Dossierbild Transparenz und Privatsphäre: Eine geschlossene Tür in einer Wand, auf der großflächig ein Binärcode abgebildet ist (Einsen und Nullen).

3.4.2013 | Von:
Sarah Mönkeberg

Das Web als Spiegel und Bühne: Selbstdarstellung im Internet

Erzählen vor Publikum: Web 2.0

Auffällig ist zunächst, dass die klassische Psychoanalyse heute von immer mehr gruppentherapeutischen Einrichtungen abgelöst wird.[12] Anstatt nach der Wahrheit der Identität im Inneren der Person zu suchen, "steht der gruppentherapeutische Raum im Dienst interaktionsbasierter Selbstdarstellungen, Erfahrungen und sozialer Lernprozesse".[13] Die oder der Einzelne wird nicht mehr nur mit der Anwesenheit des Therapeuten konfrontiert, sondern steht in einer Interaktionssituation, die dem "realen Leben" im Grunde in nichts nachsteht. Es sind "wirkliche Menschen ‚im Spiel‘, die ihre ‚Menschlichkeit‘ im (…) Verhältnis zu anderen ‚Menschen‘ (…) unter Beweis stellen und damit zugleich nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Intimität herstellen".[14] Die Arbeit an der Identität wird öffentlicher, sie erhält ein Publikum. Diese Tendenz lässt sich auch im Internet, genauer im Web 2.0 finden.

Das Web 2.0 beziehungsweise Social Web basiert auf dem Prinzip der Nutzerpartizipation und ist von daher kein Massenmedium im klassischen Sinne. Denn jene zeichnen sich dadurch aus, dass "keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann".[15] Für den Medienwissenschaftler Stefan Münker ist das Web 2.0 deshalb eher Medium der Massen und der immer offensichtlicher werdende Triumph des Netzes gegenüber den klassischen Massenmedien ein Phänomen soziokulturellen Wandels.[16] Der Konsument der klassischen Massenmedien wird im Social Web zum "Prosumer im Sinne produzierender Konsumentinnen und Konsumenten".[17] Die Netzwelten werden so wesentlich durch die medialen Praktiken der Teilnehmenden aufgespannt, die aktiv an den Medienproduktionsprozessen beteiligt sind.[18]

Und ebendiese Beteiligung läuft über diverse Darstellungspraktiken ab: Mit der "Mobilmachung des ‚Empfängers‘"[19] wird das Broadcasting "im eigentlichen Sinne – dass nämlich ein zentraler Sender allen Empfängern in einem Augenblick ein Programm anbietet",[20] exemplarisch durch den von Youtube propagierten Slogan "broadcast yourself" abgelöst.[21] Dort können Nutzerinnen und Nutzer kontinuierlich ihre Vorlieben und Meinungen visualisieren. Zudem findet man mittlerweile zahlreiche Online-Tagebücher, etwa in Form des Bloggings, und es werden Web- oder Digi-Cams in eigentlich privaten Räumen installiert und dann Bilder ins Netz übertragen, "auf denen z.B. der Akteur am Schreibtisch sitzt und am Computer arbeitet".[22] In der Regel geht es um alltägliche Belanglosigkeiten: "Man wohnt einer Handvoll Studierender visuell beim Kochen und Essen bei – mehr passiert (…) nicht."[23] Daneben stehen Kommunikationsabläufe auf Facebook, die vielleicht damit beginnen, dass jemand die Strapazen der letzten Nacht beschreibt und dafür Meinungen oder Ratschläge, Zuspruch oder Ablehnung erntet, die wiederum kommentiert werden können. In Form von Feedbackprozessen bildet "überall seinen Senf dazu geben zu können" also das wesentliche Material, das der sozialen Netzwelt den Fortbestand sichert.

Gleichzeitig helfen diese Feedbackprozesse und das Schauen am Verhalten der Anderen beim Aufbau und Erhalt einer eigenen Identität. Nicht nur, weil im Netz beides möglich ist, nämlich ich Ich sein kann, es aber nicht sein muss, sodass sich Identitätsentwürfe testen und abgleichen lassen. Bereits derjenige, der (auch unbedacht) gewissen Gruppen beitritt oder auf seine kulturellen oder sonstigen Vorlieben verweist, erhält dafür Rückmeldung und Vergemeinschaftung – Identität – plus einen Bonus an durchschnittlichen Richtwerten für das, was "total" oder "voll" oder auch nur "ganz normal" und damit wertvoll ist. Die Medienforscherin Angela Tillmann betont, dass auch eine kontinuierliche Arbeit an einer eigenen Homepage dabei helfen kann, sich selbst zu erfassen. Die Bewegung in Foren und Clubs sowie die Gestaltung eigener Internetseiten ermöglichen in dieser Hinsicht Selbstdarstellungen, gegenseitige soziale Unterstützung, Orientierungsmaßstäbe und Herstellung von Zugehörigkeiten.[24]

Wenn sich das Web 2.0 als ein Ort der Selbstthematisierung auffassen lässt, was bedingt dann die Orientierung an den "gewöhnlichen" Anderen? Was nimmt unseren Biografisierungen ihren exklusiven Charakter? Denn genau diese Loslösung der Selbstthematisierung vom Geheimnis und Privaten, als Veröffentlichung des eigentlich privaten Selbst, scheint es ja zu sein, die den gewissenhaften Beobachter aufhorchen lässt.

Fußnoten

12.
Vgl. ebd.; Robert Castel, Die flüchtigen Therapien, in: Hans-Georg Brose/Bruno Hildebrand (Hrsg.), Vom Ende des Individualismus zur Individualität ohne Ende, Opladen 1987, S. 153–160.
13.
H. Willems/S. Pranz (Anm. 11), S. 199.
14.
Ebd., S. 200.
15.
Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden 2009 (1995), S. 10.
16.
Vgl. Stefan Münker, Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt/M. 2009, S. 19, S. 47f.
17.
Ramon Reichert, Das narrative Selbst. Erzählökonomie im Web 2.0, in: Yvonne Gächter et al. (Hrsg.), Erzählen – Medientheoretische Reflexionen im Zeitalter der Digitalisierung, Innsbruck 2008, S. 218.
18.
Vgl. Marc Wagenbach, Digitaler Alltag, München 2012, S. 43.
19.
Norbert Bolz, Die Sinngesellschaft, Berlin, 2012, S. 147.
20.
Ebd.
21.
In Anlehnung an R. Reichert (Anm. 17).
22.
Klaus Neumann-Braun, Internet-Kameras/Web-Cams – die digitale Veröffentlichung des Privaten, in: Kornelia Hahn (Hrsg.), Öffentlichkeit und Offenbarung. Eine interdisziplinäre Mediendiskussion, Konstanz 2002, S. 177.
23.
Ebd.
24.
Vgl. Angela Tillmann, Doing Identity: Selbsterzählung und Selbstinszenierung in virtuellen Räumen, in: dies./Ralf Vollbrecht (Hrsg.), Abenteuer Cyberspace. Jugendliche in virtuellen Welten, Frankfurt/M. u.a. 2006, S. 33–50.
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[1 Kommentar Letzter Kommentar vom 06.05.2013 19:29]

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