Verpackte Fertiggerichte liegt am 06.10.2013 im Feldlager der Bundeswehr in Kundus in Afghanistan. Kurz vor Schließung des Feldlagers ist die Küche bereits geschlossen und die Soldaten müssen sich mit Fertiggerichten versorgen. Nach der offiziellen Übergabe des Feldlagers an die Afghanische Armee (ANA) und die Afghanische Bundespolizei Ancop, sollen die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus dem Camp abziehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

21.10.2013 | Von:
Uli Jäger

Bundeswehr und Friedensbildung

Umgang mit den Prinzipien der politischen Bildung

Das Unterrichten an Schulen ist eine originäre Angelegenheit der dafür ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer. Deshalb liegt es auch in ihrem Ermessensspielraum, für die kritische Auseinandersetzung mit sicherheits- und friedenspolitischen Fragen im Schulunterricht bei Bedarf eine Einladung an Jugendoffiziere als Repräsentanten einer demokratisch legitimierten Einrichtung auszusprechen. Sie und ihre Schulleitungen sind für die Gestaltung des Unterrichts verantwortlich und müssen im Bereich der politischen Bildung darauf achten, dass die Einhaltung der einschlägigen Prinzipien gewährleistet ist. Eine Richtlinie ist der "Beutelsbacher Konsens". Beide Konfliktseiten im Streit um die Bundeswehrpräsenz beziehen sich in ihrer jeweiligen Argumentation auf dieses Dokument. Der Beutelsbacher Konsens wurde im Herbst 1976 als Ergebnis einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg erzielt. Er beschreibt einen Minimalkonsens, in welchem sich sowohl (schul-)reformwillige wie bewahrende Kräfte wiederfinden konnten. Die drei Kernelemente sind das Überwältigungsverbot (politische Bildung statt Indoktrination), das Kontroversitätsgebot (was kontrovers in Wissenschaft und Politik ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen) und die Schülerorientierung (ein Schüler soll in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren und die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen).[16]

Nun wird in Fachkreisen bereits seit einiger Zeit zu Recht die Frage gestellt und diskutiert, ob angesichts rasanter Veränderungen dieser bald 40 Jahre alte Konsens noch Bestand haben könne.[17] Bezogen auf das hier verhandelte Thema wird gefragt, ob das beschriebene Kontroversitätsgebot nicht als Neutralitätsgebot überstrapaziert und somit das Lehrpersonal aus der Verantwortung entlassen werde, die Schülerinnen und Schüler zur Kritikfähigkeit anzuleiten und dabei die eigene, ausgewiesene Meinung nicht zu verstecken. So ist von der "Flucht in Neutralität als Professionsgrundlage" die Rede.[18] Können sich Lehrerinnen und Lehrer vor, während und nach dem Besuch von externen Referentinnen und Referenten "neutral" verhalten oder müssen sie nicht auch auf deren Kontextgebundenheit hinweisen und ihre eigene Meinung dazu transparent machen? Um beim Besuch von Jugendoffizieren im Unterricht zu bleiben: Niemand wird ernsthaft erwarten, dass Vertreter der Bundeswehr die Grundzüge herrschender Sicherheitspolitik gleichermaßen sachlich fundiert und mit vergleichbarem emotionalen Nachdruck und Engagement präsentieren wie die Ansätze ziviler Konfliktbearbeitung. Vor allem die Betrachtung der Rolle der Bundeswehr und deren Kriegs- und Kriseneinsätze erfolgt dabei aus einem (auch biografisch geprägten) militärischen Blickwinkel. Wo ziehen Jugendoffiziere in der Schule die Trennlinie zwischen Information und nicht erlaubter Werbung, und wie können Lehrerinnen und Lehrer diesen Gang auf schmalem Grat kontrollieren? Vor dem Hintergrund dieser Frage darf man auf die bevorstehenden fachdidaktischen Diskussionen zum 40-jährigen Jubiläum des Beutelsbacher Konsenses gespannt sein und hoffen, dass das Thema "Umgang mit der Bundeswehrpräsenz an Schulen" eine Rolle spielen wird. Denn eine verstärkte Diskussion über Sicherheitspolitik an Schulen wird auch von höchsten politischen Entscheidungsträgern vehement eingefordert.[19]

Friedensbildung

Die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Friedensgefährdungen und Sicherheitsbedrohungen einerseits und der Friedens-, Sicherheits- und Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bündnispartner andererseits ist angesichts der weltpolitischen Lage dringend notwendig. Schließlich geht es dabei auch um Formen der Kriegsbeteiligung Deutschlands und damit steigender persönlicher Betroffenheit in Familien und Schulen. Was empfinden Schülerinnen und Schüler, wenn ein Elternteil unter Lebensgefahr im Kriegseinsatz ist? Sind Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereitet? Wie wird man der wachsenden Anzahl von "Kriegskindern" in der Schule gerecht, die aus Konflikt- und Kriegsregionen fliehen mussten oder deren Verwandte und Freunde in diesen Regionen leben? Vor diesem Hintergrund wird niemand widersprechen, dass es bei der Friedensbildung um Konzeptionen gehen muss, die weit über die Frage der gelegentlichen Präsenz von externen Referentinnen und Referenten im Unterricht hinausreichen.

In einem engeren Verständnis gehört zum Kern der Friedensbildung in der Schule die Vermittlung beziehungsweise Erarbeitung von Grundwissen zu sicherheits- und friedenspolitischen Fragestellungen einschließlich aktueller Kontroversen und Herausforderungen, um die Voraussetzungen für die eigenständige Meinungsbildung der Schülerinnen und Schüler zu schaffen. In diesem Sinne ist Friedensbildung Teil der politischen Bildung an Schulen.[20] Friedensbildung setzt dafür ein Grundangebot an didaktischen Schulmaterialien und -medien zum Thema voraus. Die Ausgangslage ist nicht schlecht.[21] Die einschlägigen Angebote müssten aber umfangreicher, facettenreicher und methodisch vielfältiger werden. Vor allem fehlt eine verlässliche Infrastruktur für Friedensbildung in Form eines Kompetenz- und Servicezentrums, an welches sich Lehrerinnen und Lehrer wenden können, wenn sie an mehr als an den verfügbaren und leicht recherchierbaren Lernmedien interessiert sind.

Denn bei der Friedensbildung geht es um mehr. Sie wird ihrem Namen nur dann gerecht, wenn sie sich an einem weiten Friedensbegriff orientiert und grundlegende Fragen von Krieg und Frieden einschließt. Wie wollen wir zusammenleben? Wie soll mit Unterschieden, wie mit daraus resultierenden Konflikten umgegangen werden? Diese Fragen stellen sich sowohl auf der individuellen, gesellschaftlichen wie auch der internationalen Ebene. Die Herausforderung liegt in deren Verknüpfung. In diesem Sinne rekurriert Friedensbildung auf einen ganzheitlichen und an den Grundprinzipien des systemischen Denkens orientierten Ansatz.[22] Ohne aktive Auseinandersetzung mit (individuellen und kollektiven) Werten des Zusammenlebens und der Frage, wie mit unterschiedlichen Wertvorstellungen umgegangen wird, ist eine Beschäftigung mit Frieden nur schwer möglich. Friedensbildung setzt dabei auf Lernarrangements mit partizipativen Methoden und auf die Gestaltung von offenen Lernprozessen.

Die Konzeption einer umfassenden Friedensbildung für Schulen steckt zwar in den Anfängen, sie kann jedoch an langjährigen Erfahrungen mit friedenspädagogischen Ansätzen anknüpfen. Schulen beginnen nicht beim Punkt Null. In einem ersten Schritt geht es darum, einen Sinnzusammenhang zwischen unterschiedlichen, schon vorhandenen Modellen der Gewaltprävention, den Konzeptionen für Streitschlichtung, dem Globalen Lernen oder Ansätzen für mehr Demokratie und Partizipation zu erkennen und Verbindungen herzustellen. Dieser Prozess der Verknüpfung und Vertiefung bedarf einer gemeinsamen Anstrengung aller beteiligten Akteure und einer ausgeprägten Streit- und Konfliktkultur an der gesamten Schule. Es stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie der Meinungsbildungsprozess in Sachen Krieg und Frieden an Schulen in Zukunft unterstützt und begleitet wird. Am Ende geht es um die Frage, wie sich Schule insgesamt auf dem Weg zu einer neuen Lernkultur verändert und dann auch den neuen Herausforderungen im großen Themenfeld Frieden gerechter werden kann.[23] Das Konzept einer Friedensbildung kann hier eine – wenn auch bescheidene – unterstützende Rolle einnehmen. Ob Schulen sich an solchen konzeptionellen Überlegungen für Friedensbildung beteiligen und diese in die Praxis umsetzen, hängt auch von der Attraktivität der Angebote und den verfügbaren Ressourcen ab. Und ob Lehrerinnen und Lehrer den Besuch von Jugendoffizieren der Bundeswehr in diesem Kontext für wichtig halten, ist deren Angelegenheit – im besten Falle nach Absprache mit den Schülerinnen und Schülern.

Fußnoten

16.
Vgl. http://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens« (25.9.2013).
17.
Vgl. Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.), Reicht der Beutelsbacher Konsens?, Schwalbach/Ts. 1996.
18.
Sven Lehmann, Operation Beutelsbach. Überrumpeln war gestern – Wir. Sind. Die Bundeswehr, in: Pädagogik, 64 (2012) 11, S. 46–49.
19.
Siehe etwa den Gastbeitrag von Thomas de Maizière, in: Frankfurter Rundschau vom 20.11.2012.
20.
Vgl. Egbert Jahn, Frieden und Konflikt. Lehrbuch, Wiesbaden 2012, S. 124.
21.
Neben der zunehmend anspruchsvolleren Thematisierung in Schulbüchern bieten auch Internetportale aktuelle Informationen und/oder Lehrmaterialien an: Das Portal http://www.frieden-fragen.de« der Berghof Foundation wendet sich direkt an Kinder und bietet ihnen die Möglichkeit, Fragen zu Krieg und Frieden, Konflikt und Gewalt zu stellen. Das "Informationsportal Krieg und Frieden" der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bonn International Center for Conversion (BICC) bietet vor allem Daten und Fakten in Form von Übersichten und Schaubildern: http://sicherheitspolitik.bpb.de/index.php«. "Wissen für die Schule" verspricht das Portal http://www.frieden-und-sicherheit.de« der Stiftung Jugend und Bildung (mit dem Bundesverteidigungsministerium in beratender Funktion) und bietet zum Beispiel Arbeitsblätter zu aktuellen Themen an.
22.
Vgl. Norbert Frieters-Reermann, Frieden lernen. Friedens- und Konfliktpädagogik aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive, Köln 2009.
23.
Vgl. Katrin Bauer, Friedenspädagogik in Schule und Politikunterricht. Theorie und Praxis der Erziehung für eine "Kultur des Friedens", Berlin 2007, S. 64ff.
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