Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

21.10.2013 | Von:
Kaare Dahl Martinsen

Totgeschwiegen? Deutschland und die Gefallenen des Afghanistan-Einsatzes

Sicht vor Ort

Die Gründe für dieses Desinteresse aufzuzeigen, ist weder schwer noch besonders originell. Zusätzlich zu den bereits erwähnten offiziellen Tabus im Zusammenhang mit sämtlichen militärischen Mitteln darf nicht übersehen werden, dass der Krieg in Afghanistan alles andere als ein lohnendes Thema war, mit dem Politiker sich in Verbindung bringen wollten. All dies macht die Ehrung toter Soldaten zu einer politisch heiklen Angelegenheit.

Aus Sicht der Männer und Frauen, die in Afghanistan waren, stellt sich die Sache anders dar, und es gibt gewichtige Argumente zugunsten einer offiziellen Anerkennung. Für jeden Soldaten ist der Tod eine allgegenwärtige Realität. Für all diejenigen, die ihn aus nächster Nähe erlebt haben, ist er ein Wendepunkt. In nahezu sämtlichen Berichten aus Afghanistan ist der Verlust eines Kameraden ein Schlüsselereignis. In Büchern und Interviews wird dies nur selten in alarmierender Weise geschildert. Meist fallen nur wenige leise Worte darüber – als sei der Verfasser beziehungsweise die Verfasserin ratlos, wie sich beschreiben ließe, was er oder sie gesehen oder gehört hat. Eines jedoch unterscheidet die deutschen Berichte von allen anderen, die ich gelesen habe, in auffälliger Weise: das Fehlen von Namen. Im Vergleich zu ihnen nennen dänische und britische Soldaten, die über den Krieg in Afghanistan schreiben, die Toten beim Namen und schicken häufig Fotos samt Bildunterschriften mit Angaben darüber mit, wann, wo und wie der lächelnde junge Mann oder die Frau getötet wurde. Hierin spiegeln die britischen und dänischen Verfasser die generelle Offenheit und Debatte wider, die den Krieg von Anfang an begleitet hat – eine Offenheit, die die toten Soldaten oftmals ins Zentrum der Bühne rückt. In beiden Ländern folgt der ersten kurzen amtlichen Verlautbarung über den Verlust eines Soldaten nach kurzer Zeit eine – häufig ausführliche – offizielle Würdigung des Getöteten. In Dänemark erfolgt dies durch die Armee, im Vereinigten Königreich durch das Verteidigungsministerium. Die britische Würdigung ist in der Hinsicht bemerkenswert, dass jeder, der den Toten kannte, etwas beitragen kann.[29]

In Deutschland hat die offizielle Einschränkung zu einer großen Anzahl von Gedenkseiten im Internet geführt – die von Familienangehörigen, Freunden oder Kameraden des toten Soldaten ins Netz gestellt wurden. Die meisten verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Langlebiger sind dagegen die Internetseiten für ehemalige oder derzeitige Bundeswehrangehörige; sie haben es geschafft, Informationen über die Rückführung getöteter Soldaten und ihrer Begräbnisse in einem Umfang zu sammeln und zu verbreiten, wie es über offizielle Kanäle kaum möglich wäre.[30]

Die offizielle Weigerung, die Namen preiszugeben, spiegelte sich in den überregionalen Tageszeitungen wider: In ihnen wurden die Begräbnisse mit nur wenigen Zeilen erwähnt. Bemerkenswerte Ausnahme war die "Bild"-Zeitung – mit einer ausführlicheren Berichterstattung, die oftmals Interviews mit nächsten Angehörigen sowie Fotos enthielt. Ein ähnlicher Verzicht auf Anonymität findet sich in regionalen und lokalen Medien. Wie die "Bild" unterstreichen auch sie die rege Teilnahme der örtlichen Bevölkerung an den Begräbnisgottesdiensten.[31] Erst vor Kurzem begann die Bundeswehr, Bilder und zusammenfassende Berichte über die Beerdigungen zu veröffentlichen. Damit wird ein bedeutender Schritt in Richtung offizieller Anerkennung der Gefahren vollzogen, die der Einsatz in Afghanistan bedeutet, sowie des Preises in Gestalt getöteter Soldaten.

Gedenken

Doch Internetseiten eines Ministeriums sind keine bleibende Erinnerung an die Toten. Die Frage, wie den Gefallenen angemessen gedacht werden könne, stellte 2005 der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Während eines Besuchs bei den deutschen Truppen in Afghanistan hatte er im dortigen Lager ein Denkmal für die Gefallenen gesehen. Davon beeindruckt, stieß er zu Hause die Idee eines Ehrenmals an, mit dem nicht nur der in Afghanistan Gefallenen, sondern allen Männern und Frauen, die im Dienst für die Bundeswehr ihr Leben gelassen hatten, gedacht werden sollte.

Über die Planung des Ehrenmals verbreitete das Verteidigungsministerium von Anfang an nur spärliche Informationen.[32] Auch wurden nur wenige Forderungen nach Transparenz seitens der Bundestagsabgeordneten laut. Eine Ausnahme war der Versuch der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, Ulrike Merten, im Februar 2007.[33] Sie wollte das Denkmal als Mittel zur Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins über Auslandseinsätze genutzt sehen. Ihr Vorstoß misslang. Wie ein Journalist bemerkte, legten die Bundestagsabgeordneten, wann immer das Denkmal auf der Tagesordnung stand, dasselbe mangelnde Engagement an den Tag wie in den Debatten, in denen es um Afghanistan ging.[34]

Die Bundeswehr indes zeigte eine dem Rest der Gesellschaft entgegengesetzte Haltung. Wie Merten erkannte man hier die Bedeutung einer öffentlichen Anerkennung der Kosten von Auslandseinsätzen. Aus ihren Reihen kam daher Unterstützung für Mertens Bemühungen, das Denkmal in der Nähe des Bundestags zu errichten. Dort hätte es nicht nur den zahlreichen Besuchern des Reichstagsgebäudes gezeigt, dass die Parlamentsmehrheit im modernen Deutschland bereit war, seine Sicherheit mit militärischen Mitteln zu garantieren; zugleich hätte es den Abgeordneten als ständige Erinnerung an den Preis dienen können, den ihre Entscheidungen nach sich ziehen. Nicht zuletzt hätte sich in diesem Standort eine der wichtigsten Neuerungen in der Bundesrepublik nach 1945 manifestiert – nämlich die der Bundeswehr als einer Parlamentsarmee.

Das Resultat schließlich sah anders aus. Das Ehrenmal wurde auf dem Gelände des Bundesministeriums für Verteidigung errichtet. Dadurch wird in erster Linie die Rolle der Bundeswehr als Exekutivorgan bekundet – ein Aspekt, der in der Broschüre des Verteidigungsministeriums zum Ehrenmal unmissverständlich zum Ausdruck kommt.[35] Zudem hat der Standort einen weiteren unglücklichen Effekt: Er liegt abseits und wurde, in den Worten eines Journalisten, zum "Vermeidungsdenkmal".[36] Ein Großteil derer, die es besuchen, sind ausländische Delegationen, unter ihnen Offiziere bei ihrem offiziellen Besuch des Ministeriums. Dadurch erfuhr das Ehrenmal eine Militarisierung. Für all jene mit persönlichen Gründen für einen Besuch – wie Kameraden und nächste Angehörige – wurde das Ehrenmal weit weniger zum Ort persönlicher Erinnerung, als es hätte werden können.

In diesem Zusammenhang fallen einem zwei andere moderne Kriegsdenkmäler ein: die Gedenkstätte des Vietnam Veterans Memorial in Washington D.C. aus dem Jahre 1982 sowie das 2011 enthüllte Kriegsdenkmal in Kopenhagen. Beide sind schmucklos und zeigen einzig die in Granit eingemeißelten Namen der Gefallenen. Für Hinterbliebene ist die Namensnennung der Toten von großer Bedeutung. Bei der Lektüre britischer, dänischer und deutscher Debatten um die Frage, wie man den in Afghanistan Gefallenen gedenken solle, treten nationale Unterschiede zurück. Für die Familien bedeutet ein in Stein gemeißelter Name eine Garantie gegen das Vergessen – und er stellt nicht zuletzt eine offizielle Anerkennung ihres Verlusts dar. In Washington wie in Kopenhagen berühren viele derjenigen, die der Toten gedenken, die Schriftzüge und legen darunter Blumen ab.

Das Ehrenmal in Berlin macht dies unmöglich. Zu Beginn hatte der Planungsausschuss eine Namensnennung ausgeschlossen. Doch an diesem Punkt konnte die Kritik in der Presse sowie von den Männern und Frauen in der Bundeswehr nicht überhört werden. Die Lösung zeigt alle Anzeichen eines Cut-and-Paste. Im Innern des Monuments – ein, so die Broschüre, "dunkler, entmaterialisierter Raum" – erscheinen die Namen in Leuchtschrift auf einem Betonträger über dem Ausgang.[37] Nach nur wenigen Sekunden erscheint der nächste Name und unterbricht so jede erhoffte besinnliche Atmosphäre. Der Broschüre zufolge wurde eine technische Lösung gewählt, die es erlaubt, Namen auf Wunsch der Familie entfernen zu können.[38] Ergänzt sei an dieser Stelle, dass – betrachtet man die britischen und dänischen Debatten über die Frage, wie der Toten gedacht werden solle – die Zahl der Verwandten, die die Namen ihrer Toten nicht angeschrieben zu sehen wünschen, nicht nur gering, sondern ausgesprochen gering ist. Einzig unmittelbar nach einem Todesfall, wenn der Verlust noch einen Schock darstellt, wollten Familien nicht an die Öffentlichkeit gehen.[39] Fast alle begrüßten die Möglichkeit des öffentlichen Gedenkens durch die Namensnennung ihres Angehörigen – ganz so, nehme ich an, wie die Familien der drei Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan getötet wurden und deren Namen 2011 auf einem Kriegsdenkmal im niederbayrischen Langdorf eingeritzt wurden.[40]

Auf dem bayrischen Denkmal sind im Anschluss an die Namen die Todesdaten vermerkt. Im Berliner Ehrenmal erscheinen nur die Namen. Man könnte argumentieren, dies unterstreiche die gemeinsame Zugehörigkeit der Toten – die Tatsache, dass sie alle im Dienst der Bundeswehr starben. Stünde indes hinter dem Namen eines Soldaten der Tag, an dem er fiel, würde sichtbarer, dass der Einsatz in Afghanistan bis heute 54 Menschenleben gefordert hat. In diesem Fall könnte die Debatte über den Krieg und über die Frage, ob der Verlust so Vieler gerechtfertigt werden kann, im Ehrenmal einen dringend erforderlichen Ausgangspunkt finden. Sie wird erst möglich, wenn die Toten öffentlich anerkannt werden.

Fußnoten

29.
Vgl. http://www.gov.uk/government/fatalities/lance-corporal-liam-richard-tasker-killed-in-afghanistan« (27.8.2013).
30.
Vgl. beispielsweise http://www.rk-kastellaun.org/0000009fb90ec8602/index.html« oder http://soldatenglueck.de/category/bundeswehr/gedenken/« (27.8.2013).
31.
Vgl. Bewegende Trauerfeier für getötete Bundeswehrsoldaten, in: Westdeutsche Zeitung vom 3.6.2011.
32.
Vgl. Alexander Weinlein, Gedenken ja – aber wo und wie? Verteidigungsminister Jung weist Kritik an Plänen für Ehrenmal zurück, in: Das Parlament vom 9.7.2007.
33.
Vgl. Florian Güßgen, SPD-Politikerin will Tote benennen, in: Stern vom 8.2.2007.
34.
Vgl. Jochen Bittner, Sterben wofür?, in: Die Zeit vom 24.5.2007.
35.
Vgl. Presse- und Informationstab des Bundesministeriums für Verteidigung (Hrsg.), Das Ehrenmal der Bundeswehr. Den Toten unserer Bundeswehr – Für Frieden, Recht und Freiheit, Berlin 2009, S. 9.
36.
Stefan Koldehoff, Es ist "ein Vermeidungsdenkmal", 8.9.2009, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1031189« (8.10.2013).
37.
Presse- und Informationstab des Bundesministeriums für Verteidigung (Anm. 35), S. 24.
38.
Ebd., S. 31.
39.
Vgl. Katja Ring, De faldnes monument: SoldaterNyt besøger Finn Reinbothes værk, in: SoldaterNyt vom 4.10.2011; Nicholas James, Interview mit Steve McQueen, März 2010, http://www.artslant.com/ny/artists/rackroom/22043-steve-mcqueen« (26.8.2013).
40.
Vgl. Thorsten Jungholt, Trauer und Misstrauen, in: Die Welt vom 26.2.2011.
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