten akzeptiert, und die "Freiheit der Individuen respektieren" muss.[33] Mit totaler Ausleuchtung scheint sie unvereinbar.

Um nicht falsch verstanden zu werden: In vielen Bereichen ist die gewachsene Transparenz eine große Errungenschaft, und Organisationen wie Transparency International leisten eine wichtige Arbeit, allerdings können Aufklärung wie "Ausleuchtung" nie alles durchdringen. Wenn wir Transparenz also schon nach der metaphorischen Logik der Durchleuchtung denken wollen, so sollten wir dies auch mit allen Konsequenzen tun. Wir sollten uns von dem Wunschtraum der vollständigen Offenheit der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie von dem Albtraum einer allmächtigen Kontrollgesellschaft verabschieden und Transparenz als eine Form des selektiven Sehens begreifen. Die Radiologie scheint hierfür ein geeignetes Modell zu sein und verweist mit ihren Bildern und Schatten darauf, dass Transparenz und Privatheit nicht nur miteinander vereinbar, sondern untrennbare Elemente einer gemeinsamen Ordnung sind. Immer dort, wo Transparenz aber in eine totale Sichtbarmachung umzuschlagen droht und sich damit von ihren Wurzeln verabschiedet, gilt es, dies mit aller Aufmerksamkeit zu beobachten. Allerdings scheint "Transparenz" dann nicht der richtige Begriff zu sein, um solche Entwicklungen zu benennen.

Fußnoten

23.
K.G. Panesch (Anm. 17), S. 1.
24.
Vgl. Slavoj Žižek: Das Internet als Kampfplatz, in: Der Standard vom 28.9.2012, online: http://www.derstandard.at/1348284192381« (4.3.2013). Alle folgenden Zitate ebd.
25.
Vgl. Thomas Thiel, Diese Dokumente bergen Sprengstoff, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6.3.2008, S. 42, online: http://www.faz.net/-1515730.html« (4.3.2013).
26.
Raffi Khatchadourian, Keine Geheimnisse. Julian Assanges Mission der totalen Transparenz, Porträt eines Getriebenen, in: Heinrich Geiselberger (Hrsg.), Wikileaks und die Folgen. Die Hintergründe. Die Konsequenzen, Frankfurt/M. 2011, S. 11–46, hier: S. 12.
27.
Dirk Baecker, Falscher Alarm, in: H. Geiselberger (Anm. 26), S. 224–233, hier: S. 224.
28.
R. Khatchadourian (Anm. 26), S. 38.
29.
D. Baecker (Anm. 27), S. 224f.
30.
Karsten Polke-Majewski, Was von Wikileaks übrig bleibt, 11.2.2011, http://www.zeit.de/digital/internet/2011-02/inside-wikileaks-domscheit-berg« (4.3.2013).
31.
Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978–1979, Frankfurt/M. 2006, S. 384.
32.
Ebd., S. 390.
33.
P. Sarasin (Anm. 2), S. 35.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Patrick A. Kilian für bpb.de

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