Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.

24.6.2013 | Von:
Dietrich Schulze-Marmeling

Wegmarken aus 50 Jahren Bundesliga

Avantgarde aus dem Süden

1966 erhielt München den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1972. Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees sollte auch die weitere Entwicklung der Bundesliga beeinflussen. Die bayerische Landeshauptstadt war zwar seit 1957 Millionenstadt, besaß aber ein kleineres Stadion als etwa Nürnberg, Hannover oder Ludwigshafen. Dies änderte sich mit der neuen olympischen Arena, die über 77.000 Zuschauern Platz bot und dem FC Bayern am letzten Spieltag der Saison 1971/72 erstmals eine Millioneneinnahme bescherte (im zuvor gemeinsam mit dem TSV 1860 genutzten Stadion an der Grünwalder Straße waren maximal 350.000 DM zu erzielen). Und die Zuschauer waren in diesen Jahren noch die wichtigste Einnahmequelle. Es darf als gesichert gelten, dass die legendäre Bayern-Mannschaft um Franz Beckenbauer ohne den Umzug ins Olympiastadion auseinandergefallen wäre und es den Rekordmeister Bayern München nicht gegeben hätte.

Der Wert des Stadions lag aber nicht nur im enormen Fassungsvermögen. Das Olympiastadion war auch das erste in Deutschland, das moderne VIP-Kapazitäten besaß, was dem Verein ermöglichte, auch ein betuchteres Publikum und Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Kultur anzusprechen. Bei Begegnungen in Italien und in Spanien war nicht nur den Bayern-Funktionären, sondern auch den Spielern aufgefallen, "dass es dort neben den üblichen Fans noch eine andere Gruppe gab, die zum Spiel ging wie zu einem gesellschaftlichen Ereignis: elegant gekleidete Männer, meist mit Blazer und dunklem Anzug, weißem Hemd, Krawatte. Die Herren saßen in Logen und ließen sich ihre Anwesenheit etwas kosten."[15] Beim FC Bayern kam man nun auf die Idee, die Plätze in der VIP-Loge als Jahreskarten anzubieten – für 1.000 DM, inklusive kaltem Buffet in der Halbzeitpause. "In München kam jetzt soviel Prominenz, dass neben den Sportreportern auch die Gesellschaftskolumnisten ins Stadion mussten. Franz-Josef Strauß war oft da, neben ihm Schauspieler, Sänger, Unternehmer, Banker, Vorstandsmitglieder großer Firmen. Nicht die 1.000 Mark waren so wichtig, die sie bezahlten, sondern die Signalwirkung, die ihre Anwesenheit hatte: Fußball, das ist nicht ein Vergnügen von zweifelhaftem Wert, veranstaltet für das gewöhnliche Volk, das, phantasielos wie es ist, mit seiner Freizeit nichts anzufangen weiß, keine Unterhaltung für Proleten, sondern ein sehenswertes Ereignis."[16]

Diesen sozialen Wandel verkörperte aber auch die Mannschaft selbst: Mit Paul Breitner, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Mrosko, Edgar Schneider und Rainer Zobel zogen die Abiturienten und Studenten in die Bundesliga ein. Dem "Kicker" war dies zum Start der Saison 1970/71 eine Story wert ("Studium durch Stimulans"), in der Hoeneß mit den Worten zitiert wurde: "Die heutige Art Fußball zu spielen, setzt eine gewisse Intelligenz voraus."[17]

Für die in dieser Zeit einsetzende Dominanz des FC Bayern spielte auch Europa eine Rolle. Mit Ausnahme einer Saison (1968/69) war der FC Bayern in den Spielzeiten 1966/67 bis 1977/78 permanent in einem europäischen Wettbewerb vertreten, was mit einer für die damalige Zeit hohen TV-Präsenz verbunden war. Der FC Bayern avancierte in diesen Jahren zu dem deutschen Repräsentanten auf der Bühne des europäischen Clubfußballs und schuf sich eine bundesweite Anhängerschaft.

Bundesliga ohne Osten

Nach der Wiedervereinigung wurde die Bundesliga für eine Saison (1991/92) auf 20 Vereine aufgestockt. Im Vorfeld hatten sich der DFB und der Fußball-Verband der DDR (DFV), der Ende 1990 aufgelöst wurde, auf die Formel "2 plus 6" geeinigt. Dies bedeutete, dass zwei Clubs der DDR-Oberliga in die 1. Bundesliga aufgenommen wurden (Dynamo Dresden, Hansa Rostock), sechs in die 2. Bundesliga (VfB Leipzig, Rot-Weiß Erfurt, Carl Zeiss Jena, Stahl Brandenburg, Chemnitzer FC und Hallescher FC). Die übrigen DDR-Erst- und Zweitligisten wurden im August 1991 in den Amateurfußball verbannt, darunter auch der 1. FC Magdeburg, der einzige Europapokalsieger in der Geschichte des DDR-Fußballs (1974).

Für die Etablierung dauerhafter "Erstklassigkeit" mangelte es dem "Ost-Fußball" nach der Wiedervereinigung an Geld und qualifizierten Fachleuten für den Profifußball. Ein Vakuum, das durch zwielichtige "Helfer" aus dem Westen gefüllt wurde, die aber lediglich zur Verschlechterung der Verhältnisse beitrugen. Und die besten Spieler zog es rasch zu den etablierten westdeutschen Proficlubs.

Hansa Rostock musste sich bereits nach einer Saison wieder aus der 1. Bundesliga verabschieden. Zur Saison 1993/94 stieg zwar der VfB Leipzig auf, aber die Heimatstadt des ersten deutschen Fußballmeisters durfte bis heute nur ein Jahr Bundesliga genießen. Im Sommer 1995 war auch Dresdens Bundesligapräsenz beendet. Dafür stieg Hansa Rostock wieder auf und blieb für zehn Spielzeiten ununterbrochen erstklassig. 1995/96 und 1997/98 wurde Hansa jeweils Sechster – die bislang beste Platzierung eines "Ostvereins" in der 1. Bundesliga. Auch Energie Cottbus spielte immerhin sechs Spielzeiten lang erstklassig (2000/01–2002/03, 2006/07–2008/09). Seit dem Sommer 2009 ist der Osten nicht mehr in der 1. Bundesliga vertreten. Betrachtet man den gesamten Zeitraum von 1991/92 bis 2012/13 (22 Jahre) und addiert die verbrachten Saisons in der höchsten Spielklasse, so kommen die Clubs aus den fünf "neuen" Bundesländern auf gerade mal 23 Bundesligajahre – weniger, als etwa der Stadtstaat Hamburg zählt.

Interessant ist aber, dass die Regionalliga Nordost mit einem Schnitt von 1808 Zuschauern pro Spiel (Saison 2012/13) den höchsten Publikumszuspruch aller fünf Regionalligen aufweist (West: 1198, Südwest: 939, Nord: 816, Bayern: 587).[18] Dass die ostdeutsche Regionalliga somit einen größeren Zuspruch erfährt als die Regionalligen in der "alten Bundesrepublik", liegt möglicherweise auch im noch immer ausgeprägten "Eigenleben" des Ostens begründet: In der vierten Spielklasse lebt zu einem gewissen Maße die alte Eliteliga der DDR weiter, die DDR-Oberliga, die von 1949 bis 1991 existierte.

Den Fußballvereinen im Osten fehlen auch heute noch generell die großen Investoren, sieht man vom Getränkehersteller Red Bull ab. Dieser engagiert sich nicht zufällig in Leipzig, dem Gründungsort des DFB und Heimat des ersten deutschen Fußballmeisters, wo sich aber der heimische Fußball in einem sportlich miserablen und organisatorisch zersplitterten, von Insolvenzen und Neugründungen und auch Fanausschreitungen geprägten Zustand befand. Gleichzeitig existiert mit dem zur Weltmeisterschaft 2006 umgebauten Zentralstadion mit einem Fassungsvermögen von über 44.000 Zuschauern eine erstklassige Spielstätte. Nachdem die Leipziger Clubs Lokomotive und FC Sachsen eine Kooperation mit Red Bull abgelehnt hatten, wurde 2009 der eigenständige Verein RasenBallsport Leipzig (abgekürzt "RB" wie "Red Bull") gegründet, der vom SSV Markranstädt das Startrecht für die Beteiligung am Spielbetrieb in der Oberliga übernahm. Außerdem erwarb der Brausehersteller die Namensrechte für das Stadion, das seither seinen Namen trägt. RB Leipzig ist kein normaler Club, sondern wird vom Konzern wie eine Unternehmensfiliale gesteuert. Der "Verein" hat keine Mitglieder, der dreiköpfige Vorstand besteht komplett aus Red-Bull-Kräften, die von einem ebenfalls dreiköpfigen Ehrenrat gewählt werden, die auch aus dem Unternehmen kommen.

In der Saison 2012/13 schließlich gelang RB Leipzig der Aufstieg in die 3. Liga, und angesichts der enormen Investitionen, die der Getränkekonzern in den Fußballstandort Leipzig tätigt, ist zu erwarten, dass der Red-Bull-Club in wenigen Jahren in der 1. Bundesliga ankommen wird. Auch Dynamo Dresden, das in der Saison 2012/13 nur um Haaresbreite dem Abstieg in die Drittklassigkeit entging, wird den Marsch des "Retortenclubs" an die Spitze des Ost-Fußballs nicht stoppen können – das könnte nur die DFL. Ob RB bei einem Aufstieg in die 2. Liga die Lizenz bekommen würde, ist unklar, da Satzung und Struktur mit der "50+1-Regel" kollidieren: Während sich im englischen Profifußball die Vereine im Privatbesitz befinden, müssen in der Bundesliga 50 Prozent plus eine Stimme dem Verein gehören. Genehmigte Ausnahmen sind bislang nur Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg.[19]

Quo vadis?

Im Sommer 2013 kehrte Eintracht Braunschweig, Gründungsmitglied der Bundesliga und "Überraschungsmeister" der Saison 1966/67, in die 1. Liga zurück. Die Eintracht war 1985 abgestiegen und bewegte sich seither zwischen 2. Liga und 3. Liga. Der Aufstieg signalisiert aber keine Renaissance der "Traditionsvereine", denn zur gleichen Zeit wurde dem MSV Duisburg die Lizenz für die 2. Liga verweigert und mussten die Drittligisten Alemannia Aachen und Kickers Offenbach Insolvenz anmelden.

Im deutschen Fußball sind die Kräfteverhältnisse mittlerweile weitgehend zementiert. Im Zeitraum 1992/93 bis 2012/13 gewannen sechs unterschiedliche Clubs die Meisterschaft, wobei 17 der 20 Titel auf drei Clubs entfielen: Bayern München (11), Borussia Dortmund (5) und Werder Bremen (2). Die einmaligen Titelgewinne Kaiserslauterns, Stuttgarts und Wolfsburgs führten nicht dazu, dass diese Clubs auch fortan in der Spitzengruppe der Liga mitmischten. Es blieben Momentaufnahmen – wie auch die Teilnahme dieser Clubs an der "Geldmaschine" Champions League.

Ein realistisches Bild für die Zukunft bieten vielleicht die fünf Spielzeiten von 2008/09 bis 2012/13: Bayern München und Borussia Dortmund wurden jeweils zweimal Meister, der VfL Wolfsburg durfte einmal feiern. Bayer Leverkusen wurde in diesem Zeitraum immerhin einmal Vizemeister, einmal Dritter und einmal Vierter. Zu diesen vier Clubs könnte sich in Zukunft dann auch noch RB Leipzig gesellen. Drei dieser fünf Clubs würden die "50+1-Regel" unterlaufen. Und bei Bayern München sind externe Investoren immerhin mit 20 Prozent beteiligt. Vor diesem Hintergrund ist nicht auszuschließen, dass die vom Hannover-96-Präsidenten Martin Kind vorgeschlagene Abschaffung der "50+1-Regel" mittelfristig doch noch breitere Zustimmung erlangt.

Fußnoten

15.
Franz Beckenbauer, Ich. Wie es wirklich war, München 1992, S. 41.
16.
Ebd., S. 42.
17.
Zit. nach: D. Schulze-Marmeling (Anm. 7), S. 158.
18.
Quelle für die Zuschauerzahlen: http://www.weltfussball.de« (7.6.2013).
19.
Clubs, die vor dem 1.1.1999 länger als 20 Jahre erheblich und ununterbrochen von einem Wirtschaftsunternehmen gefördert wurden, können von der Regelung befreit werden.
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