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Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Gunter Gebauer

Vom "Proletensport" zum "Kulturgut" - Essay

Krise, schwierige Modernisierung und neue Impulse

Gegen Ende der 1970er Jahre versuchte die Bundesliga auf die defensiver gewordenen Spielstile mit neuen Attraktionen zu reagieren. Der damalige Präsident des Hamburger SV, der Marketing-Fachmann Peter Krohn, gab die Richtung vor: die Transformation des Fußballs in eine Show. Trotz der grotesken Züge, die seine Ideen bisweilen trugen, hatte er etwas Wichtiges erkannt: dass es auf einen Professionalisierungsschub ankam, auf die systematische Bearbeitung der Öffentlichkeit, die Veränderung der Präsentation des Sports, die Erzeugung eines Unterhaltungswerts über das Fußballerische hinaus. Der HSV wurde zur stärksten Mannschaft der Liga und gewann 1983 den Europacup der Landesmeister. Auch andere Vereine hatten es verstanden, Wirtschaftlichkeit, Unterhaltung und fußballerisches Können miteinander zu verbinden; die zweite erfolgreiche Mannschaft dieser Zeit war wiederum Bayern München. Ähnlich wie in Hamburg schufen die Münchner eine moderne Managementstruktur und einen neuen, hochtechnischen und rationalen Fußballstil. Im Unterschied zum HSV, der mit ausländischen Trainern und Spielern arbeitete, setzten die Bayern jedoch auf deutsche Spitzenfußballer, die sie aus dem Ausland zurückholten; im Zeitraum von 1980 bis 1990 errang der FCB siebenmal die deutsche Meisterschaft.

Auch ab 1990 verliefen die Spielzeiten nach einem wenig variablen Schema: Favorit waren die Bayern, und der jeweilige Herausforderer versuchte, ihnen den sicher geglaubten Titel abzujagen – manchmal mit Erfolg, wie vereinzelte Meistertitel von Werder Bremen, dem 1. FC Kaiserslautern oder dem VfB Stuttgart zeigen. Bayerns erfolgreichster Gegenspieler war Borussia Dortmund, das 1995 und 1996 Meister wurde; 1997 gelang den Westfalen gar der Gewinn der Champions League. Unter dem Trainer Ottmar Hitzfeld, den die Bayern von Dortmund abgeworben hatten, konnten 2001 auch die Bayern diesen Titel gewinnen. Langfristig erwiesen sich der Markenname der Bayern, der geschickt kommerzialisiert wurde, und ihre solide Finanzpolitik als außerordentlich einträglich.

Trotz einiger Erfolge verlor der deutsche Fußball gegen Ende der 1990er Jahre seine Spitzenstellung in Europa. Ein wichtiger Grund für diesen Bedeutungsverlust war der im Vergleich zu ausländischen Ligen geringere Grad der Professionalisierung der Verbands- und Vereinsführungen, die Rückständigkeit der Trainingsmethoden und die Vernachlässigung der Nachwuchsarbeit. Anders als beispielsweise in der englischen Liga wurden weder von den Bundes- noch von den Vereinstrainern wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Trainings- und Bewegungsforschung aufgenommen. Es gab Bestrebungen, die Kinder- und Jugendsportschulen, das Erfolgsmodell der untergegangenen DDR, fortzuführen, was aber nicht effizient gelang. Kinder aus Migrantenfamilien spielten zwar guten Fußball, wurden aber weder von Vereinen noch vom DFB ausreichend umworben. Die gängige Strategie der Bundesligavereine war es, "fertige" Spieler aus dem Ausland einzukaufen; da sie aber an ökonomischer Kraft mit den Clubs aus England, Spanien und Italien nicht mithalten konnten, gehörten diese nicht zu den Besten. Die wichtigsten Konkurrenten im europäischen Fußball hatten den grundlegenden Wandel, dem die europäischen Gesellschaften seit den 1970er Jahren unterworfen waren, mitvollzogen: Sie hatten die nationalistischen Leitplanken aus dem Feld des Sports herausgerissen und sich unter den Gesichtspunkten sportlicher Erfordernisse neu organisiert. Doch so, wie Menschen fremder Herkunft an der deutschen Ausländerbehörde scheiterten, wurden auch im Sport Migranten vielfach auf der Bank sitzen gelassen.

Entscheidende Impulse für die Erneuerung kamen von dem im Vorfeld der WM 2006 engagierten Trainergespann Jürgen Klinsmann/Joachim Löw. Von ihnen wurden überkommene Verbandsstrukturen beseitigt und neue strategische Positionen geschaffen, die Trainerausbildung wurde verbessert, der Spielerkader erheblich verjüngt. Eine grundsätzliche Veränderung wurde in der Ausbildung des Nachwuchses und der Jugendtrainer vorgenommen. Als wesentliche Gestalter der neuen Spielweise traten nun neue, junge Trainer mit deutlich besseren taktischen und trainingstechnischen Kenntnissen als ihre Vorgänger auf, die Mannschaften kleinerer Vereine zu erstaunlichen Erfolgen in der Bundesliga führten. Unter dem Einfluss des Bundestrainers Löw gestaltete sich das Spiel der Nationalelf feiner, geschickter und intelligenter; es war nicht mehr ängstlich auf Sicherheit bedacht wie früher, sondern wurde "nach vorn" ausgerichtet. Die gestiegene Professionalität der Trainer und Spieler führte insgesamt zu einem höheren Arbeitsethos. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass auch die Vereinsführungen an Qualität gewonnen haben und die für einen professionellen Fußball notwendigen Innovationen unterstützen.

Nach etlichen mageren Jahren, die dem Champions-League-Gewinn 1997 folgten, stieg auch der Stern Borussia Dortmunds wieder auf: Grund dafür war der Einsatz des talentierten eigenen Nachwuchses, die erfolgreiche Integration ausländischer Spieler und das innovative Spielverständnis des Trainers Jürgen Klopp. Nach zwei gewonnenen deutschen Meisterschaften (2011, 2012) hat es der Verein 2013 bis ins Champions-League-Finale geschafft. Im ersten "deutschen Finale" in der Geschichte des Wettbewerbs unterlagen sie jedoch Bayern München. Die Bayern hatten das Endspiel bereits zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren erreicht, nachdem sie im Halbfinale zuvor den FC Barcelona, der bis dahin als das unerreichte Vorbild für ästhetischen und erfolgreichen Fußball galt, mit zwei eklatanten Siegen aus dem Rennen geworfen hatten. Ob das "deutsche Finale" tatsächlich das erste Zeichen für eine dauerhafte Spitzenstellung der Bundesliga in Europa ist, bleibt jedoch abzuwarten.

Am Gipfel – und in seinem Schatten

Noch in den 1980er Jahren wurde Fußball von den gesellschaftlichen Eliten nicht endgültig akzeptiert. Für die feine Gesellschaft, die ihre sports abseits der Massen in exklusiven Clubs pflegte, diente der Stadionbesuch nur zur Kontaktpflege mit dem Volk. Der Fußball war noch nicht in den Rang eines deutschen Kulturguts aufgestiegen. Die Erfolge der deutschen Spitzenteams in der "Königsklasse" des europäischen Sports, die von Wirtschaftsführern und Spitzenpolitikern umworben wird, zeigen jedoch an, dass es der Fußball inzwischen geschafft hat, die Anerkennung der höchsten Gruppen der deutschen Gesellschaft zu gewinnen. Ermöglicht wurde dieser Aufstieg durch drei Entwicklungen:

Erstens gibt es inzwischen ein gewachsenes und dauerhaftes Interesse der politischen Spitzen. Schon in den 1980er Jahren hatte die Politik das Fußballstadion als Ort der Nähe zum Wähler entdeckt. Spätestens seit Gerhard Schröder und Angela Merkel suchen auch die Bundeskanzler aktiv die Nähe zum Fußball und der Nationalmannschaft. Fußball ist inzwischen zu einem Spektakel der Politik geworden – und die Politiker zu einem Teil des Fußballspektakels: Als etwa die enthusiastische Kanzlerin im Oktober 2010 die DFB-Mannschaft nach einem siegreichen Qualifikationsspiel in der Umkleidekabine besuchte, waren ihr die Titelseiten des kommenden Tages gewiss. Bei staatstragenden Ereignissen dürfen die Spitzen der Gesellschaft nicht abseits stehen – in der Berliner Republik wurden sie zu Anhängern der Nationalmannschaft.

Zweitens schuf der Fußball die Möglichkeit, Sportbegeisterung und Geschäfte an einem Ort miteinander zu verbinden. Der sogenannten Elite wird es heute leicht gemacht, Fußballspielen beizuwohnen. In die neuen Arenen wurden VIP-Lounges eingebaut, mit eigenen Zugängen, verglasten Innenräumen, Catering, Clubatmosphäre, Bildschirmen. Wie bei einem First-Class-Flug nimmt man an demselben Ereignis teil wie das Volk, ohne zwischen ihm sitzen zu müssen. Von den Hardcore-Fans, den Ultras, wurde die VIP-Etage instinktsicher zum Gegner erklärt, weil dort der Fußball verraten werde. Ihnen erscheint der kontinuierliche Umbau der Fußballstadien in Orte des Entertainments als der falsche Weg, der sich vom "echten" Fußball entfernt.

Drittens – und das ist auch für die ersten beiden Entwicklungen ausschlaggebend – spielt die immer stärker gewordene Präsenz des Fußballs im Fernsehen und die damit verbundene rasante ökonomische Entwicklung der Bundesliga eine wichtige Rolle. Mit der Einführung des Privatfernsehens kam es zu regelrechten Überbietungskämpfen um die Übertragungsrechte. Als erster Privatsender kaufte RTL für die Saison 1988/89 die Senderechte für 40 Millionen DM – und damit für mehr als das Doppelte des Betrags, den die öffentlich-rechtlichen Sender zuvor bezahlt hatten. Zwei Jahre später war die Summe schon wieder verdoppelt worden. Für die Spielzeit 2000/01 bezahlte Sat.1 bereits 355 Millionen Euro, für die kommende Saison bringen die Übertragungsrechte gar 628 Millionen Euro ein. Fußball ist zu einem umkämpften "Rohstoff" für die Bildmedien geworden.

Im Vergleich zu diesem ökonomischen Spiel scheint die Mäkelei der Fans, insbesondere der Ultras, vorgestrig zu sein. Mit dieser Aburteilung macht man es sich jedoch zu einfach: Große Teile des Publikums suchen in der Arena (selbst bei TV-Übertragungen) den emotionalen "Kick". Und große Gefühle können nur entstehen, wenn sich große Zuschauergruppen "total" für "ihre" Mannschaft engagieren – mit einem körperlichen Einsatz, der oft an die Grenze geht. Auf der anderen Seite dieses Limits beginnt das Ausleben von Gewalt, das wiederum im Stadion nicht toleriert werden kann. In diesem Dilemma befinden sich einige Vereine der Bundesliga, die den Gewalteinsatz ihrer Fans nicht mehr zu steuern vermögen. Hinzu kommt, dass in diesem Umfeld rechtsradikale Gruppen nach Anhängern fischen, die ihnen in der Begeisterung des Spiels leicht ins Netz gehen können.

Der Fußball hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von Grund auf verändert; er ist inzwischen vom Kommerz durchdrungen. Der Qualität des Spielgeschehens ist dies gut bekommen, der Persönlichkeit mancher Spieler eher nicht. Die größten Einbußen aber sind bei der Berichterstattung im Fernsehen zu beklagen, die unter dem Einfluss der privaten Sender ihr journalistisches Niveau deutlich gesenkt hat. Mit der relativ distanzierten Kommentierung der Fußballereignisse ist es vorbei; sie wurde als langweilig und altbacken empfunden. An ihre Stelle trat eine Inszenierung aus der Fanperspektive, ohne kritische Distanz. Dass die kommerziellen Sender aus dem Sport eine Unterhaltungsware gemacht haben, ist noch verständlich – warum aber die gebührenfinanzierten Programme ihnen dabei gefolgt sind, bleibt unbegreiflich.

So wirken sich die ungeheuren Geldsummen, die heute in den Fußball fließen, unterschiedlich aus: als Verbesserung des Spiels, als Verbürgerlichung des Publikums mit Akzeptanzproblemen bei den eingefleischten Fans und als Qualitätsverlust der Sportdarstellung im Fernsehen. Gesellschaftlich schließlich hat der Fußball den Weg von "unten" nach "oben" geschafft. Er hat eine Bedeutung und Qualität erhalten, auf die man in Deutschland stolz ist – und wofür es sogar aus dem Ausland Beifall gibt.

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