Flagge von Kroatien

16.4.2013 | Von:
Ljiljana Radonic

Erinnerungskultur und -politik in Kroatien

Nach der Tuđman-Ära

Im Jahr 2000 brachte der Wahlsieg der von den Sozialdemokraten angeführten Koalition eine Demokratisierung des autoritär-präsidialen Systems mit sich: Die Befugnisse des Präsidenten wurden nach dem Tod Tuđmans beschnitten und die Medienlandschaft liberalisiert. Der neue Präsident, Stjepan Mesić, verstand sich in bewusstem Gegensatz zu Tuđman nicht als "Präsident aller Kroaten und Kroatinnen weltweit", sondern als "Präsident aller Bürger Kroatiens", und meinte damit explizit auch Serben und andere Bevölkerungsgruppen. Obwohl er bis 1994 selbst der Tuđman-Partei, der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) angehört hatte, machte sich Mesić als erster führender Politiker für das Erbe des Antifaschismus stark. Auch der sozialdemokratische Premier Ivica Račan brach weitestgehend mit dem Geschichtsrevisionismus der Tuđman-Ära. Die symbolträchtigste "Rücknahme" der vergangenheitspolitischen Akte des Vorgänger-Regimes war die Rück-Umbenennung des "Platzes der Opfer des Faschismus", der im Jahr 2000 seinen früheren Namen zurückerhielt, womit den Protesten auf den jährlichen Kundgebungen gegen diesen erinnerungspolitischen Schritt von 1990 Folge geleistet wurde.

Die neue Regierung, meist ehemalige kommunistische Funktionäre, verurteilte die Ustascha-Verbrechen jedoch nicht mit voller Schärfe, wohl um sich nicht zu sehr als "Jugo-Kommunisten", wie sie in der rechtsgerichteten Presse bezeichnet wurden, angreifbar zu machen. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, als auf den Gedenkveranstaltungen in Jasenovac nur Vertreter verschiedener nationaler, religiöser und politischer Vereinigungen gesprochen hatten, sprach 2002 mit Račan erstmals ein amtierender Premierminister in der KZ-Gedenkstätte. Allerdings schreckte er davor zurück, klar zu formulieren, wer die Verbrechen im USK begangen hatte. Er sprach vielmehr allgemein von "dem Bösen"[8], das sich in Jasenovac ereignet hätte. Die ambivalente Haltung der Račan-Ära zeigte sich vor allem in Bleiburg, wo erneut Regierungsvertreter vom Ort des "kroatischen Holocaust"[9] sprachen, während weiterhin alljährlich unzählige Ustascha-Symbole präsent waren.

Präsident Mesić drückte hingegen 2003 in Jasenovac sein Bedauern über alle im Namen des kroatischen Staates ermordeten Opfer aus, verurteilte den Gedanken der "gesamtkroatischen Versöhnung"[10] als Geschichtsfälschung und betonte, dass keine noch so große Idee eine Politik der Ermordung Unschuldiger rechtfertige. Er bezog sich dabei nicht nur auf die Verbrechen im Jasenovac-Todeslager, sondern auch auf jene aus dem Krieg in den 1990er Jahren. In Bezug auf die Frage, ob er vorhabe, Bleiburg zu besuchen, sagte er: "Wir vergleichen Bleiburg und Jasenovac nicht. Kein Opfer aus Jasenovac ist schuld an einem Toten in den Gräben und in Bleiburg, aber viele in Bleiburg waren für jemandes Tod verantwortlich. Sie sind Opfer, aber wir können nicht sagen, dass sie unschuldig sind. Man hätte sie nicht töten und quälen dürfen, aber man hätte sie vor Gericht stellen sollen."[11]

In Richtung Europa

2003 gewann wieder die HDZ die Wahlen in Kroatien. Im Gegensatz zu den engen Grenzen des öffentlich Sagbaren in den 1990er Jahren standen sich nun also mit dem Präsidenten und dem Premier starke Kontrahenten links und rechts der politischen Mitte gegenüber, wodurch konkurrierende politische Ansichten, auch in Bezug auf die Vergangenheit, im öffentlichen Diskurs zum Alltag wurden. Premier Ivo Sanader verfolgte einen europaorientierten Kurs,[12] was sich auch auf den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg auswirkte: 2005 trat Kroatien der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research bei. Sanaders Regierung entfernte die Denkmäler für zwei Ustascha-Größen, Mile Budak und Jure Francetić, und benannte jene 17 Straßen um, die nach dem USK-Bildungs- und Kulturminister Mile Budak mit der Begründung benannt worden waren, nur sein dichterisches Talent würdigen zu wollen. 2004 brach Sanader als erster HDZ-Spitzenpolitiker mit der Tradition, in Jasenovac neben den dort ermordeten Opfern auch jene von Bleiburg zu erwähnen. Er betonte ausdrücklich, dass "das Ustascha-Regime" für die Verbrechen verantwortlich war.[13]

2005 stellte Sanader bei der Gedenkveranstaltung in Jasenovac aber auch seine Kompatibilität mit jenen problematischen europäischen Erinnerungsstandards unter Beweis, die den Begriff Holocaust zusehends als moralische Kategorie definieren, mit der auch andere Massenmorde bezeichnet werden. Er führte aus, dass auch "der Heimatländische Krieg (1991–1995) ein Kampf gegen eine Art von Faschismus war".[14] Ähnlich argumentierte er bei seinem Besuch in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im selben Jahr, als er das "kroatische Leiden" mit dem Holocaust gleichsetzte: "Wir waren Opfer eines solchen furchtbaren Wahnsinns, wie es der Nationalsozialismus und der Faschismus waren, und niemand weiß besser als Kroatien und die Bürger Kroatiens, was es bedeutet, Aggression und Verbrechen erdulden zu müssen."[15] Der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg entsprach im Zuge der EU-Integration immer stärker westlichen Standards, doch die Aufarbeitung des Krieges der 1990er Jahre blieb schwierig. Die Feindbilder aus dem Zweiten Weltkrieg wurden reaktiviert, "die Serben" implizit als die "neuen Faschisten" vorgestellt.

Der Umgang mit den Serbinnen und Serben erwies sich auch bei der 2006 in der Gedenkstätte Jasenovac neu eröffneten Ausstellung als weitaus schwieriger als jener mit den Jüdinnen und Juden. Ästhetisch wies sie Ähnlichkeiten mit internationalen Holocaust-Gedenkmuseen auf, etwa dem 2004 eröffneten Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest. Auch findet sich neben einem antisemitischen Ustascha-Plakat ein Versuch Hintergründe des Antisemitismus zu erklären, während Serbenhass nicht weiter erörtert wird. Die Direktorin verteidigte die Ausstellung für gewöhnlich mit dem Argument, dass sie von internationalen Holocaust-Experten gutgeheißen wurde, doch die Spezifik des Lagers geht in dieser Orientierung an internationalen Standards teilweise verloren: Die Ustascha mordeten auf eigenem Landesterritorium ohne Beteiligung von Nazis und mehr als die Hälfte der Opfer waren Serben. Obwohl das erste Foto in der Ausstellung den Ustascha-Führer Pavelić bei einem Treffen mit Hitler zeigt, bei dem dieser ihm seine "volle Unterstützung für die genozidale Serbenpolitik" zugesichert habe, lässt sich der Ustascha-Massenmord an den Serben nicht so einfach in den Kontext der NS-Vernichtungspolitik stellen und damit implizit auch die Verantwortung.

Die Ausstellung konzentriert sich auf die individuellen Opfer, anstatt Bilder von anonymen Leichenbergen zu zeigen, stehen die Namen und Schicksale der Opfer im Fokus: "Sogar durchdringender als das Holocaust Memorial Museum in Washington und das Anne Frank Haus in den Niederlanden entschied sich die Direktorin der Gedenkstätte Jasenovac, die Kunsthistorikerin Nataša Jovičić, dazu, die gesamte neue Museumsausstellung (in Vorbereitung) den Opfern zu widmen. (…) Ustascha-Dolche, Messer, Hämmer und Symbole des USK werden deshalb in der neuen Ausstellung in den Depots bleiben, zugänglich nur für Forscher, ebenso wie Bilder von Massenmord und Leichen nur auf den Computern in der Ausstellung zu sehen sein werden. Die gesamte Ausstellung wird individualisiert sein, den Getöteten und Überlebenden gewidmet, die mit vollem Vor- und Nachnamen genannt werden."[16] Der Fokus auf individuelle Opferschicksale ist zweifelsohne ein Trend, doch weder hier noch an einer anderen Stelle in der Debatte reflektiert die Museumsdirektorin (oder jemand aus ihrem Team) die Tatsache, dass die Aufgaben eines Museums auf einem KZ-Gelände sich von jenen eines Gedenkmuseums in den USA, in Israel oder dem Versteck einer später deportierten Familie (wie im Falle des Anne Frank Hauses in den Niederlanden) wesentlich unterscheiden. Die Konzeption wurde rund um die Eröffnung als ein Versuch des Versteckens des Ustascha-Genozids an den Serben kritisiert, bei dem die Täterinnen und Täter, also die Ustascha, und ihre Ideologie nicht ausreichend thematisiert würden, ebenso wenig wie die Frage, welcher Nation oder Ethnie die Ermordeten angehörten oder wie und womit gemordet würde. Im Zuge der Debatte wurde ein Schaukasten mit vier brachialen Tötungswerkzeugen in der Konzeption ergänzt, denn im Gegensatz zu der "industriellen Vernichtung" in Auschwitz und anderen NS-Todeslagern muss man in Bezug auf Jasenovac von einer "Manufaktur des Todes" sprechen. Auch wurden der Namensliste der Opfer Nationalitätenangaben, Alter und Geburtsort hinzugefügt, um klarzustellen, dass dort nicht etwa "nur" Widerstandskämpfer ermordet worden waren, wie das in den 1990ern ständig behauptet wurde, sondern auch aus rassistischen Gründen verfolgte Greise und Kinder.

Dennoch wird der Lageralltag ebenso wenig beleuchtet wie die komplizierte Entwicklung und die wechselnden Lokalitäten des KZ. Positiv zu bewerten ist die namentliche Erfassung der Opfer, die der Jahrzehnte andauernden Manipulationen der Opferzahlen die Grundlage entzieht, sowie die Tatsache, dass ebendiese Instrumentalisierung der Opferzahlen in beide Richtungen in der Ausstellung explizit angesprochen wird.

Wenn sich die offizielle kroatische Erinnerungspolitik im Zuge des EU-Beitrittes auch deutlich an europäischen und westlichen Standards ausrichtet, so ist in den 1990er Jahren eine ganze Generation mit der Verklärung des Ustascha-Staates aufgewachsen. Der Sänger Thompson erfreut sich auch in den vergangenen Jahren ungebrochener Beliebtheit. 2007 übertrug das staatliche kroatische Fernsehen HTV das von 60.000 Fans, unter anderem vom damaligen Unterrichtsminister, besuchte Konzert in einem Zagreber Stadion – auf Kosten der Steuerzahler, wie Kritiker monierten. Während Thompson nach zahlreichen Protesten in der Schweiz ein dreijähriges Auftrittsverbot erhielt, engagierte ihn 2009 der sozialdemokratische Zagreber Bürgermeister für ein Konzert auf dem Hauptplatz von Zagreb am Vorabend der Wahl – und wurde wiedergewählt.

Ende 2011 wurde die HDZ zum zweiten Mal abgewählt, nachdem sie zwischen 1990 und 2011 mit einer nur dreijährigen Unterbrechung die Geschicke des Landes bestimmt hatte. Der neuen sozialdemokratisch geführten "Kukuriku-Koalition" ("Kukuriku" heißt der Ruf des Hahns auf Kroatisch; der Name geht auf das Lokal zurück, in dem sich die Politiker das erste Mal trafen) gehört unter anderen auch Vesna Pusić, die Chefverhandlerin des kroatischen EU-Beitritts an, die als eine der ersten zivilgesellschaftlichen Stimmen in den 1990er Jahren lautstark den Revisionismus der Tuđman-Ära kritisierte. Auch wenn der kroatische EU-Beitritt nun unmittelbar bevorsteht, sollte das ungarische Beispiel – die zunehmend völkisch-nationalistische Orientierung und die Beinahe-Abschaffung der Gewaltenteilung durch Premier Viktor Orbán – als Warnung davor dienen, dass eine EU-Mitgliedschaft keinesfalls vor Rückfällen in nationalistisch-autoritäre politische Systeme schützt. Demonstrationen mit über 20.000 Teilnehmern in der 1991 weitgehend zerstörten Stadt Vukovar gegen die Wiedereinführung der kyrillischen Schrift als zweite Amtsschrift in Orten mit mehr als einem Drittel serbischer Bevölkerung im Februar 2013 zeigen, wie stark die Tagespolitik nach wie vor mit der Vergangenheit verbunden ist: "Das ist nicht das, wofür wir gekämpft haben und gestorben sind",[17] meinte etwa der Präsident einer Vereinigung der "Verteidiger Vukovars".

Fußnoten

8.
Zit. nach: Novi list vom 20.4.2002.
9.
Zit. nach: Vjesnik vom 14.5.2001.
10.
Zit. nach: ebd. vom 12.5.2003.
11.
Zit. nach: Novi list vom 23.4.2005.
12.
Siehe auch den Beitrag von Siniša Kušić in dieser Ausgabe (Anm. der Red.).
13.
Zit. nach: Vijesnik vom 22.4.2005.
14.
Zit. nach: ebd. vom 25.4.2005.
15.
Zit. nach: ebd. vom 29.6.2005.
16.
Ebd. vom 7.3.2004.
17.
Novi protest u Vukovaru zbog ćirilice, vom 2.2.2013, http://www.atvbl.com/novi-protest-u-vukovaru-zbog-cirilice/« (3.4.2013).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ljiljana Radonic für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.