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Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Gunter Gebauer

Vom "Proletensport" zum "Kulturgut" - Essay

Gesellschaftliche und fußballerische Modernisierungen

Ein Spiel ist nur dann fähig, ein Land zu repräsentieren, wenn es von allen sozialen Schichten akzeptiert wird. Wenn die dominierenden Schichten es nicht annehmen, gilt es als eine mehr oder weniger primitive Körperpraxis. Zum "offiziellen" Kulturgut wird es erst durch die Akzeptanz der Eliten.

Wesentliche Schritte in diese Richtung fielen in die allgemeine Aufbruchszeit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt ab 1969, als junge, außerordentlich erfolgreiche Mannschaften auf den Plan traten. Die grundlegende Modernisierung hatte bereits 1963 mit der Gründung der Bundesliga begonnen, welche den bundesdeutschen Fußball international wettbewerbsfähig machen sollte. Einige Clubs waren sogleich in der Lage, ihre traditionelle Organisation als Sportverein in Unternehmensstrukturen zu überführen. Es waren zunächst die bürgerlichen Vereine wie der 1. FC Köln, der erste Bundesliga-Meister, und seine Nachfolger Werder Bremen und Eintracht Braunschweig, die mit Mannschaften ohne Starallüren den modernsten Fußball in Deutschland spielten. Diese Vereine hatten am besten begriffen, dass das Prinzip des professionellen Fußballs die Transformation eines von der Erinnerung produzierten Werts in einen ökonomischen ist. Daher ist es auch geschäftlich nicht unvernünftig, wenn vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ständig die alten Werte beschworen werden; dies ist Teil des Spiels. Es ist allerdings falsch, zu meinen, traditionelle Werte und moderne Geldwirtschaft könnten unabhängig nebeneinander koexistieren. Dadurch, dass die Fähigkeiten der Spieler einen Preis haben, wird nicht notwendig der sportliche Wert des Spiels zerstört, sondern im Gegenteil stimuliert das zirkulierende Kapital sowohl die Athleten als auch die Erinnerung der Liebhaber und treibt diese bei steigenden Preisen auf Hochtouren. Wertvoll im ökonomischen Sinne ist daran das Außergewöhnliche, das Große, das man im Fußball immer wieder zu sehen wünscht.

Eine Gesellschaft wie die deutsche will in ihrem Lieblingsspiel die Spielweisen, die ihr vertraut sind, wiedererkennen. Sie will die Vorstellungen, die sie sich von ihren Tugenden macht, auf dem Rasen gegen die internationale Konkurrenz aufgeführt sehen. Von einer deutschen Nationalmannschaft werden Disziplin, Fleiß, mannschaftsdienliches Spiel, "männliche" Härte und Kampf erwartet – sowie der Wille, nie aufzugeben. An der Beharrlichkeit dieser Zuschreibungen ist zu erkennen, dass sie nicht beliebig sind, sondern eine Fundierung in der Wahrnehmung des eigenen Handelns haben. Ein Erfolg im Fußball wird als Beweis dafür angesehen, dass die nationale Mythologie der "deutschen Mannschaft" lebt und den aktuellen Zustand der Nation trifft. Dieses Interesse, in dem Handlungsstile, Werte, Mythen und Gefühle zusammenfließen, bildet die engste Verbindung zwischen Fußball und Politik.

Kurz nach der Einführung der Bundesliga trat in Deutschland eine Verjüngung in allen wichtigen politischen Funktionen ein: zuerst durch die Versetzung des alten Personals in den Ruhestand, dann 1966 mit dem Eintritt der Sozialdemokraten in die politische Führung des Landes (durch Bildung der ersten Großen Koalition). Weniger sichtbar, aber nicht minder wirkungsvoll war die Verjüngung des Lehrkörpers an Schulen, Universitäten und in den Medien. Wichtige Häuser der Kultur, insbesondere Theater und Kunsthallen, kamen in die Hände junger "Macher". Mit den angloamerikanischen Einflüssen wurden die Pop Art und das Happening nach Deutschland geholt; nach französischem Vorbild entstand der Autorenfilm. Innovation und Traditionsbruch waren die Mittel, um an die Spitze der Kultur zu gelangen – zur Avantgarde zu gehören, wurde ein erstrebenswertes kulturelles Ziel.

Durch die Suche nach Erneuerung wurde auch das Ansehen des Fußballs deutlich gehoben. Während die "hohe Kunst" ihr Prestige durch feiertägliche Leibferne gewonnen hatte, suchten viele der neuen Strömungen die Nähe zur Arbeitswelt, zum Alltag, zu lebensnahen Situationen. Den Kern des Neuen kann man in der Rückschau in der Suche nach Erfahrung und Körperlichkeit erkennen. Fußball avancierte so zu einem Objekt von Kunst. Den Anfang machte 1968 der Schriftsteller Peter Handke mit einem Gedicht, das aus nichts anderem bestand als der Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg, die auf einer Seite der elitären "Edition Suhrkamp" erschien, grafisch angeordnet wie im Sportmagazin "Kicker" und dadurch aussah wie ein Stück Konkreter Lyrik. Fußball wurde zu einem Lieblingsobjekt junger Künstler, Intellektueller und Wissenschaftler. Gemeinschaft wurde nicht mehr mit Gemeinheit assoziiert, und auf Seiten der Fußballer gab es mehrere, die gern den Künstler gaben (Paul Breitner vor Mao-Poster, Günter Netzer in der Pose eines Dandys) oder die Nähe der etablierten Kunst suchten (Franz Beckenbauer in Bayreuth).

In diese Phase der deutschen Runderneuerung fiel die erste große Zeit der Bundesliga; sie wurde geprägt durch Bayern München und Borussia Mönchengladbach, die kurz zuvor in die höchste Spielklasse aufgestiegen waren. Beide Mannschaften boten zweifellos den intelligentesten Fußball, der bis dahin in Deutschland gezeigt worden war. Sie spielten ihren herausfordernden Fußball zudem in der Überzeugung, auch international zu den Besten zu gehören. Ein solches Selbstbewusstsein der jungen Generation hatte es vorher nicht gegeben. Das neue Spiel- und Selbstverständnis begann den gesamten Bundesliga-Fußball zu verändern – er wurde ästhetisch.

Der Gladbacher Trainer Hennes Weißweiler hatte seine Mannschaft aus dem Nachwuchs des Vereins gebildet; er lehrte sie eine Mischung aus Kreativität, Mannschaftsspiel und Disziplin, die insbesondere vom Mittelfeld-Regisseur Günter Netzer, unterstützt vom "Laufwunder" Herbert Wimmer, in ein mitreißendes Spiel umgesetzt wurde. Bayerns Spielanlage war anders: Die Mannschaft war stärker in der Abwehr; der Libero Franz Beckenbauer, von dem man öffentlich sagen durfte, dass er genial spielte, war von Mitspielern umgeben, die es ihm erlaubten, seine Stärken voll zur Geltung zu bringen. Und mit Gerd Müller trat das für Deutschland neue Phänomen auf, dass es einen Mittelstürmer gab, der immer, wenn es darauf ankam, ein Tor schoss. Die Mannschaft der Bayern war ideal geeignet, die neuen Entwicklungen in der Bundesrepublik zu repräsentieren: Sie spielte erfolgsbezogen und inspiriert, zugleich höchst verlässlich.

Die erste Glanzzeit der Bundesliga endete mit dem Gewinn des zweiten Weltmeistertitels 1974. In den Jahren danach wurde allmählich erkennbar, dass viele erfolgreiche Fußballer die Mentalität von erfolgreichen Geschäftsleuten übernahmen. Hier zeigte sich, welcher Preis für die Verbürgerlichung des Fußballs zu entrichten war: Einsatz und möglicher Gewinn wurden stärker gegeneinander abgewogen, die Sicherung des eigenen Vermögens erhielt größeren Stellenwert. Diese Tendenz wurde zuerst sichtbar bei den Bayern: Der Verzicht auf Risiko und das endgültige Ablegen jugendlicher Attitüden brachten dem Verein zwar größte Erfolge – er gewann ab 1974 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister –, aber die Art und Weise, wie diese errungen wurden, ließen die Begeisterung früherer Tage vermissen.

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