Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Wegmarken aus 50 Jahren Bundesliga

Erste Skandale

Wie Paul Flierl prognostiziert hatte, wurde das erste Bundesligastatut schon bald von der Realität überholt. In der Saison 1964/65 erzählte der Vizepräsident des Hamburger SV, Horst Barrelet, dem "Spiegel", dass ein Nationalspieler unter 70.000 Mark nicht zu haben sei. Und HSV-Schatzmeister Karl Mechlen ergänzte: "Man verspricht sich in die Hand, keine Spieler abzuwerben und nicht mehr als die erlaubten Handgelder zu zahlen. Doch kaum sind sie aus dem Haus, da rotieren sie, um Spieler schwarz zu angeln."[8]

Schalke 04 unterlief die Ablöse-Obergrenze, indem der Club dem Karlsruher SC zusätzlich zum Nationalspieler Günter Hermann, den der KSC für 50.000 Mark nicht freigeben wollte, noch einen kaum bekannten Ersatzspieler abkaufte und für beide Spieler zusammen 100.000 Mark überwies. Hertha BSC Berlin ließ für seine Lizenzspieler zwei Verträge anfertigen: einen "offiziellen" für den DFB, in dem die Gehaltsobergrenze nicht überschritten wurde, und einen weiteren, der das tatsächliche Gehalt festschrieb. Beim Transfer des ehemaligen Nationaltorwarts Wolfgang Fahrian an die Spree konnte den Berlinern ein Verstoß gegen das Zahlungslimit nachgewiesen werden: Der Frankfurter Spielervermittler Karl Alt hatte eine Provision von 12.000 Mark für die Vermittlung an Hertha in Rechnung gestellt. Da als Managergebühren zehn Prozent üblich waren, mutmaßte "Der Spiegel", Fahrian habe die Berliner 120.000 Mark gekostet. Damit hatte die Bundesliga ihren ersten Skandal, und am Ende der Saison 1964/65 wurde Hertha BSC zum Zwangsabstieg in die Regionalliga verurteilt.

Berlin war nun nicht mehr in der höchsten Spielklasse vertreten und im Fußball von der Bundesrepublik abgekoppelt. Tennis Borussia Berlin war als Meister der Berliner Regionalliga in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gescheitert. In dieser Situation drängte unter anderem der Axel Springer Verlag darauf, einen Berliner Verein zu kooptieren, um so die Einbindung Berlins in die Bundesrepublik auch im Fußball zu unterstreichen. Da Vizemeister Spandauer SV verzichtete, fiel die Wahl auf den drittplatzierten SC Tasmania 1900 Berlin. Die Neuköllner waren auf das Abenteuer Bundesliga nicht vorbereitet und erwarben in der Saison 1965/66 die traurige Berühmtheit des bis heute schlechtesten Absteigers aller Zeiten. Als Spätfolge des Abstiegs musste Tasmania 1973 den Konkurs anmelden und sich auflösen. Der Club wurde wenig später als SV Tasmania Neukölln 1973 neu gegründet.[9]

Im Juli 1965 widmete "Der Spiegel" dem Finanzgebaren der jungen Liga sogar eine Titelstory ("Notstand im Fußball"), in dem die Realitätsferne der DFB-Führung angeprangert wurde: "Eigentliche Ursache für das deutsche Bundesliga-Chaos sind die unrealistischen Zahlungsgrenzen des Bundesliga-Statuts. Sie wurden von Alt-Funktionären festgelegt, die sich der Entwicklung nicht angepasst haben. Während sie Idealismus predigten, sahen sich die Vereine geradezu gezwungen, das Zahlungslimit zu durchbrechen. Zu den vorgeschriebenen Höchstpreisen mag sich schon seit Jahren kein namhafter Spieler mehr verpflichten."[10]

Nach dem Skandal um den Zwangsabstieg von Hertha BSC erhöhte der DFB das im Bundesligastatut fixierte Hand- und Treuegeld von 10.000 auf 15.000 Mark. Das Mindestgehalt eines Lizenzspielers wurde von 250 auf 400 Mark angehoben, die Ablösesummen für Lizenzspieler auf 100.000 und für Vertragsspieler (Regionalliga) auf 75.000 Mark. Der DFB-Kontrollausschuss konnte sogar noch höhere Summen genehmigen. Außerdem wurde bei Vertragsabschlüssen und -verlängerungen eine einmalige Zahlung von bis zu 20.000 Mark gestattet. Verglichen mit den finanziellen Möglichkeiten, die sich deutschen Spitzenfußballern im Ausland boten, war das immer noch nicht viel.

Vom Lizenzspieler zum Vollprofi

Es bedurfte eines weiteren Skandals, um auch die letzten Schranken im Berufsfußball zu beseitigen. In der Saison 1970/71 wurden im Kampf gegen den Abstieg eine Reihe von Spielen "verkauft". 52 Spieler, zwei Trainer und sechs Vereinsfunktionäre wurden bestraft, Arminia Bielefeld wurde in die Zweitklassigkeit (Regionalliga) verbannt.[11] "Der Spiegel" sah die tieferen Ursachen in den Geburtsfehlern der Liga: "In Hurra-Patriotismus befangen, verpaßte das Amateur-Fußvolk den Aufbruch ins 20. Fußball-Jahrhundert. So zwängte die Amateur-Mehrheit des DFB-Bundestages die Spitzenclubs in eine rechtlich und wirtschaftliche fehlkonstruierte Bundesliga. Die Profis wurden eine Vereinseinrichtung der Amateure; auf die Wirtschaft übertragen würde die Börse gleichsam eine Sektion des Sparvereins. (…) Bezahlung für Spitzenspieler ließen sich die Amateure noch abringen. Aber ein bißchen Jungfrau sollten die Profis doch bleiben: Knauserig setzte die DFB-Mehrheit Grenzen für Prämien und Gehälter fest, statt die Marktregel von Angebot und Nachfrage zu akzeptieren. (…) Am Rande und abseits der unrealistischen DFB-Legalität weitete sich eine graue Zone aus. Wer sich an die DFB-Zahlungsgrenzen hielt, blieb an der Spielerbörse auf Statisten sitzen."[12] Der Journalist Ulfert Schröder forderte eine "eigene Organisation und Fußball-Liga" für die Profis. "Die totale, nicht aufzuhaltende Vermarktung des Fußballsports wäre dann abgeschlossen."[13]

1972 fielen alle Obergrenzen für Gehaltszahlungen. Zwei Jahre später wurden Bundesliga- und Lizenzspielerstatut miteinander vereinigt und auch die Begrenzung bei den Ablösesummen abgeschafft. Ende 1973 wurde auch die Trikotwerbung legalisiert. In der Saison 1974/75 spielten bereits sechs Vereine mit Werbung auf der Brust, in der Saison 1979/80 dann alle Erstligisten. Eine Professionalisierung erfuhr auch der Unterbau. Die fünf Regionalligen wurden zugunsten von zwei 2. Bundesligen aufgelöst, wodurch sich die Zahl der Zweitligisten deutlich verringerte.

Die vom Journalisten Schröder geforderte Eigenständigkeit der Profi-Vereine ließ allerdings noch auf sich warten. Erst im Herbst 2000 entließ der DFB die Vereine der 1. und 2. Bundesliga aus seiner Kontrolle. Damit fand eine Auseinandersetzung ein Ende, die bereits Mitte der 1920er begonnen hatte, als sich die führenden deutschen Clubs gegen die Gängelung durch die DFB-Führung verwahrten. Damals war es um Fragen wie die Entlohnung von Spielern, Begegnungen mit ausländischen Profivereinen sowie die Spielberechtigung für ausländische Akteure gegangen.[14] Knapp 80 Jahre später ging es vornehmlich um die Vermarktung der Bundesligen und die Verteilung der millionenschweren Fernsehgelder. Am 18. Dezember 2000 wurde schließlich die Deutsche Fußball Liga (DFL) gegründet, wodurch die Profivereine der 1. und 2. Liga endlich eine eigenständige Organisation besitzen, die für die Vermarktung und Organisation des Profifußballs in Deutschland zuständig ist.

Kräfteverschiebungen

Der Übergang zum Vollprofitum blieb nicht ohne Auswirkungen in Europa. Aber auch innerhalb Deutschlands verschoben sich die Kräfte. Die Jahre 1933 bis 1963 waren für die großen Clubs aus dem Ruhrgebiet die erfolgreichsten gewesen. 15 der 27 Finals um die Deutsche Meisterschaft fanden mit Beteiligung eines Revierclubs statt, elfmal verließen diese als Sieger den Platz. So auch im letzten Finale vor der Einführung der Bundesliga. Die Revierclubs profitierten nicht nur vom großen Reservoir an "Straßenfußballern", sondern auch von der Unterstützung durch die regionale Industrie (Kohle, Stahl, Bier), die ihnen einen "informellen Professionalismus" gestattete.

Nach der Einführung der Bundesliga sollte es 32 Spielzeiten beziehungsweise bis zur Saison 1994/95 dauern, ehe mit Borussia Dortmund wieder ein Revierclub die Meisterschale in Empfang nehmen durfte. Der erste Bundesligameister 1. FC Köln stammte zwar auch aus dem Einzugsbereich der Oberliga West, aber die Domstädter waren ein bürgerlicher Club aus einer Dienstleistungsmetropole. Die von Franz Kremer, einem der Väter der Bundesliga, geführten Domstädter waren in diesen Jahren der modernste Club Deutschlands, der auch Bayerns Münchens Boss Wilhelm Neudecker als Vorbild diente. Vizemeister wurde überraschend der Meidericher SV, dessen Berücksichtigung umstritten gewesen war.

In den folgenden Jahren entwickelte sich München zur Fußballhauptstadt der Bundesrepublik. In der Saison 1964/65 wurde der TSV 1860 Pokalsieger. Zeitgleich stieg auch der Lokalrivale FC Bayern in die Bundesliga auf, womit München als erste Stadt mit zwei Clubs in der Eliteklasse vertreten war. In der folgenden Spielzeit 1965/66 gewann der TSV die Deutsche Meisterschaft. Aufsteiger FC Bayern wurde in der Liga gleich Dritter und gewann den DFB-Pokal. In den folgenden Spielzeiten waren Eintracht Braunschweig (1967) und der 1. FC Nürnberg (1968) die Überraschungsmeister, ehe von 1969 bis 1978 der Deutsche Meister ununterbrochen entweder Bayern oder Mönchengladbach hieß.

Fußnoten

8.
Schwarz geangelt, in: Der Spiegel, Nr. 18 vom 28.4.1965, S. 136.
9.
Vgl. Hanns Leske, Tasmania Berlin. Der ewige Letzte, Kassel 2011.
10.
Das ist schrecklich, in: Der Spiegel, Nr. 28 vom 7.7.1965, S. 70–79, hier: S. 73.
11.
Vgl. Ulfert Schröder, Stars für Millionen. Informationen, Schlaglichter, Hintergründe, Bayreuth 1974, S. 36–70, H. Grüne (Anm. 3), S. 360–365.
12.
"Ein Elfmeter kostet 1.000 Mark", in: Der Spiegel, Nr. 25 vom 14.6.1971, S. 80f.
13.
Ulfert Schröder, Stars für Millionen, Bayreuth 1974, S. 61f.
14.
Vgl. Rudolf Oswald, "Fußball-Volksgemeinschaft". Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919–1964, Frankfurt/M.–New York 2007, S. 92–129; Dietrich Schulze-Marmeling, Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur, Göttingen 20132, S. 95–111.
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