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9.7.2013 | Von:
Lorenzo Vidino

Deradikalisierung durch gezielte Interventionen

Wahl der Kooperationspartner

Ein weiteres Dilemma, in dem europäische Behörden sich wiederfinden, betrifft die Wahl der Partner. Ohne Hilfe der muslimischen Gemeinden haben die Deradikalisierungsbemühungen kaum Aussicht auf Erfolg; die Entwicklung starker, auf Vertrauen gestützter entsprechender Partnerschaften mit einzelnen Personen und Organisationen ist daher von größter Bedeutung. Europäische muslimische Gemeinden sind jedoch in ethnischer und nationaler, sprachlicher, religiöser, sozio-ökonomischer und politischer Hinsicht tief gespalten.[10] Als Konsequenz dieser Spaltung kann in keinem europäischen Land eine Organisation allein den legitimen Anspruch erheben, einen Teil der muslimischen Gemeinde zu repräsentieren, selbst wenn dieser fast eine Mehrheit darstellt. Anders als ihre Pendants in mehrheitlich muslimischen Ländern müssen europäische Entscheidungsträger die Wahl treffen, mit welchen der vielen Organisationen sie eine Partnerschaft eingehen wollen. Der beste Weg aus diesem Dilemma scheint zu sein, sich mit vielen lokalen Partnern zu verbünden, da sie wahrscheinlich eher in einer Gemeinde verwurzelt sind als nationale Organisationen. Zudem bietet eine Partnerschaft mit mehreren Organisationen eher die Chance, das ganze Potenzial einer muslimischen Gemeinde auszuschöpfen, als wenn man sich auf einige selbsternannte Mittelsmänner verließe.

Fragen nach der Glaubwürdigkeit und Legitimität sind äußerst wichtig.[11] Auf welche Stimmen hört man in der Gemeinde – und wer kann die Botschaft der Regierung übermitteln? In diesem Zusammenhang wird vor allem die Rolle gewaltloser Islamisten kontrovers diskutiert. In sämtlichen EU-Ländern, einschließlich Deutschland, haben Netzwerke und Organisationen im Umfeld der Muslimbruderschaft oder der nicht jihadistischen, politischen Salafisten einen bestimmten Grad an Einfluss gewonnen, besonders unter europäischen Muslimen der zweiten und dritten Generation. Diese Gruppierungen vertreten einen konservativen Islam beziehungsweise islamistische Lehren, die sie in den Augen der meisten europäischen Beobachter radikal erscheinen lassen – vor allem durch ihre Aussagen zur Religionsfreiheit und zu Frauenrechten. Obwohl sie in bestimmten Arenen des Nahen Ostens Gewaltakte befürworten, treten sie nicht für Gewalt im Westen ein – im Gegenteil: Die meisten haben die Terrorakte der al-Qaida in Europa öffentlich verurteilt. Können diese eher "gewaltlosen Islamisten" im Kampf gegen gewalttätige Radikalisierungen zu Partnern der Regierung werden?

Viele Experten glauben, die Regierungen würden einen falschen Weg einschlagen, wenn sie das enorme Potenzial, das eine solche Partnerschaft bieten kann, nicht nutzten.[12] Auch wenn einige ihrer Ansichten Anstoß erregen, sind viele Islamisten aufrichtig gegen Gewalt im Westen – und daher in der einzigartigen Position, diejenigen zu beeinflussen, die unter Umständen zu Gewalttaten bereit sind. Nur sie besitzen die Legitimität und Glaubwürdigkeit, denen junge Muslime auf dem Weg zur Radikalisierung Gehör schenken. Regierungen sollten daher, so der Gedanke, die Arbeit dieser Gruppen als letztes Bollwerk gegen gewalttätige Radikalisierung stärken.

Einer der entschiedensten Befürworter dieser Strategie ist Robert Lampert, der frühere Chef der Muslim Contact Unit, einer Abteilung der London Metropolitan Police, die sich für ein stärkeres Engagement der Regierung in den muslimischen Gemeinden der Stadt einsetzt. Lambert argumentiert, den "idealen Befürwortern" unter den muslimischen Führern fehle es an Glaubwürdigkeit in ihren Gemeinden und ihnen fehlten Kenntnisse über Radikalismus. Ihm zufolge besitzen einzig gewaltlose Islamisten die Glaubwürdigkeit, der Sicht von al-Qaida etwas entgegenzusetzen und junge Muslime, die den Weg einer Radikalisierung beschreiten könnten, zu beeinflussen. Lampert befürwortet daher "Verhandlungen der Polizei, die zu einer Partnerschaft mit solchen muslimischen Gruppen führen, die üblicherweise als Staatsfeinde der Demokratie gelten".[13] Als Beispiel für dieses Potenzial führt Lambert das Programm STREET (Strategy to Re-Empower and Educate Teenagers) an, das von Salafisten im Londoner Stadtteil Brixton umgesetzt wird.[14] Lambert zufolge hat sich STREET – dank seiner Kombination aus "Know-how der Straße und religiöser Integrität" – als besonders erfolgreich darin gezeigt, den Rekrutierungsversuchen von Predigern, die al-Qaida unterstützen, im Stadtteil etwas entgegenzusetzen.[15]

Lamberts Position basiert auf seiner weitreichenden beruflichen Erfahrung und seiner Sicht der gewaltlosen Islamisten als Schutzwall gegen ein Umschlagen eines kognitiven Extremismus in einen gewaltbereiten. Die dänische Strategie zur Radikalisierungsbekämpfung teilt seine Sicht – mit dem Argument, in einigen Fällen seien es "genau diese Personen, die die besten Chancen haben, die Ansichten junger Leute auf dem Weg der Radikalisierung in eine gewaltlose Richtung zu beeinflussen".[16]

Andere widersprechen dem und sehen in den Organisationen gewaltloser Islamisten weniger einen Schutzwall als vielmehr ein Vehikel für weitere Radikalisierung. Deutsche Sicherheitsdienste etwa konstatieren in ihren Jahresberichten, die Organisationen legalistischer Islamisten rekrutierten "nicht für den gewaltsamen ‚Heiligen Krieg‘ (Jihad). Sie könnten vielmehr sogar für sich beanspruchen, junge Muslime durch ein alternatives Identifikationsangebot gegen jihadistische Indoktrination zu immunisieren. Gleichwohl bleibt kritisch zu fragen, ob ihre stark auf die Bewahrung einer ‚islamischen Identität‘ ausgerichteten Aktivitäten Desintegration vertiefen, zur Entstehung islamistischer Parallelgesellschaften und zur Radikalisierung im Sinne einer Integration in den politischen Extremismus (Islamismus) beitragen."[17] Zudem argumentieren sie, es bestehe das Risiko, dass solche Milieus auch als Brutstätte für weitere Radikalisierung fungieren und so eine ideologische Basis für gewalttätige Gruppen bieten.[18]

Im Lichte dieser Differenzen erscheint eine Einschätzung schwierig, ob europäische Regierungen ihre Interessen wahrnehmen können, indem sie mit gewaltlosen Islamisten zusammenarbeiten. Unterschiede in der Auffassung dessen, was im Interesse des Staates liegt, führen hier zu verschiedenen Antworten. Wenn das Staatsinteresse an Programmen zur Radikalisierungsbekämpfung darin liegt, Terroranschläge zu verhindern, dann erscheint es auf den ersten Blick begründet zu glauben, dass eine solche Zusammenarbeit zumindest kurzzeitig Früchte tragen kann.

Wenn aber nur die beinahe vollständige Marginalisierung extremistischer und integrationsfeindlicher Ideen unter jungen europäischen Muslimen als Erfolg einer Radikalisierungsbekämpfung gilt, dann, so glauben viele, ist eine Zusammenarbeit mit gewaltlosen Islamisten kontraproduktiv. In diesem Fall könnten gelegentliche und kurzzeitige Formen der Kooperation mit gewaltlosen Islamisten zwar dazu dienen, Terrain gegenüber Jihadisten zu gewinnen; taktische Bündnisse dieser Art sollten indes nicht zu einer permanenten Strategie werden. Andernfalls würden die langfristigen Auswirkungen einer solchen Kooperation wahrscheinlich die Resultate im Bereich der Sicherheit zunichte machen.

Zukunftstrends

Bei allen Schwierigkeiten und Kontroversen um die Programme zur Radikalisierungsbekämpfung glauben die meisten Experten für Terrorismusbekämpfung, dass wenigstens einige Formen der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung wichtige Komponenten einer umfassenden Strategie bilden. Trotz Budgetkürzungen werden wahrscheinlich manche dieser Programme – insbesondere solche einer Eins-zu-eins-Intervention – weiterhin in den Vorreiterländern gefördert und in anderen eingeführt werden. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um Initiativen mit Informationen zu versorgen und zu gestalten, die, wenn sie richtig umgesetzt werden, ein enormes Potenzial bereithalten –, allerdings, wenn sie nicht richtig eingesetzt werden, mehr schaden als nützen könnten.

Fußnoten

10.
Vgl. Carolyn M. Warner/Manfred W. Wenner, Religion and the Political Organization of Muslims in Europe, in: Perspectives on Politics, 4 (2006) 3, S. 457–479.
11.
In Großbritannien veröffentlichte die Stelle für Forschung, Information und Kommunikation – Research Information and Communications Unit (RICU) – eine großangelegte Studie zu dieser Frage und interviewte dafür Hunderte britischer Muslime. Vgl. Home Office (ed.), Credible Voices: Exploring Perceptions of Trust and Credibility in Muslim Communities, London 2010.
12.
Vgl. Jamie Bartlett/Jonathan Birdwell/Michael King, The Edge of Violence: A Radical Approach to Extremism, London 2010, S. 7.
13.
Robert Lambert, Empowering Salafis and Islamists against Al-Qaeda: A London Counterterrorism Case Study, in: Political Science & Politics, 41 (2008) 1, S. 31–35.
14.
Vgl. Jonathan Githens-Mazer/Robert Lambert, Why Conventional Wisdom on Radicalisation Fails: The Persistence of a Failed Discourse, in: International Affairs, 86 (2010) 4, S. 897.
15.
Vgl. ebd., S. 898.
16.
Danish Ministry of Refugee, Immigration and Integration Affairs (ed.), A Common and Safe Future: Proposal for an Action Plan to Prevent Extremist Views and Radicalisation among Young People, Kopenhagen 2008), S. 36.
17.
Federal Office for the Protection of the Constitution, Integration as a Means to Prevent Extremism and Terrorism (ed.): Typology of Islamist Radicalisation and Recruitment, Köln 2007), S. 36.
18.
Federal Office for the Protection of the Constitution (ed.), Annual Report of the Office for the Protection of the Constitution, Köln 2005, S. 190.
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